Die Birkenbihl-Methode zum Sprachenlernen

Während ich diese Zeilen schreibe, läuft im Hintergrund via itunes das Kapitel 3 des italienisch-Kurses in einer Endlosschleife. Ich weiß nun, dass ich die Italienisch-Lektionen viel zuwenig passiv gehört habe. Der Clou beim Passiv-Hören ist nicht, das Handy ständig dabeizuhaben um beim Zähneputzen oder beim Geschirr Abwaschen mal kurz einige Minuten Italienisch zu hören.

(Dies ist ein Fortsetzung zum Blog-Beitrag:  Ohne Grammatik eine Sprache lernen)

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Karin Holenstein (protalk.ch)

Karin Holenstein von protalk empfiehlt täglich mindestens 30 Minuten, besser eine Stunde und länger passiv zu hören. Sie selbst hat Englisch und Französisch mit der Birkenbihl-Methode gelernt und perfektioniert und weiß daher, wovon sie spricht. Seit einigen Jahren unterrichtet sie mit der Birkenbihl-Methode Erwachsene und Primarschüler in Englisch und begleitet ihren Sohn parallel zum Schullehrmittel.

Von einem Seminar bei protalk am Sanstag bin ich mit folgenden Tipps  zurückgekehrt:

  • Viele Personen lernen ausschließlich mit der Birkenbihl-Methode. Als Variante können nach einigen Lektionen zusätzlich andere Lernmethoden angewandt werden. Dies können Lehrbücher, Sprachcafès (der Volkshochschulen), DVD’s, Podcasts oder Ähnliches sein. Für mich als Italienisch-Einsteiger war der Birkenbihl-Kurs in den ersten 5 Lektionen genau richtig: Lernen fällt leicht und fast nebenbei wird ein beachtlicher Wortschatz und ein Gefühl für die Sprache aufgebaut.
  • Die Methode wirbt mit: „Sprachen lernen ohne Grammatik“, aber: Übungsbücher, Grammatikbücher usw. sind trotzdem erlaubt, wenn man will. Dieser Tipp freute mich: Ich will mal kurz nachschlagen, wie die Mitvergangenheit eigentlich gebildet wird. Oder ich will eine übersichtliche Darstellung von „ich – du – er – sie – es – wir – ihr – sie“ haben. Es ist mir auf Dauer zu anstrengend, aus den Beispiellektionen die Grammatik zu abstrahieren und Regeln herauszulesen. Da helfen zusätzliche Lernmittel sehr.
  • Karin erzählt, sie hat die Lektionen oft stundenlang gehört: CD-Player auf Endlosschleife und die Lektion läuft den ganzen Vormittag.
  • Wenn das passive Hören nervt: Lautstärke runter.
  • Es ist hilfreich, sich aufzuschreiben, wie lange die jeweiligen Lektionen passiv gehört wurden. Nach und nach bekommt man ein Gefühl, welche Laufzeiten notwendig sind. Karin zeigte uns ein Protokoll einer Schulklasse, bei der einzelne Lektionen von 20 bis zu 465 Minuten gehört wurden, je nach Länge der Texte.
  • Falls beim Schritt 4 der Birkenbihl-Methode (Sprechen/Schreiben/Lesen) Probleme auftreten, dann wurde zuwenig passiv gehört. Daher: Einen Schritt zurückgehen und noch länger passiv hören.
  • Ein Vorteil der Birkenbihl-Methode ist, dass bestimmte Themen, die in den einzelnen Lektionen vorkommen, wie im Schlaf beherrscht werden. Der Lerner kann ziemlich viel dazu in geschliffenen Sätzen sagen – er hat sie ja oft genug gehört.
  • Zugleich sind diese Lektionen eine Basis zum weiterlernen mit anderen Methoden. Wenn diese Basis im Gehirn gesetzt wurde, dann können neue Informationen relativ leicht in dieses Wissensnetz eingewebt werden. Karin hat dies in einem Leserbrief im Tagblatt (pdf) genau ausgeführt.
  • Eine nette Übung ist die Stopp-Technik: Der Lektionstext wird von Lernpartner A dem Lernpartner B vorgelesen. A stoppt mitten im Satz und B spricht (aus dem Gedächtnis) weiter. Kann B das nicht, wurde zuwenig passiv gehört. Mangels Lernpartner werde ich wen bitten, die MP3 von Zeit zu Zeit zu stoppen.

Bis ich selbst diese Methode im Klassenzimmer anwende, werden noch einige Monate ins Land ziehen. Zuerst möchte ich selbst sagen können, dass ich Italienisch mit Hilfe der Birkenbihl-Methode gelernt habe. Über Höhen und Tiefen werde ich in diesem Blog berichten.

Übrigens: Online-Sprachenkurse nach dieser Methode in Englisch, Spanisch und Französisch sind unter www.birkenbihl-sprachen.com erschienen. Einige Probekapitel können dort gratis ausprobiert werden, ansonsten kosten die Kurse ab € 69,00. Die Texte werden einem dort vorgelesen, parallel kann am Bildschirm die Wort-für-Wort-Übersetzung mitgelesen werden. Die Geschwindigkeit ist änderbar, MP3-Dateien können runtergeladen werden.

Wirklich preiswert sind aber die CDs (Englisch, Französisch, Italienisch, …) für € 9,90 bis € 14,80. Dass das Lehrbuch „nur“ als PDF beiliegt, empfinde ich als Vorteil: Ich habe mir die einzelnen Lektionen so ausgedruckt, dass ich meistens ein Blatt pro Lektion habe (Vor- und Rückseite, jeweils zwei Seiten auf einer A4-Seite). Übrigens sind die Texte der Sprachversionen Italienisch, Englisch, Spanisch und Französisch inhaltlich weitgehend ident, was für das Erlernen oder Auffrischen weiterer Sprachen von Vorteil sein müsste.

Wie Karin Holenstein die Birkenbihl-Methode im Klassenzimmer anwendet, ist ein eigenes Blog-Posting in den nächsten Tagen wert. Danke an Karin für’s Gegenlesen dieses Beitrags.

Erfahrungsbericht: Ohne Grammatik eine Sprache lernen

vfbsprachenIn der Schule habe ich Englisch und Französisch vermutlich so gelernt, wie eine Fremdsprache seit Jahren gelernt wird: Texte lesen, übersetzen, Grammatikstunden, Vokabel pauken, Lernfortschritt überprüfen, ab und zu ein wenig sprechen.

Die Birkenbihl-Methode verspricht, dass eine Fremdsprache, wenn sie gehirn-gerecht vermittelt wird,  mit 60 – 80 % Zeitersparnis im Vergleich zur alten Schulmethode gelernt werden kann. Ohne Vokabel zu pauken, ohne Grammatik-Regeln zu lernen, maßgeschneidert für den Lerner und mittels native speaker statt dialektlastiger Lehrer.

Für einige Sprachen (beispielsweise italienisch) gibt es diese Birkenbihl-Kurse, dazu das Buch „Sprachen lernen leicht gemacht„. (Anmerkung: In meiner Buchausgabe vom letzten Jahr wird ständig von Kassetten geschrieben, die kennen manche Jugendliche ja nicht einmal mehr. Aber vielleicht ist das in einer neuen Auflage schon korrigiert. Aber ansonsten ist das Buch zusätzlich zum Kurs ganz hilfreich.)

Die Methode fand ich interessant und so wollte ich sie mal ausprobieren, sinnvollerweise mit einer Sprache, die ich nicht konnte: Italienisch. Mittlerweile bin ich bei Lektion 5 (von 10) angelangt. Zeit für einen Zwischenbericht.

Wie die Methode funktioniert, kann im Blog „selbstverständlich Sprachen lernen“ prima zusammengefasst nachgelesen werden. Dafür ist hier kein Platz.

So bin ich vorgegangen:

  1. Die MP3-Files habe ich mir auf mein Handy kopiert. Damit war dieses „passive Hören“ jederzeit möglich: Beim Geschirr abwaschen, beim Dehnen nach dem Laufen, am Abend vor dem Einschlafen. Zugleich habe ich itunes während der Arbeit am PC oft kapitelweise in einer Endlosschleife laufen lassen. Passives Hören heißt: Du lässt die gesprochenen Texte im Hintergrund laufen, hörst aber selten bewusst zu.
  2. Ich habe immer versucht, den italienischen Text zu verstehen, indem ich aktiv zuhörte und den dekodierten Text mitlas. Dann erst begann ich, das Kapitel passiv zu hören. Das auf der CD enthaltene, extrem langsame Wort-für-Wort Soundfile habe ich nur 2-3 Mal angehört, dann bin ich immer zu Normalgeschwindigkeit gewechselt, ansonsten war es zu langweilig.
  3. Französisch und Englisch helfen immens, italienisch zu lernen: Der dekodierte Text ist bei mir vollgemalt mit Parallelen zu anderen Sprachen: abita-wohnen-habiter, lavoro-Arbeit-labour, trasferiti-übersiedeln-transfer, recente-kürzlich-recent, precisi-präzise, venuto-gekommen-venir, Infatti-in der Tat-as a fact, certe-gewisse-certain, …
  4. Anfangs war es lustig, in Alltagssituationen mit einigen italienischen Brocken um mich zu werfen: Mein Kleiner sagt jetzt regelmäßig „Tutto bene“ oder „Salve“.
  5. Diese Wort-für-Wort-Übersetzung musste ich dann doch alle paar Tage wieder auffrischen, ansonsten vergaß ich die Wortbedeutungen relativ rasch wieder.
  6. Das passive Hören hat einen wunderbaren (oder unheimlichen) Effekt. Manchmal träume ich italienische Sätze. Dann wiederum mähe ich den Rasen und es kreist ständig der Satz „Almeno ci provo“ im Kopf herum. Blöderweise hatte ich zu diesem Zeitpunkt vergessen, was das heißt (nämlich: „Zumindest versuche ich es“), aber ich bekam den Satz nicht mehr aus dem Kopf. Das ist schwierig zu beschreiben, am ehesten vergleichbar mit einem Hit, den Du im Radio hörst und der Dir im Kopf herumschwirrt.
  7. Ich habe Schwierigkeiten, die Bedeutung kurzer Wörter wie i, è, e, ci, che, di oder lì zu groken. Aber ich kann mich schon prima vorstellen, fragen wo der andere herkommt und sagen, wo ich herkomme. Und ich kann fast akzentfrei Sachen sagen wie „Imparare è semplice e divertente con il metodo guisto“ („Mit der richtigen Methode ist Lernen einfach und macht Spaß“).
  8. Ich habe von italienischer Grammatik keine Ahnung, glaube ich. Ich, Du, Er, Sie, Es, Wir, Ihr, Sie? Io, Lei, ci, ??? Pronomen? Naja, mio, und dann? Einige Sätze sind in der Vergangenheitsform, irgendwas mit o hinten dran? Kann ich nur vermuten. Das ist ungewohnt, sehr ungewohnt. (Zumindest „Ich, Du, Er, Sie, Es, Wir, Ihr, Sie“ sollte ich doch auswendig können, oder?)
  9. Selbstverständlich genieße ich es, dass ich für mich selbst lernen kann, ohne dass mir ein Lehrer, Trainer oder Kursleiter im Nacken sitzt und Ergebnisse und Lernfortschritte sehen will.

Was mir bei dieser Methode fehlt, ist das Re-Konstruieren von Wörtern, denn damit lerne ich selbst am Besten. Bisher höre ich zu und quassle nach und quassle mit. Aber im Kurs ist nicht vorgesehen, Sätze oder Situationen aus dem Deutschen ins Italienische zu übersetzen. Ich überlege nie aktiv, wie ich was sagen könnte. Ich lerne die vorgegebenen Dialoge gründlich auswendig. Und so komme ich lt. Kursbeschreibung nach 10 Kapitel auf 800 Redwendungen und Vokabeln. Die Methode müsste ideal für jene Menschen sein, die behaupten, sie läsen sich Texte recht oft durch und dann können sie diese. Ich selbst muss mit Texten arbeiten, reflektieren, kategorisieren, muss sie zerlegen und wieder zusammenbauen. Das enthält die Methode nicht, dafür sind Übungsbücher notwendig, oder google-translate, oder italienisch-podcasts oder DVDs. Apropos DVDs: Mir ist aufgefallen, dass relativ wenige DVDs eine italienische Audiospur oder italienische Untertitel enthalten.

Fazit: Die Birkenbihl-Methode macht Spaß, lässt einen fast nebenbei in eine Sprache einsteigen. Ungewohnt sind die fehlenden Grammatik-Hinweise und die fehlenden Übungen.

Der nächste Zwischenbericht kommt nach den nächsten 5 Kapiteln. Morgen geht’s ab in die Schweiz zu protalk. Die zeigen uns, wie sie diese Methode im Klassenzimmer anwenden. Bin gespannt.