Hurra, was für ein schöner Fehler! – Episode 2

Drüben bei „Learning Waves“ beschreibt Prof. Dr. Andrea Back im Artikel „Hurra, was für ein schöner Fehler!“ eine Möglichkeit, wie mit Fehlern umgegangen werden könnte. Sie werden markiert, der Schönste bekommt einen Aufkleber oder eine ähnlich nette Markierung. Ziel sollte sein, Fehler nicht als was Schlimmes, Böses oder Furchtbares, sondern als Chance zur eigenen Weiterentwicklung zu sehen. Da macht Schule oft aber nicht – oder noch zu selten.

Eine weitere Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen, wäre die „Stolperstein-Mitbringsel-Lernkartei“. Die funktioniert so:

  1. Von (fast) jedem Ausflug (=Test, Klassenarbeit) nehmen wir einige Mitbringsel (=Fehler) mit, die in die Kartei eingetragen werden.
  2. Unterstrichen wird jener Teil, der fehlerhaft war – aber in der Kartei wird alles, wirklich alles, richtig geschrieben.
  3. Einmal pro Woche wird der Stolper-Parkour durchlaufen, das heißt: Mit der Kartei gearbeitet. Entweder wird sie diktiert oder mündlich abgefragt oder per quizlet durchgeklickt.
  4. Wenn der Stolperstein-Parkour ohne zu stolpern absolviert wurde, dann gibt’s auf einer gut sichtbar aufgehängten Liste (z. B. am Kühlschrank) einen Smiley. Oder einen Eintrag, wieviele Karten positiv erledigt wurden. Bitte nicht, wie viele Fehler gemacht wurden!! Und bitte kein Geld!

Zum Umgang mit Fehlern gibt es von Carol Dweck ein sehr zu empfehlendes Buch: „Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt“ (Amazon). Sie teilt darin Menschen in zwei Gruppen ein. Diejenigen, die ein statisches Selbstbild von sich haben analysieren ihre Fehler kaum und fühlen sich auch nur intelligent, wenn sie keine Fehler machen. Sie erleben Fehler als ersten Schritt zur Strafe oder zum Urteil. Diejenigen mit dynamischen Selbstbild sind überzeugt davon, dass Fehler zu Vorschlägen und neuem Wissen führen. Darum sehen sie sich ihre Fehler so lange an, bis sie die Ursache des Irrtums verstanden haben. Sie sehen sich Arbeiten von anderen Menschen an, die besser als die eigenen sind. Wohingegen die mit statischem Selbstbild grundsätzlich Arbeiten ansehen, die schlechter als die eigenen benotet wurden. Das Konzept habe ich hier schon mal beschrieben.

Wenn Fehler nicht analysiert werden, dann krallt sich das statische Ego die nächste, logische Erklärung: Ich bin eben dumm. Der Lehrer ist eben dumm. Die Schule ist dumm. Dweck zitiert dazu den Basketballtrainer John Wooden: „Man ist erst dann ein Versager, wenn man nach Schuldigen sucht.“ Daher: ran an die Fehler. Denn nichts ist leichter, als aus Fehlern zu lernen. Das sollte den Lernstoff ganz gehörig eingrenzen, oder nicht?

Unterrichtsmaterialien für finanzielle Allgemeinbildung

Die EAEA (European Association for Education of Adults, http://www.eaea.org) entwickelt seit einiger Zeit für alle EU-Länder Unterrichtsmaterialien für die „finanzielle Allgemeinbildung“. Das Projekt heißt DOLCETA (www.dolceta.eu) und bietet Lernmodule für VerbraucherInnenbildung in den Altersgruppen Volksschule, Hauptschule und Oberstufe an.dolceta

Neben Online-Informationen, ausdruckbaren Merkblättern und Online-Quizzes werden auch sehr konkrete Unterrichtsskizzen mit abwechslungsreichen, innovativen Methoden zur Verfügung gestellt. Derzeit sind die vier Module „Verbraucherrechte“, „Finanzdienstleistungen“, „Produktsicherheit“ und „Impulse zur Verbraucherbildung“ freigeschaltet. Wir durften das Modul 7 über „Sparen“ testen, das im Frühjahr nächsten Jahres kommen wird.

Mich nervt schon seit einigen Jahren, dass in jedem Land, in jeder Schule jeder Lehrer seine Unterrichtsstunde z. B. über „Sparen“ oder „Kredite“ vorbereitet. Wie „man“ hört, findet an manchen Schulen nicht einmal ein Austausch der erstellten Materialien statt – ein volkswirtschaftlicher Unsinn. Per Mausklick auf vorgefertigte, juristisch geprüfte, abwechslungsreiche und aktuelle Materialien für den Unterricht zugreifen zu können ist leider noch immer eine Seltenheit. DOLCETA ist ein Weg in die richtige Richtung.

Selbstverständlich sollte jedem Lehrer offen bleiben können, wie er seine Stunde über „Sparen“ oder „Kredit“ gestaltet und welche Infos er vermitteln möchte. Das ist das Schöne an dem Job: Jeder kann, wenn er will, seine Kreativität voll ausleben. Es schadet aber überhaupt nicht, sich mal anzusehen, wie andere diese Stunde planen würden und sich daraus Anregungen zu holen – auch für andere Unterrichtseinheiten.

Die Birkenbihl-Methode zum Sprachenlernen

Während ich diese Zeilen schreibe, läuft im Hintergrund via itunes das Kapitel 3 des italienisch-Kurses in einer Endlosschleife. Ich weiß nun, dass ich die Italienisch-Lektionen viel zuwenig passiv gehört habe. Der Clou beim Passiv-Hören ist nicht, das Handy ständig dabeizuhaben um beim Zähneputzen oder beim Geschirr Abwaschen mal kurz einige Minuten Italienisch zu hören.

(Dies ist ein Fortsetzung zum Blog-Beitrag:  Ohne Grammatik eine Sprache lernen)

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Karin Holenstein (protalk.ch)

Karin Holenstein von protalk empfiehlt täglich mindestens 30 Minuten, besser eine Stunde und länger passiv zu hören. Sie selbst hat Englisch und Französisch mit der Birkenbihl-Methode gelernt und perfektioniert und weiß daher, wovon sie spricht. Seit einigen Jahren unterrichtet sie mit der Birkenbihl-Methode Erwachsene und Primarschüler in Englisch und begleitet ihren Sohn parallel zum Schullehrmittel.

Von einem Seminar bei protalk am Sanstag bin ich mit folgenden Tipps  zurückgekehrt:

  • Viele Personen lernen ausschließlich mit der Birkenbihl-Methode. Als Variante können nach einigen Lektionen zusätzlich andere Lernmethoden angewandt werden. Dies können Lehrbücher, Sprachcafès (der Volkshochschulen), DVD’s, Podcasts oder Ähnliches sein. Für mich als Italienisch-Einsteiger war der Birkenbihl-Kurs in den ersten 5 Lektionen genau richtig: Lernen fällt leicht und fast nebenbei wird ein beachtlicher Wortschatz und ein Gefühl für die Sprache aufgebaut.
  • Die Methode wirbt mit: „Sprachen lernen ohne Grammatik“, aber: Übungsbücher, Grammatikbücher usw. sind trotzdem erlaubt, wenn man will. Dieser Tipp freute mich: Ich will mal kurz nachschlagen, wie die Mitvergangenheit eigentlich gebildet wird. Oder ich will eine übersichtliche Darstellung von „ich – du – er – sie – es – wir – ihr – sie“ haben. Es ist mir auf Dauer zu anstrengend, aus den Beispiellektionen die Grammatik zu abstrahieren und Regeln herauszulesen. Da helfen zusätzliche Lernmittel sehr.
  • Karin erzählt, sie hat die Lektionen oft stundenlang gehört: CD-Player auf Endlosschleife und die Lektion läuft den ganzen Vormittag.
  • Wenn das passive Hören nervt: Lautstärke runter.
  • Es ist hilfreich, sich aufzuschreiben, wie lange die jeweiligen Lektionen passiv gehört wurden. Nach und nach bekommt man ein Gefühl, welche Laufzeiten notwendig sind. Karin zeigte uns ein Protokoll einer Schulklasse, bei der einzelne Lektionen von 20 bis zu 465 Minuten gehört wurden, je nach Länge der Texte.
  • Falls beim Schritt 4 der Birkenbihl-Methode (Sprechen/Schreiben/Lesen) Probleme auftreten, dann wurde zuwenig passiv gehört. Daher: Einen Schritt zurückgehen und noch länger passiv hören.
  • Ein Vorteil der Birkenbihl-Methode ist, dass bestimmte Themen, die in den einzelnen Lektionen vorkommen, wie im Schlaf beherrscht werden. Der Lerner kann ziemlich viel dazu in geschliffenen Sätzen sagen – er hat sie ja oft genug gehört.
  • Zugleich sind diese Lektionen eine Basis zum weiterlernen mit anderen Methoden. Wenn diese Basis im Gehirn gesetzt wurde, dann können neue Informationen relativ leicht in dieses Wissensnetz eingewebt werden. Karin hat dies in einem Leserbrief im Tagblatt (pdf) genau ausgeführt.
  • Eine nette Übung ist die Stopp-Technik: Der Lektionstext wird von Lernpartner A dem Lernpartner B vorgelesen. A stoppt mitten im Satz und B spricht (aus dem Gedächtnis) weiter. Kann B das nicht, wurde zuwenig passiv gehört. Mangels Lernpartner werde ich wen bitten, die MP3 von Zeit zu Zeit zu stoppen.

Bis ich selbst diese Methode im Klassenzimmer anwende, werden noch einige Monate ins Land ziehen. Zuerst möchte ich selbst sagen können, dass ich Italienisch mit Hilfe der Birkenbihl-Methode gelernt habe. Über Höhen und Tiefen werde ich in diesem Blog berichten.

Übrigens: Online-Sprachenkurse nach dieser Methode in Englisch, Spanisch und Französisch sind unter www.birkenbihl-sprachen.com erschienen. Einige Probekapitel können dort gratis ausprobiert werden, ansonsten kosten die Kurse ab € 69,00. Die Texte werden einem dort vorgelesen, parallel kann am Bildschirm die Wort-für-Wort-Übersetzung mitgelesen werden. Die Geschwindigkeit ist änderbar, MP3-Dateien können runtergeladen werden.

Wirklich preiswert sind aber die CDs (Englisch, Französisch, Italienisch, …) für € 9,90 bis € 14,80. Dass das Lehrbuch „nur“ als PDF beiliegt, empfinde ich als Vorteil: Ich habe mir die einzelnen Lektionen so ausgedruckt, dass ich meistens ein Blatt pro Lektion habe (Vor- und Rückseite, jeweils zwei Seiten auf einer A4-Seite). Übrigens sind die Texte der Sprachversionen Italienisch, Englisch, Spanisch und Französisch inhaltlich weitgehend ident, was für das Erlernen oder Auffrischen weiterer Sprachen von Vorteil sein müsste.

Wie Karin Holenstein die Birkenbihl-Methode im Klassenzimmer anwendet, ist ein eigenes Blog-Posting in den nächsten Tagen wert. Danke an Karin für’s Gegenlesen dieses Beitrags.

Etherpad – das Klasse(n)-Notizbuch

etherpadwww.etherpad.com lässt sich ohne vorherige Anmeldung als Notizblatt nutzen. Dabei können mehrere Personen gleichzeitig ohne Zeitverzögerung in dasselbe Dokument schreiben. Jeder Tastendruck kann live am Bildschirm mitverfolgt werden.

Google Text und Tabellen“ kann das zwar (mit einer Zeitverzögerung von 5 – 15 Sekunden) auch, allerdings ist hier bekanntlich eine Anmeldung erforderlich. Leider ist es an unserer Schule nicht Standard, dass Schüler eine E-Mail Adresse besitzen, von einem Google-Account überhaupt nicht zu reden. Bis dass sich meine Gruppe irgendwo angemeldet hat, vergehen oft 30 – 40 Minuten (Wechsel in den Computeraum, Anmeldung im System, Starten von IE – neinnein – der ist alt – lieber den Firefox – „woistderversteckt“ -„hilfedersagtwasvoneinerunsicherenverbindung“ – „bittedieseitedocs.googl.comgehtnicht“ usw). Wenn ich beispielsweise in Wirtschaftskunde pro 40-Stunden-Lehrgang ein- oder zweimal einen freien EDV-Raum nutze, dann hat diese eine Stunde „Google-Docs“-Anmeldung ein äußerst schlechtes Zeit-Nutzen-Verhältnis. (Klar könnten dann andere Lehrer Google-Docs nutzen – aber: wer kennt das schon?? Und: Wer will das schon?)

Deshalb schien mir etherpad, das ohne Anmeldung funktioniert, sehr geeignet für gelegentliche gemeinsame Notizen. Deshalb probierte ich etherpad heute in einer Doppelstunde Wirtschaftskunde aus:

Vorbereitung zuhause: Anlegen einer etherpad-Seite – Einfach eine Seite aufrufen, wie www.etherpad.com/werner. Gibt es die Seite noch nicht, dann erscheint ein Button „Create Pad“. Der URL wird für immer und ewig gespeichert und wird nicht gelöscht. Allerdings gibt es aufgrund der fehlenden Anmeldung auch keinen Schutz der Seite – jeder kann reinschreiben, wenn der URL bekannt ist. Deshalb vielleicht lieber eine kryptische URL verwenden. Danach notierte ich die einzelnen Kapitelüberschriften der Gruppenarbeiten im Pad.

Doppelstunde Wirtschaftskunde:

  1. Zwei Schüler bekamen jeweils eine Aufgabe zugewiesen (Kapitelüberschriften im Buch, wie im Pad angelegt). In einer knappen Viertelstunde fassten sie das jeweilige Buchkapitel zusammen und präsentieren es anschließend ihren Kollegen. Auftretende Fragen werden geklärt. Erste Stunde beendet.
  2. Zweite Stunde: Wechsel in den EDV-Raum. Schüler rufen vorbereitete etherpad-Seite auf. Pro Benutzer kann eine Farbe ausgewählt werden und der „unknown“-Username mit dem eigenen Namen überschrieben werden. Eine Schüler diktiert, der andere tippt.Härtetest: 8 Benutzer gleichzeit auf einem etherpad? Die Verbindung bricht macnhmal zusammen, das kann aber auch an unserem Schulnetzwerk liegen. Ein „Re-Connect“ ist möglich, manchmal verschwinden aber die getippten Beiträge.Abhilfe schaffte der normale Zubehör-Editor (Start-Programme-Zubehör-Editor): Hier tippten die Schüler ihre Zusammenfassung ein und kopieren das Ergebnis dann ins etherpad. Hinweis: Wenn aus Winword-Dokumenten ins etherpad kopiert wird, dann werden jede Menge Steuerzeichen mitübernommen, also: don’t do that.Beliebig viele Zwischenstände können mit dem Button „Save Now“ gespeichert und auch wieder zurückgeholt werden.Schüler notieren unter ihren jeweiligen Beiträgen die Namen, das braucht der Lehrer für die Punktevergabe.  Schüler/Lehrer können am Beamer bzw. am eigenen Schirm mitverfolgen, wie das Dokument wächst und sich Tippfehler gegenseitig ausbessern. Macht Spaß. Eine Chat-Funktion gäbe es auch, macht aber nur bedingt Sinn, wenn alle gleichen Raum sitzen 😉
  3. Wenn noch Zeit bleibt: Schüler stellen Fragen zum Stoffgebiet mit Hilfe der Fish-Bowl-Methode. Währenddessen kopiert ein Freiwilliger das erstellte Dokument in eine Textverarbeitung, formatiert die Überschriften und druckt für jeden Beteiligten ein Exemplar.

Fazit: Schüler erarbeiten Stoffgebiete selbstständig, trainieren Kurzpräsentationen, fassen Texte zusammen, ordnen, systematisieren und gehen mit einer (hoffentlich passablen) Zusammenfassung aus dem Unterricht. Wenn dort oder da was fehlt oder nicht richtig ist, dann kann von der Lehrkraft ruzck-zuzk drübergearbeitet werden.

Update vom 11. April 2010: Etherpad wird am 14. April 2010 abgeschaltet. Alternativ könnte www.piratepad.net verwendet werden.

Update vom 23. Juli 2010: Oder titanpad.

Nachtrag zu: „Blogs im 50-Minuten-Unterricht“

Vorgestern habe ich mit 11 SchülerInnen versucht, das Thema „Konsumentenschutz“ im Fach Wirtschaftskunde mit Hilfe eines Blogs zu behandeln. Das Ergebnis findet sich im Beitrag „Blogs im 50-Minuten-Unterricht„.

konsumentenberaterDen SchülerInnen waren Blogs weitgehend unbekannt und erfahrungsgemäß haben auch nicht viele eine in der Schule abrufbare E-Mail-Adresse. Ziel war es, dass die SchülerInnen ohne großen Administrationsaufwand Fragen ins Web stellen und diese gegenseitig beantworten.

So lief es ab:

  • Ein EDV-Raum war für uns reserviert und glücklicherweise dann auch wirklich frei.
  • Nach 10 Minuten waren die Schüler im Netzwerk  angemeldet und alle hatten die (etwas langsame) Blog-Seite geöffnet.
  • Weitere fünf Minuten später hatte ich die Vorgehensweise erklärt  und die SchülerInnen legten los. Vier Kommentare verirrten sich auf einen falschen Blog-Eintrag, aber kein Problem.
  • Einige Geschäftsfälle blieben unbeantwortet. Die letzen 10 Minuten gab ich den Auftrag, keine neuen Fragen mehr hineinzustellen sondern die bestehenden Geschäftsfälle zu beantworten.
  • Insgesamt wurden 60 Beiträge gepostet. Das heißt, dass jeder Schüler zirka 5 Beiträge in zirka 40 Minuten geschrieben hat.

Das habe ich gelernt:

  • Die SchülerInnen sollten sich zwar anonym im Netz bewegen. Ich selbst sollte aber doch die Nicknames kennen. Das heißt auch, dass sich die SchülerInnen immer mit dem selben Nick kommentieren müssen.
  • Ich habe keine Punkte bzw. Noten für die geleistete Arbeit gegeben. Das war gut. Noten stören Kreativität.
  • Irgendwann dachte ich: Wie prüfe ich das, was wir jetzt gerade machen? Zu einer Schülerin sagte ich dann: „Am Ende drucken wir alles aus, ich suche die besten Geschäftsfälle heraus und die müssen Sie dann lernen.“ Sie sah mich relativ erschrocken an. Zu Recht. Ich habe diese Idee wieder verworfen und war dann ein wenig ratlos und überlegte, was ich nun aus diesem Experiment machen sollte, um was „handfestes“ zum  Prüfen zu haben.

Dann las ich dann den wunderbaren Blog-Beitrag „Two Paradoxes“ von Franz Kuehmayer, der mich diese Stunde aus einer anderen Perspektive betrachten ließ.

„The paradox of the knowledge society is that it does not ask students to acquire more knowledge.“

(Okay, bitte kurz den Aufschrei unterdrücken: „Die werden immer schlechter un die wissen immer weniger. Ich kann die Tests heute sowieso nicht mehr geben, die ich vor 5 Jahren noch gegeben habe.“)

Die SchülerInnen müssen nicht notwendigerweise mehr wissen, als sowieso im Buch steht, nur weil wir mal eine Stunde den EDV-Raum benutzt haben. Dafür wissen Sie jetzt, wo sie Infos finden, die nicht im Buch stehen.

Kuehmayer schreibt dann noch:

„So the knowledge economy does not necessarily ask for acquiring new knowledge, but it requires to learn how to create, to find, to combine, to use knowledge in new ways and in better ways.“

Was lernten die SchüerInnen während dieser 50 Minuten:

  • Die Seite www.konsumentenberater.at gibt Auskunft bei vielen Fragen der Muss-ich-haben-Gesellschaft.
  • Geschäftsfälle wurden erfunden, Fragen formuliert, Antworten dazu gesucht und oft gefunden.
  • Blogs können kommentiert werden. Die Kommentare können auch kommentiert werden.
  • Jeder kann weltweit das Lesen, was gerade geschrieben wurde.
  • Nicknames sollten im Internet verwendet werden, wenn man anonym bleiben möchte.
  • Nicht mal der Lehrer kann herausfinden, was ich geschrieben habe, wenn er meinen Nickname nicht weiß.

Doch eine ganze Menge. Prüfen kann ich auch die zwei Seiten im Buch, oder?

Wikis in der Berufsschule (Teil 6)

Ich bin gerade dabei, einen Unterrichtszyklus mit wikispaces auszuprobieren. Folgende Aussgangssituation: Im Fach Büroorganisation sind 7 Themen in 14 Unterrichtsstunden zu behandeln: Besser leben im Büro, Büroklima, Lärm, Licht und Blendung, Farben, klassischer Arbeitsplatz, Stressabbau. Ein Skript mit knapp 20 Seiten und ein Fachbuch (für 12 Schüler) sind vorhanden.

Notwendige Vorbereitung

  1. Anlage einer Google-Mail Adresse
  2. Anmelden bei dem vorbereiteten Wiki http://bsrobo.wikispaces.com

Phase 1 – Mit Lernstoff vertraut machen (Experte 1)

Die Schülerinnen wurden gemäß Geburtsdatum in Zweier-Gruppen eingeteilt und haben sich jeweils ein Kapitel im Skript ausgesucht. Zu diesem Kapitel erstellen sie 4 – 8 Quzfragen. Die jeweiligen Gruppen sind nun Experten zu ihrem Thema.

buero_kleinPhase 2 – Die Realität

Wir machen in Zweier-Gruppen die Stadt unsicher und gehen (ohne Voranmeldung) in verschiedene Büros und fotografieren mit Handy & Digicam verschiedene Büros. Diese werden auf einem flickr-Account unter dem Tag Büro eingestellt. Anschließend wird eine ABC-Liste zu den Eindrücken erstellt und mit zwei Partnern konsolidiert.

Phase 3 – Lehren, Lernen und Wiederholen 1

Die Quizfragen-Zweier-Gruppe wird geteilt, jeder sucht sich einen neuen Partner. Wiederum in Zweier-Gruppen werden am Tisch die erstellten Fragen gestellt. Die jeweiligen Partner versuchen diese zu beantworten und erhalten Hilfestellung von den Experten. Unbekanntes wird im Skript nachgelesen. ABC-Listen werden ergänzt. Die Schülerinnen sollten hier auch rückfragen: „Warum ist das so?“ oder nachfragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Hintergrund: Durch Erklärungen werden die Fakten der Fragestellerin klarer bzw. sie merken, wenn sie etwas nicht genau verstanden haben.

Phase 4 – Wiederholen 2

Neue Zweier-Gruppen werden per Zufallsprinzip gebildet. Diese neuen Gruppen pflegen ihre Fragen auf wikispaces ein und beantworten sich gegenseitig ihre erstellten Fragen aus Phase 1 (Wiederholung 2).

Phase 5 – Präsentation & Wiederholung 3 (Experte 2)

Wieder werden neue Zweiergruppen gebildet. Der Lehrer teilt ein Thema zu, das keines der beiden bei Phase 1 gehabt hat. Nun erstellen beide ein Lernplakat und halten eine Kurzpräsentation zu ihrem Thema. Sie werden damit Experten bei einem zweiten Thema. Die A3-Lernplakate werden für alle kopiert. Im Anschluss an jede Präsentation wird eine kurze zwei-Minuten-ABC-Liste erstellt.

Phase 6 – Wiki ausarbeiten & Wiederholung 4 (Experte 3)

Wiederum werden neue Zweiergruppen gebildet. Diese erhalten nun ein drittes Thema, das sie weder bei Phase 1 noch bei Phase 5 gehabt haben. Dieses Team befüllt das Wiki mit ihrem Thema, sie werden damit Experten bei einem dritten Thema. Im Wiki werden sowohl frei verfügbare Fotos aus dem Internet als auch die Fotos der Phase 2 verwendet. (Anwendung von Irfan View, flickr, google-search und Erklärung von creative commons Lizenzen)

Phase 7 – Peer Review und Wiederholung 5

Die Gruppe überprüft die erstellten Einträge der Partnergruppen auf Inhalt, Rechtschreibung und Vollständigkeit und ergänzt entsprechend. Da jeder Experte bei drei Themen ist, sollte das Wiki damit ganz passabel werden.

Phase 8 – Anwendung

Die einzelnen Büros aus Phase 2 werden im Plenum besprochen. Jeder Schüler ist nun Experte auf mindestens drei der 7 Themen und bringt sich entsprechend ein. Die anderen lernen bei der Diskussion mit und werden auf bestimmte Gegebenheiten aufmerksam gemacht (Lichteinfall, Blendung, Farbverwendung, Stühle, …). Eine kurze 3-Minuten-ABC-Liste wird zur Wiederholung erstellt.

Überprüfung

Eine schriftliche Überprüfung erfolgt mit den von den Schülerinnen erstellten Fragen und einem Teil, wo ein abgebildetes Büro anhand drei beliebig wählbarer Themenbereiche analysiert werden soll. Die Schülerinnen sind ja Experten auf drei Gebieten geworden.

Ich bin gespannt,

  • ob der häufige Partnerwechsel gut funktioniert
  • was die Schülerinnen mit dem fertigen Wiki machen – werden sie es umformatieren und ein Winword-Dokument daraus erstellen?
  • ob die Peer-Review klappt oder eine Mentalität vorherrschen wird: Lieber weniger reinschreiben, dann brauchen wir weniger lernen.
  • ob Copyrights beachtet werden.
  • ob der Zeitrahmen von 14 Stunden einigermaßen eingehalten werden kann.

(Dieses Posting ist Teil der Serie „Wikis in der Berufsschule„)

Lehrer müssen Selbstversuche machen

Die Bücher und DVDs meiner Lieblingslehrerin brauchen fast einen Meter Platz in meinen Regalen. Das ist fünf- bis zehnmal soviel wie bei allen anderen. Wenn ich dann noch die Buchtipps dieser Frau dazuzähle, dann werden es fast zwei Meter. Damit ist diese Frau die meistgelesene Autorin bei mir. Sie ist auch dafür verantwortlich, dass mein Unterricht so ist, wie er ist. Gestern durfte ich diese Autorin zuhause besuchen. Also: Feiertag.

Gestern war ich bei Vera F. Birkenbihl. Zusammen mit einem Dutzend weiterer interessierter Lehrer holten wir uns eine mächtige Portion Motivation und etliche Unterrichts-Strategien für die nächsten paar Monate. Diese Treffen werden auf DVD aufgezeichnet und sind bei TwinEvents.de erhältlich.

Einge Sätze, Begriffe und Gedanken bleiben bei Treffen mit Gleichgesinnten immer hängen und schwirren einige Tage im Kopf herum. Einige davon sind

  • Lehrer müssen mehr Selbstversuche machen„. Wie ist das, etwas zu lernen, das völlig neu ist? Also eine Fremdsprache von Grund auf, eine Sportart wie z. B. Jonglieren, Malen, Stricken, … Einerseits geht es darum, mal wieder zu erleben, wie das ist, wenn man etwas nicht gut kann und dann besser wird. Andererseits geht es darum, durch Selbstversuche auszuloten, was einem als Schüler wirklich weiterbringt. Ist es das Ausarbeiten von Arbeitsblättern, die Angst vor einer mündlichen Prüfung, das zigfache Wiederholen oder das Kreieren eines Podcasts, einer Geschichte oder eines Rollenspieles zum Lernstoff?
  • „Je weniger wir eingreifen, desto besser kann der Mensch lernen.“ Im Einsteigerbereich ist es erwiesen, dass Kritik sich negativ auf das Lernen auswirkt. Welcher Schüler kann hier nicht etliche Beispiele aus dem Englisch-Unterricht geben?? Bei Fortgeschrittenen oder Profis können wir schon mal sagen: „Das spricht man xyz aus.“ Oder: „Deine Rückhand müsste x, y oder z sein.“ Hintergrund: Wir sollten die Schüler lernen lassen und sie dabei nicht stören. Wir stören mit gutgemeinten Tipps. Wohlgemerkt: Es geht hier insgesamt um das Lernen von Handlungen, wie z. B. Klavierspielen, Origami-Falten, Sprechen oder auch Jonglieren. Der Lerner sollte möglichst lange unbewusst lernen, indem er dem Bereich ausgesetzt wird. Ich habe hier noch das Bild vor Augen, wie zwei ältere Nachbarskinder meiner Tochter viele, viele, viiiiele gutgemeinte Tipps gaben, als sie das Fahrradfahren lernen wollte. Gelernt hat sie es erst, als keiner mehr zusah und keiner mehr, mich eingeschlossen, Tipps gab.Wenn sich der Lerner dem Lernstoff aussetzt, dann bildet er Regeln, die er unbewusst ständig überprüft, korrigert und anpasst. Birkenbihl nennt das „Abstrahieren“. Das macht der Mensch schon ewig, das lernte er vor 10.000 Jahren in der Savanne, bei der Interaktion mit anderen Menschen, deshalb sind wir dort wo wir heute sind. Je mehr der Lehrer den Schüler gängelt, korrigiert und kritisiert, desto schwieriger wird dieser Prozess. Gleichzeitig wird die lerngünstige Dopamindusche im Gehirn unterbrochen. Lernen wird mühsam, wird zur Qual, der Lehrer zum unliebsamen Zellengenossen. Schule von gestern.
  • Kontigenz: Lassen wir den Schülern Wahlfreiheit. Sie müssen Aufgaben lösen? Gut, aber 7 beliebige aus einem Pool von 10. Sie können eine Aufgabe auf diese oder jene Weise lösen. Ellen Langer, deren Leben gerade im Film „Counter Clockwise“ verfilmt wurde wird, hat herausgefunden, dass Leute in Altersheimen gesünder sind, wenn ihnen  nur ein kleines bißchen Wahlfreiheit zugestanden wurde. Lassen wir unseren Schülern genug Kontingenz? Oder arbeiten wir hart daran, sie zu beschränken? Was wollen wir? Starke Lerner oder pseudo-starke Lehrer? Dürfen sie ihre Aufgaben mal selber oder gegenseitig korrigieren. Können Sie auch mal ein Blatt im Querformat beschriften, wenn wir es selbst im Hochformat beschreiben? Dürfen Sie auch mal mit der Aufgabe 4 beginnen, wenn alle anderen mit der Aufgabe 1 anfangen? Oder wirft uns das aus dem wohlvorbereiteten, frontalen Unterrichtskonzept, aus dem Zeitplan oder macht unsere zu erreichenden Feinziele zunichte? (Ähm. Fällt mir jetzt erst auf, hätte beinahe „Feindziele“ geschrieben…)
  • 100 Tätigkeiten: Ja, wir haben gestern auch eine Hausübung bekommen. 100 Tätigkeiten aufschreiben, die unseren Kindern im Leben helfen, weiterzukommen. Diese Liste zeigen wir dann Schülern, denn es gilt: „Jeder Schüler kann irgend etwas besonders gut.“ Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich von meine Unterrichtsidee zum Thema „Talente“ schon hier geschrieben habe, aber ich fand nur den Eintrag „Talente fördern in der Klasse“ vom vorigen Jahr. Darum in aller Kürze: Zu Schulbeginn lasse ich den Schülern entweder anonym oder gemeinsam auf einem A3-Blatt ihre Talente aufschreiben. Zuerst gehört geklärt, was ein Talent ist, also z. B. Gedichte schreiben, Kochen, Haare oder Videos schneiden, LAN-Partys ausrichten, Blumen pflanzen usw. Danach versuche ich, einige dieser Talente im Unterricht einzubauen. Aufruf an alle Leser: Helft Ihr uns bei den 100 Tätigkeiten? Wäre nett. Kommentar ist da unten.

Veranstaltungshinweis: Am 10. Oktober kommt Vera F. Birkenbihl nach Linz in Oberösterreich. Eintrittskarten sind hier noch zu haben. Vielleicht sehen wir uns. Ich freu mich schon.

Nachtrag zu den Büchermetern zu Beginn des Beitrags:

Zugegeben: Isaac Asimov und Terry Pratchett kommen auch auf einen Meter, aber Bücher dieser beiden lese ich genau einmal und benutze sie nicht als Unterrichtsgrundlage.)