Wikis im Unterricht – Erfahrungsaustausch

Christian Spannagel berichtet im Blog-Post „Hey, hey Wiki!“ von seinen Erfahrungen mit Wikis in der Schule. Seine Erlebnisse mit aufwändigen Anmeldungen, wo annähernd ganze Unterrichtsstunden draufgehen, habe ich ähnlich erlebt. Dass Schüler von der einen auf die andere Stunde ihr Passwort vergessen, die Wiki-Adresse nicht richtig abtippen und Probleme mit dem Zugriff auf eine Webmail-Adresse haben, das kann ich nicht nur für Schüler bestätigen. Dasselbe tritt bei Erwachsenen-Seminaren und (natürlich) auch bei Lehrer-Seminaren auf.

Trotzdem motiviert mich sein Beitrag, dieses Jahr wieder mal ein Wiki-Projekt im Unterricht zu starten. Wobei ich aufgrund der bisherigen Versuche, die hier in der Serie „Wikis in der Schule“ dokumentiert sind, noch einige Hausaufgaben machen muss. Denn die Arbeit mit einem Wiki fühlt sich für die meisten Menschen absolut ungewohnt an und daher braucht es noch einige „best practices“ um ein anständiges „Ergebnis“ zu bekommen. Einige Schüler-Aussagen während der Arbeit mit den Wikis:

  1. „Die (Rechtschreib)fehler eines anderen ausbessern? Niemals!“
  2. „Peer-Review? Forget it!“
  3. „Kreativität statt Copy-Paste? Warum denn?“
  4. „Die Benotung ist ungerecht, wenn wir alle zusammenarbeiten.“

Das alles ist sicherlich lösbar. Was ein Wiki aber für die meisten Unterrichtszwecke unbrauchbar macht ist, dass ein Wiki einzigartig sein muss. Warum?

Ich beginne mit dem (Berufsschul)lehrgang 1 an einem Wiki, beispielsweise über Wertpapiere. Der nächste Lehrgang, 10 Wochen später, arbeitet daran weiter. Dieser muss erstmal den Wissensvorsprung des Lehrgangs1 aufarbeiten, um das Wiki dann weiter bearbeiten zu können. Lehrgang3 hat zwei Wissensvorsprünge aufzuarbeiten. Unmöglich, in 40 Stunden. Wir haben ja andere Sachen auch zu tun. Ein Wiki, das immer wieder wächst, ist für (meinen) Schulbetrieb nicht geeignet. Wünschenswert, ja. Was wäre das für ein tolles Wiki nach 2 Jahren, aber nicht realisierbar. Für die Grundausbildung muss ich mit dem Wiki immer wieder von vorne anfangen und das Wiki des vorigen Lehrganges löschen. Autsch, das tu weh. Aber auch wenn ich lösche: Die Schüler haben das Wiki längst heruntergeladen uns es ihren Nachfolgern gemailt.

Daher müsste ich bei jedem Lehrgang thematisch ein neues Wiki beginnen. Aber was mache ich mit dem alten Wiki? Als Lernunterlage für die nachfolgenden Schüler? Das ist zu vergessen, das ist wie e-learning aus dem Jahr 2000, völlig unakzeptabel. E-Learning heute heißt: Inhalte erstellen. Der Weg ist das Ziel, niemals das Endprodukt. Das Endprodukt ist als Nachschlagewerk nützlich, aber nicht als Lern- oder Unterrichtsbehelf.

Einige Ideen dazu habe ich noch. Aber mit denen gehe ich bis zum nächsten Mal schwanger.

Wikis in der Berufsschule (Teil 6)

Ich bin gerade dabei, einen Unterrichtszyklus mit wikispaces auszuprobieren. Folgende Aussgangssituation: Im Fach Büroorganisation sind 7 Themen in 14 Unterrichtsstunden zu behandeln: Besser leben im Büro, Büroklima, Lärm, Licht und Blendung, Farben, klassischer Arbeitsplatz, Stressabbau. Ein Skript mit knapp 20 Seiten und ein Fachbuch (für 12 Schüler) sind vorhanden.

Notwendige Vorbereitung

  1. Anlage einer Google-Mail Adresse
  2. Anmelden bei dem vorbereiteten Wiki http://bsrobo.wikispaces.com

Phase 1 – Mit Lernstoff vertraut machen (Experte 1)

Die Schülerinnen wurden gemäß Geburtsdatum in Zweier-Gruppen eingeteilt und haben sich jeweils ein Kapitel im Skript ausgesucht. Zu diesem Kapitel erstellen sie 4 – 8 Quzfragen. Die jeweiligen Gruppen sind nun Experten zu ihrem Thema.

buero_kleinPhase 2 – Die Realität

Wir machen in Zweier-Gruppen die Stadt unsicher und gehen (ohne Voranmeldung) in verschiedene Büros und fotografieren mit Handy & Digicam verschiedene Büros. Diese werden auf einem flickr-Account unter dem Tag Büro eingestellt. Anschließend wird eine ABC-Liste zu den Eindrücken erstellt und mit zwei Partnern konsolidiert.

Phase 3 – Lehren, Lernen und Wiederholen 1

Die Quizfragen-Zweier-Gruppe wird geteilt, jeder sucht sich einen neuen Partner. Wiederum in Zweier-Gruppen werden am Tisch die erstellten Fragen gestellt. Die jeweiligen Partner versuchen diese zu beantworten und erhalten Hilfestellung von den Experten. Unbekanntes wird im Skript nachgelesen. ABC-Listen werden ergänzt. Die Schülerinnen sollten hier auch rückfragen: „Warum ist das so?“ oder nachfragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Hintergrund: Durch Erklärungen werden die Fakten der Fragestellerin klarer bzw. sie merken, wenn sie etwas nicht genau verstanden haben.

Phase 4 – Wiederholen 2

Neue Zweier-Gruppen werden per Zufallsprinzip gebildet. Diese neuen Gruppen pflegen ihre Fragen auf wikispaces ein und beantworten sich gegenseitig ihre erstellten Fragen aus Phase 1 (Wiederholung 2).

Phase 5 – Präsentation & Wiederholung 3 (Experte 2)

Wieder werden neue Zweiergruppen gebildet. Der Lehrer teilt ein Thema zu, das keines der beiden bei Phase 1 gehabt hat. Nun erstellen beide ein Lernplakat und halten eine Kurzpräsentation zu ihrem Thema. Sie werden damit Experten bei einem zweiten Thema. Die A3-Lernplakate werden für alle kopiert. Im Anschluss an jede Präsentation wird eine kurze zwei-Minuten-ABC-Liste erstellt.

Phase 6 – Wiki ausarbeiten & Wiederholung 4 (Experte 3)

Wiederum werden neue Zweiergruppen gebildet. Diese erhalten nun ein drittes Thema, das sie weder bei Phase 1 noch bei Phase 5 gehabt haben. Dieses Team befüllt das Wiki mit ihrem Thema, sie werden damit Experten bei einem dritten Thema. Im Wiki werden sowohl frei verfügbare Fotos aus dem Internet als auch die Fotos der Phase 2 verwendet. (Anwendung von Irfan View, flickr, google-search und Erklärung von creative commons Lizenzen)

Phase 7 – Peer Review und Wiederholung 5

Die Gruppe überprüft die erstellten Einträge der Partnergruppen auf Inhalt, Rechtschreibung und Vollständigkeit und ergänzt entsprechend. Da jeder Experte bei drei Themen ist, sollte das Wiki damit ganz passabel werden.

Phase 8 – Anwendung

Die einzelnen Büros aus Phase 2 werden im Plenum besprochen. Jeder Schüler ist nun Experte auf mindestens drei der 7 Themen und bringt sich entsprechend ein. Die anderen lernen bei der Diskussion mit und werden auf bestimmte Gegebenheiten aufmerksam gemacht (Lichteinfall, Blendung, Farbverwendung, Stühle, …). Eine kurze 3-Minuten-ABC-Liste wird zur Wiederholung erstellt.

Überprüfung

Eine schriftliche Überprüfung erfolgt mit den von den Schülerinnen erstellten Fragen und einem Teil, wo ein abgebildetes Büro anhand drei beliebig wählbarer Themenbereiche analysiert werden soll. Die Schülerinnen sind ja Experten auf drei Gebieten geworden.

Ich bin gespannt,

  • ob der häufige Partnerwechsel gut funktioniert
  • was die Schülerinnen mit dem fertigen Wiki machen – werden sie es umformatieren und ein Winword-Dokument daraus erstellen?
  • ob die Peer-Review klappt oder eine Mentalität vorherrschen wird: Lieber weniger reinschreiben, dann brauchen wir weniger lernen.
  • ob Copyrights beachtet werden.
  • ob der Zeitrahmen von 14 Stunden einigermaßen eingehalten werden kann.

(Dieses Posting ist Teil der Serie „Wikis in der Berufsschule„)

Wiki in der Schule? Funktioniert heute nicht!

Auf ein amüsantes Wortgefecht hat der Online-Standard diese Woche unter dem Titel „Weber entdeckt Plagiat bei Hauptschulprojekt“ hingewiesen. (Das Gefecht fand schon im November 2007 statt, aber für den Standard und mich war es neu).

Im Projekt „Web 2.0 Klasse“, sammelten 9 österreichische Hauptschulen im Rahmen der Projektwochen Informationen über österreichische Nationalparks in einem Wiki. Beteiligte Lehrer tauschten sich über ein Weblog aus. Das Unterrichtsministerium hat das Projekt gewürdigt und sich dafür bedankt.

Nun hat Dr. Stefan Weber (hier im Interview bei Eule) sich die Mühe gemacht, das Wiki auf Plagiate zu untersuchen. Und siehe da: Die Schüler haben kopiert! Und keiner hat es gemerkt (oder wollte es merken). Zumindest hat niemand was gesagt.

Nun schreibt Weber im Web 2.0 Klasse – Projektblog:

Das Ergebnis der Evaluation, wonach das Web 2.0-Projekt „cooler als Schule“ sei (Zitat Telekom Presse), ist somit mutmaßlich vor dem Hintergrund zu interpretieren, dass die Schüler hier gar nicht die Mühen des Lesens und Schreibens, sondern nur des Googelns und Ausschneidens/Einfügens auf sich nehmen mussten.

Bei uns an der Schule gibt es ein Fach „Textverarbeitung und Informationstechnologie“. Dort lernen die Schüler beispielsweise das 10-Finger-Schreibsystem oder mit MS-Winword umzugehen. Was da geschrieben wird, ist völlig egal, Hauptsache es entspricht der ÖNORM. Gelehrt wird die Methode, ein Handwerk, es geht nicht um den Inhalt.

Jetzt gilt es in einem Projekt, mit Wikis umzugehen. Was da reingeschrieben wird, ist relativ egal, Hauptsache das Projekt wird zeitgerecht fertig, es sind ein paar Bilder drinnen, die Struktur ist halbwegs okay und der Text liest sich einigermaßen flüssig. Gelehrt wird auch hier ein Handwerk: Der Umgang mit einer Technologie.

Dass auf die Copyrightproblematik hingewiesen wurde, glaube ich den Verantwortlichen. Dass die Kontrolle mühsam ist, weiß ich selbst. Und dass diese Problematik eine eher geringe Priorität im Vergleich zur a) Technik b) Organisation des Unterrichts und c) Erfolgsorientiertheit hat weiß ich von meinen Wiki-Projekten auch.

Plötzlich merkt man, dass der Unterricht im Gleichschritt nicht mehr funktioniert, dass man sich als Lehrer in eine seltsame Zukunft versetzt fühlt und dass es da keine Leine mehr gibt, an der die Schüler alle hängen.

Pawlow hat das ja ganz toll vorgeführt, indem er die Glocke läutete und der Hund zu sabbern anfing. Skinner (hier bei Youtube) hat dann diese Belohnungen eingeführt, damit die Tauben willig ein Tänzchen aufführten. Daraus haben wir dann unser Schulsystem kreiert, das den Unterricht im Gleichschritt, verbunden mit Noten als Belohnung bzw. Bestrafung vorsieht. Funktioniert doch, sagen viele, die was zu sagen haben. Doch Tauben sind keine Menschen, Menschen könnten auch anders. (Siehe Alfie Kohn: Der Unsinn mit den Noten in der Schule)

Mit Wikis funktioniert weder ein militärisch geführter Unterricht, bei der alle zur gleichen Zeit dasselbe machen, noch funktioniert ein Belohnungsystem. Wikis funktionieren wie Wikipedia. Also ziemlich unglaublich und außerirdisch. Fremd. Das Schulsystem passt nicht zu Wikis, Wikis passen nicht zum Schulsystem, das im 50-Minuten-Takt daherstottert.

Ein Wiki braucht:

  • eine Menge Leute, am besten Individualisten
  • echtes Interesse
  • Neugierde
  • Zeit und Muße
  • Kreativität

Das Design von Wikis ist grenzenlos. Künstlich geschaffene Begrenzungen wie z. B. Schulfächer, Noten, Unterrichtsstunden, Klassen, Schulen, Nationen, Jobs (Lehrer – Schüler – „Schulfremde“) sind Gift für ein Wiki. Möglicherweise sind Copyrights auch Gift für ein Wiki?

Wenn mich heute wer fragt: Wie kann ein Wiki in der Schule am besten eingesetzt werden? Dann sage ich: Überhaupt nicht. Das Schulsystem passt bestens zu einem LMS, wie Moodle. Das wiederum ist aber reine Spielerei, wenn die Schüler sowieso normalerweise in der Schule sitzen. Bestenfalls wird der Unterricht abwechslungsreicher. Oder sollten wir „cooler“ sagen?

Grüße aus dem Glashaus Schule,  aus dem ich heute ein paar Steinchen geworfen habe. Mein nächstes Wiki-Projekt kommt aber trotzdem. Vielleicht finde ich ja noch den Stein der Weisen, da irgendwo draußen. Oder wer von euch.

(Das ist das Schöne am Bloggen: Kann sein, das ich nächstes Jahr hellauf von Wikis in der Schule begeistert bin, völlig überzeugt und kopfschüttelnd meinen Beitrag von heute lesen werde.)

Wikis in der Berufsschule (Teil 5)

Seit fast über einem Jahr versuche ich konkrete und anwendbare Tipps für die Anwendung von Wikis im Unterricht im Web zu finden. Das Ergebnis war für mich enttäuschend. Meist wurde ausschließlich auf technische Aspekte oder auf abstrakte lerntheoretische Aspekte eingegangen. Ganz, ganz selten auf pädagogische oder diadaktische Anwendbarkeit. Mag. Klaus Himpsl von der HTL Dornbirn hat uns ein vorweihnachtliches Geschenk überreicht: In seiner Master Thesis „Social Software als wesentlicher Bestandteil eines Blended Learning Designs“ gibt er jede Menge wertvoller Tipps zur Verwendung von Wikis in der Schule.

Insbesondere behandeln die Seiten 50 – 59 in der Master Thesis folgende Aspekte:

  • Welche Probleme treten bei der Verwendung von Mediawiki im Unterricht auf?
  • Wie können diese Probleme (teilweise) durch eine Mediawiki-Konfiguration vermieden werden?
  • Welche Konventionen für die Unterrichtsarbeit sind sinnvoll?
  • Was müssen die Lernenden über Mediawiki wissen?

Ab der Seite 83 – 117 gibt er konkrete Praxisberichte zur Vorgehensweise im Unterricht.

  • Einstellen von Lerninhalten
  • Anlegen von Linksammlungen
  • Brainstorming
  • Kollaboratives Schreiben
  • Dokumentation und Protokollfunktion
  • Ausarbeitung von Handouts und Referate
  • Ressourcenbezogene Kommunikation
  • Webquests
  • Online-Schulmappe und Klassenplattform
  • Projekt- und Wissensmanagement und Öffentlichkeitsarbeit

Im höchst interessanten Evaluationsteil von Seite 118 – 141 kommen die Schüler direkt zu Wort. Ich konnte in vielen Aussagen meine eigenen Schüler wiederfinden (zB „Drucken ist nicht schön, kopieren in Winword ist besser“; „Schmarotzertum“, „nur wenige stellen freiwillig was rein“, …)

Fazit: Eine Pflichtlektüre für jeden, der Wikis in der Schule einsetzt. Ganz sicher auch für den, der ein Wiki eingesetzt hat und ganz furchtbar vom Ergebnis enttäuscht wurde.

Wiki-Wünsche ans Christkind

Obwohl mein Zeitungsausträger sich alle Mühe gibt, mich von meiner gewohnten Tageszeitung „Der Standard“ fernzuhalten, indem er mir am Freitag stattdessen vier idente Exemplare der Oberösterreichischen Nachrichten und heute das qualitativ gleichwertige, aber politisch andersdenkende Konkurrenzblatt „Die Presse“ in den Briefkasten warf, bin ich per Internet auf denStandard-Artikel „Projekt Web 2.0 grundsätzlich positiv evaluiert“ gestoßen.

Grundsätzlich positiv? Aber? Die evaluierten Lehrer berichten in einem (etwas) ausführlicheren Artikel bei der Telekom Austria folgendes:

  • größere Lernmotivation der Schüler: Das habe ich auch beobachtet. Aber? Wie lange hält diese Motivation an, nachdem ein zweites oder drittes Wiki oder Weblog erstellt wurde?
  • Stärkung der Medienkompetenz der Schüler. Nachdem uns Lehrern dem Bildungssystem vorgeworfen wird, dass die Schüler unzureichend auf das Internet vorbereitet werden, sind solche Projekte also eher zwingend notwendig.
  • Verabschiedung vom traditionellen Frontalunterricht. (Wieviele Lehrer müssen eigentlich noch beim Einsatz eines Wikis in diese Falle stolpern…? Werden wir in zwölf Monaten auch noch in Studien lesen, dass Frontalunterricht mit Wikis nicht möglich ist? Oder erklärt sich mal wer bereit, didaktische Konzepte zum Einsatz von Wikis für Lehrer zur Verfügung zu stellen?)

Und sie formulieren auch drei Wünsche:

  • Wunsch 1: Änderung der Unterrichtsstruktur hin zum Projektunterricht.
  • Wunsch 2: Interdisziplinäres Lehrerteam.
  • Wunsch 3: Umgang mit neuen Technologien in der Lehrer-Ausbildung.

Alle drei Wünsche kann ich prima nachvollziehen. Derzeit macht unsere Schule beim lernmit-Wettbewerb mit einem Jugendkultur-Wiki mit. Eingebunden sind vorerst die Fächer Politische Bildung und Informatik, allerdings nicht fächerübergreifend, sondern aus organisatorischen Gründen jede Klasse für sich. Wenn wir Berufsschul-Lehrer von der äußerst straffen Lehrstoffverteilung, wo das Thema jeder Einzelstunde vorgeschreiben ist, einige Einheiten zugunsten dieses Wiki-Projekts abzwacken müssen, dann ist das erstmal mit Stress und schlechtem Gewissen verbunden. Legal ist es doch, denn wir dürfen (danke, danke, danke, *verbeug*) Schwerpunkte setzen. Aber behandeln müssen wir alle Themen dann doch…

Zum Wunsch Nr. 2: Stimme ich grundsätzlich nicht ganz zu. Naja, ich rede mich leicht. Vielleicht ist es für viele Lehrer eine Erleichterung, wenn sie einen Lehrer dabei haben, der schon mal mit einem Wiki gearbeitet hat. So soll es ja Lehrer geben, die zum PC eine eher ambivalente Beziehung haben und beispielsweise ihre Mails eher selten lesen, wie zB Herr Rau berichtet (… und der erkannt hat, dass „leises Jammern“ bei E-Mail-Verweigerung da auch nichts nützt) . Offensichtlich sind die Kollegen von Herrn Rau etwas weiter, bei uns rümpft man (sehr) vereinzelt die Nase über die wöchentliche E-Mail Flut aus der Direktion, die in Spitzenzeiten bis zu zwei Stück betragen kann. Die Beschwerden reichen von „da muss man ja fast jeden Tag ein paarmal reinschauen“ bis hin zu „Wozu E-Mail? Kann man denn diese Infos nicht kopieren? Ich bin doch fast jeden Tag in der Schule. Nein, ich lese meine E-Mails nicht, meine E-Mails les ich nicht.“)

Mist, vergalopiert, zurück zum zweiten Wunsch: Wenn ein Wiki die Schüler zur Selbstständigkeit erzieht und den Lehrer aus der „Sage on the Stage“-Rolle holt … warum brauchen wir dann plötzlich zwei Lehrer? Dafür dürft ihr mich jetzt ganz arg beschimpfen, aber: Es ist Lehrern erlaubt, sich auch abseits vom Unterricht mit Wikis zu beschäftigen. Aber das brauche ich jetzt nicht schreiben, wer das liest, der macht das ja sowieso, die anderen lesen ja keine Weblogs.

Zum Wunsch Nr. 3: Jo man, in der „Junglehrerausbildung“, klar. Aber was tun wir mit den fertig ausgebildeten Lehrern? Doch noch nicht ganz fertig? Hmmm? Lifelonglearning für Lehrer. Es fehlen Konzepte. Zumindest gibt es für mich kein Fortbildungskonzept. Ich belege halt nach Gutdünken ein paar Seminare. Manchmal sind diese Seminare ganz gut, manchmal glaubt man sich auf einer Verkaufsshow, manchmal sind sie gut gemeint. Punkto Weiterbildungskonzept ist mein Lieblingssatz in Dienstaufträgen: „Der Besuch dieser Veranstaltung ist gemäß § 61 GehaltsG bei gänzlichem Unterrichtsentfall auf das Fortbildungskontingent von 5 Schultagen pro Schuljahr anzurechnen.“ Ich habe ein Fortbildungskontingent von 5 Schultagen pro Jahr? Niedlich, nicht? Wenn ich ab sofort zehn Jahre keine Fortbildung besuche, dann müsste sich doch damit nebenbei beinahe ein Fernstudium ausgehen, oder?

Übrigens: Das Projekt ist unter www.web20klasse.at zu finden, das Weblog dazu unter www.web20klasse.weblife.at.

Wikis in der Berufsschule (Teil 4)

Das Lehrgangsende nähert sich mit Riesenschritten, das Ende des Wikispaces-Projekt im Fach Büro-Organisation (Projektmanagement) auch. War das Projekt ein Erfolg? Nein, eigentlich nicht, das Wiki ist nicht wahnsinnig gut und nicht wahnsinnig umfassend geworden. Haben die Schülerinnen was gelernt? Ja, ich denke schon. Habe ich was gelernt? Ja, sicher. Nämlich folgendes:

Gruppengröße

Ein umfassendes Wiki mit 6 Schülerinnen innerhalb von nicht ganz vierzig Stunden aufzubauen, wobei mindestens die Hälfte der Stunden für Diskussionen, Gruppenarbeiten, Präsentationen und Info-Vermittlung (=Frontalunterricht) draufgehen, ist zu hoch gegriffen. Größere Gruppen sind für Wikis sinnvoller. Vielleicht sollte bei kleinen Gruppen als Alternative ein Weblog in Betracht gezogen werden.

Der Gleichschritt-Unterricht funktioniert nicht

Obwohl ich mich in letzter Zeit intensiv mit alternativen Lernmethoden beschäftigt habe, tappe ich immer wieder in die „Gleichschritt-Falle“: Diese Falle schnappt dann zu, wenn die Schülerinnen (auf Kommando) ein und dieselbe Aufgabe zugleich lösen. Eine für ein Wiki völlig ungeeignete Methode. Denn Benutzer können erstens nicht zugleich ein und dieselbe Seite bearbeiten und zweitens macht hat das im Wiki-Unterricht auch keinen Sinn. Ich habe zwei Gruppen-Seiten erstellen lassen (Gruppengröße = 3 Schülerinnen) und die jeweiligen Ergebnisse (für dieselbe Aufgabe) auf diesen Gruppenseiten abgelegt. So konnten die Ergebnisse verglichen werden, die besten Ansätze wanderten dann ins „echte“ Wiki, sprich von den Gruppenseiten in die Projektmanagement-Wiki-Seiten. Für größere Gruppen ist diese Methode nicht geeignet, das Vergleichen wäre zu aufwändig.

Leider ist dieser „Gleichschritt-Unterricht“ sowohl bei Lehrern als auch bei Schülern so internalisiert, dass jede Abweichung davon sehr ungewohnt ist. Lösen die Gruppen verschiedene Aufgaben, so funktioniert die Vermittlung der Ergebnisse hin zur anderen Gruppe nicht optimal. Die Schülerinnen müssten der anderen Gruppe in eher kurzer Zeit und komprimiert das vermitteln, was sie eben erst gelernt haben. Ein wichtiger Social-Skill, nur leider muss er geübt werden. Im regulären Unterricht passiert das zu selten, um in meinem Unterricht auf Anhieb in den wenigen Stunden zu funktionieren.

Die Liebe zur Textverarbeitung

Arbeiteten die Schülerinnen Aufgaben aus, so konnte ich immer wieder beobachten, dass sie diese lieber in Winword eintippten und das Ergebnis dann ins Wiki übertrugen. Klarerweise gibt es dann Probleme mit Formatierungen und Zeitverlust für den Mehraufwand. Sehr erstaunt (… und mit dieser Formulierung bleibe ich jetzt sehr höflich…) war ich über die Vorgehensweise der Schülerinnen beim Ausdruck des Lernstoffes für einen Test: Anstatt einfach die entsprechenden Wiki-Seiten auszudrucken, kopierten sie diese fein säuberlich ins Winword retour, formatierten dort brav die Seiten und druckten dann das Ergebnis aus. Klar, das Ergebnis war schöner als ein simpler Wiki-Ausdruck, aber vom Zeitaufwand ist diese Vorgehensweise schon eher kriminell. Noch dazu, dass nicht eine Schülerin diese Prozedur für alle durchgeführt hatte, nein: alle führten das für sich selbst durch – obwohl es sich um die gleichen Seiten handelte. Von wegen „collaborative working“ – nö – Arbeit im Gleichschritt. So wie es 10 Jahre lang gelehrt wurde. Hatte ich was anderes erwartet? Haben wir Lehrer den Schülerinnen beigebracht, rationell zu arbeiten? Offensichtlich nicht.

Die wöchentliche to-do Liste

Ganz gut funktioniert hat eine wöchentliche to-do-Liste. Für jeweils eine Woche war eine Schülerin „Projektmanager“ und dafür verantwortlich, dass große Teile der to-do-Liste bearbeitet wurden. Die Spielregel war, dass ich mich als Lehrer kaum einmische und sogar zu bestimmten Aufgaben eingeteilt werden konnte. Ich war also „normales“ Teammitglied und weitgehend auf Augenhöhe mit den Schülerinnen. Es war erlaubt, bestimmte Teile der to-do-Liste auf nächste Woche zu verschieben, manche Einträge überhaupt zu streichen. Meine erstellte to-do-Liste war immer absichtlich zu umfangreich für eine Woche. Damit wollte ich zumindest ein wenig „Projektmanagement-Feeling“ vermitteln. Die Schülerinnen mussten entscheiden, welche Aufgaben eher wichtig und welche eher unwichtig waren. Sie mussten lernen, mit mir zu verhandeln, welche Aufgaben gestrichen oder verschoben werden konnten. Nach jeder Doppelstunde war ein Statusbericht an mich verpflichtend. Funktioniert hat das Ganze so lala, aber der Ansatz war im Nachhinein betrachtet ganz okay.

Die „Peanuts-to-do-Liste“

Im dritten Teil dieser Serie habe ich über die Idee berichtet, eine to-do-Liste für kleinere Aufgaben einzuführen. Sachen, die mir im Wiki auffielen und behoben werden sollten. Davon gab es jede Menge. Die Schülerinnen nahmen die Idee zuerst recht emotionslos und willig auf. Als ich aber erwähnte, dass diejenige, die eine Aufgabe erledigte, Datum und Name in der Liste verewigen sollte und dafür Mitarbeitspunkte bekäme, da fanden sie die Idee überhaupt nicht mehr gut. Es gab Bedenken, dass ein Konkurrenzkampf enstehen könnte, ein „Geiern“ nach Punkten. Sie hatten Recht und wir ließen diese Idee eine Woche darauf wieder fallen. In diesem Moment sah ich Alfie Kohn vor mir stehen und sagen: „Ich habe es Dir auf 400 Seiten gesagt: Jede Benotung zerstört Deinen Unterricht.“ Und auch er hatte Recht.

Freiheit

Am besten funktionierte meiner Meinung nach die Phase, wo ich den Schülerinnen weitgehende Freiheit über ihr Tun gab. Ich habe diese Phase „Exploration“ genannt. Sie konnten sich aus Büchern, Zeitschriften, DVDs oder Internet-Seiten Themen raussuchen, die sie erarbeiteten, zusammenfassten, ins Wiki schrieben und den anderen mitteilten. Sie wählten ein Thema, das sie persönlich interessierte und wir konnten immer einen Querverweis in Richtung Projektmanagement erstellen.

Fazit

Die größte Herausforderung an Lehrer bei der Verwendung von Wikis im Unterricht ist meiner Meinung eine Vorgehensweise abseits vom „Gleichschritt-Unterricht“. Methoden, gewährleisten, dass verschiedene Schüler verschiedene Themen erarbeiten und ihr Wissen sich dann wechselseitig vermitteln. Der Lehrer ist dann wirklich Coach. Sobald er in die Rolle „Sage on the stage“ schlüpft, funktioniert der Wiki-Unterricht nicht mehr. Möglicherweise entsteht heute eine Unterrichtsmethode, die zwangsläufig eine Weiterentwicklung des selbstgesteuerten Lehrens und Lernens sein wird. Ein Unterricht nach Dalton ist nur bedingt zielführend: Zwar hat hier der Schüler die Freiheit, Aufgaben in beliebiger Reihenfolge abzuarbeiten oder Schwerpunkte zu setzen. Doch sobald eine gelöste Aufgabe im Wiki steht, besteht kein Grund für andere Schüler, diese zu lösen. Ausnahme: handwerkliche Tätigkeiten bzw. Stoff, der zum Üben ist (zB Mathematik).

Also müssten die Aufgaben völlig verschiedenartig und einzigartig für Schüler sein. Die Herausforderung an die Schüler ist dann, das Wissen den anderen zu vermitteln bzw. dieses Wissen sich von den Kollegen zu holen. In unserem engen Korsett eines 40-Stunden-Unterrichts mit regelmäßigen (gleichartigen) Mitarbeitskontrollen ist diese Vorgehensweise aus Zeitgründen sehr schwierig zu realisieren. Wikis lassen sich daher meiner Meinung problemlos im Projektunterricht einsetzen, zB bei der Organisation von Schulveranstaltungen, bei Übungsfirmen oder ähnlichem. Im regulären Unterricht, wo alle Schülerinnen dasselbe zur gleichen Zeit (im Gleichschritt) lernen sollten, weiß ich derzeit nicht wirklich, wie das sinnvoll zu realisieren ist. Noch nicht.

Wikis und Weblogs: Nahrung für die Seele

Einer meiner Lieblingsautoren, Gerald Hüther, Neurobiologe, ist heute in der Print-Ausgabe des Standard unter dem Titel „Wenn die Seele Trauer trägt“ vertreten. Im Artikel geht es um arbeitsbedingte psychische Erkrankungen. Weil ich mir heute bei einer Rechnungswesen-Schularbeit aufgrund der ständigen Huster, Schniefer und Schneuzer wie in einem Lazarett vorkam, interpretiere ich seine Worte mal auf Schule und Unterricht.

Hüther anwortet auf die Frage, welche seelischen Bedürfnisse unzureichend am Arbeitsplatz berücksichtigt werden und dadurch eine Rebellion der Seele auslösen wie folgt:

„Damit unser psychisches System den Anforderungen unserer Arbeitswelt stand halten und die Seele gesund bleiben kann, muss es offenbar, ähnlich wie unser Stoffwechselsystem mit entsprechender Nahrung versorgt und auf diese Weise immer wieder gestärkt werden. Aber was ist gute Nahrung für die Seele? Die Antwort ist einfach und wird durch vielfältige Befunde aus der Stress- und Hirnforschung bestätigt: Der wichtigste Nährstoff für die Seele ist Vertrauen. Und zwar auf drei Ebenen:

  1. Vertrauen, dass man etwas kann und weiß und dass man in der Lage ist, die Probleme, die das Leben stellt, auch zu lösen.
  2. Vertrauen, dass all jene Probleme, die man allein nicht bewältigen kann, gemeinsam mit anderen lösbar werden.
  3. Vertrauen, dass es irgendwie wieder gut wird, wenn es weder allein noch gemeinsam weiterzugehen scheint.

Jeder, dem dieses Vertrauen verloren geht, verliert damit auch das wichtigste Mittel gegen die Angst. Und wer nicht mehr in der Lage ist, seine Ängste zu überwinden, wer sich ständig verunsichern lässt und sich durch alles Mögliche bedroht fühlt, der wird über kurz oder lang krank. Körperlich oder eben seelisch.“

Was hat das mit Wikis oder Weblogs zu tun?

Zu Punkt 1: Ich denke, eine Erarbeitung oder eine Reflektion des Unterrichtsstoffes mit einem im Internet veröffentlichten Wiki oder Weblog verhilft dem Schüler (und auch dem Lehrer), seine Gedanken und sein Wissen zielgerichtet für alle Welt festzuhalten. Denkvorgänge und Lernprozesse verpuffen nicht einfach so im Unterrichtsjahr, sondern werden festgehalten. Bei Weblogs lässt sich beim Vergleich mit früheren Einträgen ein Wissenszuwachs feststellen. Die Umfänge von Wikis, das Anwachsen dieser Wissens-Datenbank könnte Vertrauen in sich selbst und seine Fähigkeiten erzeugen.

Im Gegensatz zum behaviouristischen 08-15 Frontalunterricht, wo der Lehrer seinen Schülern Wissen häppchenweise vermittelt, weil diese Unterrichtsform den Schülern zwangsweise für dumm, unselbstständig und unfähig verkauft, schafft ein Wiki bzw. Weblog echtes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Zu Punkt 2: Wikis und Weblogs lassen kollaboratives Arbeiten theoretisch zu. Nur habe ich den Eindruck, dass Schülern (und in erhöhtem Maße Lehrern) kollaboratives Arbeiten mit diesen Tools noch völlig fremd und irgendwie unanständig vorkommt. („Ja, darf man denn das? Ist das erlaubt? Da könnte doch jeder…“) Ein gleichzeitiges Bearbeiten von Wiki-Seiten ist ja auch nicht möglich, dazu müsste die Wiki-Seite ständig „on-the-fly“ aktualisiert werden. Trotzdem kann mit bestimmten Vorgehensweisen (zB Fragelisten im Wiki, Kommentare, to-do-Kommentaren, …) um Hilfe angefragt werden. Im besten Fall hilft die ganze Welt mit (Wikipedia), in der Berufsschule könnten zB Experten aus der Stammfirma, Arbeitskollegen (oder sogar der Lehrer -:) ) hinzugezogen werden. Der Lehrer ist allerdings im Wiki-basierenden-Unterricht hauptsächlich Begleiter. Mit Wikis und Weblog gilt das Motto von Bob der Baumeister: „Können wir das schaffen? Jo, wir schaffen das!“

Im herkömmlichen behaviouristischen 08-15 Frontalunterricht wird hauptsächlich nach dem Motto „How to be alone in the crowd“ unterrichtet: Nicht abschreiben, nicht fragen, nicht reden, null Austausch.

Zu Punkt 3: Naja, hmm. „Vertrauen, dass das Leben Sinn macht“. Dazu fällt mir die Frage ein, die mir ständig gestellt wird, wenn ich das Wort „Weblog“ in den Mund nehme: „Warum schreibst Du das, welchen Sinn hat ein Weblog?“. Vielleicht weil ich in diesem Monat die für mich unglaublichen 2000 Visits auf lernenheute.wordpress.com schaffen werde? Vielleicht, weil ich immer wieder nette Kommentare und persönliche Mails von Leuten aus Österreich, Deutschland und der Schweiz bekomme? Vielleicht weil die APA auf mein Weblog verlinkt hat? Oder die Teachersnews meine Serie über Wikis in der Berufschule als Tipp in ihrem Newsletter gebracht haben? Das motiviert natürlich. Aber eigentlich ist mein Weblog (m)ein Haus, das derzeit gebaut wird. In dem ich herumwandern und schauen kann, wofür ich mich vor einigen Monaten noch interessiert habe. Welche Erkenntnisse ich damals gezogen und, wie ich jetzt bemerke, bereits wieder vergessen habe. Und beim Lesen wieder auffrische und mir besser merke. Welche guten Vorsätze ich mir während der Lehrerausbildung vorgenommen habe und im Alltagstrott wieder vergessen habe. Mein Weblog ist mein Speicher, auch eine Art Gewissen: „So soll Unterricht sein“. Die Praxis sieht klarerweise oft anders aus.