Wie man ein Sachbuch sinnvoll liest

Lesen ist eine Grundkompetenz, die spätestens nach der Volksschule beherrscht werden sollte. Aber wer bringt einem bei, wie man ein Buch liest? In diesem Beitrag geht es nicht um Bücher, die wir zum Vergnügen lesen (beispielsweise Romane), sondern um jene, die einem im Leben weiterbringen sollten: Sachbücher.

Und so liest man ein Sachbuch:

  1. Wähle weise
    Verspricht der Titel, dich im Job, in der Beziehung, im Alltag, beim Zeitmanagement etc. weiterzubringen? Wenn nicht, dann liest du es zur Unterhaltung. Lies diesen Blog-Beitrag nicht weiter. Lies jetzt dein Buch und unterhalte dich gut!IMG_20180224_191826.jpg
  2. Gib dem Buch 10 Minuten
    Lies den Klappentext und das Inhaltsverzeichnis. Schau dir einzelne Kapitel an, ob sie lesenswert sind. Es gibt nicht viele Bücher, die du von der ersten bis zur letzten Seite lesen musst. Vermutlich betreffen einige Kapitel deine derzeitige Lebenssituation nicht und fressen nur Zeit. Kannst Du das, was du liest, in den nächsten Tagen praktisch umsetzen oder ausprobieren? Dann hast du das richtige Buch gewählt, ansonsten siehe Punkt 1, letzter Satz.
  3. Kauf es
    Leihe dir das Buch nicht, kaufe es. Wer sagt dir, dass das Kapitel, dass du soeben für unwichtig gehalten hast, nicht morgen dein Problem löst? Zweitens: Einzelne Kapitel am ebook-Reader durchzusehen ist mühsam, dazu reagieren die Geräte zu träge. Grundregel: Romane am ebook-Reader lesen, Sachbücher in Papierform.
  4. Lies das, was du brauchst
    Faustregel: Nimm 20 % der Zeit, die du für das ganze Buch brauchen würdest und hole dir 80 % der Kernideen heraus. Du kannst dir nicht alles merken, also brauchst du nicht alles lesen. Scanne interessant erscheinende Kapitel, indem du die ersten Sätze der Absätze liest. Überspringe:

    • Dinge, die du schon weißt,
    • Sachverhalte, die du bereits verstanden hast und dazu
    • Beispiele und Geschichten (besonders in amerikanischen Sachbüchern),
    • Listen und
    • Themen, die dich nicht interessieren oder die du nicht konkret anwenden kannst.
  5. Bücher sind WerkzeugeIMG_20180224_192002.jpg
    Scheue dich nicht …

    • wichtige Sätze mit Bleistift oder Leuchtstift zu markieren,
    • wichtige Passagen mit Klammern zu kennzeichnen,
    • gute, bessere und beste Gedanken mit Sternen (*, **, ***) zu kennzeichnen,
    • Gedanken oder Querverweise an den Rand zu schreiben und
    • Eselsohren bei wichtigen Seiten zu machen oder Post-It Index Klebezettel zu verwenden.
  6.  Fasse zusammenBuch mit Notizen Fasse eine bis 10 Kernbotschaften auf der leeren Titel-Innenseite des Buches zusammen. Wenn du es später aus dem Regal holst, dann hast du das Wissen griffbereit. Benutze kein Notizbuch dafür, das nachher irgendwo liegt oder beim nächsten Umzug verschwindet. Tu das, damit du das Buch im nächsten Jahr nicht nochmal lesen musst, sondern das Wichtigste auf einen Blick parat hast.
  7. Wiederhole
    Führe eine Liste der gelesenen Bücher und nimm die für dich interessantesten alle paar Wochen in die Hand. Lies die Kernbotschaften der ersten Seite, damit du sie dir wieder in Erinnerung rufst und im Alltag anwenden kannst. Vielleicht helfen dir heute andere Kapitel, die du gestern ausgelassen hast. Das Buch ist ein Experte, den du jederzeit fragen kannst.

Mit dieser Methode liest du mehr Sachbücher als bisher und setzt sie auch im Alltag um. Mache eine Routine daraus: Reserviere dir täglich zur einer fixen Uhrzeit eine Stunde, vielleicht auch nur eine halbe Stunde dafür. Vielleicht setzt du dir ein Ziel? Ein Buch pro Woche ist mit dieser Methode durchaus möglich. Das macht, plus/minus, 50 Bücher pro Jahr geballtes Wissen, das du abrufbereit hast.

Quelle: Die meisten Tipps habe ich aus „Become a Learning Machine 2.0: Read 300 Books This Year“ von Brandon Hakim bei Udemy entnommen. Brandon zeigt hier, wie du mit dieser Methode täglich ein Buch lesen kannst. Wer also in einem Jahr das lesen möchte, was einige ihr ganzes Leben nicht lesen, der ist bei Brandon richtig.

 

 

Meine 15 Tablet-PC für die Berufsschule #opco12

Ende Mai dürfen wir Lehrer in der Berufsschule Wunschzettel schreiben. Diese Wunschzettel enthalten Neuanschaffungen, die im nächsten Schuljahr (vielleicht, unter Umständen und eventuell, falls es das Budget zulässt und nicht andere dringende oder länger aufgeschobenene Anschaffungen notwendig werden) genehmigt werden könnten. Wer jetzt denkt, wir sind im Paradies, dem sei dasselbe wie den Kindern zu Weihnachten gesagt: „Nicht alles, was Du auf den Wunschzettel schreibst, das bekommst du.“ (Ich brauche im Jahr 2012 nicht zu erwähnen, dass unser Budget nicht gerade üppig ist, oder?)

Aber so als Idee, als einen Wunsch ans Christkind wünsche ich mir 15 Tablet-PCs für eine Gruppe, in einem schönen Koffer, fertig zum Austeilen im Englisch- bzw. Wirtschaftskunde-Unterricht oder auch in Politischer Bildung. Ipads übersteigen unser Budget. Deshalb habe ich beispielsweise mit dem Kindle-Fire kalkuliert. Das gibt es zwar bei uns (noch) nicht, wird aber hoffentlich mit einem ähnlichen Kampfpreis wie in den USA von ungefähr EUR 200,00 pro Stück verkauft werden. Diese Preisklasse ist am ehesten vorstellbar, billiger wird’s vermutlich demnächst nicht gehen.

Spontan würde ich mit den Tablets folgendes machen:

  1. Quizlet nutzen: Auf meiner To-do Liste für nächstes Jahr steht, zusammen mit den Textverarbeitungs-Lehrern die Standard-Vokabel aller Lehrgänge von den Schülern erfassen und von den Lehrerinnen und Lehrern reviewen zu lassen und dann in quizlet einzupflegen. Schülerinnen und Schüler könnten dann mit ihren Smartphones und eben den Tablets die Words lernen.
  2. Wörterbuch: Ich schlage so gut wie nie im Offline-Wörterbuch nach, weil sowohl Geschwindigkeit, Aktualität, Preis und auch der Komfort und Service von Online-Wörterbücher unschlagbar sind.
  3. Kindle-App: Wir haben zwar nur 40-Stunden Englisch im vollgestopften Lehrgangsunterricht, aber ein paar zu lesende Buchseiten könnten wir da und dort schon einbauen. Unter Nutzung der Kindle-App inklusive Wörterbuch inklusive Sprachausgabe lassen sich vielleicht einige Schüler dazu hinreißen, auch außerhalb der Berufsschule zu lesen.
  4. Wikipedia-Recherche: Mit der Wapeida-App könnten in Politischer Bildung und in Wirtschaftskunde akkurate Informationen erarbeitet werden.
  5. Zeitungs-Apps: Das Gleiche gilt für aktuelle Nachrichten.
  6. Umfrage-App: Abstimmungen, Fragen und Feedback von Schülerinnen und Schülern, beispielsweise wie mit ARSnova, hier in frawadis Blog-Beitrag beschrieben.
  7. Lernzielkontrollen-App: Kurze, knackige Stundenwiederholungen mit Hilfe der Tablets inklusive automatischer Punktevergabe, Aufzeichnung der Lernschwächen und Weitergabe dieser (individuellen) Lernschwächen an den Lehrer bzw. der Lehrerin. Eine App dazu ist mir nicht bekannt, vielleicht gibt’s (bald) irgendein mobile-Moodle-Plugin?

Wie gerufen kamen zu diesem Thema die letzten beiden OPCO12-Sessions „Mobile Apps“ und „Tablet Computing„. Danach sah die schöne, neue Tablet-Unterrichtswelt nicht mehr ganz so wundervoll aus. Näher durchdacht, ergeben sich bei der Nutzung von Tablets neben der prekären budgetären Situation auch einige andere „Details“.

  1. Tablets sind „personal devices“. Das heißt: Normalerweise sind sie für genau einen User eingerichter, der von dort seine Mails abholt, Facebook-Status-Updates macht und twittert. Kann sein, dass ich mich irre, aber ein User-Wechsel in Android geht über „Konto entfernen“ und wieder neu anmelden. Was mit Bezahlt-Apps dabei passiert, habe ich nicht ausprobiert. Ich frage mich, ob die danach noch verfügbar sind? Alternativ könnte für ein Tablet ein Standard-Google-Account eingerichtet werden, also Tablet01 bis Tablet15.
  2. Dazu hätten wir ein noch ein ganz anderes, triviales Problem: Wenn wir kostenpflichtige Apps benötigen würden, dann bräuchten wir eine Kreditkarte. Ich glaube nicht, dass die Verwendung eines so modernen Zahlungsverfahrens in der Schulorganisation ohne Hürden möglich wäre 😉
  3. Kommen wir zur Wartung der Tablets: 15 Stück würden ja noch machbar sein. Aber ich frage mich, welche Hard- und Software benötigt wird, wenn bei einigen hundert Tablets der Akku zu laden ist oder Apps zu installieren sind. Bei 15 Stück ist das ja noch einigermaßen überschaubar, aber trotzdem aufwändig. Wie verhält sich ein PC-Netzteil, wenn wir mittels einiger USB-Hubs alle anhängen? Mein ipad@home lädt ja nicht mal, wenn ich es am leistungsstarken Home-PC anschließe…
  4. WLAN: Wir haben in der Schule ganze zwei WLAN-Router. Einer für die Lehrer, der deckt das Konferenzzimmer und 3-4 Klassenzimmer ab und einen für unsere Notebook-Klasse. Riecken hat neulich beschrieben, dass ein ordentliches WLAN doch etwas aufwändiger aufzubauen ist und einiges an Anschaffungskosten verursacht. Die Tablets sollten ja in allen Klassen einsetzbar sein, ansonsten könnten wir ja gleich einen unserer 5 EDV-Räume (bei insgesamt 9 – 11 anwesenden Klassen) belegen, das wäre dann einfacher.

Was wir also für einen Tablet Einsatz in der Schule brauchen, ist folgendes: (Hinweise mit Link, dass es das alles schon gibt, nehme ich dankend entgegen und werden mit mindestens vier lobenden Erwähnungen geahndet)

  • Eine Netzwerk-App, mit der x-Tablets installiert, verwaltet, überwacht und gesperrt werden können. (Sowas wie Air-Dropper, nur eben für Geräte-Gruppen).
  • Eine Image-Installation, wenn ein Tablet mal absäuft.
  • Die Möglichkeit, Apps zu kaufen und auf eine Geräte-Gruppe zu verteilen. Bitte mit Mengen- und Bildungsinstitutionen-Rabatt.
  • Einen Auflade-Kasten, so ähnlich wie es den für Notebooks gibt: Tablets rein in den Kasten und die laden dann bis zum nächsten Einsatz auf. Aber bitte mit intelligenter Aufladefunktion.

Für uns als Schule wäre es daher einfacher, zu einer BYOD-Politik überzugehen. Keine Tablets kaufen, sich nicht um die Wartung kümmern. Ja, nicht einmal WLAN wäre notwendig, weil meist ausreichend Datenvolumen in den Mobile-Verträgen inkludiert ist. Meist…

Die Abwälzung der Kosten auf die Schülerin bzw. den Schüler wäre bequem. Aber auch dieses Vorgehensweise bringt einige Nachteile, die Charlie Osborn schön zusammengefasst hat.

Was tun? Gehen wir zum Ausgangspunkt zurück: Die ersten Ideen, die ich mit den Tablets realisieren wollte, aus der Sicht meiner analogen Kolleginnen:

  1. Quizlet nutzen: „Du sollst sowieso nicht Vokabeln lernen lassen. Verkaufsgespräche, Texte, Phrasen. Aber keine Vokabeln!“
  2. Wörterbuch: „Ich lasse sowieso keine Wörterbücher in meinem Unterricht verwenden. Die sollen mich fragen“ oder „Die Schüler sollen ruhig mal nachschlagen. Das ABC üben. Die können das nämlich nicht mehr.“
  3. Kindle-App: „Bücher lesen? Im Unterricht in der Berufsschule? Wir kommen ja so kaum mit dem Stoff durch! Spinnst Du? Und außerdem: Was ist Kindle?“
  4. Wikipedia-Recherche: „Wikipedia stimmt nicht. Da kann jeder alles reinschreiben. Und dann haben wir diese Wikipedia-Referate, wo die Schüler das, was sie sagen nicht mal selber verstehen.“
  5. Zeitungs-Apps: „Es gibt ZIS (Zeitung in der Schule). Die kannst Du bestellen. Da haben sie was in der Hand und können was ausschneiden und aufkleben. Das ist dann was für die haptischen Lerntypen.“
  6. Umfragen-App: „Du könntest die Schüler auch die Hände heben lassen. Oder fragen. Die sitzen ja direkt vor dir.“
  7. Lernzielkontrollen-App: „Die Schüler können sowieso nicht mehr schreiben, da sollen sie wenigstens bei der Lernzielkontrolle schreiben.“ oder „Ich möchte aber mündlich prüfen, weil ich will nachfragen.“

Ja. Hm. Was nun?

Vielleicht ein paar best-practices Beispiel sammeln, beispielse hier bei Andreas Hofer.

Fachtagungs-Bericht: Kann Medienbildung im Schulalltag gelingen?

Unter diesem Titel stand die Fachtagung anlässlich des Medienfestivals mla:connect. Die Tagung wurde nach der World-Café-Methode, die (lt. Wikipedia) für 12 – 2000 Teilnehmer geeignet ist, abgehalten. Drei Gesprächsrunden zu je 45 Minuten kreisten um das zentrale Thema, am Schluss wurde eine zusammenfassende Twitter-Meldung inklusive dreiminütiger Zusammenfassung gegeben. Am Tisch lagen Flip-Cams bereit und wir wurden ermuntert, nach Lust und Laune mitzufilmen bzw. zu fotografieren. Sollte genug Material zusammenkommen, wird ein Film für mediamanual.at erstellt.

Sitting alone by naraekim0801 (flickr.com)

Nach drei intensiven Diskussionsrunden war unsere Twitter-Meldung am letzten Tisch eine Meldung aus der Zukunft, aus dem Jahr 2015: „Medienfachfrau/-mann installiert World-Café in allen Bezirken Österreichs“. Denn auffallend bei vielen Berichten der medien-affinen Kolleginnen und Kollegen waren folgende Faktoren:

  1. Medienbildung wird an Schulen zumeist von einer Person betrieben, die sich oft als Einzelkämpferin bzw. Einzelkämpfer fühlt.
  2. Es fehlt an gegenseitigem Austausch, der vom Schulsystem unterstützt wird.

Auffallend oft wurde auch erwähnt, dass junge Lehrer sich den neuen Medien oft verweigern, wohingegen manche Ältere seit Jahren begeistert bei der Sache sind. Paradebeispiel dafür war Josef Ranner, der schon Radiosendungen in der Schule produzierte, als ich selbst nur knapp aus den Windeln heraus war. Nunmehr seit 16 Jahren in der Pension, betreibt er noch immer das Medienzentrum Mürz. Ranner war an diesem Nachmittag mit einer Filmcrew am Arbeiten und in den Gesprächsrunden dabei.

Zurück zu unserer Twitter-Meldung (… die nicht getwittert wurde, die sollte einfach nur so kurz sein, wie eine Twitter-Meldung). Wir wünschen uns also World-Cafés vor Ort und eine Medienfachfrau bzw. einen Medienfachmann, der uns dann und wann mit Rat und Tat zur Seite steht.

Warum?

Aufgrund des Umstandes, da Lehrkräfte, die „was mit Medien machen“ offensichtlich an den meisten Schulen alleine werkeln, fanden wir es wichtig, sich gegenseitig intensiv auszutauschen. Die Ruf nach Ausbildung, nach Kursen à la „Filmschnitt mit Piesackl“ oder „Podcasting für Junggebliebene“, der ist recht leise. Wer ist heute noch begeistert, in einem Vortragssaal die Funktionsweise einer Software kennenzulernen, wenn es dazu ein Handbuch oder Youtube-Videos dazu gibt. Was wir brauchen ist der Erfahrungsaustausch, wie diese Software didaktisch und pädagogisch eingesetzt werden kann und welche Fallstricke und best-practices es gibt. Kaum wer will „Moodle“ lernen, weil das Tool ja großteils selbsterklärend ist. Wir wollen wissen, wie Unterrichtsprojekte bestmöglich mit Web-Tools abgewickelt werden können, egal welches Etikett auf dem Tool steht.

Die Notwendigkeit eines Austauschs von Ideen, Erfahrungen, Vorgehensweisen und wohl auch die gegenseitige Motivation ist das Um und Auf, Medien in den Unterricht bestmöglich zu integrieren. Dieser Erfahrungsaustausch könnte / sollte auch schultypenübergreifend stattfinden. Was brauchen wir dazu?

  1. Zeit, denn es kann nicht sein, dass Medienbildung an Österreichs Schulen (so wie jetzt) als Freizeit-Hobby einiger Lehrer betrachtet wird und
  2. ein flexibles Schulbudget, das (mal mehr, mal weniger) für Medienprojekte verwendet werden kann.

Wir brauchen auch immer seltener einen „Sage on the stage“, niemanden, der uns zeigt, wie es geht. Zuallererst sollten wir Lehrkräfte den eigenen Erfahrungsschatz untereinander austauschen und uns schulübergreifend vernetzen. Für individuelle Projekte sollte es aber dann doch auf Anfrage einen Experten geben, der an die Schule kommt und bei der Planung und Durchführung der Projekte behilflich ist. So wie ich einen Schulpsychologen anfordern kann, so sollte dieser Medienexperte bzw. die Medienexpertin hilfreich zur Seite stehen. Randnotiz: Sollte es diese Stelle demnächst geben, würde ich sie gerne haben wollen 😉

Bei den Diskussionen fiel auch auf, dass wir es heute im Vergleich zu früher so viel leichter haben, Video und Audio in den Unterricht zu integrieren. Wer braucht heute noch ein Studio, ein Gerät zum Filmeschneiden, eine hochwertige Kamera? Für Medienprojekte in der Berufsschule genügt mir eigentlich ein Smartphone eines Schülers und ein Administratorpasswort um geeignete Freeware auf Schul-Pcs installieren zu können und Internet, sprich Youtube, posterous etc. Es gibt ja sogar schon einen „Bring-your-own-device-Erlass“ (BYOD-Policy). Da höre ich jetzt natürlich den Aufschrei: „Aber da können wir auch keine hochwertigen Medienproduktionen mehr erstellen!!“

Stimmt. Das ist eine Grundsatzdiskussion. Geht es darum, ein möglichst perfektes Endprodukt zu erstellen oder ist der Produktionsprozess und das parallel dazu laufende Lernerlebnis das eigentliche Ziel? Beide Varianten haben was für sich:

  1. Sowohl für Schulerinnen und Schüler und auch Lehrkräfte ist es toll, wenn das Endergebnis eines Unterrichtsprojektes herzeigbar, prämierbar und professionell erscheint. Tatsache ist aber auch, dass Projekte scheitern und zumindest am Misserfolg entlangschrammen und Lehrerinnen und Lehrer vielleicht für ihre Klasse das Projekt zu einem herzeigbaren Endergebnis schleppen. Was ja absolut nicht der Sinn der Sache sein sollte.
  2. Wenn Medienproduktionen als Lernmethode angewandt werden, so zählt nicht so sehr das Endergebnis, sondern der Weg dorthin. Dann muss das Endergebnis qualitativ nocht so hochwertig sein. Schließlich sind es Erstlingsprodukte von Menschen, die aus Fehlern lernen sollten und nicht das Werk von Profis, die das schon jahrelang machen.

So richtig klar geworden ist mir das bei den Podcast-Projekten der letzten Jahre. Beim Wirtschaftskunde-Podcast war mir der Weg zum fertigen Podcast noch das Wichtigste. Schülerinnen und Schüler sollten bei der Erstellung des Podcasts den Stoff lernen oder vertiefen. Der Podcast selbst war dann eigentlich ein Nebenprodukt. Anders war es beim AGSL-Podcast. Hier stand ganz klar immer das Endprodukt im Vordergrund. Für mich als Lehrer in einer kaufmännischen Berufsschule ist es sicherlich nicht Ziel, ein High-End-Produkt herzustellen, weil die dafür zur Verfügung stehende Zeit sehr, sehr, sehr begrenzt ist. Für den AGSL-Podcast verwendet ich meist 100 – 150 Minuten (ohne Schnitt).

Die erstaunliche Erkenntnis aus dem World-Café war für mich, dass die Medienbildung an vielen Schulen das Werk einzelner Lehrerinnen und Lehrer ist. Ich frage mich, ob das in den meisten Schulen so gesehen wird oder ob das Treffen dieser vielen „Einzelnen“ vorige Woche ein Zufall war. Jedenfalls: Es war lehrreich, höchst interessant und ich hätte mir die doppelte Zeit für Diskussionen und Erfahrungsaustausch gewünscht.

Das Thema gab es schon vor zwei Jahren auf der Fachtagung, hier ein Lesetipp von damals: „Wie kann Medienbildung im Schulalltag gelingen? Gelingensfaktoren –Stolpersteine – Strategien (PDF)“ (Inge Fritz, mediamanual.at, 2009)

Hurra, was für ein schöner Fehler! – Episode 2

Drüben bei „Learning Waves“ beschreibt Prof. Dr. Andrea Back im Artikel „Hurra, was für ein schöner Fehler!“ eine Möglichkeit, wie mit Fehlern umgegangen werden könnte. Sie werden markiert, der Schönste bekommt einen Aufkleber oder eine ähnlich nette Markierung. Ziel sollte sein, Fehler nicht als was Schlimmes, Böses oder Furchtbares, sondern als Chance zur eigenen Weiterentwicklung zu sehen. Da macht Schule oft aber nicht – oder noch zu selten.

Eine weitere Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen, wäre die „Stolperstein-Mitbringsel-Lernkartei“. Die funktioniert so:

  1. Von (fast) jedem Ausflug (=Test, Klassenarbeit) nehmen wir einige Mitbringsel (=Fehler) mit, die in die Kartei eingetragen werden.
  2. Unterstrichen wird jener Teil, der fehlerhaft war – aber in der Kartei wird alles, wirklich alles, richtig geschrieben.
  3. Einmal pro Woche wird der Stolper-Parkour durchlaufen, das heißt: Mit der Kartei gearbeitet. Entweder wird sie diktiert oder mündlich abgefragt oder per quizlet durchgeklickt.
  4. Wenn der Stolperstein-Parkour ohne zu stolpern absolviert wurde, dann gibt’s auf einer gut sichtbar aufgehängten Liste (z. B. am Kühlschrank) einen Smiley. Oder einen Eintrag, wieviele Karten positiv erledigt wurden. Bitte nicht, wie viele Fehler gemacht wurden!! Und bitte kein Geld!

Zum Umgang mit Fehlern gibt es von Carol Dweck ein sehr zu empfehlendes Buch: „Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt“ (Amazon). Sie teilt darin Menschen in zwei Gruppen ein. Diejenigen, die ein statisches Selbstbild von sich haben analysieren ihre Fehler kaum und fühlen sich auch nur intelligent, wenn sie keine Fehler machen. Sie erleben Fehler als ersten Schritt zur Strafe oder zum Urteil. Diejenigen mit dynamischen Selbstbild sind überzeugt davon, dass Fehler zu Vorschlägen und neuem Wissen führen. Darum sehen sie sich ihre Fehler so lange an, bis sie die Ursache des Irrtums verstanden haben. Sie sehen sich Arbeiten von anderen Menschen an, die besser als die eigenen sind. Wohingegen die mit statischem Selbstbild grundsätzlich Arbeiten ansehen, die schlechter als die eigenen benotet wurden. Das Konzept habe ich hier schon mal beschrieben.

Wenn Fehler nicht analysiert werden, dann krallt sich das statische Ego die nächste, logische Erklärung: Ich bin eben dumm. Der Lehrer ist eben dumm. Die Schule ist dumm. Dweck zitiert dazu den Basketballtrainer John Wooden: „Man ist erst dann ein Versager, wenn man nach Schuldigen sucht.“ Daher: ran an die Fehler. Denn nichts ist leichter, als aus Fehlern zu lernen. Das sollte den Lernstoff ganz gehörig eingrenzen, oder nicht?

Die „Sche!#e-O!da“ (SO) Methode: done

So. Eine Woche später nach meiner bewusstseinserweiternden „Sche!#e-O!da“-Zählaktion (ab jetzt SO-Methode genannt, siehe Blog-Beitrag) ein Effekt, der wieder mal ein Lichtblick im Lehrerdasein ist.  Zur Erinnerung: Vorigen Freitag war knapp alle 1,5 Minuten entweder „Sche!#e“ oder „O!da“ im Klassenraum zu hören.

Gestern hörte ich – und ich habe wieder mitgezählt – zwei eher leise „O!da“ in 100 Minuten. Fäkalworte: Keine. So, dachte ich mir, das bestätigt den Spruch: „Grundsätzlich ist der Mensch intelligent und gut“.

Dafür hat eine Schülerin bei mir mitgezählt: Innerhalb von 30 Minuten habe ich selbst siebenmal „So“ gesagt. „So, jetzt wiederholen wir mal vorige Stunde“ oder „So, wer kann mir sagen…“ oder einfach nur „So“, um einfach nur etwas gesagt zu haben. Interessant wäre, seit wann ich dieses Wort so intensiv nutze. Auf jeden Fall bedanke ich mich für den Hinweis und werde mich bessern.

Die finale Überprüfung, ob die SO-Methode wirklich funktioniert, ist zwei Stunden auf ATV Saturday Night Fever – So feiert Österreichs Jugend (nach der Werbung) zu sehen. Wer danach weder S oder O sagt, der ist nach diesem Härtest geheilt.

Schulinternes Best-of-Methoden Seminar

Ich könnte vieles von meinen Kolleginnen und Kollegen lernen, wenn ich, statt zu unterrichten, ihren Unterricht besuchen würde. Leider ist das erstens an unserer Schule sehr unüblich, zweitens würde meine ohnehin (duch das „Nebenbei“-Studium in Hagen) knapp bemessene Freizeit noch weiter reduziert werden (jaja, lacht nur)  und drittens steckt in dieser Vorgehensweise doch eine gewisse Ineffizienz. Jeder, der schon Unterrichtsbesuche gemacht hat weiß, wie öde das sein kann, wenn die Schülerinnen und Schüler angestrengt und intensiv arbeiten und man selbst beobachtenderweise nichts zu tun hat und auf das Ergebnis wartet.

Also wurde eine andere Variante kreiert, um voneinander zu lernen: Das schulinterne „Best-of-Methoden Seminar“. Und das habe ich mir so vorgestellt:

Das Ziel dieses kooperativen, fächerübergreifenden SCHILF-Seminars ist, bewährte Unterrichtsmethoden aus einem beliebigen Fach den Teilnehmern vorzustellen. Dabei schlüpfen die Lehrerinnen und Lehrer in die Schülerrolle und probieren die Methode unter Anleitung selbst aus. Erwünscht sind alle Methoden, die Schülerinnen und Schüler das Lernen erleichtern. Im optimalsten Fall kann die Methode auch für andere Fächer (in adaptierter Form) verwendet werden. Eine kurze Reflexions- bzw. Feedbackphase über mögliche Veränderungen der Methode im eigenen Unterricht beendet die jeweilige Methodenvorstellung. Der Zeitrahmen pro Methodenvorstellung sollte 15 Minuten nicht überschreiten – im realen Unterricht kann die jeweilige Methode länger dauern. Wünschenswert wäre, dass jede Teilnehmerin bzw. jeder Teilnehmer eine Methode vorstellt – dies ist allerdings kein Muss, Zuhörer sind auch willkommen.

Wichtig ist, dass die jeweilige Methode nicht nur beschrieben, sondern auch live ausprobiert wird. Das hat folgende Gründe:

  1. Die tatsächliche Durchführung steigert den Lerneffekt und die Methode kann später vielleicht auch ohne jeweilige (schriftliche) Methodenbeschreibung „spontan“ im Unterricht eingesetzt werden.
  2. Erst bei konkreter Durchführung der Methode bekommt der Teilnehmer ein „Bauchgefühl“, ob diese für ihn selbst geeignet ist.
  3. Die Reflektion und Adaption für das eigene Fach nimmt weniger abstrakte Formen an.
  4. Es sollte ein vertrauensvolles Klima von gegenseitigem Geben und Nehmen entstehen und
  5. es ist lustiger als die Methode nur vorzulesen.
In der Vorbereitungsphase wird nach Anmeldung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam eine Liste mit möglichen Methoden erstellt. Dies erfolgt in einem ietherpad. Eventuell erfolgt eine Abstimmung bzw. Koordination, welche Methoden vorgestellt werden sollten (via Google-Text und Tabellen Formular), dies ist aber nur notwendig, wenn sehr viele Teilnehmer sehr kreativ sind.

Die jeweiligen „Methoden-Inhaber“ bereiten vor dem Seminar gemäß eines Templates eine A4-Kurzbeschreibung der Methode vor (Name, Ablauf, Dauer, mögliche Teilnehmeranzahl). Diese Kurzbeschreibung sollte so ausführlich sein, dass sie als Anleitung zur Vorbereitung und Durchführung des Unterrichts dienen kann. Die einzelnen Kurzbeschreibungen werden zu einem Skript sowohl in Papierform als auch online (unter einer Common-Creative-License – frei kopierbar unter Namensnennung) als Produkt unserer Schule zur Verfügung gestellt.

Den Methoden-Super-Guru, den sparen wir uns. Ebenso Reisekosten, Vorbereitung für Vertretungsstunden, Vertretungsstunden, Nachbereitung für Vertretungsstunden und gut gemeinte 5minütige Zusammenfassungen von 6stündigen Seminaren auch. Aber wenn wir am Ende unserer Methodenweisheit sind, ja dann wird einer von uns ein Methodenseminar außerhalb der Schule besuchen. Aber ich vermute, dass wir noch lange nicht am Ende sind.

Dieses SCHILF-Seminar ist ein erster Schritt. Der Pädagogischen Hochschule habe ich vorgeschlagen, die Grundidee dieses Seminar (in einer angepassten Variante) schulübergreifend zu initiieren. Ich bin gespannt, was aus dem Vorschlag wird.

Harry Potter und die Luftkammer des Schreckens

2. Klasse Volksschule  – Sachunterricht – Das Ei.

Meine Tochter hat  nächste Woche darüber einen Test. Wie lernt man das „Ei“? 10x durchlesen und dann auswendig können? Das machen viele – bis zur Uni. Aber es ginge auch anders:

1) Zuerst zeichnet sie das Ei neu. Mit verschiedenen Farben. Von innen nach außen.

2) Dann zählt sie die Begriffe. 8 Begriffe sind zu lernen.

3) Sie schreibt (mit denselben Farben) die Begriffe zur Zeichnung dazu. In der Reihenfolge von außen nach innen. Wir sprechen über die Begriffe: Was ist Kalk? Hart oder weich? Ist Eiweiß weiß? Wieviele Häute hat das Ei (Dotterhaut und Schalenhaut). Es gibt die KalkSCHALE und die  SCHALENhaut. Was heißt keimen? Pflanzen können keimen, Keime in Wunden sind zu vermeiden usw. Aus der Keimscheibe wächst ein Küken. Wir suchen Merkwürdigkeiten, Gemeinsamkeiten, Erfahrungen zu den einzelnen Begriffen.

4) Dann nummerieren wir die Begriffe von außen nach innen, von 1 bis 8.

(1) Kalkschale
(2) Lufkammer
(3) Schalenhaut
(4) Hagelschnur
(5)Eiweiß
(6) Dotterhaut
(7) Dotter
(8) Keimscheibe

5) Zuletzt erfinden wir eine Geschichte:

Wir reisen mit einem Raumschiff durch das All. Wir sind auf der Suche nach dem Geheimnis des Lebens. Plötzlich empfangen wir ein Funksignal. „SOS“ – save our souls – rette unser Seelen. Wir rasen darauf zu und prallen plötzlich von einer riesigen (1) Kalkschale ab. Beim zweiten Versuch setzen wir unseren Raumschiff-Bohrer ein und bohren uns durch die Kalkschale durch und kommen in die (2) Luftkammer. Dort sitzt ein Junge. „Who are you – wer bist Du“ fragen wir. „I’m Harry Potter – Ich bin Harry Potter“ sagt der. Voldemort hat ihn in der Luftkammer des Schreckens eingesperrt und er sendete das SOS. „Please rescue me – bitte rettet mich“ sagt Harry  Potter. Aber zuvor müsst ihr noch das Geheimnis des Lebens in diesem Ei entdecken. Ihr lässt Harry Potter einsteigen und ihr bohrt euch mit dem Raumschiff durch die (3) Schalenhaut und kommt in einen langen Tunnel, die (4) Hagelschnur. Wenn ihr links und rechts aus dem Fenster guckt, sehr ihr nur milchiges (5) Eiweiß. Am Ende des Tunnels schießt ihr durch die (6) Dotterhaut und landet im (7) Dotter. Alles gelb, nichts zu sehen. Aber nach einigen Minuten könnt ihr mit Hilfe von Harry Potter das Geheimnis des Lebens finden: Die (8) Keimscheibe, aus der später neues Leben entsteht. Ihr verladet sie ins Raumschiff und reist zurück: Durch den (7) Dotter, die (6) Dotterhaut, das (5) Eiweiß, das ihr durch die (4) Hagelschnur bereist. Ihr durchbohrt abermals die (3) Schalenhaut, kommt durch die (2) Luftkammer des Schreckens, wo ihr Harry Potter gerettet habt und durch das Loch in der (1) Kalkschale zurück ins All, wo ihr auf eurem Heimatplaneten als Helden empfangen werdet.

6) Die Geschichte immer wieder erzählen. Allerdings geschieht das dann in Kurzform: Raumschiff durchbohrt Kalkschale, kommt in Luftkammer, durchbohrt Schalenhaut, Hagelschnur – Blick nach draußen: nur Eiweiß usw. Besonders effektiv: Vor dem Einschlafen wiederholen. Am besten: davon träumen.

Häufigstes Gegenargument dieser Technik (bei meinen Berufsschülern): „Da brauche ich ja viel länger zum Lernen, weil ich ja eine Geschichte erfinden und zeichnen muss.“ Das kann sein, allerdings bringt diese Technik auch einigeVorteile:

  • Durch den strukturierten Aufbau wird kaum ein Element vergessen.
  • Das Erfinden einer eigenen Geschichte ist ein Erfolgserlebnis und weckt positive Emotionen.
  • Diese Emotionen (Dopamin) verstärken den Lerneffekt.
  • Das Erzählen der Geschichte einer anderen Person verstärkt den Lerneffekt nochmal.
  • Geschichtenerfinden übt die kreative Problemelösung.  („Was mache ich nun, wie geht’s weiter“)

Letztendlich ist diese Variante die menschlichere Art, etwas zu lernen. 10x, 20x durchlesen ist pauken, roboterhaftes, stupides Wiederholen. Das können Haustiere auch. Unsere Kinder brauchen nur den Mut, sich menschlichere Lernformen anzueignen. Die TAZ zitiert drei finnische Lehrerinnen: „Gutes Lernen ist wie Sex. Entweder leidenschaftlich – oder mechanisch und ohne Gefühl.“ Dem ist nichts hinzuzufügen 😉

(Dieser Beitrag ist Vera F. Birkenbihl gewidmet, die derzeit im Krankenhaus liegt. Gute Genesung! Die Lernenden brauchen Sie, Fr. Birkenbihl.)