Neues von der Lernfront – Vera F. Birkenbihl

Vom gestrigen Seminar von Vera F. Birkenbihl hier einige erste Notizen und Gedanken:

  • Ein vermeintlich „spannender“ Unterrichtseinstieg, bei dem der Schüler im Ungewissen gelassen wird, worum es eigentlich geht, ist kontraproduktiv. (In der Lehrerausbildung habe ich es oft genug erlebt: Da wird eine Folie mit irgendeinem Bild aufgeklatscht und gefragt: „Worum könnte es heute gehen“. Ganz toll.) Besser ist: Geben Sie ihren Schülern einen Kurzüberblick über die Stunde. Erwähnen Sie bereits hier Begriffe, die nachher vorkommen. Arbeiten Sie so, wie die Fernsehzeitschriften arbeiten, wenn Sie einen Kurzüberblick über den Film geben.
  • Bei Regeln sollte immer gefragt werden: 1) Wem nützt diese Regel und 2) Hilft diese Regel auch in genau diesem Fall? Wird eine Regel zu oft hinterfragt, dann bitte die Methode wegwerfen – und nicht die Betroffenen.
  • Balsam für meine Seele war die Aussage über Baseballkappen im Unterricht: „Der kommt sich mit seiner Kappe clever vor. Und dann nehmen Sie ihm die Kappe weg! Das sind Methoden der Prügelschule, die brauchen wir nicht in der Wissensgesellschaft.“
  • Ein Mini-Rhetorik-Training (das sich prima für die Produktion von Schüler-Podcasts anwenden lässt): Einen Text immer wieder aufnehmen, dabei zwei Bänder verwenden. Auf Band 1 die Versionen 1, 15 und 25 aufnehmen, auf Band 2 alle anderen. Danach Erfolgskontrolle durch Vergleich der Versionen von Band 1. Der Fortschritt sollte extrem hörbar sein. Wichtig: Der Schüler gibt ab, wann ER will. (Praxisanwendung eher mit MP3-Player mit Mikro zB I-Pod mit ExtremeMicroMemo und anhören der entsprechenden Sprachmemos).
  • Frau Birkenbihl erwähnte den genialen Effekt, den Theateraufführungen für den Unterricht haben. Dazu haben wir in der Berufsschule leider kaum Zeit. Was ich aber demnächst realisieren werde: Mini-Clips in Englisch mit Video-Kamera aufnehmen. Für die ersten Clips werden wir mal das Englisch-Schulbuch mit diesen gekünstelten und oft völlig schwachsinnigen Dialogen persiflieren. Freu mich schon irrsinnig darauf. Bald mehr in diesem Blog.
  • Besonders betont wurde gehirngerechtes Lernen in Verbindung mit Bewegung. Der für mich beste Tipp war, die Schüler mit einer Art Pseudo-Tai-Chi in Bewegung zu bringen. Indem nämlich ein Hip-Hop-begeisterter Schüler seine Bewegungen gaaaanz langsam vorführt und es alle nachmachen. Für die tägliche Bewegung im Unterricht gibt es demnächst angeblich unter www.bewegungundsport.eduhi.at wöchentlich eine Übung. Heute habe ich sie noch nicht gefunden, aber vielleicht kommen sie ja noch.
  • Beim Trainieren von Verhalten ist es besser, einige Male am Tag 10 Minuten zu trainieren, denn das Gehirn lernt noch 7 Minuten danach weiter. Wird eine Stunde am Stück gelernt, dann lernt das Gehirn auch nur 7 Minuten nach. Öfter ist also besser. (Ich lerne gerade jonglieren, vielleicht geht es so besser, mal probieren.)
  • Da Lernen leichter fällt, wenn Neues an Wissensfäden im Gehirn festgemacht werden kann, ist es logisch, dass es erstrebenswert ist, viele Wissensfäden anzulegen. Ein gutes Argument für Lehrer: „Müssen wir das Lernen?“ „Interessiert es Sie? Nein? Dann ist es wenigstens gut für Ihr Wissensnetz.“
  • Sprachlernvideos für Schüler auf http://www.birkenbihl.de/HTM/WAS/DENKEN/vfb_videos.php (Bei der Birkenbihl-Methode ist Vokabel-Pauken verboten und Grammatik nur für Interessierte erlaubt)

Insgesamt war der Nachmittag bzw. Abend (Fr. Birkenbihl überzog netterweise um eine ganze Stunde) wieder sehr bereichernd. Allerdings habe ich immer Schwierigkeiten, die Fülle an Infos und Tipps für meinen Unterricht umzulegen. Ich wünschte mir öfters eine Repeat- oder Pause-Taste für Frau Birkenbihl. Und das gibt es jetzt: Für einen Betrag von Euro 120,00 erhält der „virtuelle Seminarteilnehmer“ im Jahresabo vier bis fünf DVDs mit aktuellsten Vorträgen. Also werde ich mir die Präsenz-Seminare in Zukunft sparen und dafür Fr. Birkenbihl beim Lauftraining zuhören.

Ein weiterer Vorteil ist: Ich muss nicht wie blöd Stunden herumtauschen, um auf Fortbildung fahren zu dürfen. Denn ein Birkenbihl-Lehrer-Fortbildungsseminar wird vom Landesschulrat nicht als Weiterbildung für Lehrer anerkannt, obwohl das Seminar dieses Jahr vom „christlichen lehrerverband“, einer sehr parteinahen Gewerkschaftsfraktion organisiert wurde. Also nichts mit einfach frei haben, kein Kollege wird da für Supplierungen eingeteilt. Unbezahlter Urlaub oder Stundentausch ist angesagt, wobei unbezahlter Urlaub angeblich per Weisung nicht so gern gesehen wird. Und da sage noch einer, den Lehrern wird Weiterbildung leicht gemacht. Sagt aber eh niemand, oder?