Traraaaa: LehrerInnen, Aus- und Vorbildung neu

Frischgebackene Pädagogen sollen nach einem Wunsch der derzeitigen österreichischen Regierungsparteien (vertreten durch das Sprachrohr einer Experten-Kommission) nach 3 Jahren Uni-Bachelor-Ausbildung in der Klasse unterrichten. Danach ist nebenbei der Master nachzuholen. Im Gegenzug dazu, werden die Lehrerarbeitsplätze durchlässiger: Ein Schultypenwechsel sollte damit möglich sein. Auf der Homepage des bm:ukk ist dies unter „LehrerInnenbildung NEU“ inklusive vieler Stellungnahmen dazu nachzulesen.

Mir gefällt das aus folgenden Gründen:

  • Guter Unterricht hat nicht unbedingt etwas damit zu tun, akademisch schönschreiben wissenschaftlich arbeiten zu können. Ob jemand Kinder bzw. Jugendliche erreicht, hat kaum etwas mit der Anzahl der Studienjahre zu tun. So wie ein Arzt, bei dem sich seine Patienten wohfühlen, nur teilweise an seinen Noten vor bzw. während der Uni gemessen werden kann.
  • Die Sackgasse „Lehrberuf“ wird endlich offener, Abzweigungen in andere Schultypen sollten möglich sein: Vom Volks- zum Hauptschullehrer (wenn die Klein-Volksschule zusperrt), von der Handelsschul-Lehrerin zur Berufsschullehrerin, vom HTL-Lehrer zum Kindergartenpädagogen. Vielleicht sogar auf Zeit, mit Rückkehrmöglichkeit? Warum nicht? Ich fände das spannend und würde das liebend gerne nutzen. Frei nach dem Motto: Die einzige Konstante unserer Zeit ist die Veränderung.
  • Schulen suchen sich ihre Lehrer selber aus. Lehrer können sich an Schulen bewerben. Schön.
  • Einen Master (nebenbei, zusätzlich) zu machen, während hauptberuflich (oder nebenbei oder zusätzlich) unterrichtet wird, sollte dieses Studium praxisnäher werden lassen als ein Master vor dem Lehrerleben.

Was aber noch diskutiert werden sollte:

  • Die Tendenz, immer mehr in kürzer Zeit von Arbeitnehmern zu verlangen ist zwar ein Merkmal unserer Zeit, aber in drei Jahren den Super-Lehrer hinsichtlich Fachwissen und Pädagogik vom Bachelor-Fließband laufen zu lassen wird nicht so richtig funktionieren. Irgendwann hat das negative Folgen hinsichtlich Qualität und Psyche von Arbeitnehmern.  (Andererseits wissen alle Lehrer, dass ihre Ausbildung an den Hochschulen dort und da verbesserungswürdig ist und dort sinnlose Zeit oft gut bezahlt wird. So verbesserungswürdig, dass das Abschleifen von Kanten eher nicht genügt…)
  • Ob ein Englisch-, Latein-, Mathe-Bachelor für die 5. Klasse Gymnasium reicht? Naja, versuchen wir es.
  • Die Regierung rechnet offensichtlich damit, dass sich alle Pädagogen zusätzlich zum Unterricht ständig weiterbilden. Dazu gehörte allerdings eine neue Weiterbildungskultur in den Schulen. Die sehe ich weit und breit nicht, sehe auch keine Lösung. Wer sich weiterbildet ist derzeit ein Störfaktor in der Schule: Kollegen, die bereits am Limit sind, müssen zusätzliche Stunden übernehmen, die sie lieber zur Aufrechterhaltung der Qualität des eigenen Unterrichts, zur Verbesserung desselben oder einfach zur Erholung nutzen möchten.
  • Sobald sich der Schulstandort Pädagogen in hire & fire Manier selbst aussuchen kann, wird die Mobbing-Debatte im Schulbetrieb um einen hohen Faktor brisanter. Was Parteipolitik betrifft, so könnte die Mitgliedschaft und Mitarbeit bei der „richtigen“ Fraktion wieder ein Muss werden, was ich derzeit nicht so empfinde.
  • Die Entlohnung der Pädagogen aufgrund des Schmalspur-Bachelors zu kürzen (so wie das im anderen öffentlichen Dienst gerade versucht wird), wäre ein falscher Weg. Dann gibt es bald keine Lehrer mehr.
  • Auf den „Nebenbei-Master“ bin ich schon gespannt. Derzeit machen schon einige meiner Berufsschul-Lehrer Kollegen (und ich auch) einen Master bzw. liebäugeln damit. Beim Vergleich der Master-Programme bzw. deren Absolventen scheint es mir aber hier auch haushohe Unterschiede zu geben: Den einen wird er nachgeworfen, die anderen verdienen ihn sich blutig. (Bitte mir diese drastische Ausdrucksweise zu verzeihen, aber derzeit wächst bei mir etwas der Frust, wenn ich nicht mal die Zeit finde, an einer Weihnachtsfeier teilzunehmen, weil ich für die Fernuni-Hagen eine Aufgabe am Montag abgeben muss und ich mit den zu lesenden Skripten sowieso schon einige Wochen im Hintertreffen bin. Bald sind Weihnachtsferien, da wird dann wieder durchgearbeitet und Rückstände aufgeholt. Selbstmitleid…… buhuuu…)

Die Zeit ist schon lange reif für Veränderungen im Schulbetrieb. Begonnen werden muss mit jenen, die Unterricht gestalten, also bei uns Lehrern. Dass dieser Regierungsplan (aus Schulsicht) eine Extremposition darstellt und bei der Realisierung vermutlich wieder eine halbherzige und österreichische Lösung herauskommt, das ist ziemlich sicher. Während der Lehrerausbildung meinte ein Vortragender, dass die notwendige 2/3-Mehrheit für Änderungen im Schulsystem eine gute Sache sei, weil sich Schule dann nicht nach jeder Wahl ändert. Wo Licht ist, da ist auch Schatten.

Neue Geldquelle entdeckt: Private Kopierer in der Schule

Manchmal werden Schulen geprüft. Ob dort alles mit rechten Dingen zugeht. In einer (vom Standard) nicht näher genannten österreichischen Schule fehlten plötzlich zwei Quadratmeter Schulraum. Nach intensiver Suche wurden die 2 m² unter einem schulfremden Kopierer gefunden. Nach weiteren intensiven Ermittlungen erkannte der Prüfer, dass dieser schulfremde Kopierer im Privatbesitz einiger (engagierter) Lehrer stand, die diesen anschafften, weil der einzige schuleigene staatliche Kopierer in der Direktion für die Schule unterdimensioniert war und kein (Staats-)geld für einen zweiten verfügbar war.

copierfAlso leasten diese Lehrer auf eigene Faust einen Kopierer, stellten ihn auf, kassierten Kopiergeld von den Schülern (oder auch nicht) und versuchten guten Unterricht zu machen.

So geht das aber nicht. Der Kopierer verstellte immerhin zwei Quadratmeter Schule.

Doch rasch fanden Juristen eine (juristisch) einwandfreie Lösung:

  1. Der schulfremde Kopierer ist eine gute Sache und verstößt nicht gegen irgendwas, verbraucht aber ständig Schulraum (auch in der unterrichtsfreien Zeit).
  2. Er darf bleiben, wenn für den (privat) verbrauchten Schulraum ein angemessenes (privates) Entgelt von den Lehrern (privat) bezahlt wird. Zahlungstext in der Überweisung: „Schulraumüberlassung“.

Mir gefällt das. Vorschrift ist Vorschrift. Ich werde in den nächsten Wochen um eine Prüfung meiner Privatwohnung bitten. Bei dieser Prüfung wird herauskommen, dass ein ganzes Zimmer meiner Wohnung eigentlich Schulraum ist, weil es vollgestopft mit Mappen, Büchern, Unterlagen und Materialien für die Schule ist. Klären lässt sich sicherlich noch, ob eine simple Honorarnote an die Schulaufsichtsbehörde oder ein Mietvertrag notwendig ist. Abgezogen wird wahrscheinlich der Platz, den meine privaten Hausschuhe in der Lehrergarderobe in der Schule verbrauchen. (Notiz an mich: Hausschuhe in den Ferien mit nach Hause nehmen). Relativ froh bin ich, dass ich im Unterricht meinen privaten iPod und ein privates Netbook verwende, die ich mit einem Rucksack ständig am Körper tragen kann und die, glaube ich, theoretisch keinerlei Schulraum verbrauchen sollten.

Wie ich aber soeben in einem Schulaufsichtsbehörde-Tweet lese, wird aus meiner aufgetanen Geldquelle nichts werden: Angeblich werden die Schulraum-Juristen auf Kurzarbeit geschickt. Sie können sich in den nächsten Monaten nur mehr um die dringlichsten und wichtigsten Angelegenheiten kümmern. Blogbeiträge, zum Beispiel.

(Hier übrigens die gesetzliche Grundlage: §128 – Schulraumüberlassung)

Österreichs Lehrer – 2 Stunden mehr Klassenzimmer

Österreichs Lehrer müssen sollten nach dem Wunsch von BM Claudia Schmied unentgeltlich zwei Stunden länger im Klassenzimmer stehen. Eigentlich will ich darüber nicht schreiben. Schreibt eh jeder darüber, der Aufreger des Monats. Ein gefundenes, weil dankbares Fressen für Radio, Fernsehen und auch Blogs. Da kann das Lehrer-bashing ja munter weitergehen. Siehe das vielzitierte Bonmot aus deutschem Kanzlermund Ministerpräsidentenmund: „Lehrer sind faule Säcke„. Gut, dass unsere Politiker hier viel taktvoller sind.  Hier das Video mit dem Anliegen meiner Ministerin:

Darauf meinte heute der Moderator der Hauptnachrichtensendung ZIB1 im Gespräch mit dem Innenpolitikchef :

„Jetzt ist es ja tatsächlich nicht so, dass die Lehrer weniger Gehalt bekommen, auch nicht, dass sie mehr Stunden in der Woche arbeiten müssen, sondern nur, von diesen Stunden, zwei Stunden mehr in der Klasse stehen sollen. Ist diese Aufregung, wie sie heute zu hören ist, bis hin zur Streikdrohung, wirklich angemessen?“ (Die Antwort darauf war übrigens: „Nein“)

Seltsam: Für mich persönlich bedeutet zwei Stunden mehr Unterricht auch mehr Vorbereitungszeit.  Zwei Stunden mehr Unterricht heißt für mich drei bis fünf Stunden Mehrarbeit. Je nachdem, wie interessant und abwechslungsreich der Unterricht sein sollte.

Allerdings: Ich bin es gewohnt, in der Klasse zu unterrichten. Wenn ich nur in der Klasse stehen muss, also, ohne was zu sagen, dann geht’s vielleicht. Vielleicht könnte ich dann sogar im Stehen (mit einem Stehpult) die anderen Unterrichtseinheiten vorbereiten. Allerdings haben wir keine Stehpulte im Klassenzimmer. Vielleicht kaufe ich mir privat eines, wenn das Geld vom Staat dafür nicht reicht. So wie ich mein privates Netbook, meinen privaten iPod, mein privates Mikro, meine privaten portablen Lautsprecher , meine privaten DVDs und CDs und meine privaten USB-Sticks im Unterricht verwende.

Jetzt sollte ich eigentlich zu Schreiben aufhören, was gesagt werden musste, habe ich gesagt. Aber da fällt mir noch diese Stude oder diese Studie über Lehrer-Burn-Out ein. Können wir eine Verbindung mit Unterrichtsstundenerhöhung und Reduzierung der Burn-Out-Gefährdung herstellen? Ich bitte um Ihre Abstimmung:

Bitte stimmen Sie ab. Der Gewinner darf sich mit mir zwei Stunden in die Klasse stellen. Aber bitte nicht sprechen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Das kluge Schulsystem …

hat als Systemteilnehmer kluge Leute. Diese klugen Leute sind im Schulsystem entweder hoch zu Ross (Amtsschimmel) oder an der Front (Lehrer, Schüler) anzutreffen.

Kluge Systemteilnehmer (Behörde, Lehrer, Schüler) tun Dinge, die andere nicht so gerne tun oder wo andere den Mut nicht dazu haben:

Sie ermöglichen Ausnahmen von Regeln, wenn es die jeweilige Situation erfordert. Nicht um zu manipulieren, sondern um ein größeres Ziel zu erreichen. Sie wissen, wann und wie sie improvisieren können und sie haben auch den Mut dazu. Denn die wirkliche Welt ist komplex und ändert sich rascher als alle Regeln.  Und eines wissen sie genau: Regeln verhindern Chaos, erzeugen aber letztendlich nur Mittelmaß.

Einige dieser klugen Systemteilnehmer wurden vielleicht schon als Genies geboren. Aber bei weitem nicht alle, denn Klugheit hat mit Genialität kaum etwas zu tun. Leute werden klug durch die Erlaubnis zu improvisieren, neue Sachen auszuprobieren und manchmal zu versagen.

wise_man_122745Nicht wenige bleiben auf der Strecke. Denn sogar die Ambitioniertesten unter ihnen geben auf, wenn sie immer gegen den Strom schwimmen müssen.

Doch viele schaffen es. Vor allem, wenn sie kluge Kollegen, Berater, Vorbilder und Lehrer haben, die ihnen eines lehren: Respekt.

Respekt vor sich selbst, vor den Klassenkollegen, vor den Lehrern und vor allem: Respekt vor dem Lernen.

(inspiriert und mehr oder weniger frei nach Barry Schwartz: „The real crisis? We stopped being wise“)

Bürokratisierte Lehranstalten im Offline-Modus

Über den derzeit wohl besten Blog über Schule und Lernen, dem D21-Projektblog mit seinem fleißigsten Autor René Scheppler, wurde ich auf den Spiegel-Artikel „Merkel kürt IT-Superlehrer – doch der ist keiner mehr“ aufmerksam. Im Artikel heißt es:

Ausgerechnet der „IT-fitteste Lehrer Deutschlands“ hat sich beurlauben lassen, weil ihm die Schule zu träge ist. […] Im Streit getrennt hat er sich von der Elitesportschule nicht, aber der Vorzeigelehrer hätte gern viel mehr erreicht. Es blieb dabei, dass er den eigenen Unterricht in Mathe, Physik, Informatik komplett digitalisierte – in anderen Klassen wurde weiter klassisch mit Tafel und Zeigestock unterrichtet. Kleinschmidts Ideen überzeugten zwar viele Schüler, das Sportförderzentrum und Sponsoren, doch sie erreichten nicht die ganze Schule. Auch wenn es ihm gelang, Projektmittel und prominente Partner, Beamer und andere Geräte aufzutreiben: Kleinschmidt blieb am Ende ein begeisterter Solist und zog sich deshalb zurück.

Während sich die reale Welt in den letzten Jahren im Bereich der Kommunikation (Handy, E-Mail, Google, …) rasant verändert hat und kaum wiederzuerkennen ist, fährt die Schule zu einem großen Teil in einem Fahrwasser, das sich in den letzten 10 20 30 40 50 60 70 Jahren (nichtzutreffendes streichen) kaum verändert hat. Kommunikation wurde so einfach und billig wie noch nie. Die Schule hat das noch nicht begriffen und nützt diese Tatsache zu selten. Dumm, denn Lernen besteht aus Kommunikation. Indem Schule zeitgemäße Kommunikationsmittel nicht zulässt, verhindert sie Lernen. Verhinderung von Lernen verhindert eine gute Zukunft. Ich als Kind würde mir das nicht gefallen lassen.

Lehrer werden bezahlt, 50 Minuten Unterricht zu halten. Ich werde nicht für diesen Blog bezahlt, ich werde nicht bezahlt, innovativ zu sein. Ich bekomme kein Geld, wenn ich alternative Lehrmethoden einsetze, ich bekomme keine Geld, wenn ich mich monatelang mit Web 2.0 auseinandersetze, herumprobiere, plane, verwerfe, ausprobiere, scheitere und manchmal Erfolge feiern kann. Und wissen Sie was? Ich will auch kein Geld dafür. Guter Unterricht macht Spaß. Aber ich will zwei Dinge:

  1. Ich möchte keine bürokratischen Felsen in den Weg gelegt bekommen.
  2. Ich will mich mit Gleichgesinnten austauschen. Und die gibt es nicht an jeder Schule zuhauf.

Wenn beispielsweise eine Pädagogische Hochschule aus einem anderen Bundesland mich einlädt, anderen Lehrern über meine Aktivitäten mit Wikis, Weblogs und Podcasts im Unterricht zu berichten, dann lehnt die Schulbehörde sowohl Dienstreiseauftrag als auch Sonderurlaub ab und verlangt von mir, dass ich mich einen Tag karenzieren lasse. Weil die Veranstaltung in einem anderen Bundesland stattfindet, weil sie nicht vor Berufsschullehrern sondern AHS und APS-Lehrer stattfindet und weil ansonsten eine Doppelbezahlung erfolgt. Juristen meinen, dass so eine Aktivität in die Kategorie „reines Privatvergnügen“ fällt und in etwa einem Hallenbadbesuch mit meinen Kindern entspricht. Natürlich hätte der Lehrer „Parteienstellung“ bei einer Ablehnung. Aber muss ich darum kämpfen, mehr arbeiten zu dürfen? Nach einer intensiven Vorbereitungszeit für diesen Workshop musste ich fünf Tage vor der Veranstaltung deshalb leider absagen.

Ist es verständlich, dass manche Lehrer sich irgendwann aus der Schule zurückziehen? Noch dazu, wo trotz Finanzkrise derzeit 3800 IT-Stellen allein in Österreich zu besetzen sind?

Die derzeitige Organisation und das derzeitge Schulrecht sollte dringend reformiert werden. Die Möglichkeit, innovativ zu sein, im Team zu arbeiten und die Möglichkeit von schulübergreifenden Kooperationen bzw. Austausch sollte im Dienstrecht (oder wo immer die Juristen das hinschreiben wollen) verankert werden.   Gewerkschaften sollten Veränderungen nicht verhindern, sondern gemeinsam mit dem Gesetzgeber vorantreiben. Lebenslanges Lernen sollte Alltag für Lehrer werden, von der Schulbehörde unterstützt und von der Kollegenschaft toleriert werden. Pädagogische Hochschulen sollten über die veränderte Welt da draußen informiert werden. Lasst die Schulen endlich frei.

Zum Beispiel so:

Veränderungen bringen aber vorerst einmal Angst, Unsicherheit und viele, viele Krisen. Würde die Schule samt Lehrern und Schülern das aushalten? Oder halten wir es aus, nochmal 10 20 30 40 50 60 70 Jahre (nichtzutreffendes streichen) nichts zu verändern?

Andererseits: So furchterregend waren die chinesischen Kids im Video ja nicht. Und das Whiteboard hat auch keinem einen Stromschlag versetzt, soweit ich weiß.

Schlechte Lehrer wollen die Macht behalten

Sechs Stunden lang hörten einige hundert Lehrer am Freitag Vera F. Birkenbihl zu, als sie bei Ihrem jährlichen Besuch in Linz über „Neues von der Lernfront“ berichtete. Hier einige bemerkenswerte Aussagen:

Was ist der Unterschied zwischen Lernen und Pauken?

90 % des in der Schule gepaukten Wissens wird vergessen, Gelerntes bleibt. Viele von uns (aber nicht alle) haben in der Schule lesen gelernt, viele von uns haben in der Schule den Aufbau einer Zelle gepaukt. Alles klar? Also sollte sich jeder Lehrer grundsätzlich fragen, was in seiner Unterrichtseinheit gepaukt und was gelernt werden kann. Was hilft den Schülern im Leben? Was können sie wirklich lernen? (Siehe mein Beitrag vom Vorjahr: Das Wesentliche einer Unterrichtsstunde)

„Schlechte Lehrer wollen die Macht behalten“

Geben wir Lehrer den Schüler genug Kontingenz (=Wahlfreiheit)? Können Sie Ihren Lernerfolg manchmal selbst messen,  lassen wir sie durch Imitation lernen, sind wir gute Vorbilder beim Lernen, haben wir ein gut gefülltes Methodenrepertoire, sind wir ein Coach, der zum Lernen hinführt? Oder ist eine richtige Lösung ein Geheimnis, das der Schüler bei der Rückgabe seiner Arbeiten Tage später rot auf weiß erlebt? Halten wir die Schüler absichtlich klein, indem wir sie nicht nachschlagen und nicht nachlesen lassen? Indem wir Hintergrundinfos auf Arbeitsblätter zurechtstutzen, um sie nicht zu überfordern oder besser zu bleiben als die Schüler? Verbieten wir Wikipedia aus Angst, dass der Schüler mehr wissen könnte als wir? Fühlen wir uns als Dompteur, der Tiere dressiert, der sie mit Noten oder Gummibärchen belohnt, wenn sie zur richtigen Zeit hüpfen? Oder nehmen wir Rücksicht auf ihr individuelles Tempo?

Wir brauchen Außenlob nur, wenn wir uns mit etwas beschäftigen müssen, was wir nicht tun möchten.“

Fr. Birkenbihl betont immer wieder, dass Lehrer Opfer des Systems sind, nicht die Täter. Wir müssen also so unterrichten, wie wir unterrichten, weil das die Kollegen, die Direktion, der Inspektor, das Bildungssystem so will. Kleine Einschränkung von mir: Oder weil es anders einfach bequemer ist und wir uns noch nicht die Mühe gemacht haben, zu überlegen, ob es anders gehen würde? Oder weil wir noch nicht den Mut, die Kraft oder die Phantasie dazu hatten? Oder weil wir es mittlerweile leid sind, gegen den bürokratischen Wasserkopf anzukämpfen?

„Warum sortieren wir die Kinder nach Alter? Wir hätten sie besser nach Alphabet sortiert!“

Vera F. Birkenbihl plädiert für gemischte Klassen. Die jüngeren lernen von den Älteren. Die Älteren lernen, indem sie die jüngeren unterrichten. Die Lehrer können sich durch diese teilweise Entlastung um individuelle Förderungen kümmern. Und was machen wir in der Berufsschule? Wir trennen sie nicht nur nach Alter, wir trennen sie in einigen Fächern sogar innerhalb der Altersgruppe in „normale“ und „vertiefte“ Gruppe. Damit die lernschwachen wissen, dass sie lernschwach sind und keine leistungsstarken Vorbilder haben? Sehr intelligent, bravo dem Erfinder dieses Systems. So hält man Menschen klein, so züchtet man Burger-Brater.

Ein weiteres (sinngemäßes) Zitat, das auf breite Zustimmung stieß, zumal Betroffene nicht anwesend waren und die Veranstaltung abrechnungstechnisch ja ein reines Privatvergnügen war, für den etliche Lehrer einen Stundentausch mit ihren Kollegen veranstalten mussten:

„Eine Unterrichtsstunde in der Regelschule (=Pflichtschule) kostet zweimal soviel wie in einer Privatschule. Warum? Weil bei den Privatschulen der Wasserkopf der Verwaltungsbeamten fehlt! Gebt jenen Leuten kein Geld, die nicht unterrichten. Die haben im Bildungssystem nichts zu suchen!“

(Siehe dazu auch die brillianten Bilder von Dr. McLeod)

Natürlich bin ich aus dem 6-Stunden-Vortrag mit einigen Unterrichtsideen rausgegagen:

  • Auf meine Frage, was denn ein gutes Schulbuch ausmache, meinte Vera F. Birkenbihl: „80 % des Materials von Eliteschulen wird von den Schülern selbst erstellt. Lassen Sie doch den Schülern ihr bestehendes Schulbuch umschreiben.“
  • Ich werde in jeder Unterrichtsstunde kurze „Nachbarskonferenzen“ durchführen. Hier unterhalten sich zwei Schüler zu einem bestimmten Gedanken 30 – 60 Sekunden, mehrmals pro Unterrichtsstunde.
  • Meine Schüler werden mindestens einmal eine ABC-Liste von Tätigkeiten aufstellen, die sie gerne tun. Mit dieser werden wir arbeiten (Potentielle Jobs, Ziele, Interessensgebiete, Einbau in den Unterricht).
  • Wir werden im Englisch-Unterricht kurze Sketches einüben und die dann vorführen.
  • Ein Vorschlag war, den Schülern bei Test das Nachschlagen im Lernmaterial zu ermöglichen. Das muss ich noch überdenken. Argument dafür: Diejenigen, die nichts gelernt haben, schaffen die Aufgaben in der gegebenen Zeit nicht. Möchte ich mal ausprobieren. Wie, wann und wo? Weiß ich noch nicht.

Ein wesentlicher Grund für den Besuch dieser Veranstaltung ist für mich aber auch immer das Treffen mit Gleichgesinnten. Da sind allesamt motivierte Lehrer, die ihren Unterricht verbessern möchten, die interessiert und nicht neidvoll oder ängstlich sind, wenn es um eine Änderung des Unterrichtsalltags geht, die Neuem gegenüber aufgeschlossen sind und die auf ähnliche Weise ihren Unterricht ändern möchten.

Wem Birkenbihl einmal im Jahr zuwenig ist, der kann sich einer der Birkenbihl-Pilotgruppen anschließen, die in Österreich, Schweiz und Deutschland  existieren, sich regelmäßig treffen und immer Infos aus erster Hand erhalten. Ein Mail mit Kurzvorstellung an mich genügt, dann stelle ich gerne den Kontakt her.

Lehrerleistung messen

Andreas Salcher hat mit seiner buchverkaufsfördernden Aussage, dass 95 Prozent der Lehrer gute Lehrer sind fünf Prozent der Lehrer völlig ungeeignet für den Job sind, eine einschlägige Diskussion zwar nicht los-, aber doch ein wenig breitgetreten.

Und diese hat in Fernseh-Gesprächsrunden und Konferenzzimmern zu riesigen Fragezeichen-Sprechblasen über den Köpfen der Opfer, Zuseher und Täter geführt, die sich um eines drehten: „Was ist, verdammt nochmal, ein guter Lehrer?“

Die Klassifizierung in gut und böse schlecht ist wichtig, weil ein demotivierender Bestandteil des Lehrerjobs ja derzeit einerseits eine suboptimale Entlohnung der Leistung ist (überdurchschnittliche Leistung wird gleich unterdurchschnittlicher Leistung entlohnt) und andererseits eine Entlassung Kündigung oder Versetzung von schlechten Lehrern durch den Direktor im Raum steht.

Ich habe heute mal mit dem Begriff „Leistung“ mit Hilfe eines birkenbihlschen KaWas herumgespielt und das ist dabei herausgekommen:

Lehrerleistung besteht aus der „Klassenzimmer“- und der „schulischen“ Kompetenz.

Die „Klassenzimmer“-Kompetenz besteht aus:

  1. Verhalten im Unterricht (fallweise Beobachtung des Lehrers durch Experten, zB dem Direktor)
  2. Feedback der Schüler (Auswertung von Internet-gestützten Feedback-Bögen)
  3. Fachkompetenz (jährliche Pisa-Tests für Lehrer in ihren Fachbereichen)
  4. Vorbereitungen des Unterrichts und die Verteilung gelungener Sequenzen an Kollegen
  5. Gesundheit (Beobachtung der physischen und psychischen Gesundheit des Lehrers zwecks Früherkennung von Burn-Out und rechtzeitige Hilfestellung.)

Die Pflege der „schulischen“ Kompetenz verlangt folgendes:

  1. lebenslanges Lernen des Lehrers (Bildet er sich weiter?)
  2. Engagement in Projekten, die Schule und Schüler weiterbringen (zB Sportwochen, Sprachreisen, …)
  3. Einbringung individueller Kompetenzen in die Schule (zB als Mobbing-Präventions-Beauftragter, als Mediator, als Haus- und Hof Fotograf der Schule, usw.)
  4. Abhalten von Seminaren für andere Lehrer bzw. der Wirtschaft (Weitergabe seiner Kompetenzen)

Ein guter Lehrer ist zB einer, dessen „Klassenzimmer“-Kompetenz passabel ausfällt. Er engagiert sich nicht unbedingt abseits seines Jobs im Klassenzimmer, dort macht er aber seine Sache gut: Er ist fachlich kompetent, macht guten Unterricht, die Schüler lernen nach individuellen Möglichkeiten und er ist damit ganz zufrieden.

Lehrer, die zusätzliche Leistung bringen möchten (oder können – wenn zB die familiäre Situation dies zulässt), arbeiten an ihrer „schulischen“ Kompetenz. Sie investieren Zeit und Energie in Tätigkeiten, die vordergründig nichts mit der einzelnen Unterrichtseinheit im Klassenzimmer zu tun haben, die eine Qualität der Schule aber erheblich steigern können.

Hier könnte ein Budgetposten in der Schule vorgesehen werden, der zwischen diesen Lehrern vom Direktor und der Personalvertretung aufgeteilt wird. (Ähm… wieder ein Grund, nicht Direktor zu werden zu wollen).

Ein schlechter Lehrer wäre nach dieser Definition einer, der fachlich inkompetent ist, unvorbereitet in den Unterricht geht, sich nicht mal anstrengt, wenn der Direktor zusieht, von Schülern gehasst (oder gefürchtet) wird, Weiterbildung und Engagement in der Schule verweigert und dessen Nutzlosigkeit sich so ganz langsam aber sicher auf die Gesundheit schlägt.

(Anmerkung: Ich darf das alles schreiben, weil ich a) nicht Unterrichtsminister bin, b) keiner bestimmten Ideologie vertraglich verpflichtet bin und c) mich einige meiner Kollegen wegen Comic Sans MS sowieso nicht mehr grüßen.)