Die Birkenbihl-Methode zum Sprachenlernen

Während ich diese Zeilen schreibe, läuft im Hintergrund via itunes das Kapitel 3 des italienisch-Kurses in einer Endlosschleife. Ich weiß nun, dass ich die Italienisch-Lektionen viel zuwenig passiv gehört habe. Der Clou beim Passiv-Hören ist nicht, das Handy ständig dabeizuhaben um beim Zähneputzen oder beim Geschirr Abwaschen mal kurz einige Minuten Italienisch zu hören.

(Dies ist ein Fortsetzung zum Blog-Beitrag:  Ohne Grammatik eine Sprache lernen)

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Karin Holenstein (protalk.ch)

Karin Holenstein von protalk empfiehlt täglich mindestens 30 Minuten, besser eine Stunde und länger passiv zu hören. Sie selbst hat Englisch und Französisch mit der Birkenbihl-Methode gelernt und perfektioniert und weiß daher, wovon sie spricht. Seit einigen Jahren unterrichtet sie mit der Birkenbihl-Methode Erwachsene und Primarschüler in Englisch und begleitet ihren Sohn parallel zum Schullehrmittel.

Von einem Seminar bei protalk am Sanstag bin ich mit folgenden Tipps  zurückgekehrt:

  • Viele Personen lernen ausschließlich mit der Birkenbihl-Methode. Als Variante können nach einigen Lektionen zusätzlich andere Lernmethoden angewandt werden. Dies können Lehrbücher, Sprachcafès (der Volkshochschulen), DVD’s, Podcasts oder Ähnliches sein. Für mich als Italienisch-Einsteiger war der Birkenbihl-Kurs in den ersten 5 Lektionen genau richtig: Lernen fällt leicht und fast nebenbei wird ein beachtlicher Wortschatz und ein Gefühl für die Sprache aufgebaut.
  • Die Methode wirbt mit: „Sprachen lernen ohne Grammatik“, aber: Übungsbücher, Grammatikbücher usw. sind trotzdem erlaubt, wenn man will. Dieser Tipp freute mich: Ich will mal kurz nachschlagen, wie die Mitvergangenheit eigentlich gebildet wird. Oder ich will eine übersichtliche Darstellung von „ich – du – er – sie – es – wir – ihr – sie“ haben. Es ist mir auf Dauer zu anstrengend, aus den Beispiellektionen die Grammatik zu abstrahieren und Regeln herauszulesen. Da helfen zusätzliche Lernmittel sehr.
  • Karin erzählt, sie hat die Lektionen oft stundenlang gehört: CD-Player auf Endlosschleife und die Lektion läuft den ganzen Vormittag.
  • Wenn das passive Hören nervt: Lautstärke runter.
  • Es ist hilfreich, sich aufzuschreiben, wie lange die jeweiligen Lektionen passiv gehört wurden. Nach und nach bekommt man ein Gefühl, welche Laufzeiten notwendig sind. Karin zeigte uns ein Protokoll einer Schulklasse, bei der einzelne Lektionen von 20 bis zu 465 Minuten gehört wurden, je nach Länge der Texte.
  • Falls beim Schritt 4 der Birkenbihl-Methode (Sprechen/Schreiben/Lesen) Probleme auftreten, dann wurde zuwenig passiv gehört. Daher: Einen Schritt zurückgehen und noch länger passiv hören.
  • Ein Vorteil der Birkenbihl-Methode ist, dass bestimmte Themen, die in den einzelnen Lektionen vorkommen, wie im Schlaf beherrscht werden. Der Lerner kann ziemlich viel dazu in geschliffenen Sätzen sagen – er hat sie ja oft genug gehört.
  • Zugleich sind diese Lektionen eine Basis zum weiterlernen mit anderen Methoden. Wenn diese Basis im Gehirn gesetzt wurde, dann können neue Informationen relativ leicht in dieses Wissensnetz eingewebt werden. Karin hat dies in einem Leserbrief im Tagblatt (pdf) genau ausgeführt.
  • Eine nette Übung ist die Stopp-Technik: Der Lektionstext wird von Lernpartner A dem Lernpartner B vorgelesen. A stoppt mitten im Satz und B spricht (aus dem Gedächtnis) weiter. Kann B das nicht, wurde zuwenig passiv gehört. Mangels Lernpartner werde ich wen bitten, die MP3 von Zeit zu Zeit zu stoppen.

Bis ich selbst diese Methode im Klassenzimmer anwende, werden noch einige Monate ins Land ziehen. Zuerst möchte ich selbst sagen können, dass ich Italienisch mit Hilfe der Birkenbihl-Methode gelernt habe. Über Höhen und Tiefen werde ich in diesem Blog berichten.

Übrigens: Online-Sprachenkurse nach dieser Methode in Englisch, Spanisch und Französisch sind unter www.birkenbihl-sprachen.com erschienen. Einige Probekapitel können dort gratis ausprobiert werden, ansonsten kosten die Kurse ab € 69,00. Die Texte werden einem dort vorgelesen, parallel kann am Bildschirm die Wort-für-Wort-Übersetzung mitgelesen werden. Die Geschwindigkeit ist änderbar, MP3-Dateien können runtergeladen werden.

Wirklich preiswert sind aber die CDs (Englisch, Französisch, Italienisch, …) für € 9,90 bis € 14,80. Dass das Lehrbuch „nur“ als PDF beiliegt, empfinde ich als Vorteil: Ich habe mir die einzelnen Lektionen so ausgedruckt, dass ich meistens ein Blatt pro Lektion habe (Vor- und Rückseite, jeweils zwei Seiten auf einer A4-Seite). Übrigens sind die Texte der Sprachversionen Italienisch, Englisch, Spanisch und Französisch inhaltlich weitgehend ident, was für das Erlernen oder Auffrischen weiterer Sprachen von Vorteil sein müsste.

Wie Karin Holenstein die Birkenbihl-Methode im Klassenzimmer anwendet, ist ein eigenes Blog-Posting in den nächsten Tagen wert. Danke an Karin für’s Gegenlesen dieses Beitrags.

Erfahrungsbericht: Ohne Grammatik eine Sprache lernen

vfbsprachenIn der Schule habe ich Englisch und Französisch vermutlich so gelernt, wie eine Fremdsprache seit Jahren gelernt wird: Texte lesen, übersetzen, Grammatikstunden, Vokabel pauken, Lernfortschritt überprüfen, ab und zu ein wenig sprechen.

Die Birkenbihl-Methode verspricht, dass eine Fremdsprache, wenn sie gehirn-gerecht vermittelt wird,  mit 60 – 80 % Zeitersparnis im Vergleich zur alten Schulmethode gelernt werden kann. Ohne Vokabel zu pauken, ohne Grammatik-Regeln zu lernen, maßgeschneidert für den Lerner und mittels native speaker statt dialektlastiger Lehrer.

Für einige Sprachen (beispielsweise italienisch) gibt es diese Birkenbihl-Kurse, dazu das Buch „Sprachen lernen leicht gemacht„. (Anmerkung: In meiner Buchausgabe vom letzten Jahr wird ständig von Kassetten geschrieben, die kennen manche Jugendliche ja nicht einmal mehr. Aber vielleicht ist das in einer neuen Auflage schon korrigiert. Aber ansonsten ist das Buch zusätzlich zum Kurs ganz hilfreich.)

Die Methode fand ich interessant und so wollte ich sie mal ausprobieren, sinnvollerweise mit einer Sprache, die ich nicht konnte: Italienisch. Mittlerweile bin ich bei Lektion 5 (von 10) angelangt. Zeit für einen Zwischenbericht.

Wie die Methode funktioniert, kann im Blog „selbstverständlich Sprachen lernen“ prima zusammengefasst nachgelesen werden. Dafür ist hier kein Platz.

So bin ich vorgegangen:

  1. Die MP3-Files habe ich mir auf mein Handy kopiert. Damit war dieses „passive Hören“ jederzeit möglich: Beim Geschirr abwaschen, beim Dehnen nach dem Laufen, am Abend vor dem Einschlafen. Zugleich habe ich itunes während der Arbeit am PC oft kapitelweise in einer Endlosschleife laufen lassen. Passives Hören heißt: Du lässt die gesprochenen Texte im Hintergrund laufen, hörst aber selten bewusst zu.
  2. Ich habe immer versucht, den italienischen Text zu verstehen, indem ich aktiv zuhörte und den dekodierten Text mitlas. Dann erst begann ich, das Kapitel passiv zu hören. Das auf der CD enthaltene, extrem langsame Wort-für-Wort Soundfile habe ich nur 2-3 Mal angehört, dann bin ich immer zu Normalgeschwindigkeit gewechselt, ansonsten war es zu langweilig.
  3. Französisch und Englisch helfen immens, italienisch zu lernen: Der dekodierte Text ist bei mir vollgemalt mit Parallelen zu anderen Sprachen: abita-wohnen-habiter, lavoro-Arbeit-labour, trasferiti-übersiedeln-transfer, recente-kürzlich-recent, precisi-präzise, venuto-gekommen-venir, Infatti-in der Tat-as a fact, certe-gewisse-certain, …
  4. Anfangs war es lustig, in Alltagssituationen mit einigen italienischen Brocken um mich zu werfen: Mein Kleiner sagt jetzt regelmäßig „Tutto bene“ oder „Salve“.
  5. Diese Wort-für-Wort-Übersetzung musste ich dann doch alle paar Tage wieder auffrischen, ansonsten vergaß ich die Wortbedeutungen relativ rasch wieder.
  6. Das passive Hören hat einen wunderbaren (oder unheimlichen) Effekt. Manchmal träume ich italienische Sätze. Dann wiederum mähe ich den Rasen und es kreist ständig der Satz „Almeno ci provo“ im Kopf herum. Blöderweise hatte ich zu diesem Zeitpunkt vergessen, was das heißt (nämlich: „Zumindest versuche ich es“), aber ich bekam den Satz nicht mehr aus dem Kopf. Das ist schwierig zu beschreiben, am ehesten vergleichbar mit einem Hit, den Du im Radio hörst und der Dir im Kopf herumschwirrt.
  7. Ich habe Schwierigkeiten, die Bedeutung kurzer Wörter wie i, è, e, ci, che, di oder lì zu groken. Aber ich kann mich schon prima vorstellen, fragen wo der andere herkommt und sagen, wo ich herkomme. Und ich kann fast akzentfrei Sachen sagen wie „Imparare è semplice e divertente con il metodo guisto“ („Mit der richtigen Methode ist Lernen einfach und macht Spaß“).
  8. Ich habe von italienischer Grammatik keine Ahnung, glaube ich. Ich, Du, Er, Sie, Es, Wir, Ihr, Sie? Io, Lei, ci, ??? Pronomen? Naja, mio, und dann? Einige Sätze sind in der Vergangenheitsform, irgendwas mit o hinten dran? Kann ich nur vermuten. Das ist ungewohnt, sehr ungewohnt. (Zumindest „Ich, Du, Er, Sie, Es, Wir, Ihr, Sie“ sollte ich doch auswendig können, oder?)
  9. Selbstverständlich genieße ich es, dass ich für mich selbst lernen kann, ohne dass mir ein Lehrer, Trainer oder Kursleiter im Nacken sitzt und Ergebnisse und Lernfortschritte sehen will.

Was mir bei dieser Methode fehlt, ist das Re-Konstruieren von Wörtern, denn damit lerne ich selbst am Besten. Bisher höre ich zu und quassle nach und quassle mit. Aber im Kurs ist nicht vorgesehen, Sätze oder Situationen aus dem Deutschen ins Italienische zu übersetzen. Ich überlege nie aktiv, wie ich was sagen könnte. Ich lerne die vorgegebenen Dialoge gründlich auswendig. Und so komme ich lt. Kursbeschreibung nach 10 Kapitel auf 800 Redwendungen und Vokabeln. Die Methode müsste ideal für jene Menschen sein, die behaupten, sie läsen sich Texte recht oft durch und dann können sie diese. Ich selbst muss mit Texten arbeiten, reflektieren, kategorisieren, muss sie zerlegen und wieder zusammenbauen. Das enthält die Methode nicht, dafür sind Übungsbücher notwendig, oder google-translate, oder italienisch-podcasts oder DVDs. Apropos DVDs: Mir ist aufgefallen, dass relativ wenige DVDs eine italienische Audiospur oder italienische Untertitel enthalten.

Fazit: Die Birkenbihl-Methode macht Spaß, lässt einen fast nebenbei in eine Sprache einsteigen. Ungewohnt sind die fehlenden Grammatik-Hinweise und die fehlenden Übungen.

Der nächste Zwischenbericht kommt nach den nächsten 5 Kapiteln. Morgen geht’s ab in die Schweiz zu protalk. Die zeigen uns, wie sie diese Methode im Klassenzimmer anwenden. Bin gespannt.

Für Birkenbihl Fans: signierte Star Trek Videos bei ebay

„Raumschiff Enterprise“ war für mich als Heranwachsender eine sehr prägende Fernsehserie (neben Mondbasis Alpha 1, Captain Future, Biene Maja, Heidi und Pippi Langstrumpf). Mit der Folgeserie „Star Trek – The Next Generation“ brauchte ich einige Monate Zeit, um davon begeistert zu sein. Und heute, mit meinen 37 Lenze, ist das Einlegen einer Star Trek DVD, egal ob Voyager, Deep Space 9 oder STTNG  ein feierlicher Akt.

Vera F. Birkenbihl ist auch ein großer Star Trek Fan, vielleicht ein größerer als ich. Und irgendwie kam es, dass ich ihr zu Star Trek einige Fragen stellen durfte, ein Wort ergab das andere und – hoppla – nun bin ich aufgrund ihres bevorstehenden Umzugs in eine andere Stadt in den Besitz ihrer Star Trek Sammlung gekommen. Alle Videokassetten wurden von Vera F. Birkenbihl vorige Woche handsiginiert. Die Kassetten sind englische Originale – PAL-System (also mit normalen Recordern abspielbar). The Next Generation, Deep Space Nine, Voyager. Einige davon versteigere ich bei ebay: Hier meine ebay-Angebote.

Was das Faszinierende an Star Trek sei, habe ich beim Interview gefragt. Und dann sind wir auf die Technologie in Star Trek, dann zu Babylon 5, Ally McBeal, The Closer und Mechanismen der Politik gekommen. Hier die komplette Interview-Serie, gefilmt mit meinem Fotoapparat (hatte nichts anderes dabei…):

Star Trek ist metaphorisch

Die Technologie bei Star-Trek


Ally McBeal, Mann-Frau und Grenzpersönlichkeiten

Amerika und die Mechanismen der Politik

Und hier das Signier-Beweisvideo 😉

Schlechte Lehrer wollen die Macht behalten

Sechs Stunden lang hörten einige hundert Lehrer am Freitag Vera F. Birkenbihl zu, als sie bei Ihrem jährlichen Besuch in Linz über „Neues von der Lernfront“ berichtete. Hier einige bemerkenswerte Aussagen:

Was ist der Unterschied zwischen Lernen und Pauken?

90 % des in der Schule gepaukten Wissens wird vergessen, Gelerntes bleibt. Viele von uns (aber nicht alle) haben in der Schule lesen gelernt, viele von uns haben in der Schule den Aufbau einer Zelle gepaukt. Alles klar? Also sollte sich jeder Lehrer grundsätzlich fragen, was in seiner Unterrichtseinheit gepaukt und was gelernt werden kann. Was hilft den Schülern im Leben? Was können sie wirklich lernen? (Siehe mein Beitrag vom Vorjahr: Das Wesentliche einer Unterrichtsstunde)

„Schlechte Lehrer wollen die Macht behalten“

Geben wir Lehrer den Schüler genug Kontingenz (=Wahlfreiheit)? Können Sie Ihren Lernerfolg manchmal selbst messen,  lassen wir sie durch Imitation lernen, sind wir gute Vorbilder beim Lernen, haben wir ein gut gefülltes Methodenrepertoire, sind wir ein Coach, der zum Lernen hinführt? Oder ist eine richtige Lösung ein Geheimnis, das der Schüler bei der Rückgabe seiner Arbeiten Tage später rot auf weiß erlebt? Halten wir die Schüler absichtlich klein, indem wir sie nicht nachschlagen und nicht nachlesen lassen? Indem wir Hintergrundinfos auf Arbeitsblätter zurechtstutzen, um sie nicht zu überfordern oder besser zu bleiben als die Schüler? Verbieten wir Wikipedia aus Angst, dass der Schüler mehr wissen könnte als wir? Fühlen wir uns als Dompteur, der Tiere dressiert, der sie mit Noten oder Gummibärchen belohnt, wenn sie zur richtigen Zeit hüpfen? Oder nehmen wir Rücksicht auf ihr individuelles Tempo?

Wir brauchen Außenlob nur, wenn wir uns mit etwas beschäftigen müssen, was wir nicht tun möchten.“

Fr. Birkenbihl betont immer wieder, dass Lehrer Opfer des Systems sind, nicht die Täter. Wir müssen also so unterrichten, wie wir unterrichten, weil das die Kollegen, die Direktion, der Inspektor, das Bildungssystem so will. Kleine Einschränkung von mir: Oder weil es anders einfach bequemer ist und wir uns noch nicht die Mühe gemacht haben, zu überlegen, ob es anders gehen würde? Oder weil wir noch nicht den Mut, die Kraft oder die Phantasie dazu hatten? Oder weil wir es mittlerweile leid sind, gegen den bürokratischen Wasserkopf anzukämpfen?

„Warum sortieren wir die Kinder nach Alter? Wir hätten sie besser nach Alphabet sortiert!“

Vera F. Birkenbihl plädiert für gemischte Klassen. Die jüngeren lernen von den Älteren. Die Älteren lernen, indem sie die jüngeren unterrichten. Die Lehrer können sich durch diese teilweise Entlastung um individuelle Förderungen kümmern. Und was machen wir in der Berufsschule? Wir trennen sie nicht nur nach Alter, wir trennen sie in einigen Fächern sogar innerhalb der Altersgruppe in „normale“ und „vertiefte“ Gruppe. Damit die lernschwachen wissen, dass sie lernschwach sind und keine leistungsstarken Vorbilder haben? Sehr intelligent, bravo dem Erfinder dieses Systems. So hält man Menschen klein, so züchtet man Burger-Brater.

Ein weiteres (sinngemäßes) Zitat, das auf breite Zustimmung stieß, zumal Betroffene nicht anwesend waren und die Veranstaltung abrechnungstechnisch ja ein reines Privatvergnügen war, für den etliche Lehrer einen Stundentausch mit ihren Kollegen veranstalten mussten:

„Eine Unterrichtsstunde in der Regelschule (=Pflichtschule) kostet zweimal soviel wie in einer Privatschule. Warum? Weil bei den Privatschulen der Wasserkopf der Verwaltungsbeamten fehlt! Gebt jenen Leuten kein Geld, die nicht unterrichten. Die haben im Bildungssystem nichts zu suchen!“

(Siehe dazu auch die brillianten Bilder von Dr. McLeod)

Natürlich bin ich aus dem 6-Stunden-Vortrag mit einigen Unterrichtsideen rausgegagen:

  • Auf meine Frage, was denn ein gutes Schulbuch ausmache, meinte Vera F. Birkenbihl: „80 % des Materials von Eliteschulen wird von den Schülern selbst erstellt. Lassen Sie doch den Schülern ihr bestehendes Schulbuch umschreiben.“
  • Ich werde in jeder Unterrichtsstunde kurze „Nachbarskonferenzen“ durchführen. Hier unterhalten sich zwei Schüler zu einem bestimmten Gedanken 30 – 60 Sekunden, mehrmals pro Unterrichtsstunde.
  • Meine Schüler werden mindestens einmal eine ABC-Liste von Tätigkeiten aufstellen, die sie gerne tun. Mit dieser werden wir arbeiten (Potentielle Jobs, Ziele, Interessensgebiete, Einbau in den Unterricht).
  • Wir werden im Englisch-Unterricht kurze Sketches einüben und die dann vorführen.
  • Ein Vorschlag war, den Schülern bei Test das Nachschlagen im Lernmaterial zu ermöglichen. Das muss ich noch überdenken. Argument dafür: Diejenigen, die nichts gelernt haben, schaffen die Aufgaben in der gegebenen Zeit nicht. Möchte ich mal ausprobieren. Wie, wann und wo? Weiß ich noch nicht.

Ein wesentlicher Grund für den Besuch dieser Veranstaltung ist für mich aber auch immer das Treffen mit Gleichgesinnten. Da sind allesamt motivierte Lehrer, die ihren Unterricht verbessern möchten, die interessiert und nicht neidvoll oder ängstlich sind, wenn es um eine Änderung des Unterrichtsalltags geht, die Neuem gegenüber aufgeschlossen sind und die auf ähnliche Weise ihren Unterricht ändern möchten.

Wem Birkenbihl einmal im Jahr zuwenig ist, der kann sich einer der Birkenbihl-Pilotgruppen anschließen, die in Österreich, Schweiz und Deutschland  existieren, sich regelmäßig treffen und immer Infos aus erster Hand erhalten. Ein Mail mit Kurzvorstellung an mich genügt, dann stelle ich gerne den Kontakt her.

Lehrer müssen Selbstversuche machen

Die Bücher und DVDs meiner Lieblingslehrerin brauchen fast einen Meter Platz in meinen Regalen. Das ist fünf- bis zehnmal soviel wie bei allen anderen. Wenn ich dann noch die Buchtipps dieser Frau dazuzähle, dann werden es fast zwei Meter. Damit ist diese Frau die meistgelesene Autorin bei mir. Sie ist auch dafür verantwortlich, dass mein Unterricht so ist, wie er ist. Gestern durfte ich diese Autorin zuhause besuchen. Also: Feiertag.

Gestern war ich bei Vera F. Birkenbihl. Zusammen mit einem Dutzend weiterer interessierter Lehrer holten wir uns eine mächtige Portion Motivation und etliche Unterrichts-Strategien für die nächsten paar Monate. Diese Treffen werden auf DVD aufgezeichnet und sind bei TwinEvents.de erhältlich.

Einge Sätze, Begriffe und Gedanken bleiben bei Treffen mit Gleichgesinnten immer hängen und schwirren einige Tage im Kopf herum. Einige davon sind

  • Lehrer müssen mehr Selbstversuche machen„. Wie ist das, etwas zu lernen, das völlig neu ist? Also eine Fremdsprache von Grund auf, eine Sportart wie z. B. Jonglieren, Malen, Stricken, … Einerseits geht es darum, mal wieder zu erleben, wie das ist, wenn man etwas nicht gut kann und dann besser wird. Andererseits geht es darum, durch Selbstversuche auszuloten, was einem als Schüler wirklich weiterbringt. Ist es das Ausarbeiten von Arbeitsblättern, die Angst vor einer mündlichen Prüfung, das zigfache Wiederholen oder das Kreieren eines Podcasts, einer Geschichte oder eines Rollenspieles zum Lernstoff?
  • „Je weniger wir eingreifen, desto besser kann der Mensch lernen.“ Im Einsteigerbereich ist es erwiesen, dass Kritik sich negativ auf das Lernen auswirkt. Welcher Schüler kann hier nicht etliche Beispiele aus dem Englisch-Unterricht geben?? Bei Fortgeschrittenen oder Profis können wir schon mal sagen: „Das spricht man xyz aus.“ Oder: „Deine Rückhand müsste x, y oder z sein.“ Hintergrund: Wir sollten die Schüler lernen lassen und sie dabei nicht stören. Wir stören mit gutgemeinten Tipps. Wohlgemerkt: Es geht hier insgesamt um das Lernen von Handlungen, wie z. B. Klavierspielen, Origami-Falten, Sprechen oder auch Jonglieren. Der Lerner sollte möglichst lange unbewusst lernen, indem er dem Bereich ausgesetzt wird. Ich habe hier noch das Bild vor Augen, wie zwei ältere Nachbarskinder meiner Tochter viele, viele, viiiiele gutgemeinte Tipps gaben, als sie das Fahrradfahren lernen wollte. Gelernt hat sie es erst, als keiner mehr zusah und keiner mehr, mich eingeschlossen, Tipps gab.Wenn sich der Lerner dem Lernstoff aussetzt, dann bildet er Regeln, die er unbewusst ständig überprüft, korrigert und anpasst. Birkenbihl nennt das „Abstrahieren“. Das macht der Mensch schon ewig, das lernte er vor 10.000 Jahren in der Savanne, bei der Interaktion mit anderen Menschen, deshalb sind wir dort wo wir heute sind. Je mehr der Lehrer den Schüler gängelt, korrigiert und kritisiert, desto schwieriger wird dieser Prozess. Gleichzeitig wird die lerngünstige Dopamindusche im Gehirn unterbrochen. Lernen wird mühsam, wird zur Qual, der Lehrer zum unliebsamen Zellengenossen. Schule von gestern.
  • Kontigenz: Lassen wir den Schülern Wahlfreiheit. Sie müssen Aufgaben lösen? Gut, aber 7 beliebige aus einem Pool von 10. Sie können eine Aufgabe auf diese oder jene Weise lösen. Ellen Langer, deren Leben gerade im Film „Counter Clockwise“ verfilmt wurde wird, hat herausgefunden, dass Leute in Altersheimen gesünder sind, wenn ihnen  nur ein kleines bißchen Wahlfreiheit zugestanden wurde. Lassen wir unseren Schülern genug Kontingenz? Oder arbeiten wir hart daran, sie zu beschränken? Was wollen wir? Starke Lerner oder pseudo-starke Lehrer? Dürfen sie ihre Aufgaben mal selber oder gegenseitig korrigieren. Können Sie auch mal ein Blatt im Querformat beschriften, wenn wir es selbst im Hochformat beschreiben? Dürfen Sie auch mal mit der Aufgabe 4 beginnen, wenn alle anderen mit der Aufgabe 1 anfangen? Oder wirft uns das aus dem wohlvorbereiteten, frontalen Unterrichtskonzept, aus dem Zeitplan oder macht unsere zu erreichenden Feinziele zunichte? (Ähm. Fällt mir jetzt erst auf, hätte beinahe „Feindziele“ geschrieben…)
  • 100 Tätigkeiten: Ja, wir haben gestern auch eine Hausübung bekommen. 100 Tätigkeiten aufschreiben, die unseren Kindern im Leben helfen, weiterzukommen. Diese Liste zeigen wir dann Schülern, denn es gilt: „Jeder Schüler kann irgend etwas besonders gut.“ Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich von meine Unterrichtsidee zum Thema „Talente“ schon hier geschrieben habe, aber ich fand nur den Eintrag „Talente fördern in der Klasse“ vom vorigen Jahr. Darum in aller Kürze: Zu Schulbeginn lasse ich den Schülern entweder anonym oder gemeinsam auf einem A3-Blatt ihre Talente aufschreiben. Zuerst gehört geklärt, was ein Talent ist, also z. B. Gedichte schreiben, Kochen, Haare oder Videos schneiden, LAN-Partys ausrichten, Blumen pflanzen usw. Danach versuche ich, einige dieser Talente im Unterricht einzubauen. Aufruf an alle Leser: Helft Ihr uns bei den 100 Tätigkeiten? Wäre nett. Kommentar ist da unten.

Veranstaltungshinweis: Am 10. Oktober kommt Vera F. Birkenbihl nach Linz in Oberösterreich. Eintrittskarten sind hier noch zu haben. Vielleicht sehen wir uns. Ich freu mich schon.

Nachtrag zu den Büchermetern zu Beginn des Beitrags:

Zugegeben: Isaac Asimov und Terry Pratchett kommen auch auf einen Meter, aber Bücher dieser beiden lese ich genau einmal und benutze sie nicht als Unterrichtsgrundlage.)

Roman über Bildungssystem als Podcast zum Download

„Stellt euch vor, dem Bildungssystem wird der Prozess gemacht und jeder kann zusehen.“ Ende Februar stellte Vera F. Birkenbihl ihren fiktiven Roman über diesen Prozess als Weblog-Experiment ins Netz. Jeder durfte (und sollte) kommentieren und kritisieren und anregen.

Nun gibt es Teile dieses Romans auch als Podcast zu hören: Bei Podcast.at ist heute die erste Folge von 19 erschienen. Lehrer müssen sich das unbedingt anhören, Bildungsverantwortliche sollten zusätzlich darüber nachdenken (***ähm***, ja, nun ja, hüstel).   Einer der wenigen Podcasts, wo es nicht notwendig ist, beim Anhören die Geschwindigkeit künstlich hochzudrehen (*grins*).