Künftig ohne Anstrengung und Mühe lernen

Mit Hilfe von Technik versuchen Bildungseinrichtungen und auch die Bildungsindustrie, den Aufwand und die Anstrengung für das Lernen zu reduzieren. Die stolze Verkündung eines Herstellers „Bei uns gibt es keine Skripten mehr, Sie können nun alles mit Hilfe des Bildschirms lernen“ bei einer Präsentation eines WBT zur wirtschaftlichen Allgemeinbildung deutet an, wohin zumindest die Softwareindustrie gehen möchte. Etliche Pädagogen versuchen auf andere Weise, Technik und Lernen zu verknüpfen: Sei es mit simplen LernTECHNIKen im Unterricht, Blended Learning, Mobile-Learning Sequenzen oder einfach nur, indem sie verstärkt Frontalunterricht mit Hilfe des Whiteboards machen. Schüler und Studenten dopen sich mit Energy-Drinks, Kaffee oder konsumieren Neuro-Enhancer.

Welchen Anteil an müheloseren (?) Lernen einfach nur die erhöhte Motivation („Mal was Anderes, damit geht es leichter, das hilft mir“) bei Anwendung dieser Techniken und Technologien hat, kann vermutlich nie zweifelsfrei beurteilt werden. Ansonsten wäre das Märchen von der Relevanz der verschiedenen Lerntypen schon längst von der Bildfläche verschwunden.

Wie es mit Lerntechnologien und Lerntechniken demnächst weitergehen könnte, beschreiben zwei Autoren in ihren Science-Fiction Thrillern:

Der Wiener Marc Elsberg (Facebook, Amazon) beschreibt im Roman „Zero – Sie wissen was du tust“, wie mit Hilfe von sozialen Netzwerken Lernen erleichtert werden kann. Andreas Eschbach (FacebookAmazon) überspringt in seinem Fortsetzungsroman „Black*out“, „Time*Out“ und „Hide*Out“ das mühsame Lernen und füllt Wissen direkt in die Köpfe der Nutzer ein.

Beide Autoren vermitteln glaubwürdig, dass sie Ahnung von dem haben, was sie hinsichtlich IT von sich geben: Elsberg wurde ja schon bei „Black Out – Morgen ist es zu spät“, wo es um den Zusammenbruch der Stromversorgung geht, für seine profunde Recherche von der Presse gelobt, Eschbach war Software-Entwickler.

Elsberg geht in „Zero – Sie wissen, was du tust“ von der Quantified-Self-Bewegung aus, wo Nutzer (freiwillig) zum eigenen Vorteil und auch zum Vorteil von beteiligten Unternehmen persönliche Daten preisgeben: Das beginnt bei Bankomat- und Kreditkartenzahlungen, GPS-Positionen ihres Smartphones, Status-Updates in sozialen Netzwerken und hört bei der persönlichen Smartwatch auf, die Ernährungsverhalten und Körperfunktionen wie den Puls an das soziale Netzwerk „Freemee“ übermittelt. Der Nutzer kann freischalten, was übermittelt wird und er erhält dafür monatlich einen Geldbetrag überwiesen. Je mehr er freischaltet, desto mehr Geld wird überwiesen.

Im Roman analyisert das soziale Netzwerk „FreeMee“ diese Daten und berechnet mit Hilfe Tausender anderer vergleichbarer Nutzer Chancen und Risiken des eigenen Lebenswandels. Nutzer haben am Smartphone die „ActApps“ installiert, die laufend Tipps geben, das Leben hinsichtlich Karriere, Mode, Liebe und eben auch Lernen zu verbessern. Hält sich der Nutzer an die Tipps der ActApps, dann steigt er in Ranglisten auf, die öffentlich im Netz einsehbar sind. Diese Rangliste steigert die Motivation, die Tipps zu befolgen.

Zitat aus „Zero“:

„Ein Beispiel: Man kann den Leuten hundertmal sagen, sie sollen ihre Zähne besser putzen. Wirksamer wird es, wenn wir ihnen eine Belohnung dafür geben. Bei Freemee steigen deine Werte – du musst nur eine elektrische Zahnbürste haben, die an dein Konto senden kann, oder einen Sensor an deiner Bürste anbringen, der das übernimmt. Noch weiter angespornt werden die Leute durch den Wettbewerb. Zahnputzwettbewerb.« Er verdreht die Augen. »Innerhalb der Familie. Zwischen Freunden. Und natürlich der Blick in die Zukunft: ein lückenhaftes, faules Gebiss? Und so weiter. Gamification, der Einbau spielerischer Elemente. Und natürlich Priming, Framing, Mere exposure, Heuristiken nutzen oder falsche und ungeeigente korrigieren, kognitive Verzerrungen und Basisratenfehler ausmerzen, Anker-Effekte und so weiter, der ganze psychologische Werkzeugkasten – es ist das Kombinieren von Psychologie, Soziologie und IT, um letztlich Denken und Entscheiden zu automatisieren.«“

Science Fiction ist das nicht: Meine alte Zahnbürste vergibt bereits Sternchen für die Putzzeit, hier ist eine neue im Video.Zahnbuerste

WLAN-Körperwaagen gibt’s auch schon länger, nur ist die Vernetzung des „Internet der Dinge“ noch nicht einmal am Anfang angelangt. Es wird heute noch kein Zahnputz-Zeit Family-, Gemeinde-, Bezirksranking ins Internet gestellt, noch kein Gewichts-Contest Ranking durchgeführt. Oder doch?

Auch IT-averse Schichten wie (sehr viele) Politiker kennen Ranglisten und werden heute nach Anzahl ihrer Twitter-Follower bewertet, obwohl die meisten mit Twitter überhaupt nichts am Hut haben. Science Fiction ist das nicht, wir haben es nur noch nicht ausgebaut und für das Lernen in der Schule angewandt.

Was können wir heute realisieren? Elsbergs ActApp analysiert das Verhalten des Lernenden. Wie ernährt er sich? Wann und wie viel Sport betreibt er? Ist er ein Morgen- oder Abendmensch? Wie lange sitzt er, sieht er fern, spielt, fährt im Bus oder Zug? Intelligent programmiert könnte sie durchaus schon heute Tipps geben, um die Rahmenbedingungen für das Lernen (Schlaf, Bewegung, Ernährung) zu optimieren. Samsung, Garmin und Jawbone experimentieren damit und mit uns schon herum.

Zudem gibt es einheitliche Bildungsstandards. Die ActApp könnte also auch schon heute wissen, welches Lernthema in welcher Zeit in welchem Umfang zu bewältigen ist. Was noch nicht realisiert ist, ist die Vernetzung all dieser Dinge, um Lernen zu fördern.

Andreas Eschbach geht einen Schritt weiter und vereinfacht Lernen in zwei Etappen.

In Stufe 1 wird Nutzern ein „Lifehook“, das ist ein kleiner Chip, in die Nase gepflanzt. (Heutige Ansätze bei den Science-Blogs.) Dieser Lifehook wandelt Gehirnströme in Bits um und sendet diese via Mobilfunk an einen Internet-Browser oder an bis zu 20 andere Lifehook-Nutzer. So können via Gedanken Mails geschrieben, in Wikipedia nachgesehen und Gedanken und Gefühle von Freunden erlebt werden. Einem guten Ergebnis bei Klassenarbeiten und Tests steht also nichts mehr im Wege, wenn man die richtigen Freunde hat.

In einer zweiten Stufe wird die Begrenzung auf 20 Freunde abgeschaltet und der Nutzer wird Teil des gesamten Gedanken-Kollektivs aller Lifehook-Nutzer, Kohärenz genannt. Die eigene Persönlichkeit verblasst (ein wenig), dafür hat man Zugriff auf das Wissen, die Erfahrungen und Gefühle des gesamten Kollektivs. (Die BORG in Star Trek können das auch.)

Das hat natürlich auf manche Fernsehformate (wie die Millionenshow) und auf die Schule gravierende Auswirkungen. Eschbach schreibt:

„Schule war unnötig, wenn man der Kohärenz angehörte. Man musste nichts lernen, man wusste schon alles, was die Kohärenz wusste.“

Somit wären wir am Ziel. Wer, außer der Bildungsindustrie, weil die damit Geld verdient und Jobs schafft, hat echtes Interesse am Lernen? Nur sehr wenige lernen, weil lernen geil ist. Lernen ist heute ein Mittel zum Zweck: Um eine Note, ein Zeugnis, einen Abschluss zu haben, um den Job zu erhalten, um Geld verdienen zu können, um Karriere zu machen und wenn das nicht geht, zumindest ein vernünftiges Leben führen zu können. Das Ziel ist meistens ein Stück Papier, manchmal Wissen, selten die Tätigkeit des Lernens an sich.

Den Stein der Weisen für das Lernen, den hat Eschbach auch nicht gefunden. Kreativität und die Liebe zu künstlerischen Tätigkeiten geht in der Kohärenz verloren. Und damit würden wir wieder dort landen, was Schule mangels zeitgemäßer Reformen ohnehin heute ist: „eine Unterrichtsvollzugsanstalt, in der wir von klein auf dressiert werden, uns zu unterwerfen, uns einzufügen und willig mitzumachen.“ (Zitat Franz Josef Neffe im Kommentar zu „Denke Wild„)

Eine Anmerkungen noch zu den Romanen: Natürlich geht es in keinem der beiden Romane um Lernen, sondern um Missbrauch von Technik zur Überwachung und Manipulation von Gesellschaften. Vielleicht sind sie auch hilfreich, genervte Eltern im Umgang mit ihren Smartphone-Zombies der Generation Smartphone zu unterstützen. Beide Romane sind fundiert recherchiert, spannend, wahre Pageturner und für Jugendliche geeignet. Elsberg hat mich als „Technikbegeisterten“ auf den Boden zurückgeholt. Fazit: Lesenswertes von den zwei kleinen Brüdern des großen Bruders (Orwell’s 1984).

Marc Elsberg: „Zero – Sie wissen, was du tust„, Blanvalet, 2014
Andreas Eschbach, „Black*Out„, Arena, 2010
Andreas Eschbach, „Hide*Out„, Arena 2011
Andreas Eschbach, „Time*Out„, Arena 2012

Remo Largo und die gelungene Schulzeit

Eine sehr schöne Beschreibung darüber, was eine gelungene Schulzeit ausmacht, findet sich im Buch „Jugendjahre“ von Remo Largo und Monika Czernin (S. 284):

„Unabhängig davon ob der junge Erwachsene das Gymnasium, die Realschule oder die Hauptschule besucht hat, konnte er in der Schule alle wesentlichen Fähigkeiten entwickeln, insbesondere seine Stärken, also diejenigen Fähigkeiten, auf die er seine zukünftige Existenz aufbauen wird. Er hat gelernt mit seinen Schwächen umzugehen und diese als ein Teil seines Wesens zu akzeptieren. Er weiß, dass die Schwächen ihn wohl einschränken, er aber sauf seine Stärken vertrauen kann. Er hat sich Fertigkeiten, Wissen und Lernstrategien angeeignet, die zukunftsgerichtet sind. Er verfügt über ausreichend entwickelte soziale Kompetenzen sowie eine Sinn für die Gemeinschaft und ihre ethischen Werte. Schließlich hat er ein gutes Selbstwertgefühl erwerben können. Denn er war sozial von Lehrern und Mitschülern immer akzeptiert, die schulischen Anforderungen waren für ihn meist zu bewältigen sie waren überwiegend mit Erfolg verbunden. Mit einem guten Selbstwertgefühl kann seine Zukunft mit der Überzeugung in Angriff nehmen: Ich werde mich in dieser Gesellschaft behaupten.“

Prozentuell würde ich schätzen, dass ein Hauptteil des Unterrichts an der Berufsschule sich mit „Wissen“ beschäftigt, dazu ein wenig die „Fertigkeiten“ geübt werden und alles andere ein wenig nebenher und nebenbei läuft. Und wir wissen alle, was es heißt, wenn wir so „nebenbei“ eine Aufgabe erledigen sollen, oder?

Largo beschreibt die Schule an sich ist eine Vermittlerin zwischen den Generationen (S. 283). Wissen, Fertigkeiten und Bildungsinhalte, die eine ältere Generation geschaffen und bewahrt  hat, soll an die nächste Generation weitergegeben werden. Demzufolge ist die Schule eine durch und durch konservative Einrichtung, die hauptsächlich auf Vergangenes fokussiert.

Seit fast 20 Jahren ändert sich unsere Gesellschaft durch die Informationstechnologie rasant. Es ist an der Zeit, den Inhalt der Lehrpläne und die Struktur der Schulen in Frage zu stellen. Bildungspolitiker können sicherlich schlüssig beweisen, dass sie durchaus „den Fortschritt“ in den Lehrplänen verankert haben und jede Menge Geld für „fortschrittlichen Unterricht“ ausgeben. Gleichzeitig möchte man aber nicht auf Althergebrachtes verzichten und so haben wir den Effekt, dass die Lehrpläne immer voller und die Freizeit der Jugendlichen immer weniger wird. Wo früher drei Fragen über ein Thema mündlich geprüft wurden, ist heute die x-te Präsentation, am besten mit Prezi, weil Powerpoint nicht genug ist, zu halten. Abzuliefern ist zusätzlich ein pippifeines Tipp-Top-Handout, das ausschließlich Creative-Commons-Bilder verwendet und zwingend einen QR-Code für den Link zu slideshare enthalten muss. Alles termingerecht auf der Lernplattform hochzuladen, versteht sich.

Gleichzeitig tönt es aus den Konferenzzimmern: „Die Schularbeit, die ich vor 15 Jahren gegeben habe, die könnte ich ja heute überhaupt nicht mehr geben. Alle würden sie durchfallen…“. Als ob die Jugendlichen jedes Jahr ein wenig dümmer weniger leistungsfähig werden würden. „Nein“, tönt es, „nicht alle. Die sind heute viel unkonzentrierter und haben so viel anderes im Kopf: Handy, Facebook, SMS, Computerspiele usw.“ Dabei übersehen wir Alten, dass wir es sind, die jedes Jahr ein bisschen mehr in die Köpfe reinpressen wollen.

Largo meint, die Schule hat auch ein biologisches Problem: Jugendlichen sind ihre Kompetenzen in der Pubertät egal: Das Zusammensein und das gemeinsame Erleben ist wichtiger als die eigenen Begabungen. Selbstverwirklichung hat in diesen Jahren keine Priorität. Viele Aktivitäten werden nur aus sozialem Engagement heraus unternommen, um Anerkennung zu ernten und sozialen Status zu erlangen. Leidenschaft und innerer Antrieb sind keine Gründe mehr für Leistung.

Im Kapitel „Gesellschaft“ (S. 342) meint Largo:

„Wir dürfen uns auch nicht von der Illusion verführen lassen, wir würden es mit irgendwelchen Lernprogrammen schaffen, dass es keine schwächer begabten Kinder und Erwachsene mehr geben wird. Wir sollten vielmehr die Vielfalt an Begabungen möglichst optimal nutzen. Für die Schule heißt das, die Talente der Kinder in der ganzen Breite zu fördern, und für die Gesellschaft bedeutet es, jedem Menschen mit entsprechenden Rahmenbedingungen zu einem existentiellen Auskommen und sozialer Integration zu verhelfen.“

Früher hat es Jugendliche gegeben, die ihre Schulpflicht in der 3. Hauptschule erfüllt haben und Hilfsarbeiter wurden. Oder denen später „der Knopf aufgegangen ist“ und die Versäumtes nachgeholt haben. Jetzt gibt es eine Ausbildungsgarantie. Für uns Lehrer heißt das: Ausbildungspflicht. Das heißt, dass die Zusammensetzung von leistungsfähigen bzw. weniger leistungsfähigen Jugendlichen im Klassenzimmer noch mehr als bisher auseinanderdriftet. Der Satz von Wolf Müller-Limmroth (Weltwoche 1988) über die Aufgabe des Lehrers war damals schon treffend und trifft’s heute noch mehr:

„Die Aufgabe des Lehrers ähnelt daher der eines Menschen, der eine Wandergruppe mit Spitzensportlern und Behinderten bei Nebel durch unwegsames Gelände in nordsüdlicher Richtung zu führen habe, und zwar so, dass alle bei bester Laune bleiben und möglichst gleichzeitig an drei verschiedenen Zielorten ankommen.“

Es liegt an uns Lehrern, den Irrsinn mit den überladenen Lehrplänen zu stoppen und jedes Jahr ein wenig mehr in die Hirne reinstopfen zu wollen, die allein aus biologischen Gründen (Pubertät, Veranlagung) nicht wollen (oder können). Nur weil wir selbst so manche Sachen in unserer Schulzeit erlernt (gepaukt und wieder vergessen) haben, so müssen wir das unserer Jugend nicht auch antun. Aber seien wir ehrlich: Es ist leichter und pfleglicher für den Job, aus schön aufbereiteten Lehrbüchern lehrplangemäß zu unterrichten, als den Mut zu haben, sich auf Neues einzulassen. Doch was spricht dagegen? Die Karriere kann’s wohl nicht sein? Direktor will selten noch wer werden und eine Karriereleiter, die wir uns verbauen könnten, gibt’s für uns Lehrer ja sowieso nicht. Was hindert uns daran, den Jugendlichen „Wissen, Fertigkeiten und Lernstrategien“ zu vermitteln, Schülerinnen und Schülern soziale Kompetenzen und ethische Werte zu vermitteln und dafür auf Unsinnigkeiten im Lehrplan zu verzichten?

Jugendjahre„Jugendjahre“ von Remo Largo und Monika Czernin ist empfehlenswert für Eltern und Lehrerinnen, die mit Jugendliche im Alter von 9 – 20 klar kommen möchten. Nach der Lektüre wird der Alltag etwas problemloser. Versprochen!!

Obige Zitate sind aus dem kurzen Kapitel Schule entnommen. Auf den anderen 300 Seiten geht es um die Entwicklung von Jugendlichen  in Bezug auf Körper, Sexual- und Sozialverhalten, Sprache, Denken, Motorik, Schlaf, Clique, Selbstverwirklichung, Gefahren und um ihr Umfeld punkto Eltern und Gesellschaft.

Remo H. Largo, Monika Czernin: Jugendjahre. Kinder durch die Pubertät begleiten. Piper Verlag, München und Zürich, 2013.

Fernstudium: Für Hausarbeiten recherchieren

Beim Master für Bildung und Medien an der Fernuni Hagen habe ich die erste Hausarbeit zum Thema „Weblogs als neues Kommunikationsmedium in der Bildungswissenschaft“ im vorigen Semester ganz gut über die Bühne gebracht. Heute bin ich in der Endphase des zweiten (von sieben) Modulen. Das Thema dieser Hausarbeit ist: „Bildungs- und kommunikationswissenschaftliche Voraussetzungen für den Einsatz von neuen Lehr- und Lernformen“. In der Arbeit behandle ich schwerpunktmäßig den Einsatz von Neuen Medien inklusive sozialen Netzwerken in der Berufsschule, bespreche die Voraussetzungen auf die Lernenden, Lehrenden und die Bildungsträger. Behandelt werden dabei etwa die Gesichtspunkte Medienkompetenz, Ausbildung der Lehrenden und die Eigenheiten der computervermittelten Kommunikation. Im Ausblick male ich ein Zukunftsmodell für die Berufsschule.

Quelle: http://www.flickr.com/photos/thedepartment/137413905/
Quelle: flickr

Die Module im Masterstudium sind so aufgebaut, dass zuerst die Studenbriefe per Post zugestellt werden. Via Moodle gilt es dann, kleinere Aufgaben zu lösen, die einen Umfang von 4 – 8 Seiten haben. Gegen Ende des Moduls wird der Titel der Hausarbeit bekanntgegeben. Im Modul 2 wurde die Aufgabenstellung per Post am 15. Juli zugestellt, am 23. September spätestens ist die Arbeit an das Prüfungsamt ausgedruckt und gebunden zu schicken. Begleitend gibt es eine exzellente Online-Betreuung, die meist innerhalb weniger Stunden auf Fragen antwortet.

Die Art des Studiums, vor allem die Vielzahl von Recherchemöglichkeiten waren vor 10 Jahren noch nicht möglich gewesen. Heute gibt es jede Menge Online-Werkzeuge, die ein vernünftiges Arbeiten von zuhause aus ermöglichen. Derzeit verwende ich folgende Tools:

Suche

  • Google: Suche nach einem Begriff (zum Beispiel „Medienpädagogik“) mit dem Zusatz „filetype:pdf“. Wenn das Dokument ein Literaturverzeichnis hat, dann taugt es auch meist für die Hausarbeit. Die Einträge im Literaturverzeichnis sind wiederum gute Schlagworte für die weitere Suche. Auch Einträge, die nicht „Online“ gekennzeichnet sind, sind häufig im Netz zu finden. Zumindest bei meinem internet-lastigen Studium.
  • scholar.google.de: Die wissenschaftliche Suchmaschine von google. Hier lade ich die mit „pdf“ gekennzeichneten Einträge herunter.
  • books.google.com: Mit der „Advanced Book Search“ suche ich nach geeigneten Büchern bzw. Zeitschriften. Die Option „Full View Only“ grenzt zwar stark ein, dafür hat man dann aber auch das ganze Buch zur Verfügung. Meist genügt aber auch die „limited preview“, weil ja oft nur einzelne Kapitel benötigt werden und es ein blöder Zufall wäre, wenn Google ausgerechnet das gesuchte Kapitel nicht frei schaltet. Und wenn – dann gibt es auch andere Bücher. Wer (so wie ich) gerne mit Ausdrucken arbeitet, der könnte im Firefox „Greasemonkey“ mit dem „Google Book Downloader“ und „Flash Got“ verwenden. Die drei Tools laden beliebige Seiten herunter, danach kann immer noch entschieden werden, wo und wie man sich das Buch ausleiht (oder kauft).
  • Weitere wissenschaftliche Suchmaschinen habe ich unter: http://delicious.com/pruwer/science+suchmaschine gesammelt, weitere sind unter http://www.llek.de/ zu finden.
  • Empfohlen wurde mir paperc.de. Nach einer kostenlosen Registrierung können Bücher online gelesen werden und gegen geringe Gebühr seitenweise heruntergeladen werden.
  • Für heruntergeladene ebooks (von denen immer mehr frei verfügbar sind, siehe www.delicious.com/pruwer/ebooks), drucke ich mir das Inhaltsverzeichnis aus und lege es in einem Inhaltsverzeichnis-Ordner zur weiteren Kennzeichnung für lesenswerte Kapitel ab.
  • Die Universitätsbibliothek der Fernuni-Hagen bietet via VPN bzw. Proxy Zugriff auf Volltextdatenbanken und Vollzugriff auf elektronische Zeitschriften. Immer wieder laufen begrenzte Tests, zum Beispiel aktuell „Oxford Scholarship“ und „Education Research Complete“.

Verwaltung

  • Firefox-Plugin Zotero: Zotero sammelt, verwaltet und sortiert Dokumente, erstellt Zitate und Einträge für das Literaturverzeichnis. PDF-Sammlungen sind mittels „pdftotext“ und „pdfinfo“ durchsuchbar. Jedes interessant erscheinende Online-Dokument trage ich hier ein, Zotero lädt es herunter und speichert es lokal ab. Per Rechtsklick wird (sehr oft) ein Literaturverzeichniseintrag erstellt. Auch Bücher können per Titel oder ISBN hinzugefügt werden. Ein Sync mit dem Zotero-Server wäre möglich, nutze ich aber nicht.
  • Delicious: Mit Delicious verwalte ich meine Fundstücke. Für gängige Browser gibt es Bookmark-Addons. Übrignes findet sich die Materialsammlung für die oben beschreibene Hausarbeit unter www.delicious.com/pruwer/modul2.
  • Citavi: Wärmstens empfohlen wurde mir Citavi, eine Literatur- und Zitateverwaltung. Die Gratis-Version werde ich im Herbst ausprobieren.
  • Ebenfalls ausprobieren möchte ich citeulike, mit dem Online-Publikationen verwaltet werden können, das aber um eine Empfehlungskomponente erweitert wurde

Beim Schreiben der Hausarbeit habe ich die Firefox-Extension LeechBlock in Betrieb. Seiten, mit denen ich wertvolle Zeit vertrödele, wie zum Beispiel Nachrichten, Blog-Reader, Facebook, ebay und amazon können damit prima minutengenau limitiert oder für Stunden unerreichbar geschaltet werden.

Zur Erstellung von Haus- oder Seminararbeiten bis hin zu Dissertationen sind folgende zwei Bücher empfehlenswert:

Gleichgültige Schwämme?

„Sind Sie sich darüber im Klaren, dass täglich etwa fünfhundert Stunden Radio und Fernsehen über die verschiedenen Kanäle verbreitet werden? Wenn Sie nicht schlafen und nichts anderes tun würden, könnten Sie nicht einmal ein Zwanzigstel der Unterhaltung verfolgen, die per Knopfdruck verfügbar ist! Kein Wunder, dass die Menschen gleichgültige Schwämme geworden sind, die alles aufnehmen, aber niemals selber etwas erschaffen. Wussten Sie, dass die Menschen jetzt im Durchschnitt drei Stunden täglich fernsehen? Bald werden sie überhaupt kein eigenes Leben mehr haben. Es wird eine Vollbeschäftigung sein, die verschiedenen Familienserien im Fernsehen zu verfolgen!“

Kommt Ihnen bei diesem Text etwas seltsam vor? Ja? Zum einen sind das die 500 Stunden Radio und Fernsehen, die täglich gesendet werden. Das wäre ja nur knapp 24 Sender, bei einem 24-Stunden-Programm. Also viel zu wenig. Und wie viele Stunden sieht der Durchschnittsoberösterreicher fern? Wirklich drei Stunden täglich? Tatsächlich sehen 66 % eine bis drei Stunden täglich fern (BIMEZ-Studie 2009).

Geschrieben hat diesen Text Arthur C. Clarke im Roman „Die letzte Generation“, und zwar im Jahr 1953. Was ist aus uns geworden, nach über 50 Jahren Fernsehen? Gleichgültige Schwämme? Können wir es uns noch vorstellen, tagtäglich 2 – 3 Stunden vor der Kiste zu sitzen und passiv zu konsumieren? Greifen wir zum Buch oder zur Zeitung, wenn „gerade nichts im Fernsehen ist“?

Oder läuft nebenbei das Net- oder Notebook und der Fernseher ist nur Hintergrundkulisse. Oder sehen wir uns gezielt Beiträge via TV-Thek an und genießen dabei, nicht warten zu müssen, bis der spannende Beitrag, den wir sehen wollen, endlich kommt. Oder lieben wir es, auch am nächsten oder übernächsten Tag via Internet versäumte Beiträge anzusehen, weil wir gestern oder vorgestern was besseres zu tun hatten,  als um 22:30 einzuschalten oder den Rekorder zu programmieren. Mögen wir es, im Zug fernzusehen, beim Umsteigen das Programm anzuhalten und dann wieder weiterzumachen? Oder stellen wir uns unser eigenes Programm mittels DVD,  Podcasts, Hörbücher und Blogs zusammen und verzichten weitgehend auf den Programmredakteuer, der fünfzig Jahre lang bestimmt hat, was uns heute, jetzt und hier zu interessieren hat?

Oder produzieren wir sogar selbst Content via Youtube, Facebook, Twitter, Flickr, Friendfeed, schreiben in Blogs, Wikis und WasDaNochKommenMag. Und ist das hier ein weiterer Science-Fiction Beitrag oder die Wirklichkeit? Für wen ist das die Wirklichkeit?

Nach einer Microsoft-Studie wird im Juni 2010 das Verhältnis Fernsehen – Internet kippen: Wir Europäer werden erstmals mehr Zeit im Internet als vor dem Fernseher verbringen. Im Durchschnitt.

Gleichgültige Schwämme? Ja, das war vielleicht mal. Geschichte.

Genies werden nicht geboren, sondern haben nur hart gearbeitet

Prof. Carol Dweck

Carol Dweck beschreibt in Ihrem 2006 erschienen Buch „Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt“ den Unterschied zwischen dynamischen und statischem Selbstbild. Die Idee hinter dieser Theorie ist verführerisch einfach, lässt sich vielfach belegen und im Alltag oft beobachen.

Das Selbstbild ist die Vorstellung, die jemand von sich selbst hat und misst sich auch am Wunschbild, wie jemand sein möchte (siehe Wikipedia).

Menschen mit statischem (=nicht empfehlenswertem) Selbstbild denken so:

  1. Intelligenz: Intelligent ist der, der etwas schnell und perfekt erledigen kann oder dem etwas leicht fällt, was andere nicht können. Bei Schwierigkeiten schwindet das Interesse am Thema rapide.
  2. Niederlagen und Rückschläge: Misserfolg heißt: „Dazu bin ich nicht intelligent genug, dazu habe ich zuwenig Talent. Es lohnt sich nicht, dafür zu lernen.Wenn Erfolg Intelligenz und Talent bedeutet, dann muss Misserfolg das Gegenteil bedeuten.
  3. Genies: Es gibt festgefügte Eigenschaften die angeboren sind („Talente“). Deshalb gibt es echte Genies, denen alles in den Schoß fällt. Echte Genies werden geboren.
  4. Ergebnis: Es reicht nicht, erfolgreich zu sein. Das Ziel ist, perfekt und besser als die anderen zu sein.
  5. Erfolg: Kraft wird aus dem Vergleich mit anderen Menschen bezogen. Es geht darum, besser zu sein, erfolgreicher und überlegener zu sein. Dies muss ständig bewiesen werden.
  6. Motto: Die Welt ist in Gewinner und Verlierer eingeteilt, in Schwarz oder Weiß, in Gut oder Schlecht.

Dwecks optimales Selbstbild ist das dynamische, das beispielsweise folgende Merkmale bzw. Aussagen aufweist:

  1. Intelligenz: Menschen mit dynamischen Selbstbild fühlen sich intelligent, wenn etwas schwierig ist und sie arbeiten müssen, um es hinzubekommen bzw. erst nach und nach dahinterkommen, wie etwas funktioniert.
  2. Niederlagen: Nach Niederlagen, Rückschlägen oder Versagen wird härter und entschlossener auf das Ziel hingearbeitet. Rückschläge sind ein Weckruf seine Strategie zu ändern.
  3. Genies: Genies werden nicht geboren, ein Genie hat Zeit seines Lebens hart gearbeitet.
  4. Ergebnis: Die eigene Arbeit ist viel wert, egal wie das Ergebnis aussieht.
  5. Erfolg: Erfolg ist, wenn das Beste gegeben wurde und was dabei gelernt wurde.
  6. Motto: „Wenn Du dich jeden Tag anstrengst, ein bisschen besser zu werden, wirst du über einen längeren Zeitraum viel besser.“; Die Welt ist in Lerner und Nicht-Lerner eingeteilt.

(Soweit eine absolut komprimierte Kurzfassung. Zum näheren Verständnis unbedingt das Buch lesen. Es ist die Zeit wert.)

Ich denke, dass sich bei der Beschäftigung mit Software ein dynamisches Selbstbild ganz gut generieren lässt.Wenn ich die Zeit zum Jahr 1983 zurückdrehe, als ich meinen ersten „Heimcomputer“ geschenkt bekam, dann faszinierte mich vor allem die Möglichkeit, dass ich mit genügend Wissen, Ausdauer und harter Arbeit dasselbe programmieren konnte, was es so in den Läden an Software zu kaufen gab bzw. in Zeitschriften zum Abtippen („Listings„) veröffentlicht wurde, so nach dem Motto „Dort wird auch nur mit Wasser gekocht.“ Deshalb sind Computer faszinierend. Jeder von uns hat alle Möglichkeiten, wenn er sich anstrengt. Menschen mit statischem Selbstbild knien nieder und sagen: „Das schaffe ich sowieso nicht, ich habe kein Talent für Computer. Ich bin kein Computergenie.“ Menschen mit dynamsichen Selbstbild sagen: „Wenn ich genügend Zeit investiere, dann schaffe ich das auch. Und wenn es Jahre dauert.“ Heute ist es einfacher denn je: Beispielsweise hat jedes Werk, das auf youtube hochgeladen wird, das Potential, ein virales Video zu werden.

Lässt sich das auch im Unterricht nutzen?

Sicher. Mittels kurzer Sequenzen könnten Schüler einen Impuls bekommen, der sie ein klein wenig in die Richtung eines dynamischen Selbstbildes bringen kann. Man nehme eine relativ einfache Web2.0-Anwendung, zum Beispiel Animoto, Storybird, SumoPaint, Prezi oder ein Wiki, einen Blog usw. und initiiere ein Unterrichtsprojekt. Schüler mit statischem Selbstbild scheitern oft schon bei der Registrierung, der ersten Hürde. An einem Satz, den sie nicht verstehen oder an der-„Ich kenne mich nicht aus“-Oberfläche. Schüler mit dynamischen Selbstbild sagen: „Hey, das ist neu, am Anfang sicher schwierig. Los geht’s, machen wir was.“

Die Idee ist nun, das alle Schüler die gleichen Voraussetzungen haben (… wer kennt schon Prezi? …) und einige relativ rasch Ergebnisse erzielen werden, während andere weit hinterherhinken. Die Vorausgaloppierenden sollten Zeit bekommen, den anderen ihre Fortschritte vorzuführen, aber nicht nur das Ergebnis, sondern wie sie es gemacht haben und was sie ausprobiert haben, bevor es zum Ergebnis führte. Das kann in Kleingruppen geschehen. Alle werden merken, dass sich mit systematischen Herumprobieren in kurzer Zeit ganz gute Ergebnisse erzielen lassen.

Allheilmittel ist das natürlich keines. Aber vielleicht ein Weg, der versuchsweise mal begangen werden könnte. Vielleicht erwischt man dabei einige Schüler, die mit Playstation & Co ganz gut umgehen können, mit traditionellen Lehrmethoden aber nicht.

(Nachtrag: Danke an Vera F. Birkenbihl für den Buchtipp!)