„Wer gut hört, schreibt falsch“

sagte Dr. Horst Fröhler, der uns am Donnerstag das Rechtschreiben beibrachte. Lustigerweise knapp vier Wochen nach Abgabe unserer Diplomarbeiten. Naja, jetzt weiß ich, wie man elearning schreibt, nämlich so: E-Learning. Weil es wie der „E-Herd“ oder die „E-Lok“ behandelt wird. Ich machte mich auf vier Stunden Rechtschreibregeln-Tortur gefasst und wurde positiv überrascht. Der Mann hat eine gesunde Einstellung zum Rechtschreiben, was wieder mal bestätigt: Je kompetenter der Lehrer, desto weniger zickt er herum.

Dr. Fröhler erklärte, dass unsere Schüler ja eigentlich drei Sprachen lernen: Zuerst den Dialekt (Wien, Vorarlberg, usw.), dann die sogenannte Hochsprache und zuletzt die Sprache, die man schreibt. Der Dialekt ist individuell, wir sprechen eigentlich „Fata“, schreiben aber „Vater“, wir sagen „Gemma ham“ und schreiben „Gehen wir heim“, wir sagen „Pazi-ent“ und schreiben „Patient“. Das Abbild der Wörter entspricht nicht der Sprache. Und diese Unterschiede bestehen bei fast allen Wörtern. Aus genau diesem Grund schreiben Kinder falsch, die gut hören. Ebenso ist unsere Rechtschreibung in sich völlig unlogisch, deshalb sagt Hr. Fröhler: „Wer gut denkt, schreibt auch falsch.“ Man stelle sich eine Migrantenfamilie vor, die nach Vorarlberg zieht, dort den Dialekt, hochdeutsch und die Schreibweise lernt und dann nach Wien übersiedelt. Das nennt man dann lifelong-learning.

In Finnland können die Kinder angeblich nach dem ersten Schuljahr lesen, schreiben und rechnen. Da die Aussprache exakt der Schreibweise entspricht, müssen sich die Kinder dort nicht so zeitaufwändig mit der Rechtschreibung befassen. Beweis: Pisa. Dasselbe gilt für die Türkei, wo Atatürk die Schrift (und Rechtschreibung) in einer visionären und genialen Art und Weise vereinfachte, vor der wir uns nur ehrfürchtig verbeugen können.

Ich lasse mich jetzt nicht darüber aus, dass eine intelligente Rechtschreibreform unserem Bildungssystem gut tun würde. Ich lasse mich jetzt auch nicht darüber aus, dass diese Jahrhundertchance gerade eben versäumt wurde zugunsten von Kleinkrämerei, persönlichen Vorlieben und Dummheit Tradition. Mit einer logischen Rechtschreiben könnten wir vielen Kindern die Freude an der Schule schenken. Aber wer will das schon? Rechtschreibung lässt sich prima unterrichten und die Regeln passen perfekt in 50-Minuten-Einheiten. Außerdem lässt sich auf Rechtschreibfehlern prima herumreiten. Was sollten wir Lehrer denn sonst korrigieren?

Buchtipp für Rechtschreib-GeVerstörte: Die neue Rechtschreibung 2006 (ermäßigte Autorenexemplare: Lehrer-Exemplar für jene, die die letzten Reformen gelernt haben; Standard-Exemplar für jene, die die letzten Reformen verweigert haben).

2 Gedanken zu “„Wer gut hört, schreibt falsch“

  1. Zufällig machte ich vor wenigen Tagen genau diese Erfahrung: Mein Enkelkind, 5 Jahre alt, bastelte sich beim Spielen mit seinen Spielzeugautos ein Verkehrsschild, auf das es schrieb: „PAKN FAPOTN“ und meinte damit natürlich „Parken verboten“ 🙂

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