Hurra, was für ein schöner Fehler! – Episode 2

Drüben bei „Learning Waves“ beschreibt Prof. Dr. Andrea Back im Artikel „Hurra, was für ein schöner Fehler!“ eine Möglichkeit, wie mit Fehlern umgegangen werden könnte. Sie werden markiert, der Schönste bekommt einen Aufkleber oder eine ähnlich nette Markierung. Ziel sollte sein, Fehler nicht als was Schlimmes, Böses oder Furchtbares, sondern als Chance zur eigenen Weiterentwicklung zu sehen. Da macht Schule oft aber nicht – oder noch zu selten.

Eine weitere Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen, wäre die „Stolperstein-Mitbringsel-Lernkartei“. Die funktioniert so:

  1. Von (fast) jedem Ausflug (=Test, Klassenarbeit) nehmen wir einige Mitbringsel (=Fehler) mit, die in die Kartei eingetragen werden.
  2. Unterstrichen wird jener Teil, der fehlerhaft war – aber in der Kartei wird alles, wirklich alles, richtig geschrieben.
  3. Einmal pro Woche wird der Stolper-Parkour durchlaufen, das heißt: Mit der Kartei gearbeitet. Entweder wird sie diktiert oder mündlich abgefragt oder per quizlet durchgeklickt.
  4. Wenn der Stolperstein-Parkour ohne zu stolpern absolviert wurde, dann gibt’s auf einer gut sichtbar aufgehängten Liste (z. B. am Kühlschrank) einen Smiley. Oder einen Eintrag, wieviele Karten positiv erledigt wurden. Bitte nicht, wie viele Fehler gemacht wurden!! Und bitte kein Geld!

Zum Umgang mit Fehlern gibt es von Carol Dweck ein sehr zu empfehlendes Buch: „Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt“ (Amazon). Sie teilt darin Menschen in zwei Gruppen ein. Diejenigen, die ein statisches Selbstbild von sich haben analysieren ihre Fehler kaum und fühlen sich auch nur intelligent, wenn sie keine Fehler machen. Sie erleben Fehler als ersten Schritt zur Strafe oder zum Urteil. Diejenigen mit dynamischen Selbstbild sind überzeugt davon, dass Fehler zu Vorschlägen und neuem Wissen führen. Darum sehen sie sich ihre Fehler so lange an, bis sie die Ursache des Irrtums verstanden haben. Sie sehen sich Arbeiten von anderen Menschen an, die besser als die eigenen sind. Wohingegen die mit statischem Selbstbild grundsätzlich Arbeiten ansehen, die schlechter als die eigenen benotet wurden. Das Konzept habe ich hier schon mal beschrieben.

Wenn Fehler nicht analysiert werden, dann krallt sich das statische Ego die nächste, logische Erklärung: Ich bin eben dumm. Der Lehrer ist eben dumm. Die Schule ist dumm. Dweck zitiert dazu den Basketballtrainer John Wooden: „Man ist erst dann ein Versager, wenn man nach Schuldigen sucht.“ Daher: ran an die Fehler. Denn nichts ist leichter, als aus Fehlern zu lernen. Das sollte den Lernstoff ganz gehörig eingrenzen, oder nicht?

Wikis im Unterricht – Erfahrungsaustausch

Christian Spannagel berichtet im Blog-Post „Hey, hey Wiki!“ von seinen Erfahrungen mit Wikis in der Schule. Seine Erlebnisse mit aufwändigen Anmeldungen, wo annähernd ganze Unterrichtsstunden draufgehen, habe ich ähnlich erlebt. Dass Schüler von der einen auf die andere Stunde ihr Passwort vergessen, die Wiki-Adresse nicht richtig abtippen und Probleme mit dem Zugriff auf eine Webmail-Adresse haben, das kann ich nicht nur für Schüler bestätigen. Dasselbe tritt bei Erwachsenen-Seminaren und (natürlich) auch bei Lehrer-Seminaren auf.

Trotzdem motiviert mich sein Beitrag, dieses Jahr wieder mal ein Wiki-Projekt im Unterricht zu starten. Wobei ich aufgrund der bisherigen Versuche, die hier in der Serie „Wikis in der Schule“ dokumentiert sind, noch einige Hausaufgaben machen muss. Denn die Arbeit mit einem Wiki fühlt sich für die meisten Menschen absolut ungewohnt an und daher braucht es noch einige „best practices“ um ein anständiges „Ergebnis“ zu bekommen. Einige Schüler-Aussagen während der Arbeit mit den Wikis:

  1. „Die (Rechtschreib)fehler eines anderen ausbessern? Niemals!“
  2. „Peer-Review? Forget it!“
  3. „Kreativität statt Copy-Paste? Warum denn?“
  4. „Die Benotung ist ungerecht, wenn wir alle zusammenarbeiten.“

Das alles ist sicherlich lösbar. Was ein Wiki aber für die meisten Unterrichtszwecke unbrauchbar macht ist, dass ein Wiki einzigartig sein muss. Warum?

Ich beginne mit dem (Berufsschul)lehrgang 1 an einem Wiki, beispielsweise über Wertpapiere. Der nächste Lehrgang, 10 Wochen später, arbeitet daran weiter. Dieser muss erstmal den Wissensvorsprung des Lehrgangs1 aufarbeiten, um das Wiki dann weiter bearbeiten zu können. Lehrgang3 hat zwei Wissensvorsprünge aufzuarbeiten. Unmöglich, in 40 Stunden. Wir haben ja andere Sachen auch zu tun. Ein Wiki, das immer wieder wächst, ist für (meinen) Schulbetrieb nicht geeignet. Wünschenswert, ja. Was wäre das für ein tolles Wiki nach 2 Jahren, aber nicht realisierbar. Für die Grundausbildung muss ich mit dem Wiki immer wieder von vorne anfangen und das Wiki des vorigen Lehrganges löschen. Autsch, das tu weh. Aber auch wenn ich lösche: Die Schüler haben das Wiki längst heruntergeladen uns es ihren Nachfolgern gemailt.

Daher müsste ich bei jedem Lehrgang thematisch ein neues Wiki beginnen. Aber was mache ich mit dem alten Wiki? Als Lernunterlage für die nachfolgenden Schüler? Das ist zu vergessen, das ist wie e-learning aus dem Jahr 2000, völlig unakzeptabel. E-Learning heute heißt: Inhalte erstellen. Der Weg ist das Ziel, niemals das Endprodukt. Das Endprodukt ist als Nachschlagewerk nützlich, aber nicht als Lern- oder Unterrichtsbehelf.

Einige Ideen dazu habe ich noch. Aber mit denen gehe ich bis zum nächsten Mal schwanger.

Unterrichtsmaterialien für finanzielle Allgemeinbildung

Die EAEA (European Association for Education of Adults, http://www.eaea.org) entwickelt seit einiger Zeit für alle EU-Länder Unterrichtsmaterialien für die „finanzielle Allgemeinbildung“. Das Projekt heißt DOLCETA (www.dolceta.eu) und bietet Lernmodule für VerbraucherInnenbildung in den Altersgruppen Volksschule, Hauptschule und Oberstufe an.dolceta

Neben Online-Informationen, ausdruckbaren Merkblättern und Online-Quizzes werden auch sehr konkrete Unterrichtsskizzen mit abwechslungsreichen, innovativen Methoden zur Verfügung gestellt. Derzeit sind die vier Module „Verbraucherrechte“, „Finanzdienstleistungen“, „Produktsicherheit“ und „Impulse zur Verbraucherbildung“ freigeschaltet. Wir durften das Modul 7 über „Sparen“ testen, das im Frühjahr nächsten Jahres kommen wird.

Mich nervt schon seit einigen Jahren, dass in jedem Land, in jeder Schule jeder Lehrer seine Unterrichtsstunde z. B. über „Sparen“ oder „Kredite“ vorbereitet. Wie „man“ hört, findet an manchen Schulen nicht einmal ein Austausch der erstellten Materialien statt – ein volkswirtschaftlicher Unsinn. Per Mausklick auf vorgefertigte, juristisch geprüfte, abwechslungsreiche und aktuelle Materialien für den Unterricht zugreifen zu können ist leider noch immer eine Seltenheit. DOLCETA ist ein Weg in die richtige Richtung.

Selbstverständlich sollte jedem Lehrer offen bleiben können, wie er seine Stunde über „Sparen“ oder „Kredit“ gestaltet und welche Infos er vermitteln möchte. Das ist das Schöne an dem Job: Jeder kann, wenn er will, seine Kreativität voll ausleben. Es schadet aber überhaupt nicht, sich mal anzusehen, wie andere diese Stunde planen würden und sich daraus Anregungen zu holen – auch für andere Unterrichtseinheiten.

Bericht von der Future Learning III

„Virtual Classroom“ und „Game based Learning“ waren die Themen der Future Learning III heute im Ars-Electronica-Center in Linz. Gestartet hat die Dänin Ella Myhring mit „How games mesh with formal education“. Sie verwendet Spiele im Klassenzimmer aus folgenden Gründen:

  • zur Analyse des Genres Computerspiele (so wie Romane, Zeitungen, etc.),
  • zur Vermittlung vonn Media-Skills und
  • als motivierendes Lern-Tool.

SNC00144Diese Methoden verwendet Fr. Myhring:

  • Harry-Potter-Game: im Fremdsprachenunterricht einen Walkthrough (mit Screenshots und Texten) erstellen, den ältere Kinder dann jüngeren Kindern zeigen und damit sofortiges Feedback über ihre Arbeit bekommen
  • The wonderful world of Astrid Lindgren: (Präsentation erstellen, jüngeren Kindern diese vorführen
  • Rome Total Wars: Marketing-Folder für das Game erstellen, bestimmte Zielgruppe (m/w) definieren und den Folder textuell, bildlich und farblich darauf abstimmen
  • Schüler bloggen über ein Game

Bei Anwendung dieser Methoden ist es wichtig, die Eltern einzubinden und ihnen zu erklären, warum diese Spiele im Unterricht gespielt werden. Vom Zeitrahmen her wird 1,5 Stunden pro Spiel empfohlen, danach sollte die Arbeit beginnen. An ihrer Schule stehen übrigens ca. 100 Notebooks für 400 SuS zur Verfügung, die rechtzeitig zu reservieren sind.

Folgende Seiten wurden empfohlen:

Danach folgte Prof. Michael Wagner von der Donau-Uni Krems vom Fachbereich Applied-Games-Studies (hier die Facebook-Gruppe), der eine Lanze für „complex games“ wie Little-Big-Planet brach. Nicht die einfachen Spiele, sondern komplexe Spiele aus der Erwachsenen-Kultur sind für Game-Based-Learning praktikabel. In seinen Studien verwendete er mit 10 – 12 Schulen folgende Spiele:

  • The Movies
  • Civilization
  • Zoo Tycoon (dieses empfahl er besonders)

Seine Erkenntnisse aus den Studien waren:

  1. Spiele unterrichten sich nicht von selbst, es braucht den Lehrer dazu.
  2. Lehrer müssen keine Spieler sein, sondern Coaches.
  3. 20 % der SuS spielen Computerspiele nicht so gern (Wagner betonte: unrepräsentative Umfrage)

Interessant fand ich seine Gedanken über „ludic constructivism“: Die reale Identität des Spieler wird auf die virtuelle Identität der Spielfigur projeziert.  Es erfolgt allerdings auch eine Rückprojektion der virtuellen Figur auf die reale Identität des Spielers.  Hier könnte Lernen stattfinden.

Im anschließenden Workshop „Virtual Classroom“ wurden Smartboards vorgeführt. Die Smartboards wurden in 10-Minuten-Sequenzen teilweise von echten (!) Kindern bedient. Besonders interessant, aber auch deshalb vielleicht ganz besonders enttäuschend war für mich der Einsatz der Smartboards im Fremdsprachenunterricht. Ich sehe beispielsweise in folgender Unterrichtssequenz die Sinnhaftigkeit oder einen möglichen Mehrwert eines Smartboards nicht:

  1. Vokabelwiederholung: Am Smartboard ist ein Haus mit nummerierten Elementen zu sehen
  2. Kind wird nach dem Vokabel mit der Nr. x gefragt.
  3. Antwortet es richtig, darf es aufstehen, mit einem Stift auf die Nr-Position am Smartboard tippen und es erscheint die soeben gesagt Antwort.

Okay, der offensichtliche Mehrwert ist: Die Kinder bewegen sich. Oder bin ich hier zu kritisch?

Kommt noch dazu, dass die Elemente am Smartboard (mühsam) vom Buch eingescannt worden sind um am Smartboard überhaupt verwendet werden zu können. Für mich ist das eher eine Arbeitsbeschaffung für Lehrer, eine Art Strafarbeit (für kritisches Blogging?) als nutzenbringende Vorbereitung. Ist der Neuigkeitsfaktor des Smartboards abgenutzt, dann ist es wahrlich schade um die investierte Zeit. Aber die heftige Diskussion darüber wurde ja schon beim Lehrerfreund geführt. Eines habe ich mir aber schon vorgenommen: Wenn unsere Schule in den nächsten Wochen ihr erstes Smartboard bekommt, dann finde ich mindestens eine didaktisch und pädagogisch wertvolle Anwendung, die einen Mehrwert gegenüber der Kreidetafel im Alltag bietet. Und wenn es 30 Jahre dauert, ich werde die Killer-Anwendung für diese Dinger finden.

Fazit für die Veranstaltung: Alles neu, alles am Anfang. Ich denke mir, dass sich die Unterrichtszeit sicherlich effizienter nutzen lassen könnte, Computerspiele sind nun mal ein Zeitfresser. Dass Fr. Myhring die Spiele nur 1,5 Stunden als Input für Folgearbeiten einsetzt, halte ich für vernünftig und vertretbar. Von den Whiteboard-Vorführungen hat mich keine einzige begeistert, animiert oder motiviert. Ich habe mich andauernd gefragt: Warum nimmst du nicht das Buch, die Kreidetafel, ein Flipchart oder zeigst es den Kindern einfach vor? Aber das ändert sich sicher, sobald ich auch so ein Spielzeug habe 😉

Mut macht dieser Beitrag über digitale Whiteboards von Lehrer-online. Mal sehen, ob es hier nähere Infos über die Verwendung gibt, vielleicht gibt es sogar irgendwo einen pädagogischen „Leitfaden“ dafür. Tipps in den Kommentaren sind willkommen.

Die Birkenbihl-Methode zum Sprachenlernen

Während ich diese Zeilen schreibe, läuft im Hintergrund via itunes das Kapitel 3 des italienisch-Kurses in einer Endlosschleife. Ich weiß nun, dass ich die Italienisch-Lektionen viel zuwenig passiv gehört habe. Der Clou beim Passiv-Hören ist nicht, das Handy ständig dabeizuhaben um beim Zähneputzen oder beim Geschirr Abwaschen mal kurz einige Minuten Italienisch zu hören.

(Dies ist ein Fortsetzung zum Blog-Beitrag:  Ohne Grammatik eine Sprache lernen)

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Karin Holenstein (protalk.ch)

Karin Holenstein von protalk empfiehlt täglich mindestens 30 Minuten, besser eine Stunde und länger passiv zu hören. Sie selbst hat Englisch und Französisch mit der Birkenbihl-Methode gelernt und perfektioniert und weiß daher, wovon sie spricht. Seit einigen Jahren unterrichtet sie mit der Birkenbihl-Methode Erwachsene und Primarschüler in Englisch und begleitet ihren Sohn parallel zum Schullehrmittel.

Von einem Seminar bei protalk am Sanstag bin ich mit folgenden Tipps  zurückgekehrt:

  • Viele Personen lernen ausschließlich mit der Birkenbihl-Methode. Als Variante können nach einigen Lektionen zusätzlich andere Lernmethoden angewandt werden. Dies können Lehrbücher, Sprachcafès (der Volkshochschulen), DVD’s, Podcasts oder Ähnliches sein. Für mich als Italienisch-Einsteiger war der Birkenbihl-Kurs in den ersten 5 Lektionen genau richtig: Lernen fällt leicht und fast nebenbei wird ein beachtlicher Wortschatz und ein Gefühl für die Sprache aufgebaut.
  • Die Methode wirbt mit: „Sprachen lernen ohne Grammatik“, aber: Übungsbücher, Grammatikbücher usw. sind trotzdem erlaubt, wenn man will. Dieser Tipp freute mich: Ich will mal kurz nachschlagen, wie die Mitvergangenheit eigentlich gebildet wird. Oder ich will eine übersichtliche Darstellung von „ich – du – er – sie – es – wir – ihr – sie“ haben. Es ist mir auf Dauer zu anstrengend, aus den Beispiellektionen die Grammatik zu abstrahieren und Regeln herauszulesen. Da helfen zusätzliche Lernmittel sehr.
  • Karin erzählt, sie hat die Lektionen oft stundenlang gehört: CD-Player auf Endlosschleife und die Lektion läuft den ganzen Vormittag.
  • Wenn das passive Hören nervt: Lautstärke runter.
  • Es ist hilfreich, sich aufzuschreiben, wie lange die jeweiligen Lektionen passiv gehört wurden. Nach und nach bekommt man ein Gefühl, welche Laufzeiten notwendig sind. Karin zeigte uns ein Protokoll einer Schulklasse, bei der einzelne Lektionen von 20 bis zu 465 Minuten gehört wurden, je nach Länge der Texte.
  • Falls beim Schritt 4 der Birkenbihl-Methode (Sprechen/Schreiben/Lesen) Probleme auftreten, dann wurde zuwenig passiv gehört. Daher: Einen Schritt zurückgehen und noch länger passiv hören.
  • Ein Vorteil der Birkenbihl-Methode ist, dass bestimmte Themen, die in den einzelnen Lektionen vorkommen, wie im Schlaf beherrscht werden. Der Lerner kann ziemlich viel dazu in geschliffenen Sätzen sagen – er hat sie ja oft genug gehört.
  • Zugleich sind diese Lektionen eine Basis zum weiterlernen mit anderen Methoden. Wenn diese Basis im Gehirn gesetzt wurde, dann können neue Informationen relativ leicht in dieses Wissensnetz eingewebt werden. Karin hat dies in einem Leserbrief im Tagblatt (pdf) genau ausgeführt.
  • Eine nette Übung ist die Stopp-Technik: Der Lektionstext wird von Lernpartner A dem Lernpartner B vorgelesen. A stoppt mitten im Satz und B spricht (aus dem Gedächtnis) weiter. Kann B das nicht, wurde zuwenig passiv gehört. Mangels Lernpartner werde ich wen bitten, die MP3 von Zeit zu Zeit zu stoppen.

Bis ich selbst diese Methode im Klassenzimmer anwende, werden noch einige Monate ins Land ziehen. Zuerst möchte ich selbst sagen können, dass ich Italienisch mit Hilfe der Birkenbihl-Methode gelernt habe. Über Höhen und Tiefen werde ich in diesem Blog berichten.

Übrigens: Online-Sprachenkurse nach dieser Methode in Englisch, Spanisch und Französisch sind unter www.birkenbihl-sprachen.com erschienen. Einige Probekapitel können dort gratis ausprobiert werden, ansonsten kosten die Kurse ab € 69,00. Die Texte werden einem dort vorgelesen, parallel kann am Bildschirm die Wort-für-Wort-Übersetzung mitgelesen werden. Die Geschwindigkeit ist änderbar, MP3-Dateien können runtergeladen werden.

Wirklich preiswert sind aber die CDs (Englisch, Französisch, Italienisch, …) für € 9,90 bis € 14,80. Dass das Lehrbuch „nur“ als PDF beiliegt, empfinde ich als Vorteil: Ich habe mir die einzelnen Lektionen so ausgedruckt, dass ich meistens ein Blatt pro Lektion habe (Vor- und Rückseite, jeweils zwei Seiten auf einer A4-Seite). Übrigens sind die Texte der Sprachversionen Italienisch, Englisch, Spanisch und Französisch inhaltlich weitgehend ident, was für das Erlernen oder Auffrischen weiterer Sprachen von Vorteil sein müsste.

Wie Karin Holenstein die Birkenbihl-Methode im Klassenzimmer anwendet, ist ein eigenes Blog-Posting in den nächsten Tagen wert. Danke an Karin für’s Gegenlesen dieses Beitrags.

So oder so ähnlich haben Innovationen in der Schule Sinn

Seth Godin hat auf seinem Blog auf das Video „Guy starts dance party“ verlinkt. Das Video erinnert mich an Innovationen in der Schule.

Lasst mich das Video kurz aus Schulsicht beschreiben:

Die breite Masse liegt in der Komfortzone und tut entspannt das, was sie immer schon gemacht hat. Da springt ein (offensichtlich) völlig Verrückter auf und macht das, was keiner sonst macht: Er hampelt irgendwie herum. Vermutlich strengt er sich an, aber es scheint auch Spaß zu machen. Die anderen sehen zu. Warten ab. Denken: „So kann ich nicht tanzen“, „Dafür bin ich zu alt“, „Wo hat der das bloß gelernt?“, „Wie kommt der auf das?“, „Der muss ja jede Menge überschüssige Energie haben“, „Der spinnt“, „Ich verstehe überhaupt nicht, was das für einen Sinn haben soll“, „Jaja, wieder einer der sich in Szene setzen will, Angeber“, „Lasst ihn doch, irgendwann geht ihm die Puste aus und dann fällt er auf die Nase“, „Darf der denn das?“,  „War das nicht der, den ich vorhin mit Drogen gesehen habe?“.

Nach (relativ) langer Zeit kommt ein Zweiter, dann ein Dritter. Und das ist der Guy #3, den Seth Godin als Auslöser für gelungene Innovationen nennt. Der Dritte macht’s, dass sich plötzlich andere trauen, mitmachen, probieren, mitgerissen werden und plötzlich die Komfortzone zu einem seltsamen Ort wird, wo nur noch eine Minderheit herumliegt.

Was heißt das für die Schule?

Innovative Lehr- und Lernformen finden hinter verschlossenen Klassentüren statt. Geniale Projekte landen in der Schublade. Der Lehrer und 26 Schüler waren begeistert. Na toll. Würde Guy (or Girl #1) allein im Zimmer herumtanzen, dann würde sich zwar Körper und Geist außerhalb der Komfortzone bewegen. Für den Tänzer gut, für den Rest der Welt: nicht existent.

Daraus folgt für Lehrer: Raus aus dem Klassenzimmer! Lasst die Leute zusehen!

Andere Lehrer könnten sich neue Unterrichtsformen aneignen, kopieren, könnten mittanzen und hätten gemeinsam mehr Freude am Unterrichten. Gruppen-Feeling.

Aber wie können wir raus aus dem Klassenzimmer?

Indem Lehrer und Schüler beispielsweise bloggen, twittern, Wikis benutzen und Podcasts erstellen. Vielleicht lässt man sie auch dann und wann (in Barcamps?) ein wenig darüber berichten? Jetzt könnte man meinen das auch (die von mir sehr geschätzten) schulischen Präsenzveranstaltungen wie Tage der offenen Tür, Theateraufführungen, usw das bewirken, aber hier ist das erreichbare Publikum ungleich kleiner als im Web und … darauf kommt’s mir an: Vom Endergebnis lernt kaum wer was, das Endergebnis ist nicht unbedingt wesentlich.

Was aber ist wesentlich?

Das Wesentliche ist, dass nicht allein das Endergebnis sichtbar wird, sondern der Prozess der Erstellung. Die Schwierigkeiten die überwunden werden mussten. Der Lernprozess. Der Vorher-Nachher Zustand. Die best-practices. Das „wie“, das „how-to“ und faq (… bitte mitrappen…, gemeinsam und laut: „das wie, how-to und faq“). Dafür braucht es Mut, Toleranz und eine Fehlerkultur, denn fehlerlos wird dabei überhaupt nichts sein. Und es wird sehr oft seltsam und unvernünftig aussehen, wenn Einzelne was machen, was andere noch nicht gemacht haben. Haben wir den Mut unsere Fehler im Web zu präsentieren?

Beispiel:

Beim Lörnie Award werden jährlich vom Bundesministerium die besten e-learning Projekte ausgezeichnet. Ausgezeichnet wird immer das Endergebnis, der Content. Was aber für Lehrkräfte interessant wäre: Wie haben die Preisträger das gemacht? Wieviel Aufwand war das? Kann ich die Methode in meine Klasse übertragen? Wie? Welche Fehler wurden schon gemacht und welche muss ich unbedingt wieder machen, um einen Lerneffekt bei meinen Schülern zu erzielen? Hier die Seite, die zig-Stunden guten Unterricht enthält: Der Lörnie Award. Aber beim Tanzen kann ich denen nicht zuschauen. Schade.

P. S.: Der Song aus dem Video ist übrigens von Santogold – „unstoppable“.

Etherpad – das Klasse(n)-Notizbuch

etherpadwww.etherpad.com lässt sich ohne vorherige Anmeldung als Notizblatt nutzen. Dabei können mehrere Personen gleichzeitig ohne Zeitverzögerung in dasselbe Dokument schreiben. Jeder Tastendruck kann live am Bildschirm mitverfolgt werden.

Google Text und Tabellen“ kann das zwar (mit einer Zeitverzögerung von 5 – 15 Sekunden) auch, allerdings ist hier bekanntlich eine Anmeldung erforderlich. Leider ist es an unserer Schule nicht Standard, dass Schüler eine E-Mail Adresse besitzen, von einem Google-Account überhaupt nicht zu reden. Bis dass sich meine Gruppe irgendwo angemeldet hat, vergehen oft 30 – 40 Minuten (Wechsel in den Computeraum, Anmeldung im System, Starten von IE – neinnein – der ist alt – lieber den Firefox – „woistderversteckt“ -„hilfedersagtwasvoneinerunsicherenverbindung“ – „bittedieseitedocs.googl.comgehtnicht“ usw). Wenn ich beispielsweise in Wirtschaftskunde pro 40-Stunden-Lehrgang ein- oder zweimal einen freien EDV-Raum nutze, dann hat diese eine Stunde „Google-Docs“-Anmeldung ein äußerst schlechtes Zeit-Nutzen-Verhältnis. (Klar könnten dann andere Lehrer Google-Docs nutzen – aber: wer kennt das schon?? Und: Wer will das schon?)

Deshalb schien mir etherpad, das ohne Anmeldung funktioniert, sehr geeignet für gelegentliche gemeinsame Notizen. Deshalb probierte ich etherpad heute in einer Doppelstunde Wirtschaftskunde aus:

Vorbereitung zuhause: Anlegen einer etherpad-Seite – Einfach eine Seite aufrufen, wie www.etherpad.com/werner. Gibt es die Seite noch nicht, dann erscheint ein Button „Create Pad“. Der URL wird für immer und ewig gespeichert und wird nicht gelöscht. Allerdings gibt es aufgrund der fehlenden Anmeldung auch keinen Schutz der Seite – jeder kann reinschreiben, wenn der URL bekannt ist. Deshalb vielleicht lieber eine kryptische URL verwenden. Danach notierte ich die einzelnen Kapitelüberschriften der Gruppenarbeiten im Pad.

Doppelstunde Wirtschaftskunde:

  1. Zwei Schüler bekamen jeweils eine Aufgabe zugewiesen (Kapitelüberschriften im Buch, wie im Pad angelegt). In einer knappen Viertelstunde fassten sie das jeweilige Buchkapitel zusammen und präsentieren es anschließend ihren Kollegen. Auftretende Fragen werden geklärt. Erste Stunde beendet.
  2. Zweite Stunde: Wechsel in den EDV-Raum. Schüler rufen vorbereitete etherpad-Seite auf. Pro Benutzer kann eine Farbe ausgewählt werden und der „unknown“-Username mit dem eigenen Namen überschrieben werden. Eine Schüler diktiert, der andere tippt.Härtetest: 8 Benutzer gleichzeit auf einem etherpad? Die Verbindung bricht macnhmal zusammen, das kann aber auch an unserem Schulnetzwerk liegen. Ein „Re-Connect“ ist möglich, manchmal verschwinden aber die getippten Beiträge.Abhilfe schaffte der normale Zubehör-Editor (Start-Programme-Zubehör-Editor): Hier tippten die Schüler ihre Zusammenfassung ein und kopieren das Ergebnis dann ins etherpad. Hinweis: Wenn aus Winword-Dokumenten ins etherpad kopiert wird, dann werden jede Menge Steuerzeichen mitübernommen, also: don’t do that.Beliebig viele Zwischenstände können mit dem Button „Save Now“ gespeichert und auch wieder zurückgeholt werden.Schüler notieren unter ihren jeweiligen Beiträgen die Namen, das braucht der Lehrer für die Punktevergabe.  Schüler/Lehrer können am Beamer bzw. am eigenen Schirm mitverfolgen, wie das Dokument wächst und sich Tippfehler gegenseitig ausbessern. Macht Spaß. Eine Chat-Funktion gäbe es auch, macht aber nur bedingt Sinn, wenn alle gleichen Raum sitzen 😉
  3. Wenn noch Zeit bleibt: Schüler stellen Fragen zum Stoffgebiet mit Hilfe der Fish-Bowl-Methode. Währenddessen kopiert ein Freiwilliger das erstellte Dokument in eine Textverarbeitung, formatiert die Überschriften und druckt für jeden Beteiligten ein Exemplar.

Fazit: Schüler erarbeiten Stoffgebiete selbstständig, trainieren Kurzpräsentationen, fassen Texte zusammen, ordnen, systematisieren und gehen mit einer (hoffentlich passablen) Zusammenfassung aus dem Unterricht. Wenn dort oder da was fehlt oder nicht richtig ist, dann kann von der Lehrkraft ruzck-zuzk drübergearbeitet werden.

Update vom 11. April 2010: Etherpad wird am 14. April 2010 abgeschaltet. Alternativ könnte www.piratepad.net verwendet werden.

Update vom 23. Juli 2010: Oder titanpad.