eLSA-Innovationscamp: Die Schule ist ein seltsamer Ort

eLSA heißt e-Learning im Schul-Alltag und ist ein Projekt des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst, das erprobt, wie e-Learning in der Schule eingesetzt werden kann. Am eLSA-Projekt, das aus vielen kleineren und größeren Projekten besteht, sind laut Homepage 85 Schulen beteiligt.

Stift St. Georgen am Längsee

Einmal im Jahr trifft sich das eLSA-Kernteam zu einem Innovationscamp um Strategien für Zukunft zu entwickeln. Es freute mich riesig, als mich das eLSA-Team nach St. Georgen am Längsee / Kärnten einlud, um dort (als Außenstehender) ein Impulsreferat zum Thema „Auflösung von Grenzen durch das Internet“ zu halten und zwei Tage lang an den kreativen Ideen mitzuarbeiten.

Als externer Ideenbringer war auch Andy Schär von der FH Nordwestschweiz bzw. PH Aargau eingeladen, der von tollen Projekten an den Schweizer Schulen berichtete. Beispielsweise www.mymoment.ch, bei denen Kinder Geschichten schreiben, die andere lesen, weiterschreiben oder bewerten können. In nächster Zeit werden die Geschichten auch von der deutschen GPS-Stimme computergeneriert vorgelesen. Mehr über die Arbeit von Andy Schär gibt es bei „Bildung Schweiz„. Weitere Projekte sind iconomix.ch oder das Youtube für Schüler minipodium.ch.

Einige Gedanken, im Zeitraffer:

  • Schule ist ein seltsamer Ort. Überall haben sich durch die Neuen Medien Grenzen aufgelöst, nur die Schule bleibt (fast) immer dieselbe. Seltsam.
  • Die Schere zwischen den IT-Technik-Intensiv-Nutzern unter den Lehrern und den anderen Lehrern wächst.
  • EDV-Kustos will kaum jemand in der Schule werden. Warum? Undankbarer Job, in der Privatwirtschaft viel besser bezahlt, ständig am Feuerlöschen, immer schuld.
  • „Mit welchem Tier lässt sich ein e-Learning-Lehrer vergleichen?“ fragte Anton Knierzinger vom education Highway und führte in seinem Vortrag auf humorvolle und treffende Weise aus: e-Learning Lehrer müssen wie Kamele sein. Denn sie müssen
    – zwei Höcker haben, nämlich die Kompetenzen(Technik und Pädagogik
    – genügsam sein, wenig Zeit und Geld
    – störrisch sein, was Eigeninitiative, Veränderungswilligkeit und Engagement betrifft
    – belastbar sein.
    Und eins noch: Mit einem guten Kamel kann man neue Horizonte erschließen.
  • „Weniger Aufwand als ein unvorbereiteter Frontalunterricht geht nicht.“ Könnte ein Grund sein, e-Learning nicht einzusetzen.
  • Die MUSTS für eine e-Learning freundliche Schule sind: Zeit und Motivation, Support und Training, Dokumentation und Reflexion, der Abbau von Grenzen.
  • Das Wichtigste für die heutige Schule ist: Gemeinsam zu lernen und neue Herausforderungen zu meistern. (Dazu fällt mir das wunderbare Gedicht bei Drape’s Takes ein: The Time Will Be Now)
  • Es haben sich drei Stufen bei der Einführung von IKT bei Lehrern bewährt:
    1) dasselbe wie bisher machen, nur eben mit dem PC
    2) dasselbe wie bisher machen, nur eben etwas schneller und besser
    3) dann erst etwas gänzlich Neues anfangen (wie z. B. Wikis, Weblogs oder Podcasts)
  • Die Schulentwicklung kann gewaltig verbessert werden: Schulintern ist Teamentwicklung enorm wichtig, schulextern ist eine Vernetzung der begeisterten Lehrer genauso wichtig.
  • In der Schweiz besteht ein Teil der Schulaufsicht aus Leuten aus der Wirtschaft (!!)
  • „Die Kinder produzieren Medien, und dann stuft man das als nicht-jugendfrei ein?“ Bei der Diskussion über Jugendliche und Medien-Plattformen fiel von Sigrid Jones (Institut für Medienpädagogik der Uni Wien, Blog medienabc.wordpress.com bzw. medienabc.at) dieser bemerkenswerte Satz. Das gab mir zu denken. Im Englisch-Unterricht habe ich auch schon so manchen von Schülern erstellten Podcast als „nicht-jugendfrei“ tituliert (und zensiert).
  • Das wunderbare Wort „Medieninkompetenzkompensationskompetenz“ beschreibt die Fähigkeit, … naja, was soll ich schon schreiben. Das Wort sagt doch alles.
  • Thomas Schranz (hier im Interview) meinte in seinem Vortrag über e-identity und deren Gefahren: „Kinder müssen derzeit auf eigene Faust herausfinden, was im Internet möglich ist. Wer klärt sie auf? Die Eltern, der Lehrer, sie sich selbst? Wer ist dafür verantwortlich?“ Dazu auch der Blog Beitrag von neulich: „Ist das Web für zukünftige Friseurinnen relevant?“ bzw. der Vortrag von Dick Hardt bei youtube.

Während der gesamten gesamten Diskussion war man sich einig, dass die didaktischen und pädagogischen Konzepte sich der Technik unterordnen müssen. Schule muss Wissen vermitteln. Es geht nicht darum, neue Technologien einzusetzen, nur weil es diese Technologien gibt. Lehrer, die Angst davor haben, müssen durch vertrauensbildende und sinnstiftende Maßnahmen auf ihrem jeweiligen IT-Level abgeholt werden. e-Learning bringt keine Erleichterung oder Reduzierung der Unterrichtsarbeit. e-Learning ist aber notwendig, um Kompetenzen zu vermitteln, mit der restlichen Welt gleichauf zu bleiben.

Abgabetermine: „Nun ist es zum Greifen nah, das schönste Fest im ganzen Jahr“

Wenn möglich, lasse ich Schülern die freie Wahl: Wann möchten sie eine Wiederholung machen oder bis wann schaffen sie es, eine Hausübung gemacht zu haben. Ist aber der Termin fixiert, dann bin ich (bis auf krankheitsbedingte Gründe) recht stur, was die Einhaltung betrifft. Wird zu spät abgegeben, können nur noch 50 % der Punkte erreicht werden, das ist aber immerhin noch besser, als überhaupt keine Punkte zu erreichen.

Dass manche Termine später im Wirtschaftsleben wichtig sind, ist den Schülern klar. Aber es schadet nie, auch die eine oder andere Kuriosität zum Thema veranschaulichen zu können. So landete der wunderschön gestaltete Hochglanz-Folder von Kraft Foods Österreich in meiner Schulmappe, den ich heute, am 2. Jänner 2007 per Post bekommen habe.

Auszug aus dem Folder bzw. dem beigelegten Brief: „Weihnachtszeit ist Wohlfühlzeit! Weihnachten steht vor der Tür. […] probieren Sie unbedingt unsere köstlichen Weihnachtsrezepte sowie die neue, wundervoll würzige Wintertee-Kreation TASSIMO Twining Chai Latte, die wir nur für kurze Zeit in unserem Online-Shop für Sie bereithalten. […] Nun ist es zum Greifen nah – das schönste Fest im ganzen Jahr.“

Nun ja, kann ja mal passieren. Ja, stimmt. Kann. Mal. Hätte ich nicht Ende Oktober einen wunderschönen Hochglanz-Folder derselben Firma mit tollen Sommer-Rezepten für die Tassimo Maschine erhalten. Wir hatten damals gerade einen verfrühten Wintereinbruch mit Schneefall, Eis und Glätte.

Im Unterricht lässt sich daraus eine kleine Aufgabe basteln, die in einem anschließenden Multiple-Choice-Test so aussehen könnte:

Überlegen Sie, warum Hochglanz-Folder dieser Firma grundsätzlich verspätet beim Kunden eintreffen:

a) Die Mitarbeiter der Hochglanz-Folder-Versandstelle haben vergessen, den Wochenkalender umzublättern.
b) Die Post hatte heimlich gestreikt.
c) Die Altpapiergebühren sind zu hoch, deshalb wird Altpapier ab sofort einfach verschickt.
d) Die Folder kamen nicht verspätet, sondern nur 11 Monate zu früh.

Dass es bei großen Firmen ganz lustig zugeht, merkt man auch an den Werbeaktionen von ebay: Da bekam ich gestern ein Mail, das mir eine „Gratis-Einstellung“ von einem Artikel bis 10. Jänner versprach. Das Kleingedruckte: Wenn ich seit vorigen Oktober nichts reingestellt habe. Das Problem: Habe grade vor vier Tagen was reingestellt. Ich fühle mich auch hier wieder leicht veräppelt und frage mich: Wissen die das denn nicht? Die haben doch eine Datenbank, eine ganz riesige, die heißt… hmm.. „ebay“ oder so ähnlich. Aber ich vermute hier mal ganz frech, dass außerhalb der Kunden-Transaktionen und Kunden-Verrechnungen in der Marketing-Abteilung von ebay eher das kreative Chaos herrscht, so wie in jeder normalen Firma auch.

So, das war der etwas wirre Geburtstags-Blog-Eintrag. Dieses Blog gibt es heute exakt ein Jahr. 125 Beiträge habe ich gepostet, also knapp alle drei Tage. 75 Kommentare habe ich erhalten. Siebzehntausendachthunderteinundneunzig Views wurden gezählt, da sind meine eigenen lt. WordPress nicht dabei, also hatte ich im Schnitt 49 Views pro Tag.

Der Beitrag mit den meisten Views war „Schulgezeter – das kleine Schul-Schimpfwort-ABC“ am 21. November 2007 mit 229 Views, zweitbester war „Tiddly-Wiki zur Stundenplanung„.

Damit schließe ich den Blog. Für heute. Das nächste Posting folgt wie immer, sobald ich mal wieder was lese, höre oder sehe, was für Lehrer wissenswert erscheint. Denn das ist hier die Zielgruppe. Alle diejenigen, die ein seltsames Gefühl im Bauch haben, wenn ihre vierjährige Tochter unschuldig sagt: „Gell Papa, du bist ein Lehrer.“

P. M. Mental Workout

Die Zeitschrift P. M. hat einen tollen Trainer für mentales Work-Out veröffentlicht. Nach einer kurzen Anmeldung darf man einige kurzweilige Übungen (zB Kopfrechnen, 3D-Verschiebungen oder Symbolsuche) durchexerzieren. Ein Ranking, ein Gewinnspiel und eine zeitgesteuerte Erinnerung an das tägliche Work-Out runden das kostenlose Angebot ab.

Apropos Work-Out: Heute habe ich mit Erschrecken festgestellt, dass ich, was den Laufsport betrifft, in den letzten 15 Wochen im Schnitt nur knapp 20 km pro Woche gelaufen bin. Für jemanden, der normalerweise mindestens 60 km pro Woche läuft, ist das etwas wenig, vor allem in Hinblick auf den Graz-Marathon, der in knapp 10 Wochen ansteht. So war die erste echte Trainingseinheit heute (4 x 2000 m + 6 km Ein/Auslaufen) bei 26 Grad Hitze, 3 kg zuviel auf den Rippen und relativ untrainiert ein wenig … naja … sagen wir … mühsam.

Aber nichts ist im Vergleich dazu meine Fähigkeiten im Kopfrechnen: Gottseidank mache ich hier keine Aufzeichnungen. Meine Kopfrechenkünste sind relativ erschreckend, habe ich beim P. M.-Workout festgestellt. Auch zu wenig trainiert. Nur: wie erkläre ich meinen Schülern im September, dass Kopfrechnen wichtig ist, obwohl ich es selber kaum praktiziere? Wahrscheinlich finden viele den Laufsport genauso sinnlos wie das Kopfrechnen. („Wozu soll ich laufen, wenn ich fahren kann?“) Andere werden es als ein Mittel sehen, sich fit zu halten. Ich werde mich bessern, versprochen. In beiden Dingen.

Für die Schule gibt es vom PI-Linz einige Vorschläge für Kopfrechen-Übungen. Ich nehme an, das nützt auch Leuten, die älter als 11 Jahre sind…

Zeitaufwand für Ausbildung zum Berufsschullehrer

Geschafft!!

Heute war unser letzter Tag an der Berufspädagogischen Akademie des Bundes in Linz. Alles geschafft? Nein, nicht ganz. Die mündlichen Diplomprüfungen fehlen noch, die sind am 2. Juli, bis dahin findet eine sogenannte „Individualphase“ statt, was heißt: Lernen. Vorbereiten. Wiederholen.

In Österreich ist die Ausbildung zum Berufsschullehrer prinzipiell dreistufig:

Phase 1: Arbeiten in einem Beruf, danach Bewerbung und Aufnahme als Berufsschullehrer. Was heißt: vorerst unterrichten ohne pädagogische Ausbildung. Zeitaufwand im ersten Halbjahr: Gewaltig. Marke: schlechtes Gewissen, wenn du dir die Spätnachrichten ansiehst, denn du könntest ja in dieser Zeit was arbeiten. Möchte ich nicht nochmal durchleben.

Phase 2: Berufsbegleitende 4 Semester am Pädagogischen Institut des Bundes (1 Tag pro Woche, zusätzlich zur normalen Lehrverpflichtung). Zeitaufwand: kann stressig werden, vor allem wenn zusätzlich noch Internatsdienst geschoben wird. Punktuell sind Seminararbeiten abzugeben, mit ein wenig Zeitmanagement läuft das in relativ normalen Bahnen ab.

Phase 3: Das BPA-Jahr (Semester 5 und 6) wird als Vollzeitstudent an der Berufspädagogischen Akademie des Bundes absolviert. Diese Phase ist nun (fast) geschafft.

Was sagt meine Statistik für das vergangene BPA-Jahr (Angaben ohne Gewähr, gelten nur für mich, sind keinesfalls repräsentativ):

  • 129 Tage an der BPA, das bedeutet
  • 6708 Kilometer Anfahrt, das sind 309 Stunden (inklusive Stau und Pufferzeiten für erwarteten Stau),
  • das sind lt. greenmiles.de 9675 Kilogramm CO2 – unglaublich. Ähmm. Wie war das noch gleich mit e-learning?
  • Das sind 886 Stunden im Hörsaal inklusive Mittagspause. Keine Freistunden wegen dicht gedrängten (=optimalen) Stundenplans.
  • 402 Stunden Arbeit zuhause (Diplomarbeit, Seminararbeiten, Lernen, Individualphasen, Lernen, etc., ohne Bücher lesen)
  • 10 Seminararbeiten im Ausmaß von 5 – 25 Seiten, fast immer mit einer Präsentation verbunden
  • 12 Tests
  • 5 gefilmte und nachbesprochene eigene Lehrauftritte an Fremdschulen, über 20 Lehrauftritte von Kollegen angesehen und analyisert
  • 1 Skikurs (Ausbildung zum Begleitlehrer)
  • Wien-Tage: Besuch bei Bundespräsident Fischer, Bundeskanzler Gusenbauer, Bildungsministerin Schmied, etc.
  • diverse Lehrausgänge (Internat, Heim für schwer erziehbare, Schulen mit innovativen Lernformen, Landeshauptmann etc.)
  • Diplomarbeit (im Ausmaß von 60 – 120 Seiten)
  • 3 schriftliche Diplomprüfungen im Ausmaß von fünf Stunden für Unterrichtswissenschaften, Religionspädagogik und Fachliche Bildung (teilweise frei wählbar)
  • kommt noch: mündliche Diplomprüfungen in Rechnungswesen, Kostenrechnung, Betriebswirtschaft, Politische Bildung, Psychologie, Soziologie und Erziehungswissenschaften

Die Gruppengröße betrug in den Vorlesungen ca. 50 Nasen, in den Seminaren die Hälfte und in den schulpraktischen Übungen ca. 4 – 6.

Folgende Fächer wurden in der Fachgruppe 1 unterrichtet: Aktuelle Humanwissenschaften (=Begleitung Diplomarbeit), Unterrichtswissenschaften (Vorlesung+Seminar), Soziologie (V+S), Psychologie (V+S), Erziehungswissenschaften (V+S), Didaktik (V+S), Schulpraktische Übungen, Fachliche Bildung (Betriebswirtschaft, Kostenrechnung, Personalverrechnung, Rechnungswesen), Informatik, Volkswirtschaft, Politische Bildung, Religionspädagogik (oder Ethik), Schulrecht, Gesundheitserziehung, Bewegung und Sport. Als Wahlpflichtfach war bei mir Englisch und NLP angesagt. Heimerziehung als Wahlfach.

Die Halbwertszeit eines Weblogs

AlexanderWie lange hält so ein Weblog? Wann wird es gelöscht, verschwindet von der Festplatte, auf der es abgelegt ist. Wer zahlt denn die Datenhaltung meines Logs in 100 Jahren? Eine Foundation, gegründet von Google, die das Wissen der Menschheit archiviert? Möglich. Gibt es Google und Microsoft in hundert Jahren noch? Hmmm.

Vor zwei Jahren ist mein Sohnemann zur Welt gekommen. Morgen vor zwei Jahren war der kalkulierte Geburtstermin. Mein allererstes Weblog wäre beinahe in den ewigen Jagdgründen des Internets verschwunden, hätte ich nicht leichtsinnigerweise die URL und das Passwort in einem völlig ungeschützten Excel-Dokument hinterlegt und heute zufällig wiedergefunden.
Hier also ein wenig private Zeitgeschichte, völlig privat, nichts zum Lernen, eher zum Entspannen und Nichtstun: Warten auf Alexander (Einträge vom 14. Mai bis 4. Juni 2005)

Prüfungen, Prüfungen, Prüfungen

Dreimal stehen diese Woche fünfstündige schriftliche Prüfungen an. Ansonsten machen wir nichts. Ich würde mich gerne mal wieder fort- und weiterbilden, was Neues lernen, mal ein interessantes Buch lesen, einen tollen Vortrag hören aber neeiiiinn: Prüfung hoch drei. Wir kommen derzeit vor lauter Prüfungsvorbereitung und Prüfungen nicht mehr zu dem, was wir eigentlich tun sollten: Uns als Lehrer fortbilden. Überspitzt gesagt.

Was ist für Lehrer schwierig bei einer schriftlichen Prüfung?Weiterlesen »

Alkohol und Kinder und Jugendliche und Erwachsene

Eben habe ich ein wahres Wort im Fernsehen gehört. Und da ich nicht oft und nicht viel vor der Glotze herumhänge, ist es das erste wahre Wort seit langem. Der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier sagte zu diesem Thema am Runden Tisch in ORF2: „Es ist eine verlogene Diskussion, die wir da führen.“ Warum tut man so erstaunt, dass Kinder und Jugendliche Alkohol trinken? Genauso könnte man erstaunt sein, warum Kinder und Jugendliche sinnlos vor dem Fernseher herumhängen, oder Sport treiben, oder gerne shoppen gehen: Weil die Älteren es vormachen. Das Gehirn lernt ständig, nimmt ständig Verhaltensweisen wahr und speichert diese.

Das Gehirn bildet immer einen Durchschnitt des Gesehenen und nimmt das als Normalität wahr. New Yorker Kindern aus Problemvierteln wurde folgende einfache Frage gestellt: „Wie alt wirst du?“ Die meisten glaubten, sie würden spätestens mit 27 oder 28 Jahren erschossen. Warum? Weil sie in den Medien nichts anderes wahrnehmen. Das ist normal für diese Kids.

Alkohol in Österreich:

  • Ist es wirklich normal, dass man keine zehn Minuten im Bus sitzen kann, ohne ein Bier zu trinken?
  • Ist es wirklich normal, dass bei sportlichen Anstrengungen (wie Skifahren) bei jeder Pause ein Bier getrunken wird?
  • Ist es wirklich normal, das sportliche Vorbilder wie B. Miller sich am Vortag niedersaufen und am nächsten Tag Rennen gewinnen (oder ausfallen)?
  • Ist es wirklich normal, dass Lehrkräfte oder Professoren mit Wein beschenkt werden?
  • Ist es wirklich normal, dass bei einer Exkursion nach Mauthausen von Schülern im Bus Bier getrunken wird und die Jung-Lehrerin daraufhin von ihren älteren Kollegen fertiggemacht wird, nur weil sie glaubt, das sei nicht normal?
  • Ist es wirklich normal, dass zum Mittagessen Bier getrunken wird und nachher weitergearbeitet wird (am Bau, im Unterricht, im Büro,…)?
  • Ist es wirklich normal, dass Jugendliche im Internat nie nüchtern vom Ausgang zurückkommen?
  • Ist es wirklich normal, dass es in der Gastronomie reicht, einige Bänke und Tische plus Alkohol zu organisieren, um ein tolles Fest zu veranstalten?
  • Ist es normal, dass manche Gastronomen ihr Lokal dann aufsperren, wenn Internats-Schüler Ausgang haben und zu diesem Zeitpunkt eine Flat-Rate anbieten? Ist es normal, dass Schüler deswegen aus dem Internat rausfliegen?
  • Ist es normal, dass es in Österreich kein Fest ohne Alkohol gibt? (McDonalds Kindergeburtstage mal ausgenommen).
  • Ist es normal, dass die einzige gültige Entschuldigung, keinen Alkohol zu trinken, die ist: „Ich muss heute noch fahren.“?
  • Ist es normal, dass an Autobahnraststätten Alkohol ausgeschenkt wird?
  • usw.

Solange all diese Dinge in der Gesamtbevölkerung normal sind, sind Verbote, Gebote, Suchtprävention,  gut gemeinte Appelle und auch die Arbeit der Lehrer sinnlos. Wir besuchten vor einiger Zeit ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche. Der Leiter sagte, auf das Thema angesprochen: „Schauen Sie, Alkohol ist eine gesellschaftlich anerkannte Droge. Was soll ich dagegen machen?“

Die Diskussion dazu heute im ORF war von der Politikerseite ganz amüsant. Am niedlichsten war die Aussage von Landeshauptmann Niessl, das Alkoholproblem den arbeitslosen Jugendlichen zuzuschieben: „Jugendarbeitslosigkeit halbieren, dann lösen wir einen Teil des Problems.“ Bruuhaha.