Fachtagungs-Bericht: Kann Medienbildung im Schulalltag gelingen?

Unter diesem Titel stand die Fachtagung anlässlich des Medienfestivals mla:connect. Die Tagung wurde nach der World-Café-Methode, die (lt. Wikipedia) für 12 – 2000 Teilnehmer geeignet ist, abgehalten. Drei Gesprächsrunden zu je 45 Minuten kreisten um das zentrale Thema, am Schluss wurde eine zusammenfassende Twitter-Meldung inklusive dreiminütiger Zusammenfassung gegeben. Am Tisch lagen Flip-Cams bereit und wir wurden ermuntert, nach Lust und Laune mitzufilmen bzw. zu fotografieren. Sollte genug Material zusammenkommen, wird ein Film für mediamanual.at erstellt.

Sitting alone by naraekim0801 (flickr.com)

Nach drei intensiven Diskussionsrunden war unsere Twitter-Meldung am letzten Tisch eine Meldung aus der Zukunft, aus dem Jahr 2015: „Medienfachfrau/-mann installiert World-Café in allen Bezirken Österreichs“. Denn auffallend bei vielen Berichten der medien-affinen Kolleginnen und Kollegen waren folgende Faktoren:

  1. Medienbildung wird an Schulen zumeist von einer Person betrieben, die sich oft als Einzelkämpferin bzw. Einzelkämpfer fühlt.
  2. Es fehlt an gegenseitigem Austausch, der vom Schulsystem unterstützt wird.

Auffallend oft wurde auch erwähnt, dass junge Lehrer sich den neuen Medien oft verweigern, wohingegen manche Ältere seit Jahren begeistert bei der Sache sind. Paradebeispiel dafür war Josef Ranner, der schon Radiosendungen in der Schule produzierte, als ich selbst nur knapp aus den Windeln heraus war. Nunmehr seit 16 Jahren in der Pension, betreibt er noch immer das Medienzentrum Mürz. Ranner war an diesem Nachmittag mit einer Filmcrew am Arbeiten und in den Gesprächsrunden dabei.

Zurück zu unserer Twitter-Meldung (… die nicht getwittert wurde, die sollte einfach nur so kurz sein, wie eine Twitter-Meldung). Wir wünschen uns also World-Cafés vor Ort und eine Medienfachfrau bzw. einen Medienfachmann, der uns dann und wann mit Rat und Tat zur Seite steht.

Warum?

Aufgrund des Umstandes, da Lehrkräfte, die „was mit Medien machen“ offensichtlich an den meisten Schulen alleine werkeln, fanden wir es wichtig, sich gegenseitig intensiv auszutauschen. Die Ruf nach Ausbildung, nach Kursen à la „Filmschnitt mit Piesackl“ oder „Podcasting für Junggebliebene“, der ist recht leise. Wer ist heute noch begeistert, in einem Vortragssaal die Funktionsweise einer Software kennenzulernen, wenn es dazu ein Handbuch oder Youtube-Videos dazu gibt. Was wir brauchen ist der Erfahrungsaustausch, wie diese Software didaktisch und pädagogisch eingesetzt werden kann und welche Fallstricke und best-practices es gibt. Kaum wer will „Moodle“ lernen, weil das Tool ja großteils selbsterklärend ist. Wir wollen wissen, wie Unterrichtsprojekte bestmöglich mit Web-Tools abgewickelt werden können, egal welches Etikett auf dem Tool steht.

Die Notwendigkeit eines Austauschs von Ideen, Erfahrungen, Vorgehensweisen und wohl auch die gegenseitige Motivation ist das Um und Auf, Medien in den Unterricht bestmöglich zu integrieren. Dieser Erfahrungsaustausch könnte / sollte auch schultypenübergreifend stattfinden. Was brauchen wir dazu?

  1. Zeit, denn es kann nicht sein, dass Medienbildung an Österreichs Schulen (so wie jetzt) als Freizeit-Hobby einiger Lehrer betrachtet wird und
  2. ein flexibles Schulbudget, das (mal mehr, mal weniger) für Medienprojekte verwendet werden kann.

Wir brauchen auch immer seltener einen „Sage on the stage“, niemanden, der uns zeigt, wie es geht. Zuallererst sollten wir Lehrkräfte den eigenen Erfahrungsschatz untereinander austauschen und uns schulübergreifend vernetzen. Für individuelle Projekte sollte es aber dann doch auf Anfrage einen Experten geben, der an die Schule kommt und bei der Planung und Durchführung der Projekte behilflich ist. So wie ich einen Schulpsychologen anfordern kann, so sollte dieser Medienexperte bzw. die Medienexpertin hilfreich zur Seite stehen. Randnotiz: Sollte es diese Stelle demnächst geben, würde ich sie gerne haben wollen 😉

Bei den Diskussionen fiel auch auf, dass wir es heute im Vergleich zu früher so viel leichter haben, Video und Audio in den Unterricht zu integrieren. Wer braucht heute noch ein Studio, ein Gerät zum Filmeschneiden, eine hochwertige Kamera? Für Medienprojekte in der Berufsschule genügt mir eigentlich ein Smartphone eines Schülers und ein Administratorpasswort um geeignete Freeware auf Schul-Pcs installieren zu können und Internet, sprich Youtube, posterous etc. Es gibt ja sogar schon einen „Bring-your-own-device-Erlass“ (BYOD-Policy). Da höre ich jetzt natürlich den Aufschrei: „Aber da können wir auch keine hochwertigen Medienproduktionen mehr erstellen!!“

Stimmt. Das ist eine Grundsatzdiskussion. Geht es darum, ein möglichst perfektes Endprodukt zu erstellen oder ist der Produktionsprozess und das parallel dazu laufende Lernerlebnis das eigentliche Ziel? Beide Varianten haben was für sich:

  1. Sowohl für Schulerinnen und Schüler und auch Lehrkräfte ist es toll, wenn das Endergebnis eines Unterrichtsprojektes herzeigbar, prämierbar und professionell erscheint. Tatsache ist aber auch, dass Projekte scheitern und zumindest am Misserfolg entlangschrammen und Lehrerinnen und Lehrer vielleicht für ihre Klasse das Projekt zu einem herzeigbaren Endergebnis schleppen. Was ja absolut nicht der Sinn der Sache sein sollte.
  2. Wenn Medienproduktionen als Lernmethode angewandt werden, so zählt nicht so sehr das Endergebnis, sondern der Weg dorthin. Dann muss das Endergebnis qualitativ nocht so hochwertig sein. Schließlich sind es Erstlingsprodukte von Menschen, die aus Fehlern lernen sollten und nicht das Werk von Profis, die das schon jahrelang machen.

So richtig klar geworden ist mir das bei den Podcast-Projekten der letzten Jahre. Beim Wirtschaftskunde-Podcast war mir der Weg zum fertigen Podcast noch das Wichtigste. Schülerinnen und Schüler sollten bei der Erstellung des Podcasts den Stoff lernen oder vertiefen. Der Podcast selbst war dann eigentlich ein Nebenprodukt. Anders war es beim AGSL-Podcast. Hier stand ganz klar immer das Endprodukt im Vordergrund. Für mich als Lehrer in einer kaufmännischen Berufsschule ist es sicherlich nicht Ziel, ein High-End-Produkt herzustellen, weil die dafür zur Verfügung stehende Zeit sehr, sehr, sehr begrenzt ist. Für den AGSL-Podcast verwendet ich meist 100 – 150 Minuten (ohne Schnitt).

Die erstaunliche Erkenntnis aus dem World-Café war für mich, dass die Medienbildung an vielen Schulen das Werk einzelner Lehrerinnen und Lehrer ist. Ich frage mich, ob das in den meisten Schulen so gesehen wird oder ob das Treffen dieser vielen „Einzelnen“ vorige Woche ein Zufall war. Jedenfalls: Es war lehrreich, höchst interessant und ich hätte mir die doppelte Zeit für Diskussionen und Erfahrungsaustausch gewünscht.

Das Thema gab es schon vor zwei Jahren auf der Fachtagung, hier ein Lesetipp von damals: „Wie kann Medienbildung im Schulalltag gelingen? Gelingensfaktoren –Stolpersteine – Strategien (PDF)“ (Inge Fritz, mediamanual.at, 2009)

Gleichgültige Schwämme?

„Sind Sie sich darüber im Klaren, dass täglich etwa fünfhundert Stunden Radio und Fernsehen über die verschiedenen Kanäle verbreitet werden? Wenn Sie nicht schlafen und nichts anderes tun würden, könnten Sie nicht einmal ein Zwanzigstel der Unterhaltung verfolgen, die per Knopfdruck verfügbar ist! Kein Wunder, dass die Menschen gleichgültige Schwämme geworden sind, die alles aufnehmen, aber niemals selber etwas erschaffen. Wussten Sie, dass die Menschen jetzt im Durchschnitt drei Stunden täglich fernsehen? Bald werden sie überhaupt kein eigenes Leben mehr haben. Es wird eine Vollbeschäftigung sein, die verschiedenen Familienserien im Fernsehen zu verfolgen!“

Kommt Ihnen bei diesem Text etwas seltsam vor? Ja? Zum einen sind das die 500 Stunden Radio und Fernsehen, die täglich gesendet werden. Das wäre ja nur knapp 24 Sender, bei einem 24-Stunden-Programm. Also viel zu wenig. Und wie viele Stunden sieht der Durchschnittsoberösterreicher fern? Wirklich drei Stunden täglich? Tatsächlich sehen 66 % eine bis drei Stunden täglich fern (BIMEZ-Studie 2009).

Geschrieben hat diesen Text Arthur C. Clarke im Roman „Die letzte Generation“, und zwar im Jahr 1953. Was ist aus uns geworden, nach über 50 Jahren Fernsehen? Gleichgültige Schwämme? Können wir es uns noch vorstellen, tagtäglich 2 – 3 Stunden vor der Kiste zu sitzen und passiv zu konsumieren? Greifen wir zum Buch oder zur Zeitung, wenn „gerade nichts im Fernsehen ist“?

Oder läuft nebenbei das Net- oder Notebook und der Fernseher ist nur Hintergrundkulisse. Oder sehen wir uns gezielt Beiträge via TV-Thek an und genießen dabei, nicht warten zu müssen, bis der spannende Beitrag, den wir sehen wollen, endlich kommt. Oder lieben wir es, auch am nächsten oder übernächsten Tag via Internet versäumte Beiträge anzusehen, weil wir gestern oder vorgestern was besseres zu tun hatten,  als um 22:30 einzuschalten oder den Rekorder zu programmieren. Mögen wir es, im Zug fernzusehen, beim Umsteigen das Programm anzuhalten und dann wieder weiterzumachen? Oder stellen wir uns unser eigenes Programm mittels DVD,  Podcasts, Hörbücher und Blogs zusammen und verzichten weitgehend auf den Programmredakteuer, der fünfzig Jahre lang bestimmt hat, was uns heute, jetzt und hier zu interessieren hat?

Oder produzieren wir sogar selbst Content via Youtube, Facebook, Twitter, Flickr, Friendfeed, schreiben in Blogs, Wikis und WasDaNochKommenMag. Und ist das hier ein weiterer Science-Fiction Beitrag oder die Wirklichkeit? Für wen ist das die Wirklichkeit?

Nach einer Microsoft-Studie wird im Juni 2010 das Verhältnis Fernsehen – Internet kippen: Wir Europäer werden erstmals mehr Zeit im Internet als vor dem Fernseher verbringen. Im Durchschnitt.

Gleichgültige Schwämme? Ja, das war vielleicht mal. Geschichte.