Der Unsinn mit den Noten in der Schule

„Und jetzt das Wichtigste für Sie: Sie möchten am Ende des Lehrganges eine Note von mir haben, darum sind Sie hier. Ich zeige Ihnen, wie sich diese zusammensetzt“, habe ich schön öfter gesagt. Schlimm. Warum?

  • Diese Aussage ist ein extrinsischer Motivator für Schüler. Anstatt sich innerlich (=intrinsisch) für ein Thema zu motivieren, hängt immer die Note vor der Nase, so wie eine Karotte vor einem Esel.
  • Was folgt sind selbstverständlich Fragen wie: „Kommt das zum Test / zur Schularbeit?“, „Müssen wir das können oder lesen wir das nur so?“, „Was genau müssen wir wissen?“
  • Noten sind sehr effektiv um Schüler zu kontrollieren. Sie können als Belohnung und als Strafe eingesetzt werden. Sie sind ein Angstmacher. Es lernt sich schlecht mit Angst.
  • Wen Noten gegen Schulende fixiert sind, fällt dieser Kontrollmechanismus weg. Viele Lehrer sind ohne dieses Druckmittel hilflos. Schüler sind plötzlich unmotiviert, denn klarerweise ist für sie die einzige Motivation weg.
  • Noten töten Kreativität. Anstatt interessante Aspekte eines Themas zu verfolgen, konzentriert sich der Benotete auf das, was benotet wird. Keinen Schritt weiter, keinen Strich zuviel machen.
  • Noten zwingen Schüler nur die einfachsten Aufgaben anzugehen. Wer will den schon eine schlechte Note haben, nur weil er mal was ausprobieren möchte? Da lassen wir doch das Ausprobieren einfach sein.
  • Noten schaffen Hierarchien: Der Lehrer benotet, der Schüler wird benotet. Über ihn wird geurteilt. Keiner wird gern verurteilt. Diese Hierarchien stören oder zerstören Lehrer-Schüler-Beziehungen und Schüler-Schüler-Beziehungen. Sie erzeugen Eifersucht, Geheimniskrämerei und Angst. Der Noten-Wettbewerb demotiviert alle, die keine Chance auf den „Hauptpreis“ haben.
  • Noten tragen nichts dazu bei, mit jemanden zusammenzuarbeiten. Kollektive Noten (bei Gruppenarbeiten) erzeugen Gruppendruck.
  • Noten sind häufig der einzige Grund, etwas zu lernen. Die Sinnhaftigkeit des Lernstoffes wird nicht hinterfragt: Das Thema muss gelernt werden, weil es im Lehrplan steht und geprüft wird.
  • Noten motivieren sehr effizient – aber nur, um eine gute Note zu bekommen. Nicht, um etwas zu lernen.
  • Sie kennen das Bild des Esels, der einer Karotte nachläuft und den Stock zu spüren bekommt, wenn er bockt? Er passt nicht mehr auf, wo er hinläuft, er versucht nur, nicht zu stolpern und selten zu bocken. Genauso macht sich der Schüler ständig Gedanken, welche Note er bekommt. Die Karotte (Note) verhindert die Sicht auf den Weg, auf das Ziel. Kurzfristiges Denken ist die Folge. Darum lernen Schüler für einen Test und haben ein paar Wochen später alles vergessen.
  • In der Schule geht es aufgrund dieser Tatsachen nicht darum, Wissen zu erlangen, sondern herauszufinden, was der Lehrer in welcher Form wissen möchte.

Was ist eigentlich eine Note?

Eine Note ist ein unzulänglicher Bericht einer inexakt und ungenau beurteilten Leistungsfeststellung eines befangenen und wechselhaft agierenden Beurteilers, die einen unbekannten Teil eines Fachgebietes mit undefiniertem Ausmaß abzudecken versucht, in welchem der Schüler einen unbestimmten Grad an Können erlangt hat.

Dies alles ist frei zitiert aus „Punished by Rewards“ von Alfie Kohn. Obwohl die Erstauflage 1993 erschienen ist, hat es noch keiner gewagt, das Buch ins Deutsche zu übersetzen. Amazon liefert.

7 Gedanken zu “Der Unsinn mit den Noten in der Schule

  1. Hallo,

    die Kritik ist durchaus berechtigt, dass finde ich auch.
    Aber kritisieren ist immer einfacher als Vorschläge machen,
    wie es besser geht!
    Wie soll denn eine Schule aussehen, die keine Noten vergibt?
    Oder wie sollen Beurteilungen zustande kommen ohne
    Leistungsdruck zu erzeugen?

    Gruß

    ThS

  2. Hallo Thorsten,

    da hast du vollkommen Recht. Hier lässt einen das Buch von Alfie Kohn ein wenig im Stich. Er sagt zwar sinngemäß: „folgt mir, soweit ihr Lust habt“, aber allein schon vom Gesetz her sind wir an die Notengebung gebunden.

    Im Buch beantwortet er die Frage „Was ist die Alternative zu Noten?“ so: „Belohnungen (=Noten) bringen uns keinen Millimeter näher zum Ziel. Belohnungen stören die Zielerreichung.“ Soll heißen: Es gibt keine Alternative zu einem Hindernis. Das Hindernis muss beseitigt werden.

    Arvid Leyh sagt in seinem Braincast Lernen (http://braincast1.blogspot.com/2007/07/braincast-81-lernen.html ) : „Schulpflichtige Kinder sind mit ihren Hausaufgaben ganz schrecklich überfordert, können aber nach 2 Stunden ganz genau sagen, welcher Held in Warcraft welche Zaubersprüche draufhat.“

    Ich glaube, allein aufgrund des bestehenden Schul- und Wirtschaftssystems können (und dürfen) Noten nicht abgeschafft werden. Es soll uns aber immer bewusst sein: Um was zu lernen, müssen Noten nicht sein. Es muss vor des Esels Nase nicht immer der Stock mit der Karotte baumeln. Also gehen wir verantwortungsbewusst mit Noten um: Drohen wir nicht bei jeder Gelegenheit, versuchen wir, den Schülern den Stoff schmackhaft zu machen. Was ungemein schwieriger ist, als zu sagen: „Ihr müsst das lernen, weil ich es prüfe.“

    Ich lese gerade ein Buch von Marshall Rosenberg und der zitiert Gandhi: „Verwechsle nicht das, was Gewohnheit ist, mit dem, was natürlich ist.“
    Eine Note zu bekommen, wenn wir was gelernt haben, ist meiner Meinung unnatürlich. Ich lerne, um später was zu können. Ich lese ein Buch über Laufen, um erfolgreich einen Marathon zu absolvieren. Ich lerne Buchhaltung, weil das später mein Job ist. Ich lerne Englisch, weil ich gerne amerikanische Filme in Originalfassung sehe oder weil ich auswandern möchte. DAS sollten wir den Schülern vermitteln. Und das ist furchtbar schwer.

    Das aktuelle Tagesmenü im Restaurant ist auch nicht jedermanns Lieblingsspeise. Es ist wahrscheinlich nur die Lieblingsspeise von ganz wenigen. Die anderen essen es, weil sie Hunger haben. Die anderen, weil sie sich was teureres nicht leisten möchten oder können oder weil sie mit den Kollegen essen gehen möchten und die gehen eben jeden Tag in dieses Restaurant. Ist halt so. Machen wir das Beste daraus.

  3. Gestern habe ich mit Montessorilehrerinnen gesprochen. Die haben mir bestätigt, dass es Kinder gibt, die phasenweise ohne Notendruck freiwillig kaum bis gar nix an Arbeit investieren. An der Schule versuchen sie deshalb auch, nur Schüler aufzunehmen, von dem sie den Eindruck haben, dass sie selbständig und sich selbst motivierend arbeiten können. Notenlose Systeme bedeuten also nicht unbedingt, dass alle plötzllich hochmotiviert loslegen…bei Erwachsenen ist das ja auch nicht anders, die interessieren sich schlicht für manche Themen nicht und beschäftigen sich freiwillig nicht damit, Punkt, aus. Solange also der GEsetzgeber will, dass wir allen Schülern bestimmte Themen näherbringen, muss er uns auch ein Instrument wie NOten an die Hand geben.
    Ich bin wahrlich kein Fan der NOten und hasse es, Noten zu geben, eben weil sie so ungenau sind – aber ich bin davon überzeugt, dass wir Noten oder etwas sehr Ähnliches brauchen.

  4. Hallo Werner,
    auch wenn nach einiger Zeit noch ein Kommentar kommt, kommt er. Ich sehe es ähnlich. Ich kann und möchte später nicht immer mit Noten drohen. Vielleicht sagt es sich jetzt auch so einfach, da ich noch nicht allzuviel Erfahrung im Unterrichten habe. Wie kann die andere Seite des Motivierens aussehen? Wie kann ich Schüler für mein Fach so motivieren, dass es ihnen Spaß macht freiwillig etwas zu lernen? Woran muss ich ständig bei MIR arbeiten, dass es so bleibt? Eine Sache, so glaube ich, ist das
    ich selber von dem Überzeugt bin was ich lehre. Wie erhalte ich mir dies auch noch nach vielen Jahren Lehrtätigkeit? Welche Mittel, Wege kann ich nutzen um bei Schülern Interesse zu wecken? Natürlich ist mir bekannt, dass zum Beispiel das Interesse für z.B. Naturwissenschaften sehr früh meist schon in der Zeit während der ersten Schuljahre (aus dem Gedächtnis zitiert. nach Prof. H. Schecker) geweckt wird und zwar meistens nicht durch die Schule, sondern durch Eltern, nahe Verwandten oder Peergruppen. Diese natürliche intrinsische Motivation kann ich später nicht herbeizaubern. Aber wo sind die Grenzen, bzw. das Machbare?

    Gruß
    Thorsten

  5. […] Pawlow hat das ja ganz toll vorgeführt, indem er die Glocke läutete und der Hund zu sabbern anfing. Skinner (hier bei Youtube) hat dann diese Belohnungen eingeführt, damit die Tauben willig ein Tänzchen aufführten. Daraus haben wir dann unser Schulsystem kreiert, das den Unterricht im Gleichschritt, verbunden mit Noten als Belohnung bzw. Bestrafung vorsieht. Funktioniert doch, sagen viele, die was zu sagen haben. Doch Tauben sind keine Menschen, Menschen könnten auch anders. (Siehe Alfie Kohn: Der Unsinn mit den Noten in der Schule) […]

  6. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass SchülerInnen sehr wohl Noten gerne hätten vor allem wenn sie gute Noten sind. Ich bin aber selber nicht wirklich zufrieden, denn ich glaube, dass der Grund dafür in der Lernkultur zu suchen ist. Wie diese Lernkultur verändert werden soll, um ohne Noten auszukommen ist für mich eine Frage die ich gerne an die Leser hier weitergeben möchte.
    Bitte um Kommentare! Meinungen! Erfahrungen!

  7. Geld für Noten – ein Experiment…

    Groß war das Aufsehen, als im Frühling das private Schweizer Fernsehmagazin Futura.TV sein Experiment „Geld für Noten“ ins leben rief. 23 Schülerinnen und Schülern der 2. Sekundarschule (entspricht in Deutschland der gymnasialen Oberstufe) Wie……

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