Studie: Lesen als Krankheit

Psychologen der Sigismund-Freund-Staatsuniversität Wien haben eine neue Studie zum Thema Lesen vorgestellt. Die Autoren der Studie schlagen vor, das Lesen von Büchern als Krankheit zu betrachten und die Therapie dagegen von den Krankenkassen bezahlen zu lassen.

Die Uni führte ein Forschungsprojekt zum Leseverhalten bei Wiens Jugendlichen durch. Demnach gaben 72 Prozent der Befragten an, sich regelmäßig mit Büchern zu beschäftigen, das heißt, entweder täglich oder zwei bis dreimal in der Woche zu aufzuschlagen.

Insgesamt wurden 1.061 Fragebögen von Schülern aus Gymnasien, Realgymnasien und kooperativen Mittelschulen in Wien ausgefüllt. Die Schüler besuchten die dritte, vierte oder fünfte Schulstufe und waren im Durchschnitt 14 Jahre alt. Der Frauenanteil der Befragten lag bei 45 Prozent.

Krankhaftes Bücherlesen: Zwölf Prozent

131 Schüler (zwölf Prozent) wiesen laut Studie ein pathologisches, also krankhaftes, Leseverhalten auf, so Studienleiter Domestik Betthany bei der Präsentation am Dienstag in Wien. Die Schüler mussten für diese Einstufung mindestens drei der üblichen Kriterien erfüllen, wie sie auch bei der Messung von Suchterkrankungen angewendet werden.

Im Bereich der pathologischen Leser wurde wiederum zwischen Missbrauch und Abhängigkeit unterschieden. Schließlich lasse sich bei 2,7 Prozent der Schüler eine Abhängigkeit feststellen, wobei wiederum 90 Prozent davon weibliche Jugendliche seien. Während der Anteil der Jungen im Bereich des Missbrauchs noch bei 31 Prozent liege, seien es bei der Abhängigkeit nur noch zehn Prozent.

4,5 Stunden täglich sind „krankhaft“

Die täglichen Lesestunden lagen bei etwas mehr als zwei Stunden täglich bei den nicht krankhaften Lesern. Gefährdete Personen würden sich im Durchschnitt über 4,5 Stunden täglich mit Lesen beschäftigen. Besonders hoch sei die Lesedauer bei abhängigen Lesern, diese würden an Schultagen etwa sechs Stunden täglich lesen, am Wochenende steige die Zahl auf durchschnittlich acht Stunden pro Tag.

Einflussfaktoren zu Hause

Signifikant sei bei krankhaften Lesern, dass sie im Durchschnitt ein Jahr früher mit dem Lesen von Büchern begonnen haben, so Betthany. Zudem würden sie häufiger aus einer „Broken Home“-Situation kommen, wie sie etwa durch das dauerhafte Fehlen eines Elternteiles gekennzeichnet sei. „Möglicherweise ist hier die elterliche Kontrolle nicht so da“, meint Betthany.

Auffällig sei auch, dass pathologische Bücherleser auch zumeist aus Familien mit signifikant höherem Leseverhalten kämen. „Eltern und Geschwister, die Bücher lesen, können als Rollenvorbilder auf das Kind Einfluss nehmen“, so Betthany.

Charakteristika für Sucht

Krankhafte Leser würden, so Betthany, schlechter mit erlebten Stresssituationen umgehen können und ein geringeres Maß an funktionalen Bewältigungsstrategien aufweisen. „Charakteristisch für jede Suchtform ist, dass, wenn man sich in einer negativen Situation befindet, sich in die Sucht flüchtet, weil diese entlastet“, so Betthany. Knapp 36 Prozent gaben an, sich als Reaktion auf Ärger oder Traurigkeit „immer“ Büchern  zuzuwenden. 23 Prozent würden das „meistens“ machen.

Charakteristisch für krankhaften Lesekonsum sei auch der Zuwachs der Gereiztheit und Langeweile, nachdem das Buch beendet wurde. „Ein Symptom, das bei der Gruppe der nicht pathologischen Leser nicht der Fall ist“, erklärt Betthany. „Es geht darum, zunächst positive Gefühle zu haben, um die negativen zu vermeiden. Dieses Verhältnis verschiebt sich aber mit der Zeit, was zur Steigerung der Sucht führt.“ Typisch für die Sucht sei auch, dass man sich häufig am Tag gedanklich mit dem Bücherlesen beschäftige.

Länger lesen als geplant

Als „schockierend“ bezeichnet Betthany das Ergebnis auf die Frage, ob die befragte Person schon einmal gelesen habe, obwohl sie sich vorgenommen habe, das nicht zu tun, bzw. länger gelesen haben als vorgenommen. Rund 16 Prozent der krankhaften Leser gaben an, meistens in dieser Situation zu sein, vier Prozent gehe es immer so.

Problem Harry Potter

Ein besonderes Problem seien Massively Multi Sequel Fantasy-Outstanding-Thrilling Books (MMSFOTB) wie „Harry Potter“, die ein besonders hohes Suchtpotenzial hätten. Die entscheidenden Faktoren seien etwa das darin eingebaute Fortsetzungssystem, die ständige Verfügbarkeit, das pausenlose Geschehen (andere lesen die Bücher schneller und haben daher einen Wissensvorsprung), das Gruppengefühl (gemeinsames Diskutieren von Handlungssträngen) sowie der eventuelle Verlust von Prestige bei geringerem Insiderwissen.

„Es geht uns nicht darum zu sagen, Bücher sind schlecht“, so Betthany. Es sollte jedoch das Suchtpotenzial von Büchern anerkannt werden. Eine weitere Maßnahme wäre die Übernahme der Therapiekosten durch die Krankenkassen, so Betthany. Mit einer Therapie lasse sich feststellen, warum die Person zur Lesesucht neige und was die Hintergründe seien.

Eltern empfiehlt Betthany unter anderem, die „Bücher nicht zu verteufeln“, besser sind zeitliche Regeln, wann gelesen werden darf, die Leseecke im familiären Raum zu positionieren und auch das Lesen nicht als Belohnung oder Bestrafung einzusetzen. Dem Lesen komme dadurch zu große Bedeutung zu.

(Anmerkung: Die vollständige Studie kann hier gelesen werden: Futurezone, ORF)

Folgendes Video (wie die Studie auch) kommt aus den Anfängen des Buchdruckes:

Update 2. April 2019: Herrjeh, die Links zu Futurezone und youtube funktionieren nicht mehr. Deshalb hier in aller Deutlichkeit: Das war ein satirischer Beitrag (der wegen der nicht mehr vorhandenen Links leider nicht mehr lustig ist…).

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22 Gedanken zu “Studie: Lesen als Krankheit

    • Es geht nicht darum, dass Lesen krank MACHT. Es geht darum, dass Lesen zu einer Sucht werden kann. Als meine Tochter zwei war, hatte sie stark unter meiner Lesesucht zu leiden. Ich wollte lieber lesen, als mit ihr zu spielen. Da half nur konsequenter Entzug.
      Wer davon nicht betroffen ist, kann das vermutlich kaum nachvollziehen.

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