Österreichs Lehrer – 2 Stunden mehr Klassenzimmer

Österreichs Lehrer müssen sollten nach dem Wunsch von BM Claudia Schmied unentgeltlich zwei Stunden länger im Klassenzimmer stehen. Eigentlich will ich darüber nicht schreiben. Schreibt eh jeder darüber, der Aufreger des Monats. Ein gefundenes, weil dankbares Fressen für Radio, Fernsehen und auch Blogs. Da kann das Lehrer-bashing ja munter weitergehen. Siehe das vielzitierte Bonmot aus deutschem Kanzlermund Ministerpräsidentenmund: „Lehrer sind faule Säcke„. Gut, dass unsere Politiker hier viel taktvoller sind.  Hier das Video mit dem Anliegen meiner Ministerin:

Darauf meinte heute der Moderator der Hauptnachrichtensendung ZIB1 im Gespräch mit dem Innenpolitikchef :

„Jetzt ist es ja tatsächlich nicht so, dass die Lehrer weniger Gehalt bekommen, auch nicht, dass sie mehr Stunden in der Woche arbeiten müssen, sondern nur, von diesen Stunden, zwei Stunden mehr in der Klasse stehen sollen. Ist diese Aufregung, wie sie heute zu hören ist, bis hin zur Streikdrohung, wirklich angemessen?“ (Die Antwort darauf war übrigens: „Nein“)

Seltsam: Für mich persönlich bedeutet zwei Stunden mehr Unterricht auch mehr Vorbereitungszeit.  Zwei Stunden mehr Unterricht heißt für mich drei bis fünf Stunden Mehrarbeit. Je nachdem, wie interessant und abwechslungsreich der Unterricht sein sollte.

Allerdings: Ich bin es gewohnt, in der Klasse zu unterrichten. Wenn ich nur in der Klasse stehen muss, also, ohne was zu sagen, dann geht’s vielleicht. Vielleicht könnte ich dann sogar im Stehen (mit einem Stehpult) die anderen Unterrichtseinheiten vorbereiten. Allerdings haben wir keine Stehpulte im Klassenzimmer. Vielleicht kaufe ich mir privat eines, wenn das Geld vom Staat dafür nicht reicht. So wie ich mein privates Netbook, meinen privaten iPod, mein privates Mikro, meine privaten portablen Lautsprecher , meine privaten DVDs und CDs und meine privaten USB-Sticks im Unterricht verwende.

Jetzt sollte ich eigentlich zu Schreiben aufhören, was gesagt werden musste, habe ich gesagt. Aber da fällt mir noch diese Stude oder diese Studie über Lehrer-Burn-Out ein. Können wir eine Verbindung mit Unterrichtsstundenerhöhung und Reduzierung der Burn-Out-Gefährdung herstellen? Ich bitte um Ihre Abstimmung:

Bitte stimmen Sie ab. Der Gewinner darf sich mit mir zwei Stunden in die Klasse stellen. Aber bitte nicht sprechen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Schlechte Lehrer wollen die Macht behalten

Sechs Stunden lang hörten einige hundert Lehrer am Freitag Vera F. Birkenbihl zu, als sie bei Ihrem jährlichen Besuch in Linz über „Neues von der Lernfront“ berichtete. Hier einige bemerkenswerte Aussagen:

Was ist der Unterschied zwischen Lernen und Pauken?

90 % des in der Schule gepaukten Wissens wird vergessen, Gelerntes bleibt. Viele von uns (aber nicht alle) haben in der Schule lesen gelernt, viele von uns haben in der Schule den Aufbau einer Zelle gepaukt. Alles klar? Also sollte sich jeder Lehrer grundsätzlich fragen, was in seiner Unterrichtseinheit gepaukt und was gelernt werden kann. Was hilft den Schülern im Leben? Was können sie wirklich lernen? (Siehe mein Beitrag vom Vorjahr: Das Wesentliche einer Unterrichtsstunde)

„Schlechte Lehrer wollen die Macht behalten“

Geben wir Lehrer den Schüler genug Kontingenz (=Wahlfreiheit)? Können Sie Ihren Lernerfolg manchmal selbst messen,  lassen wir sie durch Imitation lernen, sind wir gute Vorbilder beim Lernen, haben wir ein gut gefülltes Methodenrepertoire, sind wir ein Coach, der zum Lernen hinführt? Oder ist eine richtige Lösung ein Geheimnis, das der Schüler bei der Rückgabe seiner Arbeiten Tage später rot auf weiß erlebt? Halten wir die Schüler absichtlich klein, indem wir sie nicht nachschlagen und nicht nachlesen lassen? Indem wir Hintergrundinfos auf Arbeitsblätter zurechtstutzen, um sie nicht zu überfordern oder besser zu bleiben als die Schüler? Verbieten wir Wikipedia aus Angst, dass der Schüler mehr wissen könnte als wir? Fühlen wir uns als Dompteur, der Tiere dressiert, der sie mit Noten oder Gummibärchen belohnt, wenn sie zur richtigen Zeit hüpfen? Oder nehmen wir Rücksicht auf ihr individuelles Tempo?

Wir brauchen Außenlob nur, wenn wir uns mit etwas beschäftigen müssen, was wir nicht tun möchten.“

Fr. Birkenbihl betont immer wieder, dass Lehrer Opfer des Systems sind, nicht die Täter. Wir müssen also so unterrichten, wie wir unterrichten, weil das die Kollegen, die Direktion, der Inspektor, das Bildungssystem so will. Kleine Einschränkung von mir: Oder weil es anders einfach bequemer ist und wir uns noch nicht die Mühe gemacht haben, zu überlegen, ob es anders gehen würde? Oder weil wir noch nicht den Mut, die Kraft oder die Phantasie dazu hatten? Oder weil wir es mittlerweile leid sind, gegen den bürokratischen Wasserkopf anzukämpfen?

„Warum sortieren wir die Kinder nach Alter? Wir hätten sie besser nach Alphabet sortiert!“

Vera F. Birkenbihl plädiert für gemischte Klassen. Die jüngeren lernen von den Älteren. Die Älteren lernen, indem sie die jüngeren unterrichten. Die Lehrer können sich durch diese teilweise Entlastung um individuelle Förderungen kümmern. Und was machen wir in der Berufsschule? Wir trennen sie nicht nur nach Alter, wir trennen sie in einigen Fächern sogar innerhalb der Altersgruppe in „normale“ und „vertiefte“ Gruppe. Damit die lernschwachen wissen, dass sie lernschwach sind und keine leistungsstarken Vorbilder haben? Sehr intelligent, bravo dem Erfinder dieses Systems. So hält man Menschen klein, so züchtet man Burger-Brater.

Ein weiteres (sinngemäßes) Zitat, das auf breite Zustimmung stieß, zumal Betroffene nicht anwesend waren und die Veranstaltung abrechnungstechnisch ja ein reines Privatvergnügen war, für den etliche Lehrer einen Stundentausch mit ihren Kollegen veranstalten mussten:

„Eine Unterrichtsstunde in der Regelschule (=Pflichtschule) kostet zweimal soviel wie in einer Privatschule. Warum? Weil bei den Privatschulen der Wasserkopf der Verwaltungsbeamten fehlt! Gebt jenen Leuten kein Geld, die nicht unterrichten. Die haben im Bildungssystem nichts zu suchen!“

(Siehe dazu auch die brillianten Bilder von Dr. McLeod)

Natürlich bin ich aus dem 6-Stunden-Vortrag mit einigen Unterrichtsideen rausgegagen:

  • Auf meine Frage, was denn ein gutes Schulbuch ausmache, meinte Vera F. Birkenbihl: „80 % des Materials von Eliteschulen wird von den Schülern selbst erstellt. Lassen Sie doch den Schülern ihr bestehendes Schulbuch umschreiben.“
  • Ich werde in jeder Unterrichtsstunde kurze „Nachbarskonferenzen“ durchführen. Hier unterhalten sich zwei Schüler zu einem bestimmten Gedanken 30 – 60 Sekunden, mehrmals pro Unterrichtsstunde.
  • Meine Schüler werden mindestens einmal eine ABC-Liste von Tätigkeiten aufstellen, die sie gerne tun. Mit dieser werden wir arbeiten (Potentielle Jobs, Ziele, Interessensgebiete, Einbau in den Unterricht).
  • Wir werden im Englisch-Unterricht kurze Sketches einüben und die dann vorführen.
  • Ein Vorschlag war, den Schülern bei Test das Nachschlagen im Lernmaterial zu ermöglichen. Das muss ich noch überdenken. Argument dafür: Diejenigen, die nichts gelernt haben, schaffen die Aufgaben in der gegebenen Zeit nicht. Möchte ich mal ausprobieren. Wie, wann und wo? Weiß ich noch nicht.

Ein wesentlicher Grund für den Besuch dieser Veranstaltung ist für mich aber auch immer das Treffen mit Gleichgesinnten. Da sind allesamt motivierte Lehrer, die ihren Unterricht verbessern möchten, die interessiert und nicht neidvoll oder ängstlich sind, wenn es um eine Änderung des Unterrichtsalltags geht, die Neuem gegenüber aufgeschlossen sind und die auf ähnliche Weise ihren Unterricht ändern möchten.

Wem Birkenbihl einmal im Jahr zuwenig ist, der kann sich einer der Birkenbihl-Pilotgruppen anschließen, die in Österreich, Schweiz und Deutschland  existieren, sich regelmäßig treffen und immer Infos aus erster Hand erhalten. Ein Mail mit Kurzvorstellung an mich genügt, dann stelle ich gerne den Kontakt her.