Künftig ohne Anstrengung und Mühe lernen

Mit Hilfe von Technik versuchen Bildungseinrichtungen und auch die Bildungsindustrie, den Aufwand und die Anstrengung für das Lernen zu reduzieren. Die stolze Verkündung eines Herstellers „Bei uns gibt es keine Skripten mehr, Sie können nun alles mit Hilfe des Bildschirms lernen“ bei einer Präsentation eines WBT zur wirtschaftlichen Allgemeinbildung deutet an, wohin zumindest die Softwareindustrie gehen möchte. Etliche Pädagogen versuchen auf andere Weise, Technik und Lernen zu verknüpfen: Sei es mit simplen LernTECHNIKen im Unterricht, Blended Learning, Mobile-Learning Sequenzen oder einfach nur, indem sie verstärkt Frontalunterricht mit Hilfe des Whiteboards machen. Schüler und Studenten dopen sich mit Energy-Drinks, Kaffee oder konsumieren Neuro-Enhancer.

Welchen Anteil an müheloseren (?) Lernen einfach nur die erhöhte Motivation („Mal was Anderes, damit geht es leichter, das hilft mir“) bei Anwendung dieser Techniken und Technologien hat, kann vermutlich nie zweifelsfrei beurteilt werden. Ansonsten wäre das Märchen von der Relevanz der verschiedenen Lerntypen schon längst von der Bildfläche verschwunden.

Wie es mit Lerntechnologien und Lerntechniken demnächst weitergehen könnte, beschreiben zwei Autoren in ihren Science-Fiction Thrillern:

Der Wiener Marc Elsberg (Facebook, Amazon) beschreibt im Roman „Zero – Sie wissen was du tust“, wie mit Hilfe von sozialen Netzwerken Lernen erleichtert werden kann. Andreas Eschbach (FacebookAmazon) überspringt in seinem Fortsetzungsroman „Black*out“, „Time*Out“ und „Hide*Out“ das mühsame Lernen und füllt Wissen direkt in die Köpfe der Nutzer ein.

Beide Autoren vermitteln glaubwürdig, dass sie Ahnung von dem haben, was sie hinsichtlich IT von sich geben: Elsberg wurde ja schon bei „Black Out – Morgen ist es zu spät“, wo es um den Zusammenbruch der Stromversorgung geht, für seine profunde Recherche von der Presse gelobt, Eschbach war Software-Entwickler.

Elsberg geht in „Zero – Sie wissen, was du tust“ von der Quantified-Self-Bewegung aus, wo Nutzer (freiwillig) zum eigenen Vorteil und auch zum Vorteil von beteiligten Unternehmen persönliche Daten preisgeben: Das beginnt bei Bankomat- und Kreditkartenzahlungen, GPS-Positionen ihres Smartphones, Status-Updates in sozialen Netzwerken und hört bei der persönlichen Smartwatch auf, die Ernährungsverhalten und Körperfunktionen wie den Puls an das soziale Netzwerk „Freemee“ übermittelt. Der Nutzer kann freischalten, was übermittelt wird und er erhält dafür monatlich einen Geldbetrag überwiesen. Je mehr er freischaltet, desto mehr Geld wird überwiesen.

Im Roman analyisert das soziale Netzwerk „FreeMee“ diese Daten und berechnet mit Hilfe Tausender anderer vergleichbarer Nutzer Chancen und Risiken des eigenen Lebenswandels. Nutzer haben am Smartphone die „ActApps“ installiert, die laufend Tipps geben, das Leben hinsichtlich Karriere, Mode, Liebe und eben auch Lernen zu verbessern. Hält sich der Nutzer an die Tipps der ActApps, dann steigt er in Ranglisten auf, die öffentlich im Netz einsehbar sind. Diese Rangliste steigert die Motivation, die Tipps zu befolgen.

Zitat aus „Zero“:

„Ein Beispiel: Man kann den Leuten hundertmal sagen, sie sollen ihre Zähne besser putzen. Wirksamer wird es, wenn wir ihnen eine Belohnung dafür geben. Bei Freemee steigen deine Werte – du musst nur eine elektrische Zahnbürste haben, die an dein Konto senden kann, oder einen Sensor an deiner Bürste anbringen, der das übernimmt. Noch weiter angespornt werden die Leute durch den Wettbewerb. Zahnputzwettbewerb.« Er verdreht die Augen. »Innerhalb der Familie. Zwischen Freunden. Und natürlich der Blick in die Zukunft: ein lückenhaftes, faules Gebiss? Und so weiter. Gamification, der Einbau spielerischer Elemente. Und natürlich Priming, Framing, Mere exposure, Heuristiken nutzen oder falsche und ungeeigente korrigieren, kognitive Verzerrungen und Basisratenfehler ausmerzen, Anker-Effekte und so weiter, der ganze psychologische Werkzeugkasten – es ist das Kombinieren von Psychologie, Soziologie und IT, um letztlich Denken und Entscheiden zu automatisieren.«“

Science Fiction ist das nicht: Meine alte Zahnbürste vergibt bereits Sternchen für die Putzzeit, hier ist eine neue im Video.Zahnbuerste

WLAN-Körperwaagen gibt’s auch schon länger, nur ist die Vernetzung des „Internet der Dinge“ noch nicht einmal am Anfang angelangt. Es wird heute noch kein Zahnputz-Zeit Family-, Gemeinde-, Bezirksranking ins Internet gestellt, noch kein Gewichts-Contest Ranking durchgeführt. Oder doch?

Auch IT-averse Schichten wie (sehr viele) Politiker kennen Ranglisten und werden heute nach Anzahl ihrer Twitter-Follower bewertet, obwohl die meisten mit Twitter überhaupt nichts am Hut haben. Science Fiction ist das nicht, wir haben es nur noch nicht ausgebaut und für das Lernen in der Schule angewandt.

Was können wir heute realisieren? Elsbergs ActApp analysiert das Verhalten des Lernenden. Wie ernährt er sich? Wann und wie viel Sport betreibt er? Ist er ein Morgen- oder Abendmensch? Wie lange sitzt er, sieht er fern, spielt, fährt im Bus oder Zug? Intelligent programmiert könnte sie durchaus schon heute Tipps geben, um die Rahmenbedingungen für das Lernen (Schlaf, Bewegung, Ernährung) zu optimieren. Samsung, Garmin und Jawbone experimentieren damit und mit uns schon herum.

Zudem gibt es einheitliche Bildungsstandards. Die ActApp könnte also auch schon heute wissen, welches Lernthema in welcher Zeit in welchem Umfang zu bewältigen ist. Was noch nicht realisiert ist, ist die Vernetzung all dieser Dinge, um Lernen zu fördern.

Andreas Eschbach geht einen Schritt weiter und vereinfacht Lernen in zwei Etappen.

In Stufe 1 wird Nutzern ein „Lifehook“, das ist ein kleiner Chip, in die Nase gepflanzt. (Heutige Ansätze bei den Science-Blogs.) Dieser Lifehook wandelt Gehirnströme in Bits um und sendet diese via Mobilfunk an einen Internet-Browser oder an bis zu 20 andere Lifehook-Nutzer. So können via Gedanken Mails geschrieben, in Wikipedia nachgesehen und Gedanken und Gefühle von Freunden erlebt werden. Einem guten Ergebnis bei Klassenarbeiten und Tests steht also nichts mehr im Wege, wenn man die richtigen Freunde hat.

In einer zweiten Stufe wird die Begrenzung auf 20 Freunde abgeschaltet und der Nutzer wird Teil des gesamten Gedanken-Kollektivs aller Lifehook-Nutzer, Kohärenz genannt. Die eigene Persönlichkeit verblasst (ein wenig), dafür hat man Zugriff auf das Wissen, die Erfahrungen und Gefühle des gesamten Kollektivs. (Die BORG in Star Trek können das auch.)

Das hat natürlich auf manche Fernsehformate (wie die Millionenshow) und auf die Schule gravierende Auswirkungen. Eschbach schreibt:

„Schule war unnötig, wenn man der Kohärenz angehörte. Man musste nichts lernen, man wusste schon alles, was die Kohärenz wusste.“

Somit wären wir am Ziel. Wer, außer der Bildungsindustrie, weil die damit Geld verdient und Jobs schafft, hat echtes Interesse am Lernen? Nur sehr wenige lernen, weil lernen geil ist. Lernen ist heute ein Mittel zum Zweck: Um eine Note, ein Zeugnis, einen Abschluss zu haben, um den Job zu erhalten, um Geld verdienen zu können, um Karriere zu machen und wenn das nicht geht, zumindest ein vernünftiges Leben führen zu können. Das Ziel ist meistens ein Stück Papier, manchmal Wissen, selten die Tätigkeit des Lernens an sich.

Den Stein der Weisen für das Lernen, den hat Eschbach auch nicht gefunden. Kreativität und die Liebe zu künstlerischen Tätigkeiten geht in der Kohärenz verloren. Und damit würden wir wieder dort landen, was Schule mangels zeitgemäßer Reformen ohnehin heute ist: „eine Unterrichtsvollzugsanstalt, in der wir von klein auf dressiert werden, uns zu unterwerfen, uns einzufügen und willig mitzumachen.“ (Zitat Franz Josef Neffe im Kommentar zu „Denke Wild„)

Eine Anmerkungen noch zu den Romanen: Natürlich geht es in keinem der beiden Romane um Lernen, sondern um Missbrauch von Technik zur Überwachung und Manipulation von Gesellschaften. Vielleicht sind sie auch hilfreich, genervte Eltern im Umgang mit ihren Smartphone-Zombies der Generation Smartphone zu unterstützen. Beide Romane sind fundiert recherchiert, spannend, wahre Pageturner und für Jugendliche geeignet. Elsberg hat mich als „Technikbegeisterten“ auf den Boden zurückgeholt. Fazit: Lesenswertes von den zwei kleinen Brüdern des großen Bruders (Orwell’s 1984).

Marc Elsberg: „Zero – Sie wissen, was du tust„, Blanvalet, 2014
Andreas Eschbach, „Black*Out„, Arena, 2010
Andreas Eschbach, „Hide*Out„, Arena 2011
Andreas Eschbach, „Time*Out„, Arena 2012

Remo Largo und die gelungene Schulzeit

Eine sehr schöne Beschreibung darüber, was eine gelungene Schulzeit ausmacht, findet sich im Buch „Jugendjahre“ von Remo Largo und Monika Czernin (S. 284):

„Unabhängig davon ob der junge Erwachsene das Gymnasium, die Realschule oder die Hauptschule besucht hat, konnte er in der Schule alle wesentlichen Fähigkeiten entwickeln, insbesondere seine Stärken, also diejenigen Fähigkeiten, auf die er seine zukünftige Existenz aufbauen wird. Er hat gelernt mit seinen Schwächen umzugehen und diese als ein Teil seines Wesens zu akzeptieren. Er weiß, dass die Schwächen ihn wohl einschränken, er aber sauf seine Stärken vertrauen kann. Er hat sich Fertigkeiten, Wissen und Lernstrategien angeeignet, die zukunftsgerichtet sind. Er verfügt über ausreichend entwickelte soziale Kompetenzen sowie eine Sinn für die Gemeinschaft und ihre ethischen Werte. Schließlich hat er ein gutes Selbstwertgefühl erwerben können. Denn er war sozial von Lehrern und Mitschülern immer akzeptiert, die schulischen Anforderungen waren für ihn meist zu bewältigen sie waren überwiegend mit Erfolg verbunden. Mit einem guten Selbstwertgefühl kann seine Zukunft mit der Überzeugung in Angriff nehmen: Ich werde mich in dieser Gesellschaft behaupten.“

Prozentuell würde ich schätzen, dass ein Hauptteil des Unterrichts an der Berufsschule sich mit „Wissen“ beschäftigt, dazu ein wenig die „Fertigkeiten“ geübt werden und alles andere ein wenig nebenher und nebenbei läuft. Und wir wissen alle, was es heißt, wenn wir so „nebenbei“ eine Aufgabe erledigen sollen, oder?

Largo beschreibt die Schule an sich ist eine Vermittlerin zwischen den Generationen (S. 283). Wissen, Fertigkeiten und Bildungsinhalte, die eine ältere Generation geschaffen und bewahrt  hat, soll an die nächste Generation weitergegeben werden. Demzufolge ist die Schule eine durch und durch konservative Einrichtung, die hauptsächlich auf Vergangenes fokussiert.

Seit fast 20 Jahren ändert sich unsere Gesellschaft durch die Informationstechnologie rasant. Es ist an der Zeit, den Inhalt der Lehrpläne und die Struktur der Schulen in Frage zu stellen. Bildungspolitiker können sicherlich schlüssig beweisen, dass sie durchaus „den Fortschritt“ in den Lehrplänen verankert haben und jede Menge Geld für „fortschrittlichen Unterricht“ ausgeben. Gleichzeitig möchte man aber nicht auf Althergebrachtes verzichten und so haben wir den Effekt, dass die Lehrpläne immer voller und die Freizeit der Jugendlichen immer weniger wird. Wo früher drei Fragen über ein Thema mündlich geprüft wurden, ist heute die x-te Präsentation, am besten mit Prezi, weil Powerpoint nicht genug ist, zu halten. Abzuliefern ist zusätzlich ein pippifeines Tipp-Top-Handout, das ausschließlich Creative-Commons-Bilder verwendet und zwingend einen QR-Code für den Link zu slideshare enthalten muss. Alles termingerecht auf der Lernplattform hochzuladen, versteht sich.

Gleichzeitig tönt es aus den Konferenzzimmern: „Die Schularbeit, die ich vor 15 Jahren gegeben habe, die könnte ich ja heute überhaupt nicht mehr geben. Alle würden sie durchfallen…“. Als ob die Jugendlichen jedes Jahr ein wenig dümmer weniger leistungsfähig werden würden. „Nein“, tönt es, „nicht alle. Die sind heute viel unkonzentrierter und haben so viel anderes im Kopf: Handy, Facebook, SMS, Computerspiele usw.“ Dabei übersehen wir Alten, dass wir es sind, die jedes Jahr ein bisschen mehr in die Köpfe reinpressen wollen.

Largo meint, die Schule hat auch ein biologisches Problem: Jugendlichen sind ihre Kompetenzen in der Pubertät egal: Das Zusammensein und das gemeinsame Erleben ist wichtiger als die eigenen Begabungen. Selbstverwirklichung hat in diesen Jahren keine Priorität. Viele Aktivitäten werden nur aus sozialem Engagement heraus unternommen, um Anerkennung zu ernten und sozialen Status zu erlangen. Leidenschaft und innerer Antrieb sind keine Gründe mehr für Leistung.

Im Kapitel „Gesellschaft“ (S. 342) meint Largo:

„Wir dürfen uns auch nicht von der Illusion verführen lassen, wir würden es mit irgendwelchen Lernprogrammen schaffen, dass es keine schwächer begabten Kinder und Erwachsene mehr geben wird. Wir sollten vielmehr die Vielfalt an Begabungen möglichst optimal nutzen. Für die Schule heißt das, die Talente der Kinder in der ganzen Breite zu fördern, und für die Gesellschaft bedeutet es, jedem Menschen mit entsprechenden Rahmenbedingungen zu einem existentiellen Auskommen und sozialer Integration zu verhelfen.“

Früher hat es Jugendliche gegeben, die ihre Schulpflicht in der 3. Hauptschule erfüllt haben und Hilfsarbeiter wurden. Oder denen später „der Knopf aufgegangen ist“ und die Versäumtes nachgeholt haben. Jetzt gibt es eine Ausbildungsgarantie. Für uns Lehrer heißt das: Ausbildungspflicht. Das heißt, dass die Zusammensetzung von leistungsfähigen bzw. weniger leistungsfähigen Jugendlichen im Klassenzimmer noch mehr als bisher auseinanderdriftet. Der Satz von Wolf Müller-Limmroth (Weltwoche 1988) über die Aufgabe des Lehrers war damals schon treffend und trifft’s heute noch mehr:

„Die Aufgabe des Lehrers ähnelt daher der eines Menschen, der eine Wandergruppe mit Spitzensportlern und Behinderten bei Nebel durch unwegsames Gelände in nordsüdlicher Richtung zu führen habe, und zwar so, dass alle bei bester Laune bleiben und möglichst gleichzeitig an drei verschiedenen Zielorten ankommen.“

Es liegt an uns Lehrern, den Irrsinn mit den überladenen Lehrplänen zu stoppen und jedes Jahr ein wenig mehr in die Hirne reinstopfen zu wollen, die allein aus biologischen Gründen (Pubertät, Veranlagung) nicht wollen (oder können). Nur weil wir selbst so manche Sachen in unserer Schulzeit erlernt (gepaukt und wieder vergessen) haben, so müssen wir das unserer Jugend nicht auch antun. Aber seien wir ehrlich: Es ist leichter und pfleglicher für den Job, aus schön aufbereiteten Lehrbüchern lehrplangemäß zu unterrichten, als den Mut zu haben, sich auf Neues einzulassen. Doch was spricht dagegen? Die Karriere kann’s wohl nicht sein? Direktor will selten noch wer werden und eine Karriereleiter, die wir uns verbauen könnten, gibt’s für uns Lehrer ja sowieso nicht. Was hindert uns daran, den Jugendlichen „Wissen, Fertigkeiten und Lernstrategien“ zu vermitteln, Schülerinnen und Schülern soziale Kompetenzen und ethische Werte zu vermitteln und dafür auf Unsinnigkeiten im Lehrplan zu verzichten?

Jugendjahre„Jugendjahre“ von Remo Largo und Monika Czernin ist empfehlenswert für Eltern und Lehrerinnen, die mit Jugendliche im Alter von 9 – 20 klar kommen möchten. Nach der Lektüre wird der Alltag etwas problemloser. Versprochen!!

Obige Zitate sind aus dem kurzen Kapitel Schule entnommen. Auf den anderen 300 Seiten geht es um die Entwicklung von Jugendlichen  in Bezug auf Körper, Sexual- und Sozialverhalten, Sprache, Denken, Motorik, Schlaf, Clique, Selbstverwirklichung, Gefahren und um ihr Umfeld punkto Eltern und Gesellschaft.

Remo H. Largo, Monika Czernin: Jugendjahre. Kinder durch die Pubertät begleiten. Piper Verlag, München und Zürich, 2013.

Studie: Lesen als Krankheit

Psychologen der Sigismund-Freund-Staatsuniversität Wien haben eine neue Studie zum Thema Lesen vorgestellt. Die Autoren der Studie schlagen vor, das Lesen von Büchern als Krankheit zu betrachten und die Therapie dagegen von den Krankenkassen bezahlen zu lassen.

Die Uni führte ein Forschungsprojekt zum Leseverhalten bei Wiens Jugendlichen durch. Demnach gaben 72 Prozent der Befragten an, sich regelmäßig mit Büchern zu beschäftigen, das heißt, entweder täglich oder zwei bis dreimal in der Woche zu aufzuschlagen.

Insgesamt wurden 1.061 Fragebögen von Schülern aus Gymnasien, Realgymnasien und kooperativen Mittelschulen in Wien ausgefüllt. Die Schüler besuchten die dritte, vierte oder fünfte Schulstufe und waren im Durchschnitt 14 Jahre alt. Der Frauenanteil der Befragten lag bei 45 Prozent.

Krankhaftes Bücherlesen: Zwölf Prozent

131 Schüler (zwölf Prozent) wiesen laut Studie ein pathologisches, also krankhaftes, Leseverhalten auf, so Studienleiter Domestik Betthany bei der Präsentation am Dienstag in Wien. Die Schüler mussten für diese Einstufung mindestens drei der üblichen Kriterien erfüllen, wie sie auch bei der Messung von Suchterkrankungen angewendet werden.

Im Bereich der pathologischen Leser wurde wiederum zwischen Missbrauch und Abhängigkeit unterschieden. Schließlich lasse sich bei 2,7 Prozent der Schüler eine Abhängigkeit feststellen, wobei wiederum 90 Prozent davon weibliche Jugendliche seien. Während der Anteil der Jungen im Bereich des Missbrauchs noch bei 31 Prozent liege, seien es bei der Abhängigkeit nur noch zehn Prozent.

4,5 Stunden täglich sind „krankhaft“

Die täglichen Lesestunden lagen bei etwas mehr als zwei Stunden täglich bei den nicht krankhaften Lesern. Gefährdete Personen würden sich im Durchschnitt über 4,5 Stunden täglich mit Lesen beschäftigen. Besonders hoch sei die Lesedauer bei abhängigen Lesern, diese würden an Schultagen etwa sechs Stunden täglich lesen, am Wochenende steige die Zahl auf durchschnittlich acht Stunden pro Tag.

Einflussfaktoren zu Hause

Signifikant sei bei krankhaften Lesern, dass sie im Durchschnitt ein Jahr früher mit dem Lesen von Büchern begonnen haben, so Betthany. Zudem würden sie häufiger aus einer „Broken Home“-Situation kommen, wie sie etwa durch das dauerhafte Fehlen eines Elternteiles gekennzeichnet sei. „Möglicherweise ist hier die elterliche Kontrolle nicht so da“, meint Betthany.

Auffällig sei auch, dass pathologische Bücherleser auch zumeist aus Familien mit signifikant höherem Leseverhalten kämen. „Eltern und Geschwister, die Bücher lesen, können als Rollenvorbilder auf das Kind Einfluss nehmen“, so Betthany.

Charakteristika für Sucht

Krankhafte Leser würden, so Betthany, schlechter mit erlebten Stresssituationen umgehen können und ein geringeres Maß an funktionalen Bewältigungsstrategien aufweisen. „Charakteristisch für jede Suchtform ist, dass, wenn man sich in einer negativen Situation befindet, sich in die Sucht flüchtet, weil diese entlastet“, so Betthany. Knapp 36 Prozent gaben an, sich als Reaktion auf Ärger oder Traurigkeit „immer“ Büchern  zuzuwenden. 23 Prozent würden das „meistens“ machen.

Charakteristisch für krankhaften Lesekonsum sei auch der Zuwachs der Gereiztheit und Langeweile, nachdem das Buch beendet wurde. „Ein Symptom, das bei der Gruppe der nicht pathologischen Leser nicht der Fall ist“, erklärt Betthany. „Es geht darum, zunächst positive Gefühle zu haben, um die negativen zu vermeiden. Dieses Verhältnis verschiebt sich aber mit der Zeit, was zur Steigerung der Sucht führt.“ Typisch für die Sucht sei auch, dass man sich häufig am Tag gedanklich mit dem Bücherlesen beschäftige.

Länger lesen als geplant

Als „schockierend“ bezeichnet Betthany das Ergebnis auf die Frage, ob die befragte Person schon einmal gelesen habe, obwohl sie sich vorgenommen habe, das nicht zu tun, bzw. länger gelesen haben als vorgenommen. Rund 16 Prozent der krankhaften Leser gaben an, meistens in dieser Situation zu sein, vier Prozent gehe es immer so.

Problem Harry Potter

Ein besonderes Problem seien Massively Multi Sequel Fantasy-Outstanding-Thrilling Books (MMSFOTB) wie „Harry Potter“, die ein besonders hohes Suchtpotenzial hätten. Die entscheidenden Faktoren seien etwa das darin eingebaute Fortsetzungssystem, die ständige Verfügbarkeit, das pausenlose Geschehen (andere lesen die Bücher schneller und haben daher einen Wissensvorsprung), das Gruppengefühl (gemeinsames Diskutieren von Handlungssträngen) sowie der eventuelle Verlust von Prestige bei geringerem Insiderwissen.

„Es geht uns nicht darum zu sagen, Bücher sind schlecht“, so Betthany. Es sollte jedoch das Suchtpotenzial von Büchern anerkannt werden. Eine weitere Maßnahme wäre die Übernahme der Therapiekosten durch die Krankenkassen, so Betthany. Mit einer Therapie lasse sich feststellen, warum die Person zur Lesesucht neige und was die Hintergründe seien.

Eltern empfiehlt Betthany unter anderem, die „Bücher nicht zu verteufeln“, besser sind zeitliche Regeln, wann gelesen werden darf, die Leseecke im familiären Raum zu positionieren und auch das Lesen nicht als Belohnung oder Bestrafung einzusetzen. Dem Lesen komme dadurch zu große Bedeutung zu.

(Anmerkung: Die vollständige Studie kann hier gelesen werden: Futurezone, ORF)

Folgendes Video (wie die Studie auch) kommt aus den Anfängen des Buchdruckes:

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Die Aufgabe der Schüler ist es nicht, zu lernen, sondern…

… zu entkommen. „Wie überstehe ich den nächsten Test, die nächste Schularbeit, die nächste Wiederholung am Anfang der Stunde am besten? Wie entkomme ich dabei einer Strafe, einem Tadel oder einem Statusverlust?“ Die Hauptaufgabe für den Schüler ist, mit einem Minimum an Anstrengung und Unannehmhlichkeiten die täglichen Aufgaben irgendwie hinter sich zu bringen.

Schüler entwickeln dazu Strategien: Sie lernen die Körpersprache der Lehrer zu lesen. Jede kleinste Bewegung des Lehrers, jede Veränderung der Stimmlage wird interpretiert, um die Erwünschtheit einer Antwort herauslesen zu können. Schulen sind Tempel der Verehrung von richtigen Antworten. Bis zum Zeugnis müssen jede Menge richtiger Antworten auf den Altar gelegt werden.

Dabei helfen die Lehrer immer kräftig mit: Sie kündigen Tests an und sie geben Hinweise, was zum Test kommt. Die schränken das Stoffgebiet ein. Alles nur, um „gute Lehrer“ zu sein, um einen halbwegs vernünftigen Klassenschnitt hinzubekommen. Sie helfen mit, den Eindruck zu erwecken, dass die Schüler mehr wissen, als das tatsächlich der Fall ist. Je leichter der Nachweis dafür erbracht wird, desto weniger müssen sie sich für das „Nicht-Durchbringen“ eines Stoffgebietes tadeln lassen.

Schüler passen sich dem System an, die guten und auch die schlechten Schüler. Der Unterschied zwischen den beiden ist, dass die schlechten Schüler den Unterrichtsstoff sofort vergessen, während die guten Schüler damit zumindest bis zum nächsten Test warten.

Der anhaltende Drang des Schulsystems, ständig den Lernerfolg der Schüler überprüfen zu müssen, verdirbt jegliche natürliche Lust am Lernen. Wir müssen die Schüler nicht intelligent machen. Sie sind mit Intelligenz geboren. Wir müssen bloß die Dinge unterlassen, die sie dumm machen.

Das alles ist frei zitiert nach dem wunderbaren Buch von John Holt: „Aus schlauen Kindern werden Schüler… von dem, was in der Schule verlernt wird.“ Erstauflage 1964 (in Worten: neunzehnhundervierundsechzig).

Eine Kurzzusammenfassung gibt es bei shvoong.

Buchtipp für Lehrer: „Teacher Man“ von Frank McCourt

McCourt Teacher ManDieses Buch, das in der deutschen Version den völlig bescheuerten Titel „Tag und Nacht und auch im Sommer. Erinnerungen“ trägt, ist die Pflichtlektüre für Lehrer. Eine Anleitung, „how to survive 30 years being a teacher“.

Die angenehm zu lesende Story spannt sich von der Lehrerausbildung („there were courses how to teach by professors who did not know to teach“) bis zur Pensionierung („The bell rings and they sprinkle me with confetti. I am told to have a good life.“). Dazwischen sind handfeste, gute und vor allem menschliche Tipps eines Berufsschullehrers, der 30 Jahre unterrichtete und dabei gesund blieb. Oder zumindest nicht irrer wurde, als er vorher schon war.

Hier einige wenige Fragen, die er beantwortet:

  • Wie gehe ich mit „verhaltensoriginellen“ Schülern um?
  • Was mache ich mit gefälschten Entschuldigungen?
  • Worauf muss ich in der Schüler-Eltern-Lehrer-Beziehung achtgeben?
  • Wie bewerte ich offenen Unterricht?
  • Was bewirken Lehrerkommentare?
  • Warum wirken Lehrer in Gesellschaft oft seltsam?
  • Was ist das Schöne am Lehrerberuf?
  • Wie motiviere ich Schüler?
  • Was ist eigentlich Grammatik? („psychology is the study of the way people behave. Grammar is the study of the way language behaves.“)

Das allumfassende Motto des Buches: „Find what you love and do it.“

Alles. Gleichzeitig. Und zwar sofort.

Alles. GleichzeitigDieses Buch von Karlheinz A. Geißler wurde mir wärmstens empfohlen. Es geht um das Phänomen in unserer Gesellschaft, Zeit zu sparen, vieles gleichzeitig zu machen, möglichst flexibel zu sein. Hier einige Gedanken aus dem Buch, unsortiert, unzusammenhängend:

Wir haben das Gefühl, immer am Laufenden sein zu müssen. Deshalb auch der Zwang zum lebenslangen Lernen. Die Grundfertigkeiten dafür müssen wir mit Hilfsmitteln (Computer, etc.) selbst entwickeln. Dabei sollten wir uns immer bewusst, sein warum wir schnell sein möchten bzw. irgendwas gleichzeitig tun.

Früher war das Paradies im Jenseits, heute muss es sich im Diesseits einstellen, wenn möglich sofort. Deshalb versuchen wir, immer und überall Zeit zu sparen.

Was ist Zeit? Die Wortwurzel bedeutet „zerteilen, zerschneiden, zerpflücken“. Wir schaffen mit Zeit sozial und individuell Ordnung. Robert Musil sagte: „Alles, was man an Ordnung im Einzelnen gewinnt, verliert man wieder am Ganzen, so dass wir immer mehr Ordnungen und immer weniger Ordnung haben!“.

Wir machen mehrere Dinge gleichzeitig: Zum Beispiel telefonieren beim Autofahren, Musikhören oder Lernen in der U-Bahn. Wirkliche Pausen (im Sinne von Nichtstun) verschwinden. Das Handy stellt die Pünktlichkeit nun in Frage: Es besitzt ein Zeitordnungspotential zugunsten von Individualzeit. Man muss nicht länger auf eine Verabredung warten, sondern verabredet spontan, wenn Zeit ist. Die Uhr hat zwar nicht ausgedient, ihr Schicksal ähnelt aber dem des Pferdes: Es überlebte als Sportgerät und als Mittel, sich naturnah zu bewegen. Die Entweder-oder-Logik des „zu spät“ oder „zu früh“ hat sich oft als Hindernis für Kreativität und Innovationen herausgestellt. Heutige Produktivität kann mit der Uhrzeitlogik nicht mehr gewährleistet werden. Dieses Monopol ist hinderlich. Bereits in der Komödie des Plautus wird beklagt: „Früher bestimmte der Magen die Essenszeit, seit aber die neue Sonnenuhr auf dem Forum steht, muss ich den Schatten des Zeigers fragen, ob ich Hunger habe.“
Mit dem Walkman begann die Entgrenzung von Raum und Zeit: Plötzlich konnte man überall in der Welt in Musik, Hörspielen usw. eintauchen. Mit Handy und Internet werden Grenzen „verflüssigt“, der Raum wird „getötet“, wie schon Heinrich Heine anlässlich der Eröffnung der Eisenbahnlinie von Paris nach Rouen sagte. Die Trennlinien und Abgrenzung von Beruflich und Privat, von Arbeit und Nicht-Arbeit wird porös. Sogar in Schulen beginnt man, die Stundenpläne zugunsten von „modularen Organisationsprinzipien“ zu entfernen. Ladenöffnungszeiten, Wochenend- und Saisonregelungen haben sich als Fortschrittsbremsen erwiesen.

Die Nonstop-Gesellschaft möchte alles rund um die Uhr haben. Der Nachteil dabei ist, dass der Mensch dazu nicht geschaffen ist: Nahezu alle großen Katastrophen der letzten Jahrzehnte (Three Miles Island, Tschernobyl, Exxon Valdez, Bhopal) sind durch Übermüdung des Kontrollpersonals entstanden. Die Nonstop-Gesellschaft verlangt ihren Preis von der Volkswirtschaft (Infrastruktur, Ökologie), von der Gesellschaft (Zeit = Geld, Pause = unproduktive Zeit, Auflösung von homogenen sozialen Welten und Bindungen, Familienfeindlichkeit) und von uns (Tag-Nacht-Rhythmus, zuwenig Schlaf).

Wir können alles sofort haben (zB Essen im Fast-Food-Lokal, Filme, Musik, …). Dabei würde uns das Warten bzw. das Erwarten eigentlich helfen, das Sinnvolle vom Sinnlosen, das Gute vom Schlechten, das Schöne vom Hässlichen zu unterscheiden. Der umfassende Stand-by Alltag hindert uns an solch lebenswichtigen Differenzierungsleistungen.

Arbeitstätigkeiten in Berufsbildern zu ordnen und diese als Grundlage für eine berufliche Erstausbildung zu verwenden, ist nicht mehr zeitgemäß. Ebenso die Aufteilung des Schulsystems in ein Bildungssystem für Berufsbildung und ein anderes für Allgemeinbildung. Diese Aufteilung gehört zum eine sich dem Ende zuneigenden Industrieepoche. 85 % der Betriebe halten es für notwendig, ihre Bürofachkräfte nach der Ausbildung sogleich wieder zum Lernen zu schicken. 60 % wünschen, dass diese das Gelernte zumindest ergänzen. Entgrenzung heißt das Produktivitätsmodell unserer Zeit. Das Bildungswesen muss die Lerninhalte stärker auf Parallelität und Simultaneität ausrichten. Lehr- und Lernmethoden müssen auf die Anforderungen des Multitaskings ausgerichtet werden.

Zwei neue Basiskompetenzen sind zu vermitteln: Erstens, die Fähigkeit, sich ohne längerfristige Orts- und Zeitbindung zurechtzufinden und produktiv arbeiten zu können. Zweitens, die Fähigkeit zur kreativen Ignoranz: Internet-Surfer können das. Sie ignorieren und vergessen bewusst. Dasselbe muss mit Gütern, Informationen und Erlebnismöglichkeiten passieren. Nur weil der Supermarkt vollgestopft mit Lebensmitteln ist, müssen wir nicht alles kaufen und essen. Wir müssen nicht alles lesen, was im Internet steht. Wer weiterkommen will, muss eine Menge lernen, aber auch auf vieles, was man lernen könnte, verzichten.

Eine Reise heute ist nicht ungefährlicher als für 500 Jahren: Früher musste man sich vor Räubern, Tieren und dem Wetter in Acht nehmen. Heute, als Autofahrer muss man sich vor allem vor sich selbst in Acht nehmen und sich selbst kontrollieren: Sicherheitsgurt, Kontrolle des Autos, Ablenkungen, wechselnde Geschwindigkeiten. Wir müssen eine Wahlfähigkeit entwickeln, die uns auch gegen den Druck der Mehrheit, gegen Trends, verführerischen Attraktionen der Konsum- und Erlebnisindustrie schützt. Dies ist eine Überlebenstechnik.

Fazit zum Buch: Ich habe es mit Widerwillen in knapp einem halben Tag gelesen. Vielleicht kommt dazu, dass ich eine leichte Sommergrippe habe. Als Internet-Fan habe ich den eher jammernden und sarkastischen Stil der ersten zwei Drittel des Buches nur mit Mühe durchgehalten. Er berichtet von Lebenssituationen, die allgegenwärtig sind und ich sagte mir ständig: „Ja, und? Ich weiß, wie mein Leben und das meiner Bekannten aussieht“. Ich hatte immerzu den Eindruck, der Mann verdammt das Internet. Zudem lässt er kaum ein Klischee aus, sogar der Kühlschrank mit Internet-Zugang wird wieder mal erwähnt.

Ich würde nur zu gern wissen, ob der Autor das Buch handschriftlich geschrieben hat und es dann abtippen ließ. Einige Tippfehler weisen darauf hin: So zitiert er eine Microsoft Werbung mit „Stärken Sie Ihren Internet-Browser und schon stehen Sie mit der ganzen Welt in Verbindung“ (… es heißt „Starten“), oder er zitiert „Czipin und Prondfood“ (heißt: Czipin und Proudfood). Oder hatte der Lektor einfach nur zuwenig Zeit und hörte nebenbei Musik oder die Nachrichten?

Aber genug des Jammerns: Im letzten Drittel macht das Buch die Langeweile des vorigen Teils mehr als wett. Insbesondere der Gedanke der „kreativen Ignoranz“ gefällt mir sehr gut. Wir Lehrer sagten dazu früher „Mut zur Lücke“. Trotz allem: lesenswert.

Daniel Goleman: Soziale Intelligenz

Soziale IntelligenzNach „Emotionale Intelligenz“ und „Emotionale Führung“ habe ich mir nun Daniel Golemans „Soziale Intelligenz“ zu Gemüte geführt. Das Buch ist modular lesbar, das heißt: Es ist nicht unbedingt notwendig, es linear durchzulesen. Kapitel, die interessieren, können ohne weiteres vorgezogen werden. Lediglich das Kapitel 1 („Die Ökonomie der Emotionen“) bildet eine Grundlage für später.

Prinzipiell arbeitet unser Gehirn beim Umgang mit anderen Menschen auf zwei Pfaden: Dem unteren und dem oberen Pfad: Der unteren Pfad hat viel mit Instinkten zu tun und sicherte in grauer Vorzeit unser Überleben. Der obere Pfad ist jener, der auf unsere Erfahrungen und auf Regeln zurückgreift. Er verhindert beispielsweise, dass wir nicht sofort zuschlagen oder weglaufen, wenn uns wer bedroht oder ärgert.

unterer Pfad

Oberer Pfad

Sind jene Schaltkreise im Gehirn, die unterhalb der Wahrnehmungsschwelle, ohne große Anstrengung und mit großer Geschwindigkeit arbeiten. Der untere Pfad steuert einen Großteil unseres Verhaltens und unser Gefühlsleben. (ZB hören wir Sarkasmus aus unserem Gegenüber heraus). Bedient sich neuronaler Systeme, die Schritt für Schritt vorgehen. Diese Vorgehensweise ist uns bewusst und wir können sie kontrollieren. (ZB überlegen wir, eine Antwort auf eine sarkastische Bemerkung)
Tropft vor Emotionen Ist rational und trocken
Spontanes Mitfühlen Nachdenken über Empfindungen
Emotionen im Rohzustand Wir fragen uns: „Was geschieht gerade?“
Verarbeitet in der Amygdala Verarbeitet im präfrontalen Kortex
Schnell und unpräzise Langsam, genauer Eindruck des Geschehens

Der untere Pfad ist beispielsweise für die Liebe auf den ersten Blick zuständig. Unsere Stimmungen ändern sich oft unbewusst durch den unteren Pfad. Das Zusammensein mit Menschen wirkt sich aufgrund des unteren Pfades auf unseren gesamten Körper aus: So kann die Gesellschaft von ärgerlichen Mitmenschen unseren Blutdruck steigen lassen.

Goleman behandelt, ausgehend von der Theorie des unteren und oberen Pfades, folgende Themen:

  • Wie gute Beziehungen entstehen
  • Altruismus und Mitgefühl
  • Was beim Küssen geschieht, wie Begierde entsteht
  • Was ist soziale Intelligenz?
  • Die „Ich-Es-Beziehung“ vs. der „Ich-Du-Beziehung“
  • Die Eigenschaften von Narzissten, Machiavellisten und Psychopathen
  • Autismus
  • Wie wir durch Gene und Umwelt geprägt werden
  • Der sicher, ängstliche und ausweichende Bindungsstil und die Auswirkungen auf unsere Beziehungen
  • Glück

Alle Kapitel sind mit Studien und typisch amerikanischen Beispielen aus der Sicht der Prozesse im Gehirn beschrieben. Das große Plus für das Leben nach dem Buch ist die Unterscheidung zwischen unterem („Instinkt“) und oberen („Nachdenken“) Pfad: Dadurch wird einem bewusst, warum wir uns ärgern, verlieben oder mit jemanden Freundschaft schließen. Lehrer sollten zumindest die Kapitel „Ein Netzwerk sozialer Nervenbahnen“, „Gestörte Verbindungen“ und „Die optimale Position für gute Leistungen“ gelesen haben. Burn-Out-Lehrer das Kapitel über „Heilsame Verbindungen“.

Fazit: Wir wissen, dass es im Unterricht nicht unbedingt darauf ankommt, WAS wir unterrichten, sondern WIE wir sind. Lernen kann nur geschehen, wenn wir sowohl im unteren Pfad als auch im oberen Pfad die Schüler erreichen.

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