Schygulla – Filmprojekt einer Hauptschule

Frau_He hat den Beitrag „Hautpschüler als Schauspieler“ zwar schon im Juli gepostet, ich bin aber (trotzdem) erst jetzt darauf gestoßen. Ein sensationelles Filmprojekt mit Schülern der Schule am Botanischen Garten, Hann Münden. Insbesondere die Szene mit dem Bewerbungsgespräch lässt sich prima für Unterrichtszwecke einsetzen, ebenso ist das Film ein tolles Beispiel zum Thema „Arbeiten im Team“.

Viel Vergnügen!

Die „Sche!#e-O!da“ (SO) Methode: done

So. Eine Woche später nach meiner bewusstseinserweiternden „Sche!#e-O!da“-Zählaktion (ab jetzt SO-Methode genannt, siehe Blog-Beitrag) ein Effekt, der wieder mal ein Lichtblick im Lehrerdasein ist.  Zur Erinnerung: Vorigen Freitag war knapp alle 1,5 Minuten entweder „Sche!#e“ oder „O!da“ im Klassenraum zu hören.

Gestern hörte ich – und ich habe wieder mitgezählt – zwei eher leise „O!da“ in 100 Minuten. Fäkalworte: Keine. So, dachte ich mir, das bestätigt den Spruch: „Grundsätzlich ist der Mensch intelligent und gut“.

Dafür hat eine Schülerin bei mir mitgezählt: Innerhalb von 30 Minuten habe ich selbst siebenmal „So“ gesagt. „So, jetzt wiederholen wir mal vorige Stunde“ oder „So, wer kann mir sagen…“ oder einfach nur „So“, um einfach nur etwas gesagt zu haben. Interessant wäre, seit wann ich dieses Wort so intensiv nutze. Auf jeden Fall bedanke ich mich für den Hinweis und werde mich bessern.

Die finale Überprüfung, ob die SO-Methode wirklich funktioniert, ist zwei Stunden auf ATV Saturday Night Fever – So feiert Österreichs Jugend (nach der Werbung) zu sehen. Wer danach weder S oder O sagt, der ist nach diesem Härtest geheilt.

Schei#!e, O!da!

[Update 22.10.11: Oh Mann, die Überschrift war ja ein Spam-Magnet. Überschrift und Text wurden deshalb verfremdet]

Wenn die ARD-Mediathek den „unflätigen Umgang unter Parteifreunden“ thematisiert und im Beitrag berichtet, dass ein (deutscher, aber egal) Politiker einem anderen ins Gesicht sagt, „er solle ihn mit so einer Schei#!e in Ruhe lassen“, dann darf ich auch von meiner nagelneuen, nicht repräsentativen Statistik erzählen:

  • Zeit: Freitagnachmittag, ca. 1,5 Stunden vor dem Wochenende
  • Ort: ein sonniges Klassenzimmer
  • Anwesende: Verkäufer, durchgehend 16-17jährig
  • Fach: Wirtschaft
  • Beobachtungs- bzw. Aufzeichnungszeitraum: 15:15 – 15:50

Was ist anders als sonst? Ich habe an meinen Schreibtisch ein Post-it mit zwei Spalten geklebt: „Schei#!e“ und „O!da“.

Aufgabe: Klammheimlich jedesmal wenn ich als Lehrer „Schei#!e“ oder „O!da“ höre ein Stricherl da bzw. eines dort. Sollte der Begriff unbekannt sein: hier ist eine Wiki-Eintrag dazu.

Ergebnis: In 35 Minuten 12 mal „Schei#!e“ und 9 mal „O!da“ gehört. Also alle 2,9 Minuten „Schei#!e“ und alle 3,8 Minuten „O!da“ gehört. Oder anders gesagt: Alle 1,5 Minuten höre ich entweder „Schei#!e“ oder „O!da“. Ich lasse mal die Wochen-Highlights wie „Brunzkopf“ oder „fette Sau“ weg, die in anderen Einheiten gefallen sind.

Mich stört das. ich arbeite nicht gern in einer Umgebung, in der ich dauernd an dieses Bild (siehe Bild) denken muss. Der Klassiker ist ja „Denke jetzt mal nicht an einen blauen Elefanten mit rosa Streifen“. Und wenn ich Schei#!e höre, dann drängt sich (mir zumindest) dieses bestimmte Bild rechts oben auf.

Es ist unangenehm und eklig. Genauso wie Füße auf dem Tisch. Oder Mundgeruch. Oder Abgabe zerissener oder verschmierter Hausübungen. Vielleicht stört es auch manche Kunden, die (unfreiweillig) so manche Gespräche des Verkaufspersonal mithören. Welche Überstunden / Urlaub / Zeitausgleichsansuchen nicht genehmigt worden sind. Wer was wann zu wem angeblich gesagt hat und dass das eine Frechheit ist. Dicht gefolgt entweder von S oder O.

Ich habe den Eindruck, dass vielen diese Wörter nicht bewusst sind. Dass sie genauso verwendet werden, wie manche Menschen „ähm“ oder „ahh“ oder „Na gut“ (=beliebter Lehrersatz zum Unterrichtseinsteig) sagen. Mit der Statistik oder der anschließenden Ergebnisveröffentlichung wolle ich ein Bewusstsein schaffen, dass diese Worte eben nicht selbstverständlich sind und eben nicht andauernd im Klassenzimmer oder in Verkaufsräumen fallen müssen. Sozusagen ein Plädoyer für mehr Achtsamkeit im täglichen Sprachgebrauch.

Ganz besonders hat es mich gefreut, dass die eifrigsten „Sche#!e O!da“-User Besserung gelobten und heute schon eine Wirkung zu hören war. Vielleicht sollte ich das auch mal im Konferenzzimmer thematisieren, nachdem ich heute Morgen innerhalb von 30 Sekunden zweimal „Schei#!e“ gehört habe. Das schlägt – statistisch gesehen – sogar die Schüler. Gut, dass das eine Ausnahme war.

Schulinternes Best-of-Methoden Seminar

Ich könnte vieles von meinen Kolleginnen und Kollegen lernen, wenn ich, statt zu unterrichten, ihren Unterricht besuchen würde. Leider ist das erstens an unserer Schule sehr unüblich, zweitens würde meine ohnehin (duch das „Nebenbei“-Studium in Hagen) knapp bemessene Freizeit noch weiter reduziert werden (jaja, lacht nur)  und drittens steckt in dieser Vorgehensweise doch eine gewisse Ineffizienz. Jeder, der schon Unterrichtsbesuche gemacht hat weiß, wie öde das sein kann, wenn die Schülerinnen und Schüler angestrengt und intensiv arbeiten und man selbst beobachtenderweise nichts zu tun hat und auf das Ergebnis wartet.

Also wurde eine andere Variante kreiert, um voneinander zu lernen: Das schulinterne „Best-of-Methoden Seminar“. Und das habe ich mir so vorgestellt:

Das Ziel dieses kooperativen, fächerübergreifenden SCHILF-Seminars ist, bewährte Unterrichtsmethoden aus einem beliebigen Fach den Teilnehmern vorzustellen. Dabei schlüpfen die Lehrerinnen und Lehrer in die Schülerrolle und probieren die Methode unter Anleitung selbst aus. Erwünscht sind alle Methoden, die Schülerinnen und Schüler das Lernen erleichtern. Im optimalsten Fall kann die Methode auch für andere Fächer (in adaptierter Form) verwendet werden. Eine kurze Reflexions- bzw. Feedbackphase über mögliche Veränderungen der Methode im eigenen Unterricht beendet die jeweilige Methodenvorstellung. Der Zeitrahmen pro Methodenvorstellung sollte 15 Minuten nicht überschreiten – im realen Unterricht kann die jeweilige Methode länger dauern. Wünschenswert wäre, dass jede Teilnehmerin bzw. jeder Teilnehmer eine Methode vorstellt – dies ist allerdings kein Muss, Zuhörer sind auch willkommen.

Wichtig ist, dass die jeweilige Methode nicht nur beschrieben, sondern auch live ausprobiert wird. Das hat folgende Gründe:

  1. Die tatsächliche Durchführung steigert den Lerneffekt und die Methode kann später vielleicht auch ohne jeweilige (schriftliche) Methodenbeschreibung „spontan“ im Unterricht eingesetzt werden.
  2. Erst bei konkreter Durchführung der Methode bekommt der Teilnehmer ein „Bauchgefühl“, ob diese für ihn selbst geeignet ist.
  3. Die Reflektion und Adaption für das eigene Fach nimmt weniger abstrakte Formen an.
  4. Es sollte ein vertrauensvolles Klima von gegenseitigem Geben und Nehmen entstehen und
  5. es ist lustiger als die Methode nur vorzulesen.
In der Vorbereitungsphase wird nach Anmeldung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam eine Liste mit möglichen Methoden erstellt. Dies erfolgt in einem ietherpad. Eventuell erfolgt eine Abstimmung bzw. Koordination, welche Methoden vorgestellt werden sollten (via Google-Text und Tabellen Formular), dies ist aber nur notwendig, wenn sehr viele Teilnehmer sehr kreativ sind.

Die jeweiligen „Methoden-Inhaber“ bereiten vor dem Seminar gemäß eines Templates eine A4-Kurzbeschreibung der Methode vor (Name, Ablauf, Dauer, mögliche Teilnehmeranzahl). Diese Kurzbeschreibung sollte so ausführlich sein, dass sie als Anleitung zur Vorbereitung und Durchführung des Unterrichts dienen kann. Die einzelnen Kurzbeschreibungen werden zu einem Skript sowohl in Papierform als auch online (unter einer Common-Creative-License – frei kopierbar unter Namensnennung) als Produkt unserer Schule zur Verfügung gestellt.

Den Methoden-Super-Guru, den sparen wir uns. Ebenso Reisekosten, Vorbereitung für Vertretungsstunden, Vertretungsstunden, Nachbereitung für Vertretungsstunden und gut gemeinte 5minütige Zusammenfassungen von 6stündigen Seminaren auch. Aber wenn wir am Ende unserer Methodenweisheit sind, ja dann wird einer von uns ein Methodenseminar außerhalb der Schule besuchen. Aber ich vermute, dass wir noch lange nicht am Ende sind.

Dieses SCHILF-Seminar ist ein erster Schritt. Der Pädagogischen Hochschule habe ich vorgeschlagen, die Grundidee dieses Seminar (in einer angepassten Variante) schulübergreifend zu initiieren. Ich bin gespannt, was aus dem Vorschlag wird.

Essen bei Facebook’s

… heißt ein Artikel, den ich im November 2010 für das Magazin DGUV pluspunkt schreiben durfte und der nun erschienen ist. DGUV pluspunkt ist eine Fachzeitschrift für Sicherheit und Gesundheit in der Schule, die Ausgabe 1/2011 steht unter dem Themenschwerpunkt „Medienkompetenz“.

Es ist immer wieder erstaunlich (und erfreulich), welche Angebote und Anfragen über diesen Blog reinkommen, die ich aber aus zeitlichen Gründen meistens ablehnen muss. Bei der DGUV pluspunkt konnte ich nicht widerstehen: Erstens war der Wunsch des Redakteurs nach einem Artikel bestechend nett formuliert, zweitens hat Hr. Misterek mir alle Freiheiten gelassen, die ich für kreatives Schreiben als notwendig erachte, drittens war es wieder mal wohltuend, nach all den Hausarbeiten für die FernUni Hagen was zu schreiben, das nicht belegt, zitiert und wissenschaftlich fundiert ist und viertens bin ich jung und brauche das Geld.

Diese Freiheit, aus meiner subjektiven Sicht über Facebook zu schreiben habe ich genutzt, was prompt einige Diskussionen im Redaktionsrat ausgelöst hat (wurde mir berichtet). Sehr schön, freut mich. Ich wünsche der DGUV pluspunkt auch viele Leserbriefe dazu. Obwohl ich mittlerweile meine, das Facebook nicht mehr ganz so kontrovers in den Medien diskutiert wird, wie vor noch vor einigen Monaten. Facebook gehört mittleweile fast selbstverständlich zum Alltag. Menschen, die Facebook noch immer nicht nutzen, weil das System gegen ihr Werte (was Zeit, Moral oder Ethik betrifft) verstößt, gehören einer Gruppe an, die Teile unserer „ach so schönen, neuen Welt“ nicht haben möchten. So wie manche, die sich aus Prinzip keinen Fernseher anschaffen. Die Facebook-Verweigerer sind zwar eine viel größere Gruppe als die Fernseh-Verweigerer, aber prinzipiell ticken sie vermutlich sehr ähnlich. Gäbe es keine DVD’s oder Stermann&Grissemann,  dann würde ich meinen Fernseher mittlerweile auch schon auf ebay versteigert haben.

Seit ich den Artikel im Oktober geschrieben habe, ist in der Facebook Welt einiges passiert: „The Social Network“ ist in den Kinos angelaufen und in Tunesien, Ägypten und Libyen hat das soziale Netzwerk (ein wenig) mitgeholfen, jahrzehntelang betonierte Machtstrukturen aufzubrechen. Ich wünsche auch der Schule eine kleine Facebook-Revolution: Wir hätten sie uns nach all diesen Jahrzehnten verdient. Wie die aussehen sollte? Keine Ahnung, irgendwas mit „Schule brennt“.

Hier der Artikel: Essen bei Facebook’s (online) und als  PDF.
Schon vor einiger Zeit durfte ich einen Artikel für mediamanual.at schreiben: „Mein Job bei Facebook“ (online) und als PDF.

Barbara Buchegger berichtete im Standard diese  Woche ebenfalls über Lehrer und Schüler bei Facebook.

 

Traraaaa: LehrerInnen, Aus- und Vorbildung neu

Frischgebackene Pädagogen sollen nach einem Wunsch der derzeitigen österreichischen Regierungsparteien (vertreten durch das Sprachrohr einer Experten-Kommission) nach 3 Jahren Uni-Bachelor-Ausbildung in der Klasse unterrichten. Danach ist nebenbei der Master nachzuholen. Im Gegenzug dazu, werden die Lehrerarbeitsplätze durchlässiger: Ein Schultypenwechsel sollte damit möglich sein. Auf der Homepage des bm:ukk ist dies unter „LehrerInnenbildung NEU“ inklusive vieler Stellungnahmen dazu nachzulesen.

Mir gefällt das aus folgenden Gründen:

  • Guter Unterricht hat nicht unbedingt etwas damit zu tun, akademisch schönschreiben wissenschaftlich arbeiten zu können. Ob jemand Kinder bzw. Jugendliche erreicht, hat kaum etwas mit der Anzahl der Studienjahre zu tun. So wie ein Arzt, bei dem sich seine Patienten wohfühlen, nur teilweise an seinen Noten vor bzw. während der Uni gemessen werden kann.
  • Die Sackgasse „Lehrberuf“ wird endlich offener, Abzweigungen in andere Schultypen sollten möglich sein: Vom Volks- zum Hauptschullehrer (wenn die Klein-Volksschule zusperrt), von der Handelsschul-Lehrerin zur Berufsschullehrerin, vom HTL-Lehrer zum Kindergartenpädagogen. Vielleicht sogar auf Zeit, mit Rückkehrmöglichkeit? Warum nicht? Ich fände das spannend und würde das liebend gerne nutzen. Frei nach dem Motto: Die einzige Konstante unserer Zeit ist die Veränderung.
  • Schulen suchen sich ihre Lehrer selber aus. Lehrer können sich an Schulen bewerben. Schön.
  • Einen Master (nebenbei, zusätzlich) zu machen, während hauptberuflich (oder nebenbei oder zusätzlich) unterrichtet wird, sollte dieses Studium praxisnäher werden lassen als ein Master vor dem Lehrerleben.

Was aber noch diskutiert werden sollte:

  • Die Tendenz, immer mehr in kürzer Zeit von Arbeitnehmern zu verlangen ist zwar ein Merkmal unserer Zeit, aber in drei Jahren den Super-Lehrer hinsichtlich Fachwissen und Pädagogik vom Bachelor-Fließband laufen zu lassen wird nicht so richtig funktionieren. Irgendwann hat das negative Folgen hinsichtlich Qualität und Psyche von Arbeitnehmern.  (Andererseits wissen alle Lehrer, dass ihre Ausbildung an den Hochschulen dort und da verbesserungswürdig ist und dort sinnlose Zeit oft gut bezahlt wird. So verbesserungswürdig, dass das Abschleifen von Kanten eher nicht genügt…)
  • Ob ein Englisch-, Latein-, Mathe-Bachelor für die 5. Klasse Gymnasium reicht? Naja, versuchen wir es.
  • Die Regierung rechnet offensichtlich damit, dass sich alle Pädagogen zusätzlich zum Unterricht ständig weiterbilden. Dazu gehörte allerdings eine neue Weiterbildungskultur in den Schulen. Die sehe ich weit und breit nicht, sehe auch keine Lösung. Wer sich weiterbildet ist derzeit ein Störfaktor in der Schule: Kollegen, die bereits am Limit sind, müssen zusätzliche Stunden übernehmen, die sie lieber zur Aufrechterhaltung der Qualität des eigenen Unterrichts, zur Verbesserung desselben oder einfach zur Erholung nutzen möchten.
  • Sobald sich der Schulstandort Pädagogen in hire & fire Manier selbst aussuchen kann, wird die Mobbing-Debatte im Schulbetrieb um einen hohen Faktor brisanter. Was Parteipolitik betrifft, so könnte die Mitgliedschaft und Mitarbeit bei der „richtigen“ Fraktion wieder ein Muss werden, was ich derzeit nicht so empfinde.
  • Die Entlohnung der Pädagogen aufgrund des Schmalspur-Bachelors zu kürzen (so wie das im anderen öffentlichen Dienst gerade versucht wird), wäre ein falscher Weg. Dann gibt es bald keine Lehrer mehr.
  • Auf den „Nebenbei-Master“ bin ich schon gespannt. Derzeit machen schon einige meiner Berufsschul-Lehrer Kollegen (und ich auch) einen Master bzw. liebäugeln damit. Beim Vergleich der Master-Programme bzw. deren Absolventen scheint es mir aber hier auch haushohe Unterschiede zu geben: Den einen wird er nachgeworfen, die anderen verdienen ihn sich blutig. (Bitte mir diese drastische Ausdrucksweise zu verzeihen, aber derzeit wächst bei mir etwas der Frust, wenn ich nicht mal die Zeit finde, an einer Weihnachtsfeier teilzunehmen, weil ich für die Fernuni-Hagen eine Aufgabe am Montag abgeben muss und ich mit den zu lesenden Skripten sowieso schon einige Wochen im Hintertreffen bin. Bald sind Weihnachtsferien, da wird dann wieder durchgearbeitet und Rückstände aufgeholt. Selbstmitleid…… buhuuu…)

Die Zeit ist schon lange reif für Veränderungen im Schulbetrieb. Begonnen werden muss mit jenen, die Unterricht gestalten, also bei uns Lehrern. Dass dieser Regierungsplan (aus Schulsicht) eine Extremposition darstellt und bei der Realisierung vermutlich wieder eine halbherzige und österreichische Lösung herauskommt, das ist ziemlich sicher. Während der Lehrerausbildung meinte ein Vortragender, dass die notwendige 2/3-Mehrheit für Änderungen im Schulsystem eine gute Sache sei, weil sich Schule dann nicht nach jeder Wahl ändert. Wo Licht ist, da ist auch Schatten.

Selbstversuch: Lehrer + Schüler + Facebook

Manchmal fühle ich mich wie eine Laborratte. Da rennst du durch ein Labyrinth auf der Suche nach Futter und weißt nie, ob hinter der nächsten Ecke ein Stück Käse oder ein schmerzvoller Stromschlag auf dich wartet. Ähnlich scheint es mir mit den sozialen Netzwerken: Gespannt wie ein Flitzebogen twittern und posten wir uns durch die Welt, ständig auf der Suche nach irgendeinem leckeren Käse, manchmal macht’s „Boing“, aber dann gleich weiter: Running Man. Running Woman.

Derzeit finde ich das Hype-Thema „Facebook“ sehr spannend:

Erstens, weil die alten Medien verzweifelt versuchen, Facebook tot zu reden und zu schreiben. Ich habe einen Google-Alert auf „facebook“ gesetzt: 90 % Negativmeldungen aus der Ecke Print und TV, die zu Recht Angst um ihre Quoten und damit ihre Werbeeinnahmen und ihre Jobs haben. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis diese bemerken, dass sich kein vernünftiger Mensch heute mehr dem Zeit- und Themendiktat der Redakteure aussetzen lassen will.

Zweitens, weil die von Kruse auf der re:publica 2010 (Teil1, Teil2, Teil3) so schön beschriebene Wertediskussion „Facebook oder nicht“ tagtäglich im Lehrer-Konferenzzimmer ein Thema ist: Teilweise entschuldigend („Ich habe mich wieder abgemeldet, ich habe keine Zeit dafür“, „… da kommen so viele Schüleranfragen“, „… ich weiß nicht, was ich da reinschreiben soll“, „… mir fehlt da die Gesamtperson“), teilweise schlagzeilen-wiederholend („Facebook hat eine Ehe zerstört“), vereinzelt positiv. Kruse hat dargelegt, dass bei einer Wertediskussion die Fakten unstrittig sind. Jede Diskussion kommt einer Missionierung gleich und es ist fast unmöglich, Einstellungen, Vorurteile und Prägungen durch Gespräche zu verändern, das funktioniert nur durch Erfahrungen.

Seit zwei Jahren nutze ich Facebook. Der Versuchsleite beobachtete bei mir (als Laborratte) folgende Themen bei Postings:

  1. Postings aus dem professionellen Umfeld als Lehrer (Lehren, Lernen, Unterricht, Schule, etc.)
  2. Postings über Bereiche, die Unterrichtsfächer betreffen (Wirtschaftskunde, Politische Bildung, Englisch, Informatik, …)
  3. Postings über Lehreralltag („Klassenarbeiten verbessert“, …)
  4. Postings über das Fernstudium eeducation
  5. Postings über einige private Aktivitäten (Kinobesuch, Buchtipp, …)
  6. Postings, bei denen der Leser lachen kann

Meine knapp 300 „Freunde“ habe ich in folgende Liste unterteilt: Schüler (größte Gruppe), Lehrer, Freunde, Verwandte, Bekannte, Important People, Politiker, Don’t know.  Jede Freundschaftsanfrage von Schülern oder Ex-Schülern wird bestätigt, ich sende selbst allerdings keine Freundschaftsanfragen an Schüler aus. Die Nutzung von Facebook als Lehrer ist in den letzten Monaten erstaunlich gut gelaufen.

Bisherige Erfahrungen und Erkenntnisse:

  • Meinen Schülern (15 – 20 Jahre)  ist durchaus bewusst, wer bei ihnen mitlesen kann und sie posten dementsprechend vorsichtig bzw. chatten dann mit ihrem Partner, wenn sie sich über Lehrkräfte austauschen.
  • Ganz, ganz wenige Ex-Schüler (>20 Jahre) fallen auf, dass sie sich unvorteilhaft über Job und Kollegen äußern. Häufiges Thema: Langeweile im Job. Ganz wenige posten, dass sie gerne zur Arbeit gehen 😉
  • Persönliche Nachrichen an mich sind eine Seltenheit, ca. eine pro Woche.
  • Die meisten Apps habe ich gesperrt und sehe sie deshalb nicht.
  • Den Chat habe ich ausgeschaltet.

Insgesamt plätschert die Facebook-Schiene also in ruhigem Fahrwasser ohne Aufgeregtheit dahin. Mir ist allerdings aufgefallen, dass sich meine Vorbereitungszeit für den Unterricht im letzten Jahr um 10 % erhöht hat. Ich nehme an, dass Facebook und Twitter daran schuld sind. Deshalb habe ich das Firefox-Addon „Leech Block“ installiert und die tägliche Facebook-Zeit auf 10 Minuten begrenzt. Damit komme ich prima aus, weil ich die Postings nur sporadisch lese.

Vorige Woche wurde es Zeit für die Phase 2 des Selbstversuches. In der Schule veranstalteten wir einen Sportnachmittag und ich kündigte an, dass die Videos und Fotos (guckst du) von mir via Facebook veröffentlicht werden. Die Freundschaftsanfragen von Schülern sind seither sprunghaft angestiegen und ich bin gespannt, was da noch kommen wird.

Für die Schule habe ich im August 2009 parallel zur Schul-Homepage eine Facebook Gruppenseite „Berufsschule Rohrbach“ eingerichtet und nirgends beworben. Bisher hat sie über 300 Mitglieder. Vor exakt 14 Tagen legte eine Schülerin eine andere Gruppenseite für die Schule an („BS Rohrbach…wir waren dabei“). Diese hat in diesen zwei Wochen über 400 Mitglieder erreicht! Die Posting-Kultur in beiden Gruppen ist weitgehend angenehm.

What next?

Keine Ahnung. Was weiß ich als Laborratte schon von der Versuchsanordnung?