Fachtagungs-Bericht: Kann Medienbildung im Schulalltag gelingen?

Unter diesem Titel stand die Fachtagung anlässlich des Medienfestivals mla:connect. Die Tagung wurde nach der World-Café-Methode, die (lt. Wikipedia) für 12 – 2000 Teilnehmer geeignet ist, abgehalten. Drei Gesprächsrunden zu je 45 Minuten kreisten um das zentrale Thema, am Schluss wurde eine zusammenfassende Twitter-Meldung inklusive dreiminütiger Zusammenfassung gegeben. Am Tisch lagen Flip-Cams bereit und wir wurden ermuntert, nach Lust und Laune mitzufilmen bzw. zu fotografieren. Sollte genug Material zusammenkommen, wird ein Film für mediamanual.at erstellt.

Sitting alone by naraekim0801 (flickr.com)

Nach drei intensiven Diskussionsrunden war unsere Twitter-Meldung am letzten Tisch eine Meldung aus der Zukunft, aus dem Jahr 2015: „Medienfachfrau/-mann installiert World-Café in allen Bezirken Österreichs“. Denn auffallend bei vielen Berichten der medien-affinen Kolleginnen und Kollegen waren folgende Faktoren:

  1. Medienbildung wird an Schulen zumeist von einer Person betrieben, die sich oft als Einzelkämpferin bzw. Einzelkämpfer fühlt.
  2. Es fehlt an gegenseitigem Austausch, der vom Schulsystem unterstützt wird.

Auffallend oft wurde auch erwähnt, dass junge Lehrer sich den neuen Medien oft verweigern, wohingegen manche Ältere seit Jahren begeistert bei der Sache sind. Paradebeispiel dafür war Josef Ranner, der schon Radiosendungen in der Schule produzierte, als ich selbst nur knapp aus den Windeln heraus war. Nunmehr seit 16 Jahren in der Pension, betreibt er noch immer das Medienzentrum Mürz. Ranner war an diesem Nachmittag mit einer Filmcrew am Arbeiten und in den Gesprächsrunden dabei.

Zurück zu unserer Twitter-Meldung (… die nicht getwittert wurde, die sollte einfach nur so kurz sein, wie eine Twitter-Meldung). Wir wünschen uns also World-Cafés vor Ort und eine Medienfachfrau bzw. einen Medienfachmann, der uns dann und wann mit Rat und Tat zur Seite steht.

Warum?

Aufgrund des Umstandes, da Lehrkräfte, die „was mit Medien machen“ offensichtlich an den meisten Schulen alleine werkeln, fanden wir es wichtig, sich gegenseitig intensiv auszutauschen. Die Ruf nach Ausbildung, nach Kursen à la „Filmschnitt mit Piesackl“ oder „Podcasting für Junggebliebene“, der ist recht leise. Wer ist heute noch begeistert, in einem Vortragssaal die Funktionsweise einer Software kennenzulernen, wenn es dazu ein Handbuch oder Youtube-Videos dazu gibt. Was wir brauchen ist der Erfahrungsaustausch, wie diese Software didaktisch und pädagogisch eingesetzt werden kann und welche Fallstricke und best-practices es gibt. Kaum wer will „Moodle“ lernen, weil das Tool ja großteils selbsterklärend ist. Wir wollen wissen, wie Unterrichtsprojekte bestmöglich mit Web-Tools abgewickelt werden können, egal welches Etikett auf dem Tool steht.

Die Notwendigkeit eines Austauschs von Ideen, Erfahrungen, Vorgehensweisen und wohl auch die gegenseitige Motivation ist das Um und Auf, Medien in den Unterricht bestmöglich zu integrieren. Dieser Erfahrungsaustausch könnte / sollte auch schultypenübergreifend stattfinden. Was brauchen wir dazu?

  1. Zeit, denn es kann nicht sein, dass Medienbildung an Österreichs Schulen (so wie jetzt) als Freizeit-Hobby einiger Lehrer betrachtet wird und
  2. ein flexibles Schulbudget, das (mal mehr, mal weniger) für Medienprojekte verwendet werden kann.

Wir brauchen auch immer seltener einen „Sage on the stage“, niemanden, der uns zeigt, wie es geht. Zuallererst sollten wir Lehrkräfte den eigenen Erfahrungsschatz untereinander austauschen und uns schulübergreifend vernetzen. Für individuelle Projekte sollte es aber dann doch auf Anfrage einen Experten geben, der an die Schule kommt und bei der Planung und Durchführung der Projekte behilflich ist. So wie ich einen Schulpsychologen anfordern kann, so sollte dieser Medienexperte bzw. die Medienexpertin hilfreich zur Seite stehen. Randnotiz: Sollte es diese Stelle demnächst geben, würde ich sie gerne haben wollen 😉

Bei den Diskussionen fiel auch auf, dass wir es heute im Vergleich zu früher so viel leichter haben, Video und Audio in den Unterricht zu integrieren. Wer braucht heute noch ein Studio, ein Gerät zum Filmeschneiden, eine hochwertige Kamera? Für Medienprojekte in der Berufsschule genügt mir eigentlich ein Smartphone eines Schülers und ein Administratorpasswort um geeignete Freeware auf Schul-Pcs installieren zu können und Internet, sprich Youtube, posterous etc. Es gibt ja sogar schon einen „Bring-your-own-device-Erlass“ (BYOD-Policy). Da höre ich jetzt natürlich den Aufschrei: „Aber da können wir auch keine hochwertigen Medienproduktionen mehr erstellen!!“

Stimmt. Das ist eine Grundsatzdiskussion. Geht es darum, ein möglichst perfektes Endprodukt zu erstellen oder ist der Produktionsprozess und das parallel dazu laufende Lernerlebnis das eigentliche Ziel? Beide Varianten haben was für sich:

  1. Sowohl für Schulerinnen und Schüler und auch Lehrkräfte ist es toll, wenn das Endergebnis eines Unterrichtsprojektes herzeigbar, prämierbar und professionell erscheint. Tatsache ist aber auch, dass Projekte scheitern und zumindest am Misserfolg entlangschrammen und Lehrerinnen und Lehrer vielleicht für ihre Klasse das Projekt zu einem herzeigbaren Endergebnis schleppen. Was ja absolut nicht der Sinn der Sache sein sollte.
  2. Wenn Medienproduktionen als Lernmethode angewandt werden, so zählt nicht so sehr das Endergebnis, sondern der Weg dorthin. Dann muss das Endergebnis qualitativ nocht so hochwertig sein. Schließlich sind es Erstlingsprodukte von Menschen, die aus Fehlern lernen sollten und nicht das Werk von Profis, die das schon jahrelang machen.

So richtig klar geworden ist mir das bei den Podcast-Projekten der letzten Jahre. Beim Wirtschaftskunde-Podcast war mir der Weg zum fertigen Podcast noch das Wichtigste. Schülerinnen und Schüler sollten bei der Erstellung des Podcasts den Stoff lernen oder vertiefen. Der Podcast selbst war dann eigentlich ein Nebenprodukt. Anders war es beim AGSL-Podcast. Hier stand ganz klar immer das Endprodukt im Vordergrund. Für mich als Lehrer in einer kaufmännischen Berufsschule ist es sicherlich nicht Ziel, ein High-End-Produkt herzustellen, weil die dafür zur Verfügung stehende Zeit sehr, sehr, sehr begrenzt ist. Für den AGSL-Podcast verwendet ich meist 100 – 150 Minuten (ohne Schnitt).

Die erstaunliche Erkenntnis aus dem World-Café war für mich, dass die Medienbildung an vielen Schulen das Werk einzelner Lehrerinnen und Lehrer ist. Ich frage mich, ob das in den meisten Schulen so gesehen wird oder ob das Treffen dieser vielen „Einzelnen“ vorige Woche ein Zufall war. Jedenfalls: Es war lehrreich, höchst interessant und ich hätte mir die doppelte Zeit für Diskussionen und Erfahrungsaustausch gewünscht.

Das Thema gab es schon vor zwei Jahren auf der Fachtagung, hier ein Lesetipp von damals: „Wie kann Medienbildung im Schulalltag gelingen? Gelingensfaktoren –Stolpersteine – Strategien (PDF)“ (Inge Fritz, mediamanual.at, 2009)

media literacy award 2011 für den AGSL-Podcast

media literacy award 2011
media literacy award 2011

Für das Englisch-Projekt „AGSL-Podcast“ (Austrian-German as a second language), wo Schülerinnen und Schüler der Berufsschule Rohrbach oberösterreichische Dialektworte auf Englisch erklären, haben wir den media literacy award 2011 in der Kategorie Radio erhalten. Der media literacy award zeichnet jährlich die besten und innovativsten medienpädagogischen Projekte an europäischen Schulen aus.

Der Preis wurde im Rahmen des Medienfestivals mla:connect (19. – 21. Oktober 2011) im Museumsquartier in Wien verliehen. Bei diesem Projekt wirkten bis zum heutigen Tag insgesamt 65 Schülerinnen und Schüler der 1., 2. und 3. Klasse Einzelhandel bzw. Großhandel mit. 16 Episoden wurden bisher veröffentlicht, 12 stehen noch für die nächsten Monate bereit und einige neue sind in Arbeit. Die Vorgehensweise für die Erstellung dieser Podcasts habe ich vor einiger Zeit schon hier beschrieben.

Die Jury begründete ihr Wahl folgendermaßen:

Die Jury lächelt noch immer, wenn sie an das Projekt „Austrian German as a second language podcast“ der Berufsschule Rohrbach denkt. SchülerInnen gestalteten im Englischunterricht rund zweiminütige Podcasts, in denen sie mit österreichischem Akzent „Austrian German learners“ Wörter und Phrasen wie „Jawoi“, „Hawara“ und „I drah durch“ beibringen. Nicht nur, dass die Schülerinnen und Schüler in ihrem Unterrichtsfach Englisch überlegen müssen, welche Eigenschaften und Nuancen ihre eigene Sprache bereithält, die sie prägnant auf Englisch beschreiben müssen; sie bringen das Ganze auch noch gekonnt und formklar in das Format eines Podcasts. Die Jury hat diesen Podcast schon an Freunde und Freundinnen weiterempfohlen – was vermutlich weniger als Aufruf zu sehen ist, „Austrian German“ zu lernen, als vielmehr somit bereits der Beweis erbracht ist, dass hier ein unterhaltsamer und humorvoller Podcast vorliegt, der im Internet wirklich seine Fans finden kann. This project is really „voi leiwond“.

Dazu passend wurde für die Zuschauer die Episode „leiwond“ von Paul Holly (Sprecher) und Stefan Hausleitner abgespielt. Das Publikum war amüsiert und etliche machte bei den „Repeat after me“-Phasen lautstark mit.

Alle preisgekrönten Beiträge sind auf der mediamanual.at – Preisträgerseite zu finden. Von denjenigen, die online abrufbar sind, haben mir persönlich besonders gut gefallen:

  • mustard vs. ketchup (ein Beitrag aus Italien, der sich gegen Diskriminierung ausspricht)
  • Franz Liszt (ein kurzweiliger Radiobeitrag voll Witz und Ironie aus Budapest über den Komponisten; Achtung: Bei Vimeo warten, bis vollständig geladen)
  • Der Strudel (die Volkschule Krems-Lerchenfeld aus Niederösterreich über einen multikulturellen Strudel)
  • Leben erfahren – ZeitzeugInnen im Gespräch (von der HS Reichenthal aus OÖ, leider nur als Ausschnitt online)
  • Thriller (Integrationsklasse aus dem Elisabethinum, Axams in Tirol)

Kreative, kritische und innovative Media-Literacy-Beiträge rund um die Schulkultur gibt es das ganze Jahr über auf www.mediamanual.at/tv.

Hurra, was für ein schöner Fehler! – Episode 2

Drüben bei „Learning Waves“ beschreibt Prof. Dr. Andrea Back im Artikel „Hurra, was für ein schöner Fehler!“ eine Möglichkeit, wie mit Fehlern umgegangen werden könnte. Sie werden markiert, der Schönste bekommt einen Aufkleber oder eine ähnlich nette Markierung. Ziel sollte sein, Fehler nicht als was Schlimmes, Böses oder Furchtbares, sondern als Chance zur eigenen Weiterentwicklung zu sehen. Da macht Schule oft aber nicht – oder noch zu selten.

Eine weitere Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen, wäre die „Stolperstein-Mitbringsel-Lernkartei“. Die funktioniert so:

  1. Von (fast) jedem Ausflug (=Test, Klassenarbeit) nehmen wir einige Mitbringsel (=Fehler) mit, die in die Kartei eingetragen werden.
  2. Unterstrichen wird jener Teil, der fehlerhaft war – aber in der Kartei wird alles, wirklich alles, richtig geschrieben.
  3. Einmal pro Woche wird der Stolper-Parkour durchlaufen, das heißt: Mit der Kartei gearbeitet. Entweder wird sie diktiert oder mündlich abgefragt oder per quizlet durchgeklickt.
  4. Wenn der Stolperstein-Parkour ohne zu stolpern absolviert wurde, dann gibt’s auf einer gut sichtbar aufgehängten Liste (z. B. am Kühlschrank) einen Smiley. Oder einen Eintrag, wieviele Karten positiv erledigt wurden. Bitte nicht, wie viele Fehler gemacht wurden!! Und bitte kein Geld!

Zum Umgang mit Fehlern gibt es von Carol Dweck ein sehr zu empfehlendes Buch: „Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt“ (Amazon). Sie teilt darin Menschen in zwei Gruppen ein. Diejenigen, die ein statisches Selbstbild von sich haben analysieren ihre Fehler kaum und fühlen sich auch nur intelligent, wenn sie keine Fehler machen. Sie erleben Fehler als ersten Schritt zur Strafe oder zum Urteil. Diejenigen mit dynamischen Selbstbild sind überzeugt davon, dass Fehler zu Vorschlägen und neuem Wissen führen. Darum sehen sie sich ihre Fehler so lange an, bis sie die Ursache des Irrtums verstanden haben. Sie sehen sich Arbeiten von anderen Menschen an, die besser als die eigenen sind. Wohingegen die mit statischem Selbstbild grundsätzlich Arbeiten ansehen, die schlechter als die eigenen benotet wurden. Das Konzept habe ich hier schon mal beschrieben.

Wenn Fehler nicht analysiert werden, dann krallt sich das statische Ego die nächste, logische Erklärung: Ich bin eben dumm. Der Lehrer ist eben dumm. Die Schule ist dumm. Dweck zitiert dazu den Basketballtrainer John Wooden: „Man ist erst dann ein Versager, wenn man nach Schuldigen sucht.“ Daher: ran an die Fehler. Denn nichts ist leichter, als aus Fehlern zu lernen. Das sollte den Lernstoff ganz gehörig eingrenzen, oder nicht?

Schygulla – Filmprojekt einer Hauptschule

Frau_He hat den Beitrag „Hautpschüler als Schauspieler“ zwar schon im Juli gepostet, ich bin aber (trotzdem) erst jetzt darauf gestoßen. Ein sensationelles Filmprojekt mit Schülern der Schule am Botanischen Garten, Hann Münden. Insbesondere die Szene mit dem Bewerbungsgespräch lässt sich prima für Unterrichtszwecke einsetzen, ebenso ist das Film ein tolles Beispiel zum Thema „Arbeiten im Team“.

Viel Vergnügen!

Occupy bookshelf – die Revolte im Buchregal

Haben sich Ihre Lesegewohnheiten verändert, und wenn ja, wie?“ fragt WissensWert, die Mitmachzeitschrift über Enterprise 2.0, Knowledge Management und E-Learning und ruft zum Blog-Carnival auf.

Nein, haben sie nicht. Zumindest nicht durch den Amazon-Kindle, den ich mir noch im Mai 2010 um stolze EUR 274,84 aus den USA schicken ließ. Nach anfänglichen Missverständnissen (meine Finger wollten immer per Swish am vermeintlichen Touch-Screen umblättern) wurde das Gerät zur fixen Einrichtung am Nachtkästchen. Heute, 39 gelesene ebooks später gibt es den Kindle-Reader um annehmbare EUR 99,00 (Amazon). Ärgere ich mich deshalb? Sag ich nicht. Vermutlich gibt es den Reader nächste Jahr kostenlos zu irgendeinem Zeitschriften- oder Zeitungsabo, sobald die Verlage auch mal Wind davon bekommen, dass es so ein Gerät gibt.

Seit ich Taschengeld bekomme bin ich leidenschaftlicher Büchersammler. Meine Regale platzen aus allen Nähten. Meine Frau teilt diese Leidenschaft. Ich muss Bücher besitzen, ich muss sie ins Regal stellen können, sozusagen als Trophäe, was ich alles in den letzten 34 Jahren gelesen habe. Allerdings wächst der SLB (=Stapel zu lesender Bücher) jedes Jahr in nahezu beängstigender Weise an. Mittlerweile müsste ich jede Woche knapp 1,5 Bücher lesen, um bis zu meinem statistisch vorgesehenen Ableben den Stapel abgearbeitet zu haben. Es ist wie die Schuldenkrise – Schulden ziehen Schulden an. Meine Bücher entwickeln ebenfalls eine erstaunliche Sogwirkung, die durch das Internet noch verstärkt wurde. Es wurde Zeit für die Aktion „Occupy book shelf – nehmt den Büchern ihre Macht im Regal!“.

Was war der Auslöser?

Schuld war George R. R. Martin. 1996 startete er „The Song of Ice and Fire„, von mir relativ spät im Jahr 2007 entdeckt. Ich wühlte mich durch die bislang vier erschienen Paperback-Bände und war hocherfreut auf seinem Blog zu lesen, dass Band fünf 2008 erscheint und bestellte bei Amazon vor: Lieferdatum Juni 2008. Anschließend gab es halbjährlich bis jährliche vertröstende Blog-Updates, bis letztendlich der fünfte Band „A dance with dragons“ am 27. Juni 2011 mit 3 Jahren Verzögerung ausgeliefert wurde.

(Was ich nicht wusste: Durch meine Vorbestellung war ich weltweit unter den ersten 180, die das Buch erhielten, weil Amazon versehentlich noch vor dem offiziellen Erscheinungsdatum auslieferte. Der Autor schäumte. Ich habe es nicht bemerkt, ich schrieb an einer Hausarbeit für das Studium).

Da lag es nun, das gute Stück: Knapp mehr als 1000 Seiten, fast 1469 Gramm schwer. Nun gut. Die Hausarbeit war drei Wochen später abgeschlossen, auch der Rest der Welt hatte das Buch mittlerweile erhalten und „A dance with dragons“ wanderte mit auf die Couch, ins Bett, auf die Gartenliege. Nur irgendwie… nach all den ebooks … es war einfach … ungemütlich und lästig, ein so dickes, schweres Buch herumzuschleppen. Außerdem war es nach fast vier Jahren relativ schwierig, wieder in die Story hineinzufinden. Wer war nochmal Shakaz Shavepate? Wast hatte Victarion Greyjoy nochmal vor?

Nach 178 Seiten hatte ich die Nase voll und kaufte ich mir kurzerhand „A dance with dragons“ ein zweites Mal – als ebook. Statt 1469 Gramm hielt ich ab sofort nur noch 290 Gramm in Händen.

Statt 55 mm ehemaligen Baum nur noch 12 mm Gadget. Statt im Internet in diversen Wikis zu recherchieren kaufte ich mir um günstige $ 17,57 die vorherigen Bände im Kindle-Format als Bundle und konnte so bequem via Volltextsuche in der gesamten Serie schmökern und nachlesen und fand so nach und nach wieder den Lesefaden. Sehr bequem für englischsprachige Literatur ist auch das eingebaute Wörterbuch, das ich nicht mehr hergeben möchte.

Fertig gelesene Bücher landen also ab jetzt kaum mehr im Bücherregal als Trophäe. Wenn mein Ego irgendwann deswegen rebelliert, dann hoffe ich doch, dass die Buchindustrie das passende Geschäftsmodell dazu entwickelt 😉 Eine ebook-Edition mit passendem Buchkarton für das Bücherregal. In der „killed-tree“-Luxus Edition gibt es dann echtes, bedrucktes Papier zwischen den Buchdeckeln. Und das Hörbuch gibt es zum geringen Aufpreis als Download dazu. Weil die Kindle-Vorlesestimme, die ist das einzige, was ich am ebook-Reader misslungen finde.

Aber hat sich mein Leseverhalten dadurch geändert? Was Romane betrifft: absolut nicht. Ich lese nicht weniger, ich lese aber auch nicht mehr als früher. Sachbücher lese ich nicht am Kindle. Mit Sachbüchern muss ich arbeiten, also markieren, Anmerkungen reinschreiben, schnell von Seite x zu Seite y springen. Das kann der Kindle zwar auch, aber ungleich unbequemer, als es ein richtiges Buch kann. Für das Studium arbeite ich allerdings sehr gerne parallel: Die Studienbriefe der Fernuni Hagen bearbeite ich am Papier, für Hausarbeiten nutze ich aber intensiv PDF’s, weil bei Zitaten das lästige Tippen erspart bleibt und das Sammeln, Sichten und Auswerten von Literatur mit geeigneter Software das Leben und das Erstellen von Hausarbeiten gewaltig erleichtert. Das ist aber ein Thema für eine andere Geschichte.

Die „Sche!#e-O!da“ (SO) Methode: done

So. Eine Woche später nach meiner bewusstseinserweiternden „Sche!#e-O!da“-Zählaktion (ab jetzt SO-Methode genannt, siehe Blog-Beitrag) ein Effekt, der wieder mal ein Lichtblick im Lehrerdasein ist.  Zur Erinnerung: Vorigen Freitag war knapp alle 1,5 Minuten entweder „Sche!#e“ oder „O!da“ im Klassenraum zu hören.

Gestern hörte ich – und ich habe wieder mitgezählt – zwei eher leise „O!da“ in 100 Minuten. Fäkalworte: Keine. So, dachte ich mir, das bestätigt den Spruch: „Grundsätzlich ist der Mensch intelligent und gut“.

Dafür hat eine Schülerin bei mir mitgezählt: Innerhalb von 30 Minuten habe ich selbst siebenmal „So“ gesagt. „So, jetzt wiederholen wir mal vorige Stunde“ oder „So, wer kann mir sagen…“ oder einfach nur „So“, um einfach nur etwas gesagt zu haben. Interessant wäre, seit wann ich dieses Wort so intensiv nutze. Auf jeden Fall bedanke ich mich für den Hinweis und werde mich bessern.

Die finale Überprüfung, ob die SO-Methode wirklich funktioniert, ist zwei Stunden auf ATV Saturday Night Fever – So feiert Österreichs Jugend (nach der Werbung) zu sehen. Wer danach weder S oder O sagt, der ist nach diesem Härtest geheilt.

Schei#!e, O!da!

[Update 22.10.11: Oh Mann, die Überschrift war ja ein Spam-Magnet. Überschrift und Text wurden deshalb verfremdet]

Wenn die ARD-Mediathek den „unflätigen Umgang unter Parteifreunden“ thematisiert und im Beitrag berichtet, dass ein (deutscher, aber egal) Politiker einem anderen ins Gesicht sagt, „er solle ihn mit so einer Schei#!e in Ruhe lassen“, dann darf ich auch von meiner nagelneuen, nicht repräsentativen Statistik erzählen:

  • Zeit: Freitagnachmittag, ca. 1,5 Stunden vor dem Wochenende
  • Ort: ein sonniges Klassenzimmer
  • Anwesende: Verkäufer, durchgehend 16-17jährig
  • Fach: Wirtschaft
  • Beobachtungs- bzw. Aufzeichnungszeitraum: 15:15 – 15:50

Was ist anders als sonst? Ich habe an meinen Schreibtisch ein Post-it mit zwei Spalten geklebt: „Schei#!e“ und „O!da“.

Aufgabe: Klammheimlich jedesmal wenn ich als Lehrer „Schei#!e“ oder „O!da“ höre ein Stricherl da bzw. eines dort. Sollte der Begriff unbekannt sein: hier ist eine Wiki-Eintrag dazu.

Ergebnis: In 35 Minuten 12 mal „Schei#!e“ und 9 mal „O!da“ gehört. Also alle 2,9 Minuten „Schei#!e“ und alle 3,8 Minuten „O!da“ gehört. Oder anders gesagt: Alle 1,5 Minuten höre ich entweder „Schei#!e“ oder „O!da“. Ich lasse mal die Wochen-Highlights wie „Brunzkopf“ oder „fette Sau“ weg, die in anderen Einheiten gefallen sind.

Mich stört das. ich arbeite nicht gern in einer Umgebung, in der ich dauernd an dieses Bild (siehe Bild) denken muss. Der Klassiker ist ja „Denke jetzt mal nicht an einen blauen Elefanten mit rosa Streifen“. Und wenn ich Schei#!e höre, dann drängt sich (mir zumindest) dieses bestimmte Bild rechts oben auf.

Es ist unangenehm und eklig. Genauso wie Füße auf dem Tisch. Oder Mundgeruch. Oder Abgabe zerissener oder verschmierter Hausübungen. Vielleicht stört es auch manche Kunden, die (unfreiweillig) so manche Gespräche des Verkaufspersonal mithören. Welche Überstunden / Urlaub / Zeitausgleichsansuchen nicht genehmigt worden sind. Wer was wann zu wem angeblich gesagt hat und dass das eine Frechheit ist. Dicht gefolgt entweder von S oder O.

Ich habe den Eindruck, dass vielen diese Wörter nicht bewusst sind. Dass sie genauso verwendet werden, wie manche Menschen „ähm“ oder „ahh“ oder „Na gut“ (=beliebter Lehrersatz zum Unterrichtseinsteig) sagen. Mit der Statistik oder der anschließenden Ergebnisveröffentlichung wolle ich ein Bewusstsein schaffen, dass diese Worte eben nicht selbstverständlich sind und eben nicht andauernd im Klassenzimmer oder in Verkaufsräumen fallen müssen. Sozusagen ein Plädoyer für mehr Achtsamkeit im täglichen Sprachgebrauch.

Ganz besonders hat es mich gefreut, dass die eifrigsten „Sche#!e O!da“-User Besserung gelobten und heute schon eine Wirkung zu hören war. Vielleicht sollte ich das auch mal im Konferenzzimmer thematisieren, nachdem ich heute Morgen innerhalb von 30 Sekunden zweimal „Schei#!e“ gehört habe. Das schlägt – statistisch gesehen – sogar die Schüler. Gut, dass das eine Ausnahme war.