Lernen: Was man wissen sollte

Wir kennen die Szenen aus dem Unterricht: Ein neuer Lernstoff, einige haben es begriffen (oder tun so) und der bemühte Rest sieht verzweifelt zu, wie sich der Lehrer vorne abmüht und zum dritten Mal dasselbe nochmal erklärt. Er wiederholt das eben gesagte nochmal. Einzelne Schüler halten sich plötzlich für blöd und versuchen herauszufinden, was sie von denen unterscheidet, die es begriffen haben (oder so tun). Zu diesem Zeitpunkt haben sie also ganz andere Sorgen, als dem Vortrag des Lehrers zu folgen, werden also den Lernstoff auch jetzt nicht begreifen. Zum Lernen gehört also vor allem eines: Gelassenheit. Die Gelassenheit, einen Lehrervortrag über sich ergehen zu lassen, das Wichtigste mitzunehmen und den Stoff später nochmal durchzudenken, so schwierig kann es nicht sein.

Was aber weitaus häufiger in der Schule vorkommt ist nicht der komplizierte Lernstoff, sondern die Fülle an Lernstoff. Schließlich ist der Lehrplan so vollgepackt, dass kaum Freiräume für kreatives Lernen, vertiefen, zeitraubende (moderne) Lernmethoden oder Diskussionen übrig bleiben. Absicht? Nein, eher nicht, eher gut gemeint. Aber nicht gut gemacht, leider.

Wie lernen wir jede Menge Stoff?

Wiederholen, aber richtig: Wir lernen nicht durch Wiederholen. Wir können einen Text zehnmal lesen oder hören, aber wir müssen ihn nachher nicht unbedingt gelernt haben. Wir lernen nur durch Abrufen. Das heißt, wir müssen den Lernstoff wiedergeben: Dem Freund, den Eltern, dem Hamster erzählen. Sich vorstellen, wir müssen den Lernstoff morgen vortragen. Frei, ohne Spickzettel.

Lernen geschieht also nicht durch wiederholtes Eingeben ins Gehirn, sondern nur durch wiederholtes Abrufen aus dem Gehirn. Je öfter dieser Abruf geschieht, desto tiefer gräbt sich der Lernstoff ins Gehirn ein.

Was tun mit umfangreichen Lernstoff?

Die Kapitelüberschriften werden zB in einer Mind-Map festgehalten. Die wichtigsten Schlüsselwörter, Themen und Fachbegriffe werden unterstrichen und der Mind-Map hinzugefügt. Anhand der Mind-Map wird der Lernstoff Abschnitt für Abschnitt wiedergegeben. Wird nicht weitergewusst, dann einfach im Lehrbuch nachschauen.

Schließlich lernt auch kein Mensch in einer Firma das Telefonverzeichnis auswendig, sondern sucht sich die Durchwahlen raus, wenn er sie braucht. Nach einigen Wochen kann er das Telefonverzeichnis auswendig, ohne gepaukt zu haben. Man lernt durch nachschauen – ohne Anstrengung.

So wird Abschnitt für Abschnitt gelernt, oft mit verschiedenen Mind-Maps. Das Abrufen des Lernstoffes erfolgt am Besten laut, wenn eine mündliche Prüfung erwartet wird. Da in einer Prüfung oft nicht in der Reihenfolge des Lehrbuches gefragt wird, sollte man den Stoff in zufälliger Reihenfolge (von vorn bis hinten, von der Mitte bis hinten und von vorne wieder beginnend usw.) abrufen. Ganz wichtig ist die Selbstüberprüfung: Habe ich das Wichtigste gewusst?

Wie kann man sich selbst – ohne Lernpartner – überprüfen?

Beim Abrufen des Lernstoffes wird mitgeschrieben. Nicht Wort für Wort, sondern in Abkürzungen, Symbolen oder Wortfetzen. Dieser komprimierte Stoff kann nachher prima mit dem Lernstoff oder der Mind-Map abgeglichen werden. Fehlen wichtige Passagen beim Abrufen, werden diese mit Farbstift dazugeschrieben. Vor dem Schlafengehen werden diese roten Passagen nochmal wiederholt.

Wie können Lehrer diese Tipps im Unterricht berücksichtigen?

Der Lehrer hält seinen Vortrag und lässt die Schüler nun den Stoff wiederholen, indem sie ihrem Banknachbarn das Gesagte aufschreiben lassen. Der Lehrstoff sollte geteilt werden, jeder Schüler erzählt also die Hälfte des Gelernten. Anschließend wird die Mitschrift ausgetauscht und mit dem Lehrbuch verglichen. Dies sollte mit einer gehörigen Portion Gelassenheit erfolgen, jede Angst bzw. jeder Wettbewerbsdruck schafft Emotionen, die das Lernen behindern.

Warum sollte man am Tag (in der Stunde) vor der Prüfung nicht mehr lernen?

Informationen, die kurz vor der Prüfung nochmal aktiviert werden, überlagern im Gehirn andere Informationen. Wenn es gerade jene sind, die bei der Prüfung gefragt wurden, dann war das Ganze kontraproduktiv.

(Quelle: Martin Schuster: „Lernen. Wie geht das?“ in Psychologie heute compact, Heft 16, 2007)

Der Leitsatz für jede Prüfung? Ich mache es, so gut ich es kann.

Was kann der Lehrer gegen Prüfungsangst der Schüler machen? Sportlich bleiben. Das heißt:

  1. Wenn ein Marathonläufer für 4 Stunden trainiert hat, wird er nicht versuchen, in 3:30 Stunden zu laufen. Schwierigere Aufgaben zu geben, als die Schüler trainiert haben, ist unsportlich und unfair.
  2. Ein Läufer muss wissen wofür er trainiert: Für einen 5km oder 10km Lauf? Für einen Halbmarathon, Marathon oder einen 24-Stunden-Lauf? Dies ist entscheidend für den Trainingsablauf und für den späteren Erfolg. Die Schüler müssen auch wissen, was und wofür sie trainieren: Was kommt zum Test, zur Schularbeit, welche Schwerpunkte werden gelegt? Welche Prioriäten können sie selbst legen? Das hilft, auch für das spätere Leben.

Und das beste Mittel gegen Prüfungsangst? Lernen.

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