Harry Potter und die Luftkammer des Schreckens

2. Klasse Volksschule  – Sachunterricht – Das Ei.

Meine Tochter hat  nächste Woche darüber einen Test. Wie lernt man das „Ei“? 10x durchlesen und dann auswendig können? Das machen viele – bis zur Uni. Aber es ginge auch anders:

1) Zuerst zeichnet sie das Ei neu. Mit verschiedenen Farben. Von innen nach außen.

2) Dann zählt sie die Begriffe. 8 Begriffe sind zu lernen.

3) Sie schreibt (mit denselben Farben) die Begriffe zur Zeichnung dazu. In der Reihenfolge von außen nach innen. Wir sprechen über die Begriffe: Was ist Kalk? Hart oder weich? Ist Eiweiß weiß? Wieviele Häute hat das Ei (Dotterhaut und Schalenhaut). Es gibt die KalkSCHALE und die  SCHALENhaut. Was heißt keimen? Pflanzen können keimen, Keime in Wunden sind zu vermeiden usw. Aus der Keimscheibe wächst ein Küken. Wir suchen Merkwürdigkeiten, Gemeinsamkeiten, Erfahrungen zu den einzelnen Begriffen.

4) Dann nummerieren wir die Begriffe von außen nach innen, von 1 bis 8.

(1) Kalkschale
(2) Lufkammer
(3) Schalenhaut
(4) Hagelschnur
(5)Eiweiß
(6) Dotterhaut
(7) Dotter
(8) Keimscheibe

5) Zuletzt erfinden wir eine Geschichte:

Wir reisen mit einem Raumschiff durch das All. Wir sind auf der Suche nach dem Geheimnis des Lebens. Plötzlich empfangen wir ein Funksignal. „SOS“ – save our souls – rette unser Seelen. Wir rasen darauf zu und prallen plötzlich von einer riesigen (1) Kalkschale ab. Beim zweiten Versuch setzen wir unseren Raumschiff-Bohrer ein und bohren uns durch die Kalkschale durch und kommen in die (2) Luftkammer. Dort sitzt ein Junge. „Who are you – wer bist Du“ fragen wir. „I’m Harry Potter – Ich bin Harry Potter“ sagt der. Voldemort hat ihn in der Luftkammer des Schreckens eingesperrt und er sendete das SOS. „Please rescue me – bitte rettet mich“ sagt Harry  Potter. Aber zuvor müsst ihr noch das Geheimnis des Lebens in diesem Ei entdecken. Ihr lässt Harry Potter einsteigen und ihr bohrt euch mit dem Raumschiff durch die (3) Schalenhaut und kommt in einen langen Tunnel, die (4) Hagelschnur. Wenn ihr links und rechts aus dem Fenster guckt, sehr ihr nur milchiges (5) Eiweiß. Am Ende des Tunnels schießt ihr durch die (6) Dotterhaut und landet im (7) Dotter. Alles gelb, nichts zu sehen. Aber nach einigen Minuten könnt ihr mit Hilfe von Harry Potter das Geheimnis des Lebens finden: Die (8) Keimscheibe, aus der später neues Leben entsteht. Ihr verladet sie ins Raumschiff und reist zurück: Durch den (7) Dotter, die (6) Dotterhaut, das (5) Eiweiß, das ihr durch die (4) Hagelschnur bereist. Ihr durchbohrt abermals die (3) Schalenhaut, kommt durch die (2) Luftkammer des Schreckens, wo ihr Harry Potter gerettet habt und durch das Loch in der (1) Kalkschale zurück ins All, wo ihr auf eurem Heimatplaneten als Helden empfangen werdet.

6) Die Geschichte immer wieder erzählen. Allerdings geschieht das dann in Kurzform: Raumschiff durchbohrt Kalkschale, kommt in Luftkammer, durchbohrt Schalenhaut, Hagelschnur – Blick nach draußen: nur Eiweiß usw. Besonders effektiv: Vor dem Einschlafen wiederholen. Am besten: davon träumen.

Häufigstes Gegenargument dieser Technik (bei meinen Berufsschülern): „Da brauche ich ja viel länger zum Lernen, weil ich ja eine Geschichte erfinden und zeichnen muss.“ Das kann sein, allerdings bringt diese Technik auch einigeVorteile:

  • Durch den strukturierten Aufbau wird kaum ein Element vergessen.
  • Das Erfinden einer eigenen Geschichte ist ein Erfolgserlebnis und weckt positive Emotionen.
  • Diese Emotionen (Dopamin) verstärken den Lerneffekt.
  • Das Erzählen der Geschichte einer anderen Person verstärkt den Lerneffekt nochmal.
  • Geschichtenerfinden übt die kreative Problemelösung.  („Was mache ich nun, wie geht’s weiter“)

Letztendlich ist diese Variante die menschlichere Art, etwas zu lernen. 10x, 20x durchlesen ist pauken, roboterhaftes, stupides Wiederholen. Das können Haustiere auch. Unsere Kinder brauchen nur den Mut, sich menschlichere Lernformen anzueignen. Die TAZ zitiert drei finnische Lehrerinnen: „Gutes Lernen ist wie Sex. Entweder leidenschaftlich – oder mechanisch und ohne Gefühl.“ Dem ist nichts hinzuzufügen 😉

(Dieser Beitrag ist Vera F. Birkenbihl gewidmet, die derzeit im Krankenhaus liegt. Gute Genesung! Die Lernenden brauchen Sie, Fr. Birkenbihl.)

e-Learning: Angst fressen Weiterbildung auf?

In der Zeit Online war neulich dieser Artikel „Das Elend mit dem E-Lernenzu lesen. Eine neue Studie hat wieder mal bewiesen, was wir seit den späten 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts wissen: E-Learning ist teuer, die Mitarbeiter setzen sich nur widerwillig vor das e-Learning Programm, die meisten Firmen wollen mehr Output für weniger Input (Zeit und Kosten sind gemeint) und in Summe werden sie durch e-Learning weder produktiver noch erfolgreicher. (Hier ein wirklich typisches Beispiel, so wie es e-Lerner seit fast 20 Jahren ertragen müssen). Bestenfalls  kann e-Learning als Blended-Learning eingesetzt werden, das heißt: Ein Lehrer ist dabei und hilft weiter, wenn wieder mal das Passwort vergessen wurde oder der große „Weiter“-Button rechts unten völlig unauffindbar ist, Frage- und Antwortmöglichkeiten praxisfern sind oder der Lernende sich im Klick-Tunnel verirrt hat.

Tim Schlotfeldt hat den Artikel schon wunderbar und treffend kommentiert und ich wollte mich schon zu zu meinem jährlichen, entrüsteten Blog-Posting zum Thema e-Learning aufraffen, in dem folgendes zu lesen gewesen wäre:

  1. E-Learning funktioniert nur (richtig gut), wenn es in ein konstruktivistisches Lernsetting eingebettet ist. Das heißt: Kein kleinschrittiges Nachhampeln von Vorgehampelten, sondern je nach individueller Interessenslage kreatives und praxisnahes Problemlösen.
  2. Noch besser funktioniert es, wenn es in einen soziokulturellen Kontext eingebettet wird: Gemeinsames Lernen, derzeit über Wikis, Blogs, ein simples Moodle-Forum oder ähnliches. Austausch von Fakten, Zusammenfassungen, Fragen, Unklarheiten, Erfahrungen, Geschichten, Gelernten und Erkenntnissen.
  3. Intrinsische Motivation entsteht durch die Öffentlichkeit im Netz, durch Kooperation und durch Wettbewerb und letztendlich durch den Lerntransfer, das heißt: die konkrete Anwendung in der Berufspraxis.

So ungefähr hätte ich es geschrieben, wenn ich in den letzten Wochen nicht regelmäßig erlebt hätte, dass viele Leute Angst vor Internet und PC haben.

Sie fürchten sich vor Facebook, Twitter und davor, im Netz mit Kreditkarte zu zahlen. Sie haben Angst, ihre E-Mail Adresse weiterzugeben, weil sie sonst mit Spam zugemüllt werden. Sie  wollen ihre Zeit nicht vor dem Bildschirm verbringen, weil sie wenig Kontrolle über das haben, was der PC mit ihrer Zeit anfängt, sobald er nicht so funktioniert, wie er funktioneren sollte. Sie wollen von  sich nichts im Netz preisgeben, weil das Netz nichts vergisst, auch nicht das Intranet. Sie wollen als Lerner nicht gezwungen werden, etwas zu schreiben, dass veröffentlicht und diskutiert wird. Und. So. Weiter.

Gestützt und getrieben werden diese (berechtigten) Ängste teilweise durch die alten Medien (hier zum Beispiel) in Kombination mit der Rechtsunsicherheit im Netz, durch wildgewordene Abmahnanwälte und dem Auseinanderdriften von Realität und Juristerei. Dass Angst Lernen verhindert oder zumindest immens erschwert, ist bekannt.

Für e-Learning in konstruktivistischen Settings braucht es (neben der Rechtssicherheit) aber folgende Lerner:

  • Lerner, die denken, bevor sie posten und die Grundregeln der Rechtschreibung beherrschen.
  • Lerner, die wissen, dass Fehler notwendig sind, um weiterzukommen.
  • Lerner, die mutig und tolerant sind und darauf vertrauen, dass das Internet mehr Chancen als  Gefahren bietet.
  • Lerner, die schon häufig Internet-Plattformen ausprobiert und ein Gefühl für diese entwickelt haben. Die also wissen, wie das Internet tickt.

Wo sind diese zu finden? Na, beispielsweise auf Facebook oder Twitter. Definitiv in Blogs oder Blog-Kommentaren. Haben Sie das Gefühl, dass unsere Kinder schon auf diese Lernsettings vorbereitet werden? Hier eine passende Studie:  Children who blog or facebook have higher literacy levels.

Nachtrag:

Englisch lernen mit den „40 Expressions“

Eine kurze, knackige Unterrichtssequenz für Englisch bietet sich mit dem Youtube-Video „40 expressions“ an. In diesem Video, das per heute schon über 150 Videoantworten erhalten hat, stellt bubzbeauty 40 Gefühle mimisch dar. Zugleich werden diese als Untertitel eingeblendet. Im Englisch-Unterricht war nun das Ziel, eine Video-Antwort zu posten. So bin ich mit einer 3. Klasse Einzelhandel vorgegangen:

  1. Youtube-Video ansehen (am besten via keepvid.com runterladen)
  2. Vokabel-Liste mit deutschen Übersetzungen austeilen, Schüler suchen sich aus dem Video die englische Übersetzung. (Falls mehr Zeit zur Verfügung steht können die Schüler die Listen auch selbst erstellen)
  3. In zwei Klassen habe ich gefragt, ob, ob sie eine Videoantwort posten möchten. Eine Klasse hat verneint, eine andere war dafür.
  4. Die Vokabeln wurden dann in dieser Klasse von 1 – 40 nummeriert, kopiert, ein Exemplar zerschnippselt und die Vokabel-Schnipsel auf die Schülerinnen nach Belieben aufgeteilt.
  5. Die Schülerinnen erstellen Kärtchen mit dem englischen Begriff in großer Schrift, den sie später an die Wand pinnen, während sie den Begriff darstellen.
  6. Eine Schülerin übernimmt den Part des Regisseurs und kümmert sich um die korrekte Reihenfolge der Darstellung, das spart später viel Zeit beim Schneiden der Teile, eine andere filmt. Gefilmt wird am besten mit Stativ. Wir verwendeten eine ganz billige Digicam im Film-Modus.
  7. Die Schülerinnen treten nun ohne groß zu proben der Reihe nach auf, pinnen ihr Wort an die Wand und stellen es mimisch dar. Ich habe beim Filmen den Fehler gemacht, immer ein „Go“-Kommando gegeben zu haben. Das später rauszuschneiden hat den Aufwand unnötig erschwert. Profis würden wahrscheinlich Handzeichen geben…

Nach 20 Minuten waren die 40 Begriffe im Kasten. Das Suchen nach lizenzfreier Musik (hier einige Tipps), einfügen eines Titels und Abspanns am PC bei mir zuhause dauerte dann nochmal eine Stunde, hat aber (zur Entschuldigung) Spaß gemacht. Idealerweise sollte die Produktion des Videos an Schüler delegiert werden. Das fertige Video habe ich nach Einverständis durch die Schülerinnen als Videoantwort auf youtube gepostet. Die Schülerinnen haben es zusätzlich via Facebook an ihre Freunde verteilt.

Hier das Resultat, in der ich auch eine Gastrolle als „typical annoyed teacher“ hatte:

Der Lerneffekt konnte sich sehen lassen: Beim Erstellen der Videos wurden die Vokabeln sehr oft wiederholt, das fertige Videos wurde regelmäßig angesehen. Einige Lehrer berichteten mir, dass Ihnen die Schülerinnen das Video in ihren Stunden gezeigt hatten. Was will man mehr?

Update 20. 11. 2009: Auf Wunsch von Felix hier noch die Liste mit den Vokabeln: 40 Expressions – words

Die Birkenbihl-Methode zum Sprachenlernen

Während ich diese Zeilen schreibe, läuft im Hintergrund via itunes das Kapitel 3 des italienisch-Kurses in einer Endlosschleife. Ich weiß nun, dass ich die Italienisch-Lektionen viel zuwenig passiv gehört habe. Der Clou beim Passiv-Hören ist nicht, das Handy ständig dabeizuhaben um beim Zähneputzen oder beim Geschirr Abwaschen mal kurz einige Minuten Italienisch zu hören.

(Dies ist ein Fortsetzung zum Blog-Beitrag:  Ohne Grammatik eine Sprache lernen)

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Karin Holenstein (protalk.ch)

Karin Holenstein von protalk empfiehlt täglich mindestens 30 Minuten, besser eine Stunde und länger passiv zu hören. Sie selbst hat Englisch und Französisch mit der Birkenbihl-Methode gelernt und perfektioniert und weiß daher, wovon sie spricht. Seit einigen Jahren unterrichtet sie mit der Birkenbihl-Methode Erwachsene und Primarschüler in Englisch und begleitet ihren Sohn parallel zum Schullehrmittel.

Von einem Seminar bei protalk am Sanstag bin ich mit folgenden Tipps  zurückgekehrt:

  • Viele Personen lernen ausschließlich mit der Birkenbihl-Methode. Als Variante können nach einigen Lektionen zusätzlich andere Lernmethoden angewandt werden. Dies können Lehrbücher, Sprachcafès (der Volkshochschulen), DVD’s, Podcasts oder Ähnliches sein. Für mich als Italienisch-Einsteiger war der Birkenbihl-Kurs in den ersten 5 Lektionen genau richtig: Lernen fällt leicht und fast nebenbei wird ein beachtlicher Wortschatz und ein Gefühl für die Sprache aufgebaut.
  • Die Methode wirbt mit: „Sprachen lernen ohne Grammatik“, aber: Übungsbücher, Grammatikbücher usw. sind trotzdem erlaubt, wenn man will. Dieser Tipp freute mich: Ich will mal kurz nachschlagen, wie die Mitvergangenheit eigentlich gebildet wird. Oder ich will eine übersichtliche Darstellung von „ich – du – er – sie – es – wir – ihr – sie“ haben. Es ist mir auf Dauer zu anstrengend, aus den Beispiellektionen die Grammatik zu abstrahieren und Regeln herauszulesen. Da helfen zusätzliche Lernmittel sehr.
  • Karin erzählt, sie hat die Lektionen oft stundenlang gehört: CD-Player auf Endlosschleife und die Lektion läuft den ganzen Vormittag.
  • Wenn das passive Hören nervt: Lautstärke runter.
  • Es ist hilfreich, sich aufzuschreiben, wie lange die jeweiligen Lektionen passiv gehört wurden. Nach und nach bekommt man ein Gefühl, welche Laufzeiten notwendig sind. Karin zeigte uns ein Protokoll einer Schulklasse, bei der einzelne Lektionen von 20 bis zu 465 Minuten gehört wurden, je nach Länge der Texte.
  • Falls beim Schritt 4 der Birkenbihl-Methode (Sprechen/Schreiben/Lesen) Probleme auftreten, dann wurde zuwenig passiv gehört. Daher: Einen Schritt zurückgehen und noch länger passiv hören.
  • Ein Vorteil der Birkenbihl-Methode ist, dass bestimmte Themen, die in den einzelnen Lektionen vorkommen, wie im Schlaf beherrscht werden. Der Lerner kann ziemlich viel dazu in geschliffenen Sätzen sagen – er hat sie ja oft genug gehört.
  • Zugleich sind diese Lektionen eine Basis zum weiterlernen mit anderen Methoden. Wenn diese Basis im Gehirn gesetzt wurde, dann können neue Informationen relativ leicht in dieses Wissensnetz eingewebt werden. Karin hat dies in einem Leserbrief im Tagblatt (pdf) genau ausgeführt.
  • Eine nette Übung ist die Stopp-Technik: Der Lektionstext wird von Lernpartner A dem Lernpartner B vorgelesen. A stoppt mitten im Satz und B spricht (aus dem Gedächtnis) weiter. Kann B das nicht, wurde zuwenig passiv gehört. Mangels Lernpartner werde ich wen bitten, die MP3 von Zeit zu Zeit zu stoppen.

Bis ich selbst diese Methode im Klassenzimmer anwende, werden noch einige Monate ins Land ziehen. Zuerst möchte ich selbst sagen können, dass ich Italienisch mit Hilfe der Birkenbihl-Methode gelernt habe. Über Höhen und Tiefen werde ich in diesem Blog berichten.

Übrigens: Online-Sprachenkurse nach dieser Methode in Englisch, Spanisch und Französisch sind unter www.birkenbihl-sprachen.com erschienen. Einige Probekapitel können dort gratis ausprobiert werden, ansonsten kosten die Kurse ab € 69,00. Die Texte werden einem dort vorgelesen, parallel kann am Bildschirm die Wort-für-Wort-Übersetzung mitgelesen werden. Die Geschwindigkeit ist änderbar, MP3-Dateien können runtergeladen werden.

Wirklich preiswert sind aber die CDs (Englisch, Französisch, Italienisch, …) für € 9,90 bis € 14,80. Dass das Lehrbuch „nur“ als PDF beiliegt, empfinde ich als Vorteil: Ich habe mir die einzelnen Lektionen so ausgedruckt, dass ich meistens ein Blatt pro Lektion habe (Vor- und Rückseite, jeweils zwei Seiten auf einer A4-Seite). Übrigens sind die Texte der Sprachversionen Italienisch, Englisch, Spanisch und Französisch inhaltlich weitgehend ident, was für das Erlernen oder Auffrischen weiterer Sprachen von Vorteil sein müsste.

Wie Karin Holenstein die Birkenbihl-Methode im Klassenzimmer anwendet, ist ein eigenes Blog-Posting in den nächsten Tagen wert. Danke an Karin für’s Gegenlesen dieses Beitrags.

Erfahrungsbericht: Ohne Grammatik eine Sprache lernen

vfbsprachenIn der Schule habe ich Englisch und Französisch vermutlich so gelernt, wie eine Fremdsprache seit Jahren gelernt wird: Texte lesen, übersetzen, Grammatikstunden, Vokabel pauken, Lernfortschritt überprüfen, ab und zu ein wenig sprechen.

Die Birkenbihl-Methode verspricht, dass eine Fremdsprache, wenn sie gehirn-gerecht vermittelt wird,  mit 60 – 80 % Zeitersparnis im Vergleich zur alten Schulmethode gelernt werden kann. Ohne Vokabel zu pauken, ohne Grammatik-Regeln zu lernen, maßgeschneidert für den Lerner und mittels native speaker statt dialektlastiger Lehrer.

Für einige Sprachen (beispielsweise italienisch) gibt es diese Birkenbihl-Kurse, dazu das Buch „Sprachen lernen leicht gemacht„. (Anmerkung: In meiner Buchausgabe vom letzten Jahr wird ständig von Kassetten geschrieben, die kennen manche Jugendliche ja nicht einmal mehr. Aber vielleicht ist das in einer neuen Auflage schon korrigiert. Aber ansonsten ist das Buch zusätzlich zum Kurs ganz hilfreich.)

Die Methode fand ich interessant und so wollte ich sie mal ausprobieren, sinnvollerweise mit einer Sprache, die ich nicht konnte: Italienisch. Mittlerweile bin ich bei Lektion 5 (von 10) angelangt. Zeit für einen Zwischenbericht.

Wie die Methode funktioniert, kann im Blog „selbstverständlich Sprachen lernen“ prima zusammengefasst nachgelesen werden. Dafür ist hier kein Platz.

So bin ich vorgegangen:

  1. Die MP3-Files habe ich mir auf mein Handy kopiert. Damit war dieses „passive Hören“ jederzeit möglich: Beim Geschirr abwaschen, beim Dehnen nach dem Laufen, am Abend vor dem Einschlafen. Zugleich habe ich itunes während der Arbeit am PC oft kapitelweise in einer Endlosschleife laufen lassen. Passives Hören heißt: Du lässt die gesprochenen Texte im Hintergrund laufen, hörst aber selten bewusst zu.
  2. Ich habe immer versucht, den italienischen Text zu verstehen, indem ich aktiv zuhörte und den dekodierten Text mitlas. Dann erst begann ich, das Kapitel passiv zu hören. Das auf der CD enthaltene, extrem langsame Wort-für-Wort Soundfile habe ich nur 2-3 Mal angehört, dann bin ich immer zu Normalgeschwindigkeit gewechselt, ansonsten war es zu langweilig.
  3. Französisch und Englisch helfen immens, italienisch zu lernen: Der dekodierte Text ist bei mir vollgemalt mit Parallelen zu anderen Sprachen: abita-wohnen-habiter, lavoro-Arbeit-labour, trasferiti-übersiedeln-transfer, recente-kürzlich-recent, precisi-präzise, venuto-gekommen-venir, Infatti-in der Tat-as a fact, certe-gewisse-certain, …
  4. Anfangs war es lustig, in Alltagssituationen mit einigen italienischen Brocken um mich zu werfen: Mein Kleiner sagt jetzt regelmäßig „Tutto bene“ oder „Salve“.
  5. Diese Wort-für-Wort-Übersetzung musste ich dann doch alle paar Tage wieder auffrischen, ansonsten vergaß ich die Wortbedeutungen relativ rasch wieder.
  6. Das passive Hören hat einen wunderbaren (oder unheimlichen) Effekt. Manchmal träume ich italienische Sätze. Dann wiederum mähe ich den Rasen und es kreist ständig der Satz „Almeno ci provo“ im Kopf herum. Blöderweise hatte ich zu diesem Zeitpunkt vergessen, was das heißt (nämlich: „Zumindest versuche ich es“), aber ich bekam den Satz nicht mehr aus dem Kopf. Das ist schwierig zu beschreiben, am ehesten vergleichbar mit einem Hit, den Du im Radio hörst und der Dir im Kopf herumschwirrt.
  7. Ich habe Schwierigkeiten, die Bedeutung kurzer Wörter wie i, è, e, ci, che, di oder lì zu groken. Aber ich kann mich schon prima vorstellen, fragen wo der andere herkommt und sagen, wo ich herkomme. Und ich kann fast akzentfrei Sachen sagen wie „Imparare è semplice e divertente con il metodo guisto“ („Mit der richtigen Methode ist Lernen einfach und macht Spaß“).
  8. Ich habe von italienischer Grammatik keine Ahnung, glaube ich. Ich, Du, Er, Sie, Es, Wir, Ihr, Sie? Io, Lei, ci, ??? Pronomen? Naja, mio, und dann? Einige Sätze sind in der Vergangenheitsform, irgendwas mit o hinten dran? Kann ich nur vermuten. Das ist ungewohnt, sehr ungewohnt. (Zumindest „Ich, Du, Er, Sie, Es, Wir, Ihr, Sie“ sollte ich doch auswendig können, oder?)
  9. Selbstverständlich genieße ich es, dass ich für mich selbst lernen kann, ohne dass mir ein Lehrer, Trainer oder Kursleiter im Nacken sitzt und Ergebnisse und Lernfortschritte sehen will.

Was mir bei dieser Methode fehlt, ist das Re-Konstruieren von Wörtern, denn damit lerne ich selbst am Besten. Bisher höre ich zu und quassle nach und quassle mit. Aber im Kurs ist nicht vorgesehen, Sätze oder Situationen aus dem Deutschen ins Italienische zu übersetzen. Ich überlege nie aktiv, wie ich was sagen könnte. Ich lerne die vorgegebenen Dialoge gründlich auswendig. Und so komme ich lt. Kursbeschreibung nach 10 Kapitel auf 800 Redwendungen und Vokabeln. Die Methode müsste ideal für jene Menschen sein, die behaupten, sie läsen sich Texte recht oft durch und dann können sie diese. Ich selbst muss mit Texten arbeiten, reflektieren, kategorisieren, muss sie zerlegen und wieder zusammenbauen. Das enthält die Methode nicht, dafür sind Übungsbücher notwendig, oder google-translate, oder italienisch-podcasts oder DVDs. Apropos DVDs: Mir ist aufgefallen, dass relativ wenige DVDs eine italienische Audiospur oder italienische Untertitel enthalten.

Fazit: Die Birkenbihl-Methode macht Spaß, lässt einen fast nebenbei in eine Sprache einsteigen. Ungewohnt sind die fehlenden Grammatik-Hinweise und die fehlenden Übungen.

Der nächste Zwischenbericht kommt nach den nächsten 5 Kapiteln. Morgen geht’s ab in die Schweiz zu protalk. Die zeigen uns, wie sie diese Methode im Klassenzimmer anwenden. Bin gespannt.

Schlechte Lehrer wollen die Macht behalten

Sechs Stunden lang hörten einige hundert Lehrer am Freitag Vera F. Birkenbihl zu, als sie bei Ihrem jährlichen Besuch in Linz über „Neues von der Lernfront“ berichtete. Hier einige bemerkenswerte Aussagen:

Was ist der Unterschied zwischen Lernen und Pauken?

90 % des in der Schule gepaukten Wissens wird vergessen, Gelerntes bleibt. Viele von uns (aber nicht alle) haben in der Schule lesen gelernt, viele von uns haben in der Schule den Aufbau einer Zelle gepaukt. Alles klar? Also sollte sich jeder Lehrer grundsätzlich fragen, was in seiner Unterrichtseinheit gepaukt und was gelernt werden kann. Was hilft den Schülern im Leben? Was können sie wirklich lernen? (Siehe mein Beitrag vom Vorjahr: Das Wesentliche einer Unterrichtsstunde)

„Schlechte Lehrer wollen die Macht behalten“

Geben wir Lehrer den Schüler genug Kontingenz (=Wahlfreiheit)? Können Sie Ihren Lernerfolg manchmal selbst messen,  lassen wir sie durch Imitation lernen, sind wir gute Vorbilder beim Lernen, haben wir ein gut gefülltes Methodenrepertoire, sind wir ein Coach, der zum Lernen hinführt? Oder ist eine richtige Lösung ein Geheimnis, das der Schüler bei der Rückgabe seiner Arbeiten Tage später rot auf weiß erlebt? Halten wir die Schüler absichtlich klein, indem wir sie nicht nachschlagen und nicht nachlesen lassen? Indem wir Hintergrundinfos auf Arbeitsblätter zurechtstutzen, um sie nicht zu überfordern oder besser zu bleiben als die Schüler? Verbieten wir Wikipedia aus Angst, dass der Schüler mehr wissen könnte als wir? Fühlen wir uns als Dompteur, der Tiere dressiert, der sie mit Noten oder Gummibärchen belohnt, wenn sie zur richtigen Zeit hüpfen? Oder nehmen wir Rücksicht auf ihr individuelles Tempo?

Wir brauchen Außenlob nur, wenn wir uns mit etwas beschäftigen müssen, was wir nicht tun möchten.“

Fr. Birkenbihl betont immer wieder, dass Lehrer Opfer des Systems sind, nicht die Täter. Wir müssen also so unterrichten, wie wir unterrichten, weil das die Kollegen, die Direktion, der Inspektor, das Bildungssystem so will. Kleine Einschränkung von mir: Oder weil es anders einfach bequemer ist und wir uns noch nicht die Mühe gemacht haben, zu überlegen, ob es anders gehen würde? Oder weil wir noch nicht den Mut, die Kraft oder die Phantasie dazu hatten? Oder weil wir es mittlerweile leid sind, gegen den bürokratischen Wasserkopf anzukämpfen?

„Warum sortieren wir die Kinder nach Alter? Wir hätten sie besser nach Alphabet sortiert!“

Vera F. Birkenbihl plädiert für gemischte Klassen. Die jüngeren lernen von den Älteren. Die Älteren lernen, indem sie die jüngeren unterrichten. Die Lehrer können sich durch diese teilweise Entlastung um individuelle Förderungen kümmern. Und was machen wir in der Berufsschule? Wir trennen sie nicht nur nach Alter, wir trennen sie in einigen Fächern sogar innerhalb der Altersgruppe in „normale“ und „vertiefte“ Gruppe. Damit die lernschwachen wissen, dass sie lernschwach sind und keine leistungsstarken Vorbilder haben? Sehr intelligent, bravo dem Erfinder dieses Systems. So hält man Menschen klein, so züchtet man Burger-Brater.

Ein weiteres (sinngemäßes) Zitat, das auf breite Zustimmung stieß, zumal Betroffene nicht anwesend waren und die Veranstaltung abrechnungstechnisch ja ein reines Privatvergnügen war, für den etliche Lehrer einen Stundentausch mit ihren Kollegen veranstalten mussten:

„Eine Unterrichtsstunde in der Regelschule (=Pflichtschule) kostet zweimal soviel wie in einer Privatschule. Warum? Weil bei den Privatschulen der Wasserkopf der Verwaltungsbeamten fehlt! Gebt jenen Leuten kein Geld, die nicht unterrichten. Die haben im Bildungssystem nichts zu suchen!“

(Siehe dazu auch die brillianten Bilder von Dr. McLeod)

Natürlich bin ich aus dem 6-Stunden-Vortrag mit einigen Unterrichtsideen rausgegagen:

  • Auf meine Frage, was denn ein gutes Schulbuch ausmache, meinte Vera F. Birkenbihl: „80 % des Materials von Eliteschulen wird von den Schülern selbst erstellt. Lassen Sie doch den Schülern ihr bestehendes Schulbuch umschreiben.“
  • Ich werde in jeder Unterrichtsstunde kurze „Nachbarskonferenzen“ durchführen. Hier unterhalten sich zwei Schüler zu einem bestimmten Gedanken 30 – 60 Sekunden, mehrmals pro Unterrichtsstunde.
  • Meine Schüler werden mindestens einmal eine ABC-Liste von Tätigkeiten aufstellen, die sie gerne tun. Mit dieser werden wir arbeiten (Potentielle Jobs, Ziele, Interessensgebiete, Einbau in den Unterricht).
  • Wir werden im Englisch-Unterricht kurze Sketches einüben und die dann vorführen.
  • Ein Vorschlag war, den Schülern bei Test das Nachschlagen im Lernmaterial zu ermöglichen. Das muss ich noch überdenken. Argument dafür: Diejenigen, die nichts gelernt haben, schaffen die Aufgaben in der gegebenen Zeit nicht. Möchte ich mal ausprobieren. Wie, wann und wo? Weiß ich noch nicht.

Ein wesentlicher Grund für den Besuch dieser Veranstaltung ist für mich aber auch immer das Treffen mit Gleichgesinnten. Da sind allesamt motivierte Lehrer, die ihren Unterricht verbessern möchten, die interessiert und nicht neidvoll oder ängstlich sind, wenn es um eine Änderung des Unterrichtsalltags geht, die Neuem gegenüber aufgeschlossen sind und die auf ähnliche Weise ihren Unterricht ändern möchten.

Wem Birkenbihl einmal im Jahr zuwenig ist, der kann sich einer der Birkenbihl-Pilotgruppen anschließen, die in Österreich, Schweiz und Deutschland  existieren, sich regelmäßig treffen und immer Infos aus erster Hand erhalten. Ein Mail mit Kurzvorstellung an mich genügt, dann stelle ich gerne den Kontakt her.

Kreativität als Kulturtechnik für Google

„Ich habe bei (sic!) Google gesucht, aber nichts gefunden“.

„Im Google (sic!) steht darüber nichts.“

„Da kommen nur dauernd Seiten, wo man für die Infos zahlen muss.“

Aussagen von Schülern, Aussagen von Lehrern. Irgendwann habe ich mich gefragt, warum manche Menschen solche Schwierigkeiten haben, mit Hilfe von Google vernünftige Infos zu finden und manche nicht. Im Unterricht habe ich dann und wann die Google-Suchoperatoren besprochen, zB die Suche nach „filetype“, Eingrenzung mit „-„, neuerdings auch die erweiterte Suche.  Aber eigentlich benutze ich diese suchmaschinenspezifischen Kommandos und Seiten kaum und komme auch zu guten Ergebnissen.

Was tun? Was machen die, damit sie nichts finden? Ich ließ mir einige Suchvorgänge „in Zeitlupe“ beschreiben, die Schüler hatten den Auftrag, bei der Suche laut zu denken. Der Grund des Nicht-Findens war immer: Es fehlten die Worte, es fehlten Suchbegriffe, nach der Eingabe eines (oder zweier) Suchbegriffe und der Durchsicht von zwanzig Seiten wurde aufgegeben. „Da passt nichts, da kommt nur Schrott…“

Es fehlten Assoziationen, die zum Suchbegriff passen. Es mangelte an Kreativität.

Simples Beispiel: Zum „Arzt“ kann man auch „Doktor“ sagen.

Zweites Beispiel: Suche ich Infos über gesunde Ernährung für Breitensportler, so hilft es, wenn ich auch nach „Kalorien“, „laufen“, „Deutsche Gesellschaft für Ernährung“, „Kohlenhydrate“ usw. suche. Google hilft mit, indem „verwandte Suchvorgänge“ am Ende der Seite eingeblendet werden. Nur die sollte man dann auch nutzen.

Und da Assoziationen in Job und Freizeit ja auch ganz nützlich sind, könnte folgendes geübt werden:

  1. Erstelle eine ABC-Liste zum Suchthema (zB Ernährung)
  2. Erstelle eine zweite ABC-Liste, die nicht zum Suchthema passt (zB Freizeit… „Dein Hobby ist Essen? Okay, dann nehmen wir ‚Kino'“)
  3. Erstelle nun gedanklich eine Lull’sche Leiter. Verbinde den A-Begriff der Liste Ernährung mit allen Buchstaben der zweiten ABC-Liste und assoziiere. Steht zB bei A: „Abnehmen“, dann assoziiere ich mit der Kino-Liste „A view to a kill“, dass der erste Eindruck zählt. Allerdings nicht im Internet, da sieht man sich ja nicht. „Abnehmen“ und „Bram Stoker, also Dracula“ assoziiere ich mit Blut. Mit einer gesunden Lebensführung verbessern sich die Blutwerte (Cholesterin usw.) und wir leben länger. Daraus folgt: Wenn ich heute was lerne, zB eine Sprache, dann habe ich länger was davon.
  4. Und so wird mit dem A der ersten Liste jeder Buchstabe der zweiten Liste assoziiert.
  5. Dann machen wir mit dem B der ersten Liste weiter und verknüpfen es mit allen Buchstaben der zweiten Liste usw.

    Dazu braucht es Geduld und ein wenig Neugier, was unserem Hirn denn so einfällt. Auch der Austausch mit Freunden hilft, die Lull’sche Leiter kann als intelligentes Spiel gespielt werden. ABC-Listen und Lull’sche Leitern sind ausführlich in Vera F. Birkenbihls Buch „Das innere Archiv“ beschrieben.

    Haben wir zu einem Thema viele Assoziationen, können wir darüber diskutieren. Wir wirken intelligenter. Könnte auch manchmal nützlich sein. Und wenn die ABC-Liste anfangs noch nicht so klappt, dann könnten wir nachschlagen. Bei Google oder im Lexikon. Oder wen fragen. So lernen wir spielerisch. Damit wir später was über das Thema sagen / schreiben / nachdenken können. Denn Lernen ist Vorfreude auf sich selbst.