Schei#!e, O!da!

[Update 22.10.11: Oh Mann, die Überschrift war ja ein Spam-Magnet. Überschrift und Text wurden deshalb verfremdet]

Wenn die ARD-Mediathek den „unflätigen Umgang unter Parteifreunden“ thematisiert und im Beitrag berichtet, dass ein (deutscher, aber egal) Politiker einem anderen ins Gesicht sagt, „er solle ihn mit so einer Schei#!e in Ruhe lassen“, dann darf ich auch von meiner nagelneuen, nicht repräsentativen Statistik erzählen:

  • Zeit: Freitagnachmittag, ca. 1,5 Stunden vor dem Wochenende
  • Ort: ein sonniges Klassenzimmer
  • Anwesende: Verkäufer, durchgehend 16-17jährig
  • Fach: Wirtschaft
  • Beobachtungs- bzw. Aufzeichnungszeitraum: 15:15 – 15:50

Was ist anders als sonst? Ich habe an meinen Schreibtisch ein Post-it mit zwei Spalten geklebt: „Schei#!e“ und „O!da“.

Aufgabe: Klammheimlich jedesmal wenn ich als Lehrer „Schei#!e“ oder „O!da“ höre ein Stricherl da bzw. eines dort. Sollte der Begriff unbekannt sein: hier ist eine Wiki-Eintrag dazu.

Ergebnis: In 35 Minuten 12 mal „Schei#!e“ und 9 mal „O!da“ gehört. Also alle 2,9 Minuten „Schei#!e“ und alle 3,8 Minuten „O!da“ gehört. Oder anders gesagt: Alle 1,5 Minuten höre ich entweder „Schei#!e“ oder „O!da“. Ich lasse mal die Wochen-Highlights wie „Brunzkopf“ oder „fette Sau“ weg, die in anderen Einheiten gefallen sind.

Mich stört das. ich arbeite nicht gern in einer Umgebung, in der ich dauernd an dieses Bild (siehe Bild) denken muss. Der Klassiker ist ja „Denke jetzt mal nicht an einen blauen Elefanten mit rosa Streifen“. Und wenn ich Schei#!e höre, dann drängt sich (mir zumindest) dieses bestimmte Bild rechts oben auf.

Es ist unangenehm und eklig. Genauso wie Füße auf dem Tisch. Oder Mundgeruch. Oder Abgabe zerissener oder verschmierter Hausübungen. Vielleicht stört es auch manche Kunden, die (unfreiweillig) so manche Gespräche des Verkaufspersonal mithören. Welche Überstunden / Urlaub / Zeitausgleichsansuchen nicht genehmigt worden sind. Wer was wann zu wem angeblich gesagt hat und dass das eine Frechheit ist. Dicht gefolgt entweder von S oder O.

Ich habe den Eindruck, dass vielen diese Wörter nicht bewusst sind. Dass sie genauso verwendet werden, wie manche Menschen „ähm“ oder „ahh“ oder „Na gut“ (=beliebter Lehrersatz zum Unterrichtseinsteig) sagen. Mit der Statistik oder der anschließenden Ergebnisveröffentlichung wolle ich ein Bewusstsein schaffen, dass diese Worte eben nicht selbstverständlich sind und eben nicht andauernd im Klassenzimmer oder in Verkaufsräumen fallen müssen. Sozusagen ein Plädoyer für mehr Achtsamkeit im täglichen Sprachgebrauch.

Ganz besonders hat es mich gefreut, dass die eifrigsten „Sche#!e O!da“-User Besserung gelobten und heute schon eine Wirkung zu hören war. Vielleicht sollte ich das auch mal im Konferenzzimmer thematisieren, nachdem ich heute Morgen innerhalb von 30 Sekunden zweimal „Schei#!e“ gehört habe. Das schlägt – statistisch gesehen – sogar die Schüler. Gut, dass das eine Ausnahme war.

Wenn gute Vorschläge von Affen einfach nicht akzeptiert werden

„Lemim“ (anonym) schreibt im Kommentar zu vorigem Blog-Posting „Lehrer nach Leistung bezahlen?“ einen kurzen Satz, der einige Tage kreisend in meinem Kopf verbrachte:

„Schade, dass sowas von den Verantwortlichen nicht gelesen wird!“

Mal abgesehen von diesem Blog-Beitrag und abgesehen, ob der Inhalt gut, durchführbar, bezahlbar, politisch durchsetzbar, akzeptabel für diese oder jene Menschen ist: Es immer wieder interessant, wie sich Einzelne eine blutige Nase oder zumindest ein Päckchen Frust holen, wenn sie Vorschläge vorbringen, die Organisationsabläufe ändern.

Da hilft es auch oft nichts, wenn sich manche in Guerilla-Taktik-Manier akribisch auf Gegenargumente vorbereiten, in einem zweiten Schritt diesen Vorschlag mal im Pausenraum vorbringen, in 60 Sekunden 20 weitere Gegenargumente sammeln und diese Gegenargumente wiederum gewissenhaft und logisch zu entkräften versuchen. Neinnein, selbst die beste Idee scheitert dann an … ja, woran? Angst vor Veränderungen? Bequemlichkeit? Nicht-lernen-wollen?

affenRobert Cialdini („Die Psychologie des Überzeugens„) bringt eine weitere Ursache: Autorität und Status. Er berichtet von einer Studie über japanische Affenhorden aus dem Jahre 1970: Jungen Affen, die in der Hierarchie der Horde weit unten standen, wurde als neues Nahrungsmittel Karamellbonbons gefüttert. Die jungen Affen waren natürlich begeistert von den Bonbons, diese Vorliebe verbreitete sich aber nur im Schneckentempo in der übrigen Horde. Nach 18 Monaten hatten erst 51 Prozent der Affen eine Vorliebe für Karamellbonbons erworben, kein einziger Anführer kannte diese.

Ganz anders war es, als man den Anführern Weizen als neues Nahrungsmittel anbot. Innerhalb von vier Stunden hatte sich das Nahrungsmittel in der Horde durchgesetzt.

Cialdini schreibt  „In Affenhorden, in denen strenge Machthierarchien bestehen, finden neue Errungenschaften nur dann rasch Verbreitung, wenn sie zuerst einem der dominierenden Tiere beigebracht werden. Wird die Sache zuerst einem tiefer stehenden Tier vermittelt, bleibt ihr Wert dem Rest der Gemeinschaft weitestgehend unbekannt.“

Sollten Sie also in einem Umfeld Vorschläge vorbringen, in denen strenge Machthierarchien bestehen, dann wundern Sie sich nicht, wenn diese abgelehnt werden. Erklimmen Sie erst die Karriereleiter, am besten ganz rauf. Dann machen Sie ihre Vorschläge. Und wenn Ihre Vorschläge dann immer noch nicht greifen, dann könnte es daran liegen, dass es mehrere dieser Leitern gibt, auf denen andere stehen.

Der gute Vorsatz, der böse Schweinehund und die hässliche Wahrheit

The good, the Bad and the Ugly
The good, the Bad and the Ugly

Wie gehen wir es an, das neue Jahr?

Zuerst mal, wie Jochen English aus „Thriving on Less“ zitiert:

Sich auf 4 – 5 wesentliche Punkte im Leben konzentrieren (Liste schreiben). Die wären beispielsweise: Familie, Job,  Schreiben, Lesen und Laufen. Diese Liste bei jeder noch so interessant erscheinenden, lieb gewonnenen oder „wichtigen“ Tätigkeit durchgehen. Versuchen, Nicht-Listen-Tätigkeiten zu eleminieren oder zumindest zu limitieren. (Typische Zeitfresser: TV, sinnlose Blogs lesen …haha, erwischt…, usw.) Tut vermutlich weh.

Stephan List hat bei Scott H. Young gefunden, die vielzitierte Work-Life-Balance nicht so ernst zu nehmen, wie oft gepredigt wird. Mal im Job reinhauen, dass die Bäume krachen, mal 10 Wochen intensiv für den Marathon trainieren oder mal alles stehen und liegen lassen und sich 100%ig um die Family kümmern. Alles andere wäre fad und führt zu Stillstand. Recht hat er. Langfristig sollte die Work-Life-Balance aber stimmen.

Für jene Dinge auf der Liste, die erfahrungsgemäß zu kurz kommen, gibt es in der Gehirn und Geist 1-2/2009 einen Artikel „Den inneren Schweinehund überwinden“. Bezogen ist dieser auf Sport, er lässt sich aber vermutlich auch für andere „Schweinehund“-Tätigkeiten anwenden. Da der Schweinehund aber derzeit immer zusammen mit mir auf die Waage hüpft, kommt das Rezept aus der Gehirn und Geist jetzt in aller Kürze:

  1. Setze Dir ein Ziel, das erstrebenswerte Konsequenzen hat (z. B.: „Laufen, um gesund zu bleiben, weniger Kilo zu haben, widerstandsfähiger zu sein, etc.)
  2. Kannst Du das Ziel überhaupt erreichen? Bist Du überzeugt davon, dass es für Dich machbar ist? (Nein? Dann zu Punkt 1 retour).
  3. Will es Dein Umfeld (=extrinsische Motivation) oder willst Du es selber (=intrinsische Motivation). Intrinsisch ist besser. Viel besser.
  4. SOS-Plan erstellen – Soll ich, oder soll ich nicht? Dieser (am besten schriftlich fixierte) Wenn-Dann Plan überlistet den inneren Schweinehund. Beispiel: Wenn es morgen stürmt und schneit, dann radle ich am Heimtrainer 1,5 Stunden anstatt eine Stunde zu laufen. Wenn Tante Anna morgen nachmittag kommt, dann gehe ich eben abends laufe. (Die dazu notwendige Stirnlampe liegt mit neuen Batterien schon beim Laufzeug).

Als Fazit: Gute Vorsätze installieren, Rezept gegen den bösen Schweinehund stricken und die hässliche Wahrheit kann kommen.

Brainstorming hemmt Inspiration und Motivation

Und wieder ein Aha-Erlebnis: In der „Gehirn und Geist“ 12/2008 schreibt Sven Gábor Jánsky von forward2business.com im Artikel „Innovation mit System„:

Seit langem steht fest: Brainstorming bringt wenig – es hemmt oft sogar die Inspiration und die Motivation.

Häh? „Seit langem steht fest?“ Wird nicht in jedem Didaktik-Buch Brainstorming als vernünftiges Unterrichts-Methode aufgezählt? Ist nicht bei jedem Methoden-Seminar das „Brainstorming“ unter den Top3, das den Leuten zuerst einfällt? Wenn nicht gar unter den Top 1? Da haben ich (und andere) wohl den Wikipedia-Artikel noch nicht (genau) gelesen.

1953 stellt Alex F. Osborn Brainstorming als eine Methode vor, die Ideenproduktion in einer Gruppe zu verdoppeln. Fünf Jahre später wurde wissenschaftlich bewiesen, dass Brainstorming ideen- und motivationshemmend wirken kann.

Konkrete Ergebnisse:

  • vier Personen produzieren mittels Brainstorming um etwa 40 Prozent weniger Ideen als vier Einzeldenker
  • sechs Personen produzieren um etwa 90 Prozent weniger Ideen als sechs Einzeldenker

Der Grund:

Statt dass die Teilnehmer sich gegenseitig beflügeln, unterbrechen die Äußerungen der anderen immer wieder die eigenen Denkvorgänge. Jetzt wird mir klar, warum mir früher bei Brainstorming-Sessions in der Klasse kaum was eingefallen ist. Unklar ist mir noch, warum den anderen was eingefallen ist… So mancher Schüler könnte sich dadurch als vermeintlich unkreativ erfahren, wenn einzig und allein Brainstorming als Kreativmethode angewandt wird. Die Wahrheit ist, wie so oft: Nicht der Schüler ist schlecht, sondern die Methode.

Laura Bergells beschreibt eine alternative Anwendung von Brainstorming. Statt umständlicher E-Mails würde ich aber ein Google-Docs-Formular verwenden. So wie wir das heute an der Schule für die Frage „Nennen Sie die drei beliebtesten Weihnachtsgeschenke für Mädchen“ gemacht haben.

Hand aufs Herz: Wie viele Kreativmethoden können Sie ad-hoc einsetzen?

Eine Sammlung von Kreativitätsmethoden gibt es bei Wikipedia unter „Ideenfindung„. Eine, die ich bei Gelegenheit ausprobieren möchte ist www.brainr.de – hier sollte die Web 2.0 Community bei der Ideenfindung helfen.

Der ultimative Lerntypentest

Hat Ihnen schon mal wer gesagt, dass Sie ein visueller Lerntyp sind? Nein? Sind Sie vielleicht ein auditiver oder gar einer der wenigen kinästhetischen Lerntypen? Und haben Sie dann gute Tipps bekommen? Sie sollen mehr schreiben, sich Lernstoff auf den iPod sprechen, beim Lernen auf und ab hüpfen? Sie sollen eher Mindmaps kreieren, eher mit einem Partner im Gespräch lernen, eher Kaugummi kauen? Und hat es gewirkt?

Der letzte Lerntypentest, an dem ich vorigen Sommer als Schüler teilnehmen durfte, ging so:

  1. Vortragender hält nacheinander 10 Bilder in die Höhe. Nach einer Minute Kopfrechnen galt es, die Elemente auf den gezeigten Bildern zu wiederholen (z. B.: Sonne, Esel, Haus, …). Anzahl der gemerkten Bilder notieren.
  2. Vortragender nennt 10 Gegenstände. Dieselbe Vorgehensweise wie oben.
  3. Vortragender zeigt 10 geschriebene Worte. Dieselbe Vorgehensweise wie oben.

Die Anzahl der jeweils gemerkten Gegenstände sollten auf den Lerntyp Rückschlüsse ziehen lassen. Was aber tun, wenn man immer 10 von 10 hat? „Ja, dann haben Sie von allem etwas, so was gibt’s.“ Oder der Schüler hat einfach während des Tests diese Gegenstände in eine Geschichte eingeknüpft und hatte somit kein Problem, alle 10 Gegenstände zu wiederholen. Unfair, dem Test gegenüber?

Ich habe sie satt, diese Lerntypentests. Noch immer überfallen Pädagogen ihre Schülern mit diesen populistischen populären, einfach durchzuführenden Tests um anschließend, selbstverständlich wissenschaftlich fundiert *grins*,  gut gemeinte Lerntipps zu geben, die den Schülern endlich eine Ahnung geben, warum sie sich mit dem Lernen bisher so schwer getan haben. Nein, es war kein Intelligenzproblem, es war nicht die fehlende Motivation, Faulheit oder gar schlechter Unterricht. Nein, nur einfach visuell statt auditiv, auditiv statt kinästhetisch oder kinästhetisch statt visuell gelernt. Problem erkannt, Problem gebannt. Dann braucht der Lehrer es nur noch zu schaffen, beispielsweise die Grenzen von Angola dem Schüler – wiederum beispielsweise auditiv – beizubringen und gleichzeitig all die anderen Lerntypen in seiner Klasse zu bedienen. Einziger Vorteil: Der Lehrer denkt darüber nach, wie er seinen Unterricht anders gestalten könnte.

Meine völlig unwissenschaftliche und aus dem Bauch heraus motivierte Schätzung dazu lautet: Für den Lernerfolg von 100 % entspricht das Wissen um den persönlichen Lerntyp genau 1,2 %. Wichtiger sind Lerntechniken, Motivation, Verständlichkeit des Unterrichts, Schlaf, Sport, Ernährung, psychische Ausgeglichenheit, Muße, angenehme Raumtemperatur, bequeme Unterwäsche und frisch gewaschene Socken.

Nun freut es mich umso mehr, dass es endlich prominente Gegenstimmen zu diesen netten und beliebten Tests gibt. Michael Kerres hat ein Video von der Uni Virginia mit dem Titel „Learning Styles don’t exist“ gefunden:

Jetzt braucht das Video nur noch in den Pädagogischen Hochschulen die Runde zu machen. Und dann als „glaubwürdig“ eingestuft werden. Danach sollte es insoweit Einzug in die Skripten finden, dass zumindest die Lerntypen-Test-Seiten daraus entfernt (oder radikal gekürzt) werden. Also in <error 405: can’t recognize numbers near googol> Jahren.

Im Gespräch höre ich immer wieder, dass die Lerntypentests „nur“ als Anhaltspunkt dienen, aber überhaupt keine Bedeutung für den Unterricht haben. Und dass jeder weiß, dass der Beweis von Lerntypen wissenschaftlich bisher noch nicht erfolgt ist. Aber dass im Kern doch was Wahres dran ist. Und zwar hat es konkret a) „mir selbst“ b) „einem Schüler von mir“ c) „dem Freund eines Schülers von mir“ d) „der Tochter meines Schwagers“ immens geholfen. So falsch können diese Tests dann nicht sein. Und überhaupt. Diese Amerikaner.

Ein unamerikanische Links:

Die Lerntypentheorie – eine Kritik

Ein populärer Irrtum, der sich hartnäckig hält

Lerntypen? Ein pädagogische Konstrukt auf dem Prüfstand (als PDF)

Wissenschaftlicher Beweis der Lerntypentheorie

P. S.: Ja, ich weiß. Die Überschrift ganz oben im Beitrag ist nicht passend. Aber wenn ich „Kritik an Lerntypentest“ geschrieben hätte, dann würde das kaum wer lesen.

Nachtrag vom 17. Februar 2010: Noch eine Untersuchung über die Sinnhaftigkeit von Lernstilen: Learning Styles – Concepts and Evidence

1. Preis beim „Gedankenlesen“-Wettbewerb

„Welchen Fortschritt können wir von Technologien zum Gedankenlesen erwarten? Welche Möglichkeiten gilt es zu befürchten?“ Diese Fragen stellte Stephan Schleim, Hirnforscher am Universitätsklinikum Bonn und neben seinen Beiträgen in „Gehirn und Geist“ auch Autor des Buches „Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung„.

Stephan Schleim schrieb den Gedankenlesen-Wettbewerb zur Beantwortung dieser Frage aus. Und meine kleine Kurzgeschichte „Check up“ hat gewonnen. Ich freu mich riesig!!

Hier geht’s zur Geschichte: Check up

Interesse daran, wie die Geschichte entstanden ist? So bin ich vorgegangen:

**** Achtung Spoiler! Sie sollten die Geschichte vorher lesen, bevor Sie weiterlesen,  ansonsten erfahren Sie die „Auflösung“ frühzeitig! ***

Weiterlesen »

Endlich arbeiten! Oder „The Age of Interruption“

Im Zeitalter der Unterbrechungen (siehe Thomas Friedman: The Age of Interruption) hat sich bei mir ein Arbeits- und Lebensstil eingeschlichen, den es zu überdenken gab. Konzentriertes Arbeiten wurde durch ständige Unterbrechungen und Ablenkungen unmöglich. Soweit ist es zwar noch nicht, dass ich kein Buch mehr vernünftig lesen kann, wie Nicholas Carr in „Is Google making us stupid?“ beschreibt, aber trotzdem ist mein PC seit Web 2.0 vom Arbeitsgerät zum Allround-Entertainer mutiert. Die Push-Technologie sollte eigentlich Punch-Technologie heißen, denn die Produktivität nähert sich dem k. o.

(c) www.pixelio.de / pepsprog
(c) http://www.pixelio.de / pepsprog

Und immer lockt das Web

Was rege ich mich auf, wenn meine Kinder ständig ins Arbeitszimmer platzen? Was rege ich mich auf, wenn in Zeitungen nichts Wesentliches mehr steht? Wie wesentlich sind die Informations-Häppchen, die ich mir Tag und Nacht so runterhole anzeige und abspeichere? Information-Junkie? Süchtig nach Info-Happen? Belangloses? Gossip? Trends und Meinungen? Süchtig nach Unterbrechungen? Machen wir sie dingfest, die, die mich nicht arbeiten lassen:

And the most famous Interruptors are…

  • RSS-Feeds, besonders in Verbindung mit Google-Reader und Dutzenden von abonnierten Blogs (Verdammt, warum sind im Juli trotzdem so wenig Blog-Einträge da? Schreibt denn keiner im Urlaub mehr? Wenigstens Urlaubsgrüße? Es gibt doch Internet-Cafes überall!)
  • Blog-Beiträge, die ich unbedingt lesen und vielleicht auch kommentieren muss
  • Blog Kommentare kommentieren
  • E-Mail-Programm (bei mir Outlook, aber Thunderbird ist genauso böse)
  • i-tunes mit Dutzenden abonnierten Podcasts (zuletzt hinzugefügt – 25 Podcasts); die liefen immer während der Arbeit, mit einem halben Ohr hörte ich zu
  • wenn ich die neuesten Podcasts gehört hatte, dann gibt es ja noch einige Gigabytes gespeicherte auf der Festplatte, also: weiterhören.
  • http://www.orf.at, http://www.derstandard.at, http://www.diepresse.at, http://www.wirtschaftswoche.at, http://www.wallstreet-online.de
  • Meine lernenheute.wordpress.com – Statistikanzeigen (danke liebe Leser, wir nähern uns der 40.000er Marke)
  • Comments auf meinem Blog
  • Internetbanking: Meinen Kontostand bekomme ich bei Änderungen per SMS geschickt. Aber: Im Internet-Banking mal kurz nachsehen kann nicht schaden. Vielleicht hat wer mein Konto geplündert, man weiß ja nie. Oder versehentlich eine Mille überwiesen. Da muss man schnell sein…
  • Das Fernsehprogramm auf Tvinfo.de
  • Xing-Nachrichten lesen
  • meistgesehene youtube-Videos ansehen
  • Neue Downloads auf zdnet.de, chip.de
  • Ach ja: Mein Smartphone kann dank WLAN auch E-Mails abrufen, wenn der PC nicht eingeschaltet ist. Super wichtig beim Grillen, damit nichts anbrennt.

Dass ich ein harmloses Exemplar dieser „Google-Generation“ bin, merkt man daran, dass ich weder Twitter noch ICQ noch Skype in Betrieb habe. Stoooopid … why the Google generation isn’t as smart as it thinks“ (Habe ich eben gegoogelt, sorry, schreibe jetzt weiter). Hat was? Habe ich vergessen. Dumm, nicht?

Hey Alter, was soll das?

John Medina schreibt in „Brain rules„:

„Studies show that a person who is interrupted takes 50 percent longer to accomplish a task. Not only that, he or she makes up to 50 percent more errors.“

Durch Unterbrechungen brauchen wir länger, wir machen auch mehr Fehler. Die Prozentangabe wird davon abhängen, welche Tätigkeit gerade unterbrochen wird. Ist es beim Überlegen einer genialen Satzformulierung die durch einen Telefonanruf gestört wird? Oder hüpft ein Kind auf die Straße, während wir autofahrenderweise mit dem Handy telefonieren und unser Reaktionsweg sich dadurch um 50 % verlängert?

Esst mehr Brokkoli

… passt zwar nicht hierher, gefällt mir aber als Grundaussage. Was mache ich, um konzentrierter arbeiten zu können?

  1. Handy ausschalten (Ausschalten, nein, nicht lautlos, ausschalten)
  2. Google-Reader zumachen, gegebenenfalls von der Startseite entfernen
  3. E-Mail-Client beenden, bei mir Outlook. Das #*####gggr Ding meldet aber trotzdem, wenn eine Mail kommt. Hier das Video, diese ##***!!## zu umgehen: How To Turn Off Outlook’s E-Mail Notification Settings
  4. i-Tunes beenden
  5. Twitter, ICQ und wie sie alle heißen: beenden
  6. No-News.  Die aktuellen Nachrichten sind jetzt nicht wichtig. Auch nicht mal kurz schauen! Sollte ein Atomkraftwerk explodieren, dann gibt es bei uns Sirenen.
  7. No-bay. Das aktuelle Gebot auf ebay ist jetzt nicht wichtig. Die schicken Mails, wenn es wichtig wird. Notfalls gibt es biet-o-matic.
  8. No Blogging. Nein, dieses heiße Thema musst du jetzt nicht bloggen. Auch nicht vormerken, es zu bloggen.
  9. No Money. Nö, der Kontostand im Internet-Banking hat sich seit heute Morgen nicht verändert. Und wenn, dann ist es jetzt auch wurscht egal.
  10. PC-Lautsprecher abschalten – um nicht in Versuchung zu kommen.
  11. Router? Optimalerweise könnte der Router abgeschaltet werden, wenn kein Internet zum Arbeiten benötigt wird. Mache ich aber nie, Internet brauche ich immer (lechz).
  12. Ganz kurz geht nicht. „Ich schaue nur kurz, nur schnell, nur mal eben“ … gibt es nicht.

Na, wie lange halten wir das durch, bevor wir nur mal kurz Mails lesen? Und die dann nur mal kurz beantworten?

Idee: Einen „Work“-Button, der Beenden und Starten von Kommunikations-Software für mich auf Knopfdruck erledigt. Dann kann ich mir auf Knopfdruck auch wieder die volle Dröhnung geben und alles auf einmal starten. Herrlich 😉