Meine 15 Tablet-PC für die Berufsschule #opco12

Ende Mai dürfen wir Lehrer in der Berufsschule Wunschzettel schreiben. Diese Wunschzettel enthalten Neuanschaffungen, die im nächsten Schuljahr (vielleicht, unter Umständen und eventuell, falls es das Budget zulässt und nicht andere dringende oder länger aufgeschobenene Anschaffungen notwendig werden) genehmigt werden könnten. Wer jetzt denkt, wir sind im Paradies, dem sei dasselbe wie den Kindern zu Weihnachten gesagt: „Nicht alles, was Du auf den Wunschzettel schreibst, das bekommst du.“ (Ich brauche im Jahr 2012 nicht zu erwähnen, dass unser Budget nicht gerade üppig ist, oder?)

Aber so als Idee, als einen Wunsch ans Christkind wünsche ich mir 15 Tablet-PCs für eine Gruppe, in einem schönen Koffer, fertig zum Austeilen im Englisch- bzw. Wirtschaftskunde-Unterricht oder auch in Politischer Bildung. Ipads übersteigen unser Budget. Deshalb habe ich beispielsweise mit dem Kindle-Fire kalkuliert. Das gibt es zwar bei uns (noch) nicht, wird aber hoffentlich mit einem ähnlichen Kampfpreis wie in den USA von ungefähr EUR 200,00 pro Stück verkauft werden. Diese Preisklasse ist am ehesten vorstellbar, billiger wird’s vermutlich demnächst nicht gehen.

Spontan würde ich mit den Tablets folgendes machen:

  1. Quizlet nutzen: Auf meiner To-do Liste für nächstes Jahr steht, zusammen mit den Textverarbeitungs-Lehrern die Standard-Vokabel aller Lehrgänge von den Schülern erfassen und von den Lehrerinnen und Lehrern reviewen zu lassen und dann in quizlet einzupflegen. Schülerinnen und Schüler könnten dann mit ihren Smartphones und eben den Tablets die Words lernen.
  2. Wörterbuch: Ich schlage so gut wie nie im Offline-Wörterbuch nach, weil sowohl Geschwindigkeit, Aktualität, Preis und auch der Komfort und Service von Online-Wörterbücher unschlagbar sind.
  3. Kindle-App: Wir haben zwar nur 40-Stunden Englisch im vollgestopften Lehrgangsunterricht, aber ein paar zu lesende Buchseiten könnten wir da und dort schon einbauen. Unter Nutzung der Kindle-App inklusive Wörterbuch inklusive Sprachausgabe lassen sich vielleicht einige Schüler dazu hinreißen, auch außerhalb der Berufsschule zu lesen.
  4. Wikipedia-Recherche: Mit der Wapeida-App könnten in Politischer Bildung und in Wirtschaftskunde akkurate Informationen erarbeitet werden.
  5. Zeitungs-Apps: Das Gleiche gilt für aktuelle Nachrichten.
  6. Umfrage-App: Abstimmungen, Fragen und Feedback von Schülerinnen und Schülern, beispielsweise wie mit ARSnova, hier in frawadis Blog-Beitrag beschrieben.
  7. Lernzielkontrollen-App: Kurze, knackige Stundenwiederholungen mit Hilfe der Tablets inklusive automatischer Punktevergabe, Aufzeichnung der Lernschwächen und Weitergabe dieser (individuellen) Lernschwächen an den Lehrer bzw. der Lehrerin. Eine App dazu ist mir nicht bekannt, vielleicht gibt’s (bald) irgendein mobile-Moodle-Plugin?

Wie gerufen kamen zu diesem Thema die letzten beiden OPCO12-Sessions „Mobile Apps“ und „Tablet Computing„. Danach sah die schöne, neue Tablet-Unterrichtswelt nicht mehr ganz so wundervoll aus. Näher durchdacht, ergeben sich bei der Nutzung von Tablets neben der prekären budgetären Situation auch einige andere „Details“.

  1. Tablets sind „personal devices“. Das heißt: Normalerweise sind sie für genau einen User eingerichter, der von dort seine Mails abholt, Facebook-Status-Updates macht und twittert. Kann sein, dass ich mich irre, aber ein User-Wechsel in Android geht über „Konto entfernen“ und wieder neu anmelden. Was mit Bezahlt-Apps dabei passiert, habe ich nicht ausprobiert. Ich frage mich, ob die danach noch verfügbar sind? Alternativ könnte für ein Tablet ein Standard-Google-Account eingerichtet werden, also Tablet01 bis Tablet15.
  2. Dazu hätten wir ein noch ein ganz anderes, triviales Problem: Wenn wir kostenpflichtige Apps benötigen würden, dann bräuchten wir eine Kreditkarte. Ich glaube nicht, dass die Verwendung eines so modernen Zahlungsverfahrens in der Schulorganisation ohne Hürden möglich wäre 😉
  3. Kommen wir zur Wartung der Tablets: 15 Stück würden ja noch machbar sein. Aber ich frage mich, welche Hard- und Software benötigt wird, wenn bei einigen hundert Tablets der Akku zu laden ist oder Apps zu installieren sind. Bei 15 Stück ist das ja noch einigermaßen überschaubar, aber trotzdem aufwändig. Wie verhält sich ein PC-Netzteil, wenn wir mittels einiger USB-Hubs alle anhängen? Mein ipad@home lädt ja nicht mal, wenn ich es am leistungsstarken Home-PC anschließe…
  4. WLAN: Wir haben in der Schule ganze zwei WLAN-Router. Einer für die Lehrer, der deckt das Konferenzzimmer und 3-4 Klassenzimmer ab und einen für unsere Notebook-Klasse. Riecken hat neulich beschrieben, dass ein ordentliches WLAN doch etwas aufwändiger aufzubauen ist und einiges an Anschaffungskosten verursacht. Die Tablets sollten ja in allen Klassen einsetzbar sein, ansonsten könnten wir ja gleich einen unserer 5 EDV-Räume (bei insgesamt 9 – 11 anwesenden Klassen) belegen, das wäre dann einfacher.

Was wir also für einen Tablet Einsatz in der Schule brauchen, ist folgendes: (Hinweise mit Link, dass es das alles schon gibt, nehme ich dankend entgegen und werden mit mindestens vier lobenden Erwähnungen geahndet)

  • Eine Netzwerk-App, mit der x-Tablets installiert, verwaltet, überwacht und gesperrt werden können. (Sowas wie Air-Dropper, nur eben für Geräte-Gruppen).
  • Eine Image-Installation, wenn ein Tablet mal absäuft.
  • Die Möglichkeit, Apps zu kaufen und auf eine Geräte-Gruppe zu verteilen. Bitte mit Mengen- und Bildungsinstitutionen-Rabatt.
  • Einen Auflade-Kasten, so ähnlich wie es den für Notebooks gibt: Tablets rein in den Kasten und die laden dann bis zum nächsten Einsatz auf. Aber bitte mit intelligenter Aufladefunktion.

Für uns als Schule wäre es daher einfacher, zu einer BYOD-Politik überzugehen. Keine Tablets kaufen, sich nicht um die Wartung kümmern. Ja, nicht einmal WLAN wäre notwendig, weil meist ausreichend Datenvolumen in den Mobile-Verträgen inkludiert ist. Meist…

Die Abwälzung der Kosten auf die Schülerin bzw. den Schüler wäre bequem. Aber auch dieses Vorgehensweise bringt einige Nachteile, die Charlie Osborn schön zusammengefasst hat.

Was tun? Gehen wir zum Ausgangspunkt zurück: Die ersten Ideen, die ich mit den Tablets realisieren wollte, aus der Sicht meiner analogen Kolleginnen:

  1. Quizlet nutzen: „Du sollst sowieso nicht Vokabeln lernen lassen. Verkaufsgespräche, Texte, Phrasen. Aber keine Vokabeln!“
  2. Wörterbuch: „Ich lasse sowieso keine Wörterbücher in meinem Unterricht verwenden. Die sollen mich fragen“ oder „Die Schüler sollen ruhig mal nachschlagen. Das ABC üben. Die können das nämlich nicht mehr.“
  3. Kindle-App: „Bücher lesen? Im Unterricht in der Berufsschule? Wir kommen ja so kaum mit dem Stoff durch! Spinnst Du? Und außerdem: Was ist Kindle?“
  4. Wikipedia-Recherche: „Wikipedia stimmt nicht. Da kann jeder alles reinschreiben. Und dann haben wir diese Wikipedia-Referate, wo die Schüler das, was sie sagen nicht mal selber verstehen.“
  5. Zeitungs-Apps: „Es gibt ZIS (Zeitung in der Schule). Die kannst Du bestellen. Da haben sie was in der Hand und können was ausschneiden und aufkleben. Das ist dann was für die haptischen Lerntypen.“
  6. Umfragen-App: „Du könntest die Schüler auch die Hände heben lassen. Oder fragen. Die sitzen ja direkt vor dir.“
  7. Lernzielkontrollen-App: „Die Schüler können sowieso nicht mehr schreiben, da sollen sie wenigstens bei der Lernzielkontrolle schreiben.“ oder „Ich möchte aber mündlich prüfen, weil ich will nachfragen.“

Ja. Hm. Was nun?

Vielleicht ein paar best-practices Beispiel sammeln, beispielse hier bei Andreas Hofer.

Selbstversuch: Lehrer + Schüler + Facebook

Manchmal fühle ich mich wie eine Laborratte. Da rennst du durch ein Labyrinth auf der Suche nach Futter und weißt nie, ob hinter der nächsten Ecke ein Stück Käse oder ein schmerzvoller Stromschlag auf dich wartet. Ähnlich scheint es mir mit den sozialen Netzwerken: Gespannt wie ein Flitzebogen twittern und posten wir uns durch die Welt, ständig auf der Suche nach irgendeinem leckeren Käse, manchmal macht’s „Boing“, aber dann gleich weiter: Running Man. Running Woman.

Derzeit finde ich das Hype-Thema „Facebook“ sehr spannend:

Erstens, weil die alten Medien verzweifelt versuchen, Facebook tot zu reden und zu schreiben. Ich habe einen Google-Alert auf „facebook“ gesetzt: 90 % Negativmeldungen aus der Ecke Print und TV, die zu Recht Angst um ihre Quoten und damit ihre Werbeeinnahmen und ihre Jobs haben. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis diese bemerken, dass sich kein vernünftiger Mensch heute mehr dem Zeit- und Themendiktat der Redakteure aussetzen lassen will.

Zweitens, weil die von Kruse auf der re:publica 2010 (Teil1, Teil2, Teil3) so schön beschriebene Wertediskussion „Facebook oder nicht“ tagtäglich im Lehrer-Konferenzzimmer ein Thema ist: Teilweise entschuldigend („Ich habe mich wieder abgemeldet, ich habe keine Zeit dafür“, „… da kommen so viele Schüleranfragen“, „… ich weiß nicht, was ich da reinschreiben soll“, „… mir fehlt da die Gesamtperson“), teilweise schlagzeilen-wiederholend („Facebook hat eine Ehe zerstört“), vereinzelt positiv. Kruse hat dargelegt, dass bei einer Wertediskussion die Fakten unstrittig sind. Jede Diskussion kommt einer Missionierung gleich und es ist fast unmöglich, Einstellungen, Vorurteile und Prägungen durch Gespräche zu verändern, das funktioniert nur durch Erfahrungen.

Seit zwei Jahren nutze ich Facebook. Der Versuchsleite beobachtete bei mir (als Laborratte) folgende Themen bei Postings:

  1. Postings aus dem professionellen Umfeld als Lehrer (Lehren, Lernen, Unterricht, Schule, etc.)
  2. Postings über Bereiche, die Unterrichtsfächer betreffen (Wirtschaftskunde, Politische Bildung, Englisch, Informatik, …)
  3. Postings über Lehreralltag („Klassenarbeiten verbessert“, …)
  4. Postings über das Fernstudium eeducation
  5. Postings über einige private Aktivitäten (Kinobesuch, Buchtipp, …)
  6. Postings, bei denen der Leser lachen kann

Meine knapp 300 „Freunde“ habe ich in folgende Liste unterteilt: Schüler (größte Gruppe), Lehrer, Freunde, Verwandte, Bekannte, Important People, Politiker, Don’t know.  Jede Freundschaftsanfrage von Schülern oder Ex-Schülern wird bestätigt, ich sende selbst allerdings keine Freundschaftsanfragen an Schüler aus. Die Nutzung von Facebook als Lehrer ist in den letzten Monaten erstaunlich gut gelaufen.

Bisherige Erfahrungen und Erkenntnisse:

  • Meinen Schülern (15 – 20 Jahre)  ist durchaus bewusst, wer bei ihnen mitlesen kann und sie posten dementsprechend vorsichtig bzw. chatten dann mit ihrem Partner, wenn sie sich über Lehrkräfte austauschen.
  • Ganz, ganz wenige Ex-Schüler (>20 Jahre) fallen auf, dass sie sich unvorteilhaft über Job und Kollegen äußern. Häufiges Thema: Langeweile im Job. Ganz wenige posten, dass sie gerne zur Arbeit gehen 😉
  • Persönliche Nachrichen an mich sind eine Seltenheit, ca. eine pro Woche.
  • Die meisten Apps habe ich gesperrt und sehe sie deshalb nicht.
  • Den Chat habe ich ausgeschaltet.

Insgesamt plätschert die Facebook-Schiene also in ruhigem Fahrwasser ohne Aufgeregtheit dahin. Mir ist allerdings aufgefallen, dass sich meine Vorbereitungszeit für den Unterricht im letzten Jahr um 10 % erhöht hat. Ich nehme an, dass Facebook und Twitter daran schuld sind. Deshalb habe ich das Firefox-Addon „Leech Block“ installiert und die tägliche Facebook-Zeit auf 10 Minuten begrenzt. Damit komme ich prima aus, weil ich die Postings nur sporadisch lese.

Vorige Woche wurde es Zeit für die Phase 2 des Selbstversuches. In der Schule veranstalteten wir einen Sportnachmittag und ich kündigte an, dass die Videos und Fotos (guckst du) von mir via Facebook veröffentlicht werden. Die Freundschaftsanfragen von Schülern sind seither sprunghaft angestiegen und ich bin gespannt, was da noch kommen wird.

Für die Schule habe ich im August 2009 parallel zur Schul-Homepage eine Facebook Gruppenseite „Berufsschule Rohrbach“ eingerichtet und nirgends beworben. Bisher hat sie über 300 Mitglieder. Vor exakt 14 Tagen legte eine Schülerin eine andere Gruppenseite für die Schule an („BS Rohrbach…wir waren dabei“). Diese hat in diesen zwei Wochen über 400 Mitglieder erreicht! Die Posting-Kultur in beiden Gruppen ist weitgehend angenehm.

What next?

Keine Ahnung. Was weiß ich als Laborratte schon von der Versuchsanordnung?

Wikis im Unterricht – Erfahrungsaustausch

Christian Spannagel berichtet im Blog-Post „Hey, hey Wiki!“ von seinen Erfahrungen mit Wikis in der Schule. Seine Erlebnisse mit aufwändigen Anmeldungen, wo annähernd ganze Unterrichtsstunden draufgehen, habe ich ähnlich erlebt. Dass Schüler von der einen auf die andere Stunde ihr Passwort vergessen, die Wiki-Adresse nicht richtig abtippen und Probleme mit dem Zugriff auf eine Webmail-Adresse haben, das kann ich nicht nur für Schüler bestätigen. Dasselbe tritt bei Erwachsenen-Seminaren und (natürlich) auch bei Lehrer-Seminaren auf.

Trotzdem motiviert mich sein Beitrag, dieses Jahr wieder mal ein Wiki-Projekt im Unterricht zu starten. Wobei ich aufgrund der bisherigen Versuche, die hier in der Serie „Wikis in der Schule“ dokumentiert sind, noch einige Hausaufgaben machen muss. Denn die Arbeit mit einem Wiki fühlt sich für die meisten Menschen absolut ungewohnt an und daher braucht es noch einige „best practices“ um ein anständiges „Ergebnis“ zu bekommen. Einige Schüler-Aussagen während der Arbeit mit den Wikis:

  1. „Die (Rechtschreib)fehler eines anderen ausbessern? Niemals!“
  2. „Peer-Review? Forget it!“
  3. „Kreativität statt Copy-Paste? Warum denn?“
  4. „Die Benotung ist ungerecht, wenn wir alle zusammenarbeiten.“

Das alles ist sicherlich lösbar. Was ein Wiki aber für die meisten Unterrichtszwecke unbrauchbar macht ist, dass ein Wiki einzigartig sein muss. Warum?

Ich beginne mit dem (Berufsschul)lehrgang 1 an einem Wiki, beispielsweise über Wertpapiere. Der nächste Lehrgang, 10 Wochen später, arbeitet daran weiter. Dieser muss erstmal den Wissensvorsprung des Lehrgangs1 aufarbeiten, um das Wiki dann weiter bearbeiten zu können. Lehrgang3 hat zwei Wissensvorsprünge aufzuarbeiten. Unmöglich, in 40 Stunden. Wir haben ja andere Sachen auch zu tun. Ein Wiki, das immer wieder wächst, ist für (meinen) Schulbetrieb nicht geeignet. Wünschenswert, ja. Was wäre das für ein tolles Wiki nach 2 Jahren, aber nicht realisierbar. Für die Grundausbildung muss ich mit dem Wiki immer wieder von vorne anfangen und das Wiki des vorigen Lehrganges löschen. Autsch, das tu weh. Aber auch wenn ich lösche: Die Schüler haben das Wiki längst heruntergeladen uns es ihren Nachfolgern gemailt.

Daher müsste ich bei jedem Lehrgang thematisch ein neues Wiki beginnen. Aber was mache ich mit dem alten Wiki? Als Lernunterlage für die nachfolgenden Schüler? Das ist zu vergessen, das ist wie e-learning aus dem Jahr 2000, völlig unakzeptabel. E-Learning heute heißt: Inhalte erstellen. Der Weg ist das Ziel, niemals das Endprodukt. Das Endprodukt ist als Nachschlagewerk nützlich, aber nicht als Lern- oder Unterrichtsbehelf.

Einige Ideen dazu habe ich noch. Aber mit denen gehe ich bis zum nächsten Mal schwanger.

Die Ausbildung zum Digital Native? Ein Sprachen-Lernproblem!

Mein Vater hat mir heute eine Frage zu Picasa gestellt, die ich ohne Notebook  nicht beantworten konnte. Er wollte von mir wissen, was er bei der Übertragung der Daten von der Digicam auf den PC nach dem Button „Import“ auswählen muss. Ich nutze Picasa alle 6 Wochen mal, wenn die Speicherkarte meiner Digicam voll ist. Ich merke mir aber nicht, was ich wann wo auswähle. Ich mache es einfach und lerne es nicht auswendig. Bei der weiteren Diskussion wurde mir bewusst, wie verschieden wir beide digitale Anwendungen wahrnehmen. Es ist wie beim Sprachen lernen.

Nehmen wir einfach mal kurz an, dass das Lernen einer Sprache durch das Pauken von Vokabeln in Verbindung mit etlichen Grammatik-Übungen viel mühsamer und ineffizienter ist, als wenn die Sprache von klein auf gelernt wurde. Wir gehen hier auch davon aus, dass es noch keine Grammatik-Kurse für < 5jährige gibt bzw. dass jedes Kind seine Muttersprache ohne Hilfe von Kursen oder Vokabeltabellen gelernt hat und „Ich will ein Eis“ sagen kann, ohne dass es die Wörter „Subjekt“, „Prädikat“ oder „Objekt“ kennt. Aufgrund der täglichen Beschallung durch die Muttersprache hat das Kleinkind mühelos komplizierteste grammatikalische Strukturen nach wenigen Jahren automatisch verinnerlicht und kann problemlos neue Sätze bilden.

Und dann vergleichen wir diesen Annahme mit der „Kluft“ zwischen Digital Natives und Digital Immigrants. Warum scheint es für (zu) viele mühsam und fast aussichtslos, die „Sprache“ der Digital Natives zu lernen? Einige Beobachtungen von 15 – 18jährigen (die eine Kategorisierung in Natives / Immigrants nach Alter ad absurdum führen):

  1. „Das Passwort von gestern? Keine Ahnung.“
  2. „Bei mir geht das nicht. Ich habe das Passwort bei der Registrierung schon dreimal eingegeben, die Seite springt nicht weiter.“
  3. „Ich habe aber hier aufgeschrieben: Dreimal ok drücken, dann ’nicht löschen‘, dann ‚Daten übertragen‘. Und nichts geht.“
  4. „Die Facebook-Passwort-Verifizierung per Mail habe ich erhalten. Und auch gelesen.“

Was sagt der medienkompetente Digital Native bei diesen Punkten?

zu 1) „Ich hab da ein Passwort-System (optimal)  oder Kee-Pass (nett) oder immer dasselbe (schlecht).“
zu 2) „Da steht eine Fehlermeldung. In Rot. Diesen Usernamen gibt es schon. Du brauchst einen anderen.“
zu 3) „Nach dem Update geht es anders, ‚Daten übertragen‘ ist jetzt ein Symbol in der Symbolleiste.“
zu 4) „Naja, Du musst den Verifizierungs-Link in der Mail auch anklicken. Nicht nur lesen.“

Bestehende Kurs- und Unterrichtseinheiten werden von Digital-Immigrants konzipiert und sind oft nach folgendem Vorbild geschaffen:

  1. Es wird eine Applikation, z. B.: Winword, Facebook, … unterrichtet.
  2. Schritt für Schritt wird die Benutzung einzelner Funktionen erklärt und von den Teilnehmern kopiert. Alle machen zur gleichen Zeit dasselbe. Sollten sie zumindest.
  3. Aber zuvor: Die theoretischen Grundlagen. Wichtige Begriffe. Grundlegende Konzepte.
  4. Ein Leitfaden wird ausgeteilt: „Zum Bilder hochladen gehen wir auf „Bilder“, dann „Durchsuchen“, …

Bekannt? Gut? Hmm…

Vergleichen wir das mit dem Sprachen lernen:

  1. Es wird ein Thema, z. B.: Farben, das Haus, … unterrichtet.
  2. Schritt für Schritt werden einzelne Vokabeln erklärt und von den Teilnehmern nachgesprochen.
  3. Aber zuvor: die Grammatik. Einzelne Sätze. Ein sinnloser Kurzdialog.
  4. Eine Vokabelliste und einige Beispielsätze werden ausgeteilt: „Billys Hose ist blau.“, …

Bekannt? Ja? Gut? Hmmm…

Erwarten wir nach dieser Lektion, die Sprache sprechen zu können? Wohl nur sehr, sehr eingeschränkt. Wenn wir uns anschließend in der Fremdsprache verständigen wollen, dann sind wir ziemlich hilflos, vor allem, wenn wir uns krampfhaft nur an das klammern, was wir gelernt haben. Bei einer Vorstellungsrunde können wir danach maximal die Farbe unserer Hosen beschreiben. Wohl etwas dürftig…

Eine Sprache lernt man nicht nach einem 40-Stunden-Crashkurs. Der Umweg über Grammatik und Vokabel-Pauken ist sinnlos, da sogar gute Schüler diese Vokabeln kurz nach dem Test vergessen, die schlechteren kurz vorher. Erinnert Sie das an Ihren letzten Excel-Kurs, der vorigen e-learning-Fortbildung oder der Web-Based-Training-Weiterbildung?

Zum Sprachen lernen muss man sich der Sprache aussetzen: in der Fremdsprache hören, sprechen, denken und schreiben. @Papierland beschreibt hier, wie sich eine Digital Native der digitalen Sprache aussetzt: Am besten ein konkretes Problem, eine Aufgabe lösen.

So erlernt man die Sprache der Digital Natives, wobei hier „Sprache“ immer mit „benutzen können“ und im weitesten Sinne mit „Medienkompetenz“ gleichgestellt ist: Ein „40-Stunden-Internet-für-Anfänger-und-leicht-Forgeschrittene“-Kurs kann nur ein dürftiger Anfang sein. Die Sprache der Digital Natives erlernt man nicht, indem man sich Facebook, Google-Docs oder WordPress ansieht oder das Buch eines Zaungastes darüber liest. Sondern, indem man sie sich alles ansieht, was es so gibt, einige Schwerpunkte setzt und dranbleibt. Das kostet Zeit, viel Zeit, dazu braucht es die Bereitschaft, diese zu investieren und die Sprache ständig zu pflegen.

Um bei der Sprachen-Analogie zu bleiben: Wer pflegt eine Fremdsprache ständig im Alltag? Nur der, der sie beruflich benötigt oder der sie als sein Hobby betrachtet. Sprachen pflegt man am besten gemeinschaftlich, in Gruppen. Im digitalen Bereich spricht man hier von sozialen Netzwerken.

Aus diesem Grund ist beispielsweise das häufige benutzte Facebook für Digital Immigrants die wahrscheinlich beste (und überdies kostenlose) Bildungseinrichtung für Medienkompetenz des Jahres 2010. Facebook verbindet eine konkrete Problemlösung (Kommunikation mit Menschen) mit Alltag mit dem Training von Medienkompetenz (Fotos hochladen, Texte schreiben, Interface-Katastrophen, Datenschutz-Diskussionen, etc).

Web2.0-Anwendungen von heute sehen morgen schon wieder ganz anders aus. Aber die Grundstruktur, die bleibt immer gleich. Wenn Digital Immigrants diese Grundstuktur, dieses „Gefühl“ für digitale Mechanismen verinnerlicht haben, dann können sie auch mit künftigen digitalen Anwendungen umgehen. So wie jeder auch ohne Grammatik-Unterricht problemlos sagen kann: Ich google, du googelst, wir haben gegoogelt… (oder haben Sie das so  im Deutsch-Unterricht gehört?). Die Grammatik, das heißt: die (wissenschaftliche) Schritt-für-Schritt-Analyse, die sollten wir jenen überlassen, deren Job es eigentlich wäre, die digitalen Anwendungen benutzerfreundlicher zu gestalten und weiterzuentwickeln. Die anderen müssen sie nur anwenden können, das genügt völlig.

Update:  @stwaidele meint gerade: „#Ausbildung zum #Digitalnative ist so wie Ausbildung zum #NativeSpeaker – #Gehtnicht. (Steckt auch schon im verwendeten Bild)“

Recht hat er. Eine Ausbildung zum „Native Speaker“ ist eher schwierig. Darum müsste es heißen: „Ausbildung zum Digital Inhabitant“. Dieser #kruse Begriff ist aber (noch) nicht so verbreitet.

Englisch lernen mit den „40 Expressions“

Eine kurze, knackige Unterrichtssequenz für Englisch bietet sich mit dem Youtube-Video „40 expressions“ an. In diesem Video, das per heute schon über 150 Videoantworten erhalten hat, stellt bubzbeauty 40 Gefühle mimisch dar. Zugleich werden diese als Untertitel eingeblendet. Im Englisch-Unterricht war nun das Ziel, eine Video-Antwort zu posten. So bin ich mit einer 3. Klasse Einzelhandel vorgegangen:

  1. Youtube-Video ansehen (am besten via keepvid.com runterladen)
  2. Vokabel-Liste mit deutschen Übersetzungen austeilen, Schüler suchen sich aus dem Video die englische Übersetzung. (Falls mehr Zeit zur Verfügung steht können die Schüler die Listen auch selbst erstellen)
  3. In zwei Klassen habe ich gefragt, ob, ob sie eine Videoantwort posten möchten. Eine Klasse hat verneint, eine andere war dafür.
  4. Die Vokabeln wurden dann in dieser Klasse von 1 – 40 nummeriert, kopiert, ein Exemplar zerschnippselt und die Vokabel-Schnipsel auf die Schülerinnen nach Belieben aufgeteilt.
  5. Die Schülerinnen erstellen Kärtchen mit dem englischen Begriff in großer Schrift, den sie später an die Wand pinnen, während sie den Begriff darstellen.
  6. Eine Schülerin übernimmt den Part des Regisseurs und kümmert sich um die korrekte Reihenfolge der Darstellung, das spart später viel Zeit beim Schneiden der Teile, eine andere filmt. Gefilmt wird am besten mit Stativ. Wir verwendeten eine ganz billige Digicam im Film-Modus.
  7. Die Schülerinnen treten nun ohne groß zu proben der Reihe nach auf, pinnen ihr Wort an die Wand und stellen es mimisch dar. Ich habe beim Filmen den Fehler gemacht, immer ein „Go“-Kommando gegeben zu haben. Das später rauszuschneiden hat den Aufwand unnötig erschwert. Profis würden wahrscheinlich Handzeichen geben…

Nach 20 Minuten waren die 40 Begriffe im Kasten. Das Suchen nach lizenzfreier Musik (hier einige Tipps), einfügen eines Titels und Abspanns am PC bei mir zuhause dauerte dann nochmal eine Stunde, hat aber (zur Entschuldigung) Spaß gemacht. Idealerweise sollte die Produktion des Videos an Schüler delegiert werden. Das fertige Video habe ich nach Einverständis durch die Schülerinnen als Videoantwort auf youtube gepostet. Die Schülerinnen haben es zusätzlich via Facebook an ihre Freunde verteilt.

Hier das Resultat, in der ich auch eine Gastrolle als „typical annoyed teacher“ hatte:

Der Lerneffekt konnte sich sehen lassen: Beim Erstellen der Videos wurden die Vokabeln sehr oft wiederholt, das fertige Videos wurde regelmäßig angesehen. Einige Lehrer berichteten mir, dass Ihnen die Schülerinnen das Video in ihren Stunden gezeigt hatten. Was will man mehr?

Update 20. 11. 2009: Auf Wunsch von Felix hier noch die Liste mit den Vokabeln: 40 Expressions – words

Wie ich Blogs auswähle, die ich abonniere oder ignoriere (Teil 2)

Zu meinem Posting von gestern haben mich einige gefragt, was denn nun meine persönlichen Top10-Blogs (die „MiBs“ = die Most Important BlogS) sind.  Ich habe meine MiBs-Liste nun via Google-Reader hier öffentlich gestellt, sie wird automatisch aktualisiert.

Folgende  Blogs sind darin enthalten:

mibs

Die Liste ändert sich alle paar Wochen dort und da, je nach persönlicher Interessenslage. Ich versuche, sie immer zwischen 10 und 15 Blogs zu halten, was nicht immer gelingt. Weniger ist mehr.

Sehr persönliche Blogs sind „Na, wie war’s in der Schule“, der Schüler-Blog  „Sven’s kleiner Blog“ und „Wenn Katzen schreiben“. Alle anderen haben etwas mit Schule zu  tun. Die Karriere-Bibel ist unglaublich vielseitig und enthält oft gute Artikel, sowohl für Lehrer als auch für Schüler.

Die restlichen 280 abonnierten Blogs lese ich dann und wann. Unregelmäßig und unvollständig. Manchmal wird ausgemistet, aber (zu) selten. Es kommen eher mehr Blogs dazu als weg.

Lesen kann und will ich diese Blogs nicht alle. Ich merke mir auch nicht alles, was ich gelesen habe, meist überfliege ich nur die Überschriften und die ersten paar Sätze. Aber bei Bedarf findet die Google-Reader-Suchfunktion alle Artikel mit einem gewünschten Stichwort.

Die Blog-Sammlung verwende ich als eine Art Mini-Internet, speziell abgestimmt auf meine Interessen, als „Fachzeitschrift“, speziell für mich geschrieben, mit komfortabler Volltextsuche. Ich bin gespannt, wie ich in fünf Jahren über diesen Artikel denke, wenn ich ihn lese.

Bildungskongress in Düsseldorf #bk09

Gelungene Präsentation vom Hirnforscher und Psychologen Peter Kruse (hier der Wikipedia-Eintrag und die Youtube-Playlist) über Internet, Schule und den Rest der Welt:

Tweets zu diesem Thema: http://search.twitter.com/search.atom?q=%23bk09

Die Aufzeichnung des Vortrages kann bei dnadigital angesehen werden (einfach das Politiker-blabla überspringen).

Neu für mich war die Einführung des Begriffs „Digital inhabitants“, weil ja die „Alten“ im Begriff „digital natives“ wegen eines zu frühen Geburtsdatums und des Handikaps, nicht mit Playstation, Handy und Co als 5jährige in Berührung gekommen zu sein, ausgegrenzt waren, obwohl sie manchmal wie Kruse gleich viel oder mehr Ahnung von Web2.0 haben als ein „nach-90-er“. Andererseits können wiederum manche Jugendliche mit Facebook, Twitter und Wikis wiederum nichts anfangen. Deshalb der „digitale Einwohner“. Agreed.

Erstaunlich, dass wieder mal das „Cluetrain-Manifest“ erwähnt wurde. Ich habe es damals gelesen, aber ich konnte nicht so recht erklären, warum es mich so faszinierte. 10 Jahre später ist alles klar, das Buch war in manchen Bereichen seiner Zeit voraus. Jetzt passt es genau und beschreibt die Mechanismen, mit der Social Software die Politik, Wirtschaft und hoffentlich auch das Bildungssystem verändern kann: „Märkte sind Gespräche“.

So, das war ein alljährlicher chaotischer Ratz-Fatz-Blitzeintrag. Der Kruse-Vortrag ist es wert, nochmal reinzuhören, die youtube Videos dazu rauszusuchen und ein paar Zitate mitzuschreiben.